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Test: Thorens TD 1601: Der Rest ist Geschichte


Audio Test - epaper ⋅ Ausgabe 8/2020 vom 06.11.2020

Das Unternehmen um die Marke Thorens hat in den letzten Jahren wieder deutlichen Aufschwung ausgestrahlt. Da geht was! Das war nicht immer so. Zeit auch für uns, da endlich mal genauer hinzuschauen.


Artikelbild für den Artikel "Test: Thorens TD 1601: Der Rest ist Geschichte" aus der Ausgabe 8/2020 von Audio Test. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Audio Test, Ausgabe 8/2020

Wir müssen jetzt mal ganz ehrlich mit Ihnen sein und offen und klar gestehen: Wir haben eine Bildungslücke. Es gibt eine ganze Generation Menschen, die nicht mit der Marke Thorens groß geworden sind. Die Kinder der 80er. Wir sind Generation Walkman und Gameboy. Das ist eine Generation nach der Generation HiFi-Anlage. Den goldenen Zeiten. Und da wir und auch viele unserer Leser Teil eines noch sehr junges ...

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... Magazin sind, schreiben und testen auch eine Vielzahl an Redakteuren für uns, die zu dieser verlorenen Thorens-Generation gehören. Unseren ersten und letzten Produkt-Kontakt im Magazin hatten wir mit dem TD 206 im Jahre 2016 (90 %, 999 Euro).

Wurzeln

Um zu verstehen womit wir es hier zu tun haben, ist also eine kleine geschichtliche Exkursion eventuell hilfreich. Fangen wir an uns die Marke Thorens zu erarbeiten. Die Geschichte beginnt im Jahre 1883 in Ste Croix im Schweizer Jura, als Hermann Thorens die Firma ins Handelsregister eintragen lässt. Zweck des Unternehmens ist die Fabrikation von Musikdosen und Musikwerken. Anfang des 20. Jahrhunderts werden die ersten Walzenphonographen produziert, ein paar Jahre später folgen Trichtergrammophone, die bis zur Ablösung durch Plattenspieler für mehrere Jahrzehnte im Programm bleiben. Zwischenzeitlich gibt es auch Mundharmonikas und Feuerzeuge aus dem Werk in Ste Croix. Im Jahr 1928 erfolgt die Vorstellung des ersten elektrischen Motors für Grammophone, ein Jahr später ein Tonabnehmer nach dem Magnetprinzip. Hinzu kommen neu entwickelte Tonarme, selbst nach dem Tangentialprinzip, die damals ihrer Zeit weit voraus sind. Ab den 1940er Jahren beginnt die Produktion zunächst von Schneidemaschinen für Schallplatten und Tondosen, später kommen Plattenwechsler und weitere Radioapparate dazu.

Anschlussseitig ist der TD 1600 großzügig ausgestattet. Neben einem klassischen Phono-Out besitzt der Dreher auch symmetrische Ausgänge. Zudem kann auf der Rückseite die Umdrehungszahl feinjustiert werden


Mit dem TAS 1600 möchte Thorens unter Leitung von Gunter Kürten auch wieder an die Goldenen Zeiten der Tonabnehmerproduktion anküpfen


Zum Weltruhm

Im Jahr 1957 beginnt die Ära der Plattenspieler, die die Marke Thorens zu Weltruhm führen. Das Modell TD 124 kommt auf den Markt und wird innerhalb kurzer Zeit zum großen Erfolg. Es richtet sich sowohl an die Profis in den Rundfunkstudios, als auch an engagierten Heimanwender, die die etwa zur selben Zeit verfügbaren neuen Stereo-Langspielplatten aus Vinyl in bester Qualität abspielen wollen. 1968 wird der TD 124 durch den komplett neu entwickelten TD 125 abgelöst. Ein Modell mit 7 kg schwerem, gefederten Subchassis, für das der kleine TD 150 Pate gestanden hat, und elektronischer Motorsteuerung mit Feineinstellung. Beides ist neu in dieser Klasse. Ein Jahr später kommt die zweite Generation des TD 150 mit verbessertem Tonarm. 1972 dann der TD 125 Mk II, der zusammen mit dem TD 160, dem Nachfolger des TD 150 auf den Markt kommt. Beide haben den neuen Tonarm TP 16 montiert, der mit präzisem magnetischem Antiskating ausgerüstet, in seinen verschiedenen Versionen für viele Jahre zum Standardarm bei Thorens Plattenspielern wird. Während der TD 160 in mehreren Entwicklungsstufen bis in die 1990er Jahre im Programm bleibt, präsentierte Thorens 1974 mit dem TD 126 electronic den Nachfolger des TD 125. Den Höhepunkt dieser Zeit bildet der 1979 ohne Rücksicht auf Kosten und Aufwand entwickelte Thorens Reference, ein handgefertigtes, 90 kg schweres Laufwerk für bis zu drei Tonarme.

In der Krise

Trotzdem gerät die Firma Thorens in den 80ern und 90ern mit dem Aufkeimen der CD in eine finanzielle Krise und es wird mehrfach massiv umstrukturiert. Die Fertigung wird teilweise ausgelagert. Ohne Erfolg. Mit dem im Jahre 2000 nicht mehr zu vermeidendem Konkurs der Thorens Vertriebs GmbH endet eine Ära in der Unterhaltungselektronik. Heinz Rohrer, ein Schweizer Kaufmann, der schon in den 1990er Jahren Thorens in Asien vertrieblich betreut, erwirbt die Marke und wird zu ihrem neuen Eigentümer. Aufgrund einer fehlenden Nachfolgeregelung verkauft Heinz Rohrer im April 2018 Thorens an den früheren Elac Electroacustic Geschäftsführer Gunter Kürten. So. Und da stehen wir nun. 100 Jahre später mit dem 2020er Modell TD 1601 und dem TAS 1600 Tonabnehmersystem. Unser Autor ist Jahrgang 1985 und hat die Blütezeit und einen Initiationsritus in die Legende Thorens verpasst. Was nun. Wo einordnen? Die aktuellen Thorens TD 1600er-Modelle orientieren sich in ihrer Umsetzung an den legendären TD 160 Geräten der 70er Jahre. Diese gelten als extrem audiophil und sind auch heute noch heiß begehrt. Damals fand eine Geschwindigkeitswahl noch mechanisch statt und der Motor wurde über die Netzfrequenz reguliert.

TD 1601

Das erste was uns auffällt: Der Dreher und der Tonabnehmer kommen in derart herausragender Verarbeitungsqualität, das haben wir selbst in dieser Preiskategorie selten erlebt. Das ist Vinyl-Kunst, wie wir sie lieben. So machen Plattenspieler Spaß. Die Subchassis sind beim 1600er wie beim 160er auf drei Kegelfedern stehend gelagert. Zum Transport des Plattenspielers werden deshalb extra Fixierschrauben benötigt. Die Federn wirken in ihrer Bedämpfung etwas steifer und träger als bei so manchen anderen Mitbewerbern, was für einen höheren Resonanzpunkt spricht. Auch das Resonanzverhalten des Holzrahmens ist eher hell abgestimmt, das lässt ein offenes und spritziges Klangbild erahnen. Angetrieben wird “der neue 160” von einem geregelten Synchronmotor via Riemen und Subteller. Wenn man mit der Hand über den Plattenspieler streicht und die Bedienelemente mustert, gibt es eigentlich nur eine mögliche Assoziation. Bei diesem Plattenspieler in Kombination mit diesem fantastischen Tonabnehmer gibt es einen Pflichtsong, den wir beim Test tatsächlich auch in Dauerschleife gehört haben. “My finger is on the button. Push the button. The time has come to. GALVANIZE!” Natürlich reden wir von den Chemical Brothers. Und der Button den wir meinen ist natürlich der elektronische Tonarmlift des 1601, am liebsten natürlich zum Absenken der Nadel in die Rille, hin und wieder aber auch am Ende eines Titels, nur um direkt danach den Tonarm wieder an den Anfang zu schieben. Dieser äußerst komfortable Tonarmlift, der sogar eine auto- matische Endabhebung beinhaltet, ist im Übrigen der einzig relevante Unterschied des Modells TD 1601 zum TD 1600. Das leicht surrende Geräusch beim auf und Abfahren des Fahrstuhls ist gewöhnungsbedürftig, funktionierte aber in der Praxis Tausend Mal besser als jede manuelle Variante, die wir kennen. Deutlich überlegen in Sachen Nadelsicherheit und Präzision. Das 1er Modell geht jedoch ganz klar in Richtung Bequemlichkeit, die 0-Version ist eher die puristische und schlichte Variante. Beide Modelle besitzen darüber hinaus eine identische Ausstattung, den Thorens TP 92 Tonarm und die gleichen Anschlüsse.

Der elektrische Tonarmlift ist ein echtes Highlight. Ein bisschen ungewohnt am Anfang vielleicht für manuelle Menschen, aber dafür mit automatischer Endabhebung


Die Stromversorgung beim TD 1600 und 1601 ist vom Rest des Plattenspielers entkoppelt und ausgelagert. Niemand will Einstreuungen, Brummen oder Vibrationen im Phonoweg


TAS 1600

Bei dem neu entwickelten Thorens-Tonabnehmer „TAS 1600“ handelt es sich um ein low Output-MC aus japanischer Fertigung, welches speziell für den Thorens TD 1600 und TD 1601 entwickelt wurde. Mit einer Ausgangsspannung von knapp 0,6 Millivolt bei 5,5 cm/s Schnelle liefert es ausreichend Pegel, um mit den gängigen Phono-Vorverstärkern zu harmonisieren. Gleichzeitig sollte man jedoch einen Vorverstärker wählen, der genug Power mitbringt. 55 bis 60 dB dürfen es gerne sein. Mit einem Innenwiderstand von 12 Ohm fühlt sich das TAS 1600 an einem Abschlusswiederstand von mehr als 100 Ohm bestens aufgehoben. Am Ende eines massiven Bornadelträgers sitzt ein feiner Diamant mit Line-Contact Schliff, der jede musikalische Feinheit der Plattenrille entlockt. Das haben wir vor allem an einem Klangbei- spiel einer Aufnahme der Berliner Philharmoniker unter Leitung von Karajan gehört. Hector Berlioz’ Symphonie fantastique Op. 14, erschienen 1975 bei der Deutschen Grammophon. Die goldenen Jahre bei Thorens. Sie wissen schon. Gibt es eine bessere Form, um seine Kenntnisse und sein Empfindungsvermögen historisch in Relation zu setzen? Zurück zum Klangeindruck. Der war äußerst musikalisch! Karajan ist ja jetzt nicht unbedingt für seine romantischen und verträumten Spielweisen bekannt und so verwundert es kaum, dass auch der Esprit der Platte entsprechend aufbraust. Das TAS macht das ganz gewaltig. Besonders die großen dynamischen Schwankungen sind hervorragend ausgearbeitet und abgestuft. Ein MC mit tüchtig Headroom. Der akustische Raum bekommt ebenfalls genug Luft um die Bühne zu Umrahmen und zusammenzuschweißen, nicht jedoch so viel sie zu verschmieren. Die Spitzenpegel sind sauber umrissen. Trotzdem schafft es der 1600er die weniger energiereichen Stellen zu erhalten. Das Pizzicato im Pianissimo ist dadruch genauso prächtig ist seiner emotionalen Gewalt, wie die teils aufbrausenden Ausbrüche in die Tutti.

Goldene Zeiten

Und was können wir jetzt über Thorens sagen? Nun. Zunächst einmal sind wir froh und dankbar darüber, dass es nach wie vor mutige Unternehmer in Deutschland gibt, die Potentiale erkennen und nutzen, die Werte erhalten und neue erschaffen, die Visionen haben und Traditionen pflegen und die mit Begeisterung ihrer Sache nachgehen. All das erkennen wir bei Thorens im Jahre 2020. Vorbei scheinen die dunklen Jahre. Und wir müssen an dieser Stelle auch einmal kurz das Engagement um das Thema Tonband im Hause Thorens würdigen. Denn, wir mögen keine Thorens-Experten sein, aber selbst mit unseren im Verhältnis lächerlichen Lenzen möchten wir meinen ein klein wenig Einblick in die Kunst der Audiotechnologie zu erworben haben. Wir wissen, worauf es ankommt und was ein gutes Produkt auszeichnet. Der Erfolg von Thorens im Post-CD-Zeitalter ist garantiert, wenn sie das Meiste so weitermachen, wie gerade jetzt. Begeisternde Qualität, fokussiertes Portfolio zu einem absolut darstellbaren und fairen Preis. So macht HiFi wieder Spaß! Daher wünschen wir Thorens von ganzem Herzen ein neues Goldenes Zeitalter der Firmengeschichte. Verdient wäre es allemal. Wer jetzt so wie wir Lust auf mehr bekommen hat, dem möchten wir unsere kommende Ausgabe ans Herz legen, dort werden wir den Diskurs um den TAS-1600 noch einmal ausführlicher fortsetzen. Das soll es jedoch zunächst für die erste Thorens-Nachhol-Lehrstunde für die Kids der 80er gewesen sein.

Am Computermodell des TD 1600 ist gut zu erkennen, wie das Subchassis mitsamt Tonarmbasis von der Grundplatte entkoppelt wird


FAZIT

Wir wissen nicht, ob ein alter TD 160 oder ein neuer TD 1600/1601 besser klingt, dazu fehlt uns der direkte Vergleich. Aber wir können Ihnen mit Sicherheit garantieren, dass es im Verhältnis zu den aktuellen Mitbewerbern in einer vergleichbaren Preiskategorie kaum zufriedenstellendere Angebote gibt. Das Prädikat “audiophil” und “Referenzklasse” bekommt der neue 1600er mit dem TAS von uns ohne mit der Wimper zu zucken, dafür aber mit ständig wippenden Füßen und nickendem Kopf bei geistesabwesendem Blick in die Tiefe der Darstellung.

BESONDERHEITEN

• elektrischer Tonarmlift
• automatische Endabhebung


Bilder: Auerbach Verlag

Bilder: Auerbach Verlag, Thorens