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TEST Straßenmalkreide: Kreidezeit


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 4/2016 vom 31.03.2016

Straßenmalkreide bringt staubigen Spiel- und Malspaß. Für Kinder haben die bunten Gipsstifte besonderen pädagogischen Wert. Doch im Test enthalten zehn Kreidesets krebserregende Farbbestandteile. Immerhin: Sechs Produkte können wir mit Bestnote empfehlen.


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Foto: Heinz Spütz

So weit sie sich erinnern kann, verziert Finja Wolters Asphalt. Nicht nur vor dem Elternhaus, sondern auch vor Publikum – seit sie vier ist. Das Mädchen mit dem schelmischen Grinsen lebt in Geldern. Die Kleinstadt nahe der holländischen Grenze richtet seit 1979 jährlich mit das größte Straßenmalfestival der Welt aus: „Meine Mama ist ...

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... Hobbykünstlerin. Sie hat mich schon als kleines Kind zum Malfest mitgenommen und dann einfach angemeldet.“ Seitdem, erzählt die heute elfjährige Gymnasiastin, komme sie nicht mehr los von der Kreidekunst, übe bei schlechtem Wetter auf Papier und in den warmen Jahreszeiten auf der Straße: „Ich habe mit Kinderkreide angefangen. Erst seit dem vergangenen Jahr male ich mit Schulkreide. Die färbt stärker.“ Auf dem Festival an zwei Augusttagen kann Finja kaum von den Zeichenklötzchen lassen: „An meinem Frosch auf dem Skateboard habe ich im vergangenen Jahr von morgens um acht Uhr bis nachmittags um fünf Uhr durchgemalt. Zwischendurch gab’s nur eine kleine Pommespause.“ Kunstkopien aller Epochen und Eigenkreationen: Insgesamt 361 Künstler aus aller Herren Länder verwandelten Geldern 2015 in eine Galerie unter freiem Himmel. Nach Angaben der nordrhein-westfälischen Stadt malten darunter auch 114 Kinder mit. Sechs davon unter drei Jahren, der jüngste Festivalkünstler war zwei.


Das Malen mit Kreide fördert motorische und sensorische Fähigkeiten


Warum den Nachwuchs Kreide so fasziniert, weiß Professor Stefan Reichelt vom kinderneurologischen Zentrum der LVRKlinik in Bonn: „Motorische und sensorische Fähigkeiten, Ausdauer und gedankliche Beweglichkeit werden umfassend gefördert, ohne dass dies nach absichtsvoller Förderung riecht.“ Denn Kinder gestalteten mit Kreide meist lustvoll und autonom, seien weitgehend unbeeinflusst vom kritischen Blick Erwachsener, so der Psychotherapeut. Spielen und Malen ginge zudem beim Kreidezeichnen oft ineinander über.

Finja begründet ihre Liebe zur Kreide praktisch: „Mir macht das einfach Spaß, groß zu malen und die Farben zu verwischen. Die Kreide muss man Schicht für Schicht mit den Fingern in die Straße reiben. Dann hält es besser und die Farben leuchten stärker.“ Sorge macht der jungen Künstlerin nur der Regen: „Meine Mama macht jedes Jahr ein Foto von meinem Bild für mein Straßenmalalbum. Damit kann ich mich erinnern, wenn die Bilder längst weggewaschen sind.“

Bereitet Straßenmalkreide also vor allem Freude? Der Staat sieht das offenbar so: Das Bundesinstitut für Risikobewertung bewertet Kinderkreide, die heute überwiegend aus Gips besteht, grundsätzlich als ungiftig. Nur professionelle Künstlerkreide könne giftige Farbpigmente enthalten, hieß es uns gegenüber. Einziges Bedenken: Sehr kleine Kinder könnten versehentlich abgebissene Kreidestücke einatmen. Per Gesetz müssten Hersteller Spielzeug allerdings so gestalten, dass es auch bei „vorhersehbarem Fehlgebrauch“ sicher ist – also wenn Kinder es in den Munden nehmen, daran knabbern und schaben. Auch befragte Landesuntersuchungsbehörden schätzen das Risiko für Leib und Leben gering ein. Neben dem geringen Risiko an Bruchstücken zu ersticken könnten sich noch Schwermetalle aus der Kreide lösen. Konkrete Fälle oder Berichte dazu seien jedoch nicht bekannt.

Sind die staubigen Stifte wirklich so harmlos? ÖKOTEST blieb skeptisch, hat 16 gängige Kinderkreidesets eingekauft und unter die Lupe genommen.

Das Testergebnis

■ Ein Debakel: Zehn der Kreidesets fallen mit „mangel- haft“ durch. Nur in sechs der getesteten Kinderkreiden fanden wir keine bedenklichen Inhaltsstoffe. Nur sie können wir mit Bestnote empfeh - len.

Kinder lieben es, sich mit Kreide auszutoben. Doch nur sechs von 16 Produkten im Test können wir weiterempfehlen.


Foto: Ischmidt/Shutterstock

Krebsrot: In zwei Dritteln der getesteten Kreidesets steckt ein krebserregender Farbbestandteil. Auffällig: Immer jeweils in den roten Gipsklötzen wies das von uns be - auftragte Labor erhöhte Mengen 2,4-Toluylendiamin nach. Belastet sind die Produkte der Marken Die Spiegelburg, Eberhard Faber, Happy People, Havo, Herlitz, Iden Berlin, IHBV, Jako- O, Müller Drogeriemarkt und The Toy Company. Die Europäische Chemikalienagentur stuft das aromatische Amin seit 2012 offiziell als krebserregend ein. Bei Ratten sorgt der Stoff allein durch Mundkontakt sicher für Tumore. Laut EU steht er zudem unter Verdacht, bei Menschen das Erbgut und die Fruchtbarkeit zu schädigen. Die „besonders besorgniserregende Sub stanz“ soll künftig europaweit über die REACH-Verordnung in Bedarfsgegenständen und textilem Spielzeug verboten werden. Darin schon für andere Amine festgelegte Grenzwerte greifen allerdings laut Chemischem und Veterinäruntersuchungsamt Rheinland nicht für Kinderkreide. Für sie gilt vorrangig die EU-Spielzeugrichtlinie, hierzulande umgesetzt in der DIN-Spielzeugnorm. Diese begrenzt bislang nur unter anderem in Fingermalfarben den Gehalt bestimmter Amine. 2,4-Toluylendiamin erwähnt der Vorschriftenkatalog bisher gar nicht. Trotz unklarer Rechtslage für Kreide: Aus unserer Sicht haben krank machende Amine nichts in Spielzeug mit erhöhtem Hautkontakt zu suchen.

Das gebietet schon die gute Herstellerpraxis. Dies gilt auch für die erhöhte Menge krebserregenden 3,3’-Dichlorbenzidins, nachgewiesen in den braunen Gipsstiften von The Toy Company. Und natürlich ebenfalls für das krebsverdächtige Anilin, gefunden in den roten Kreiden von The Toy Company und Pelikan.
Verpackte Packungen: Die Anbieter IHBV, Pelikan und The Toy Company umhüllen ihre Kreidekartons und -eimer zusätzlich mit Plastikfolie. Der unnötige und leicht vermeidbare Müll birgt bei allen drei Produkten ein Risiko für Mensch und Natur. Denn laut dem von uns beauftragten Labor stecken in den verwendeten Folien PVC/ PVDC/chlorierte Verbindungen. Die Kunststoffgruppe belastet die Umwelt bei der Herstellung und Entsorgung. Als Müll verbrannt bildet sich aus belastetem Plastik zudem gesundheitsschädliches Dioxin.

So reagierten die Hersteller

Jako-O erklärte, man sei sehr über den Fund von 2,4-Toluylendiamin erstaunt. Weil das krebserregende Amin in Straßenmalkreide nichts zu suchen habe, habe man den Verkauf sofort bundesweit gestoppt, um die roten Stifte aus den Eimern zu entfernen. Sie seien nun ohne rote Kreide wieder im Handel. Man suche aber nach einem neuen Lieferanten, um das Produkt komplett zu ersetzen.
■ Als krebserregende Substanz sei 2,4-Toluylendiamin in Spielzeug nicht wünschenswert, bestätigte uns auchHavo. Künftig werde man alles tun, dass die Creall Chalk Jumbo Straßenmalkreide den Stoff nicht mehr enthält. Allerdings sei man sicher, so die niederländische Firma, dass ihr Produkt alle geltenden Vorschriften erfülle. Denn es gebe bisher keine spezifische Handhabe für 2,4-Toluylendiamin in Kreide.
■ Einige Anbieter nahmen das Testergebnis offenbar nicht ernst: So schrieb unsEberhard Faber , dass die nachgewiesene Menge an 2,4-Toluylendiamin in den Eberhard Faber Straßenmalkreiden in Eierform als unkritisch zu bewerten sei. AuchPelikan teilte mit, dass die Herlitz 5 Straßenmalkreiden abwaschbar „selbstverständlich“ den geltenden gesetzlichen Bestimmungen entsprächen. Denn die gesetzlichen Prüfanforderungen umfassten keine Analyse auf 2,4-Toluylendiamin und Anilin.

Fett gedruckt sind Mangel.
Glossar: Erlauterungen zu den untersuchten Parametern finden Sie auf Seite 156.
Anmerkungen: 1) Weiterer Mangel: PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen in Verpackung.2) Nachweis erhohter Mengen 2,4-Toluylendiamin in roten Kreidestiften.3) Nachweis erhohter Mengen 3,3’-Dichlorbenzidin in braunen Kreidestiften.4) Nachweis von Anilin in roten Kreidestiften.
Legende: Produkte mit dem gleichen Gesamturteil sind in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt. Unter dem Testergebnis Inhaltsstoffe fuhren zur Abwertung um vier Noten: a) mehr als 10 mg/kg der krebserregenden aromatischen Amine 2,4-Toluylendiamin und/ oder 3,3’-Dichlorbenzidin. b) Anilin, wenn nicht bereits wegen eines anderen aromatischen Amins abgewertet wurde. Unter dem Testergebnis Weitere Mangel fuhrt zur Abwertung um eine Note: PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen in der Verpackung. Das Gesamturteil beruht auf dem Testergebnis Inhaltsstoffe. Ein Testergebnis Weitere Mangel, das „befriedigend“ oder „ausreichend“ ist, verschlechtert das Gesamturteil um eine Note.
Testmethoden undAnbieterverzeichnis finden sie unterwww.oekotest.de → Suchen →„M1604“ eingeben.
Einkauf der Testprodukte: Dezember 2015.
Tests und deren Ergebnisse sind urheberrechtlich geschützt. Ohne schriftliche Genehmigung des Verlags dürfen keine Nachdrucke, Kopien, Mikrofilme oder Einspielungen in elektronischen Medien angefertigt und/oder verbreitet werden.

ÖKO-TEST rät

• Es gibt sechs „sehr gute“ Produkte, die auch preislich erschwinglich sind. Eltern müssen also keine Kompromisse eingehen.

• Wenn Sie eine der im Test mit krebserregenden Farbbestandteilen belasteten Kreiden gekauft haben, bringen Sie sie zurück. Viele Geschäfte reagieren kulant angesichts der Gesundheitsgefahr.

• Achten Sie darauf, dass Kleinkinder auch „sehr gute“ Straßenmalkreide nicht in den Mund nehmen. Ein geringes Erstickungsrisiko lässt sich nicht völlig ausschließen.

Kreide selbst machen

Simple Zutaten, wenige Arbeitsschritte: Kinder können Kreidestifte selbst herstellen. Die Materialien dafür sind preiswert und oft bereits zu Hause vorhanden. Gießformen entstehen aus Pappe. Als Kreidematerial eignet sich Gips oder Maisstärke.
Kleben: Zunächst Papprollen, etwa von Küchen- oder Toilettenpapier, in Wachspapier einwickeln. Die Unterseite sorgfältig zusammenfalten und mit Klebeband lückenlos verschließen.
Anrühren: Gips gibt es im Bastelgeschäft oder Baumarkt zu kaufen. Zum Brei verrührt wird er im Verhältnis drei Tassen Wasser zu zwei Tassen Pulver. Für essbare Kreide Maisstärke aus dem Supermarkt in gleichen Teilen in einer Schüssel so lange verquirlen, bis eine geschmeidige Paste entsteht.
Einfärben lassen sich selbst gemachte Kreidestifte wahlweise mit Lebensmittelfarbe oder Roter Bete. Die Rübe dazu ganz klein schnibbeln und mit Wasser zu einem Brei einkochen. Den Saft vom Brei anschließend mit einem Sieb filtern und unter das Kreidematerial mischen.
Füllen und trocknen: Die Papprollen langsam und gleichmäßig ausgießen. Für optimale Festigkeit sollten sie mindestens einen, besser zwei Tage trocknen. Dann kann losgezeichnet werden.

Experte: Weiße Kreide reicht für Kinder völlig aus

Foto: privat

„Beim Malen auf der Straße spielt die Kreidefarbe kaum eine Rolle. Für Kinder ist dabei das Fühlen des trockenen, staubigen Materials und das Erzeugen von Kontrasten auf dunklem Untergrund wesentlich. Sie genießen es, mit kleinen Bewegungen Großes zu bewirken und Spuren zu hinterlassen. Dafür reichen weiße Kreidestifte eigentlich völlig aus.“

Prof. Dr. Georg Peez lehrt Kunstpädagogik an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

So haben wir getestet

Der Einkauf

Wir haben Strasenmalkreide von 16 Anbietern eingekauft. Der Test umfasst sowohl Eimer mit bis zu 20 Kreidestucken als auch Schachteln, in denen nur funf der Malwerkzeuge stecken. Auf den Produkten prangen die Logos einiger namhafter Schreibwaren- und Spielzeugmarken. Der Test berucksichtigt aber auch Ware aus Drogerien, Ein-Euro- Laden sowie Oko-Produkte. Die teuerste Packung kostete 4,99 Euro, fur die preiswerteste Kreide zahlten unsere Einkaufer einen Euro.

Die Inhaltsstoffe

Hersteller pressen Kreidesticks uberwiegend aus Gips. Nur noch selten enthalt Kreide tatsachlich Kreide. Beide Grundstoffe sind per se unbedenklich. Der Testfokus lag daher zum einen auf moglichen Verunreinigungen, zum anderen auf einer Analyse der zugesetzten Farbpigmente. Lassen sich aus den Pigmenten aromatische Amine abspalten, die Krebs verursachen konnen? Oder bergen sie gar allergisierende Dispersionsfarbstoffe? Die Labore pruften auch, ob die Kreidestifte giftige Schwermetalle sowie umstrittene halogenorganische Verbindungen enthalten. Daruber hinaus interessierte uns, ob sich in Eimern und Folien PVC/ PVDC/chlorierte Verbindungen finden.

Die Bewertung

Kinder malen mitunter stundenlang an ihren Strasenkunstwerken. Die Kreide, die sie dabei in den Handen halten, darf ihre Gesundheit in keiner Weise gefahrden. Wir werten deshalb rigoros ab, wenn die Kreiden kritische Mengen bedenklicher Inhaltsstoffe enthalten.

Im Prüflabor wurden die Farbpigmente der Kreiden unter die Lupe genommen. Konnten aromatische Amine oder Dispersionsfarbstoffe ein Problem darstellen?