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TEST Vegane Kosmetik: Keine Garantie


ÖKO-TEST Ratgeber Kosmetik und Wellness - epaper ⋅ Ausgabe 6/2015 vom 05.06.2015

Für die meisten Rohstoffe mit tierischen Bestandteilen haben die Hersteller veganer Kosmetik mittlerweile gute Ersatzstoffe gefunden. Doch nicht immer kann man sich auf die Auslobung „vegan” verlassen. Zudem enthalten solche Produkte nicht automatisch weniger Schadstoffe.


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Foto: BananaStock/Thinkstock

Wer nach veganer Kosmetik sucht, der orientiert sich zunächst einmal an den Aussagen auf der Verpackung oder im Internet auf der Website des Herstellers. Dass hier schon die ersten Stolpersteine liegen können, zeigte unser Nagellacktest 2014.

„Natürlich und nachhaltig: Nagellacke sind vegan (…) hergestellt” – ...

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... diesen Satz fanden wir Anfang 2014 auf der deutschen Website von Butter London. Da verwunderte es uns schon, dass laut Deklaration im SnogNagellack Guanin enthalten sein könnte. Guanin stammt klassischerweise von Fischschuppen. Auf unsere Nach frage hin, erklärte Butter London aus den USA, man behaupte ja gar nicht, dass die Lacke vegan seien. Konfrontiert mit der deutsch sprachigen Internetpräsenz, hieß es dann weiter: Wir arbeiten daran, die Information auf der deutschen Website zu korrigieren. Die Seite butterlondon.de ist derzeit tatsächlich nicht mehr im Netz nzu finden.


Naturkosmetik bedeutet nicht zwangsläufig auch vegan


Worauf können sich Kunden aber dann verlassen? Für die meisten Rohstoffe mit tierischen Bestandteilen haben die Hersteller mittlerweile gute Ersatzstoffe gefunden: etwa Carnaubawachs statt Bienenwachs oder Sojaprotein statt Keratin in Shampoos und Nagelprodukten. Anhand der Inhaltsstoffliste lässt sich die Frage nach eindeutig tierischen Inhaltsstoffen zwar so einigermaßen beantworten. Allerdings können viele Verbraucher mit den Fachbegriffen nur wenig anfangen. Zudem gibt die Deklaration keine Hinweise auf Stoffe, die sowohl mit tierischen Bestandteilen als auch rein pflanzlich hergestellt werden können. Dazu gehören Fettsäuren und Glycerin. Man gewinnt sie sowohl aus tierischen Fetten als auch aus Pflanzenfetten. Glycerin, zum Beispiel, stammt üblicherweise aus Rindertalg und entsteht bei der Verseifung. Es ist somit ein typisches „Abfallprodukt”. Das heißt, dass Tiere nicht extra dafür geschlachtet werden. Aber Glycerin lässt sich auch durch Verseifung von pflanzlichen Ölen und Fetten gewinnen.

Da die Kosmetik anbieter ihre Rohstoffe von Lieferanten beziehen, haben sie jedoch keine direkte Kontrolle über den Ursprung eines Stoffes. Die Lieferanten wiederum besorgen ihre Rohstoffe teilweise noch von Zwischenhändlern. Von der Produktionsstätte der Rohstoffe bis hin zur fertigen Creme können also mehrere Zwischenschritte über Kontinente hinweg liegen.

Sanddorn


Foto: VVZann/iStock/Thinkstock

Kamille


Foto: RusN/iStock/Thinkstock

Aloe vera


Foto: utah778/iStock/Thinkstock

Die Kosmetikanbieter lassen sich von den Rohstofflieferanten zwar Nachweise liefern. Aber wie stellen die Lieferanten selbst die Herkunft sicher? Wir haben exemplarisch bei den Unternehmen BASF und Dr. Straetmans nachgefragt. BASF schrieb uns: „Dokumentation und Nachweis solcher Angaben sind Teil der Qualitätsvereinbarungen, die BASF mit seinen Kunden und Zulieferern eingeht. (…) Audits können Bestandteil dieser Vereinbarungen sein.” Und weiter heißt es: „Soweit wir wissen, gibt es keinen offi ziellen Standard, der beschreibt, was unter, veganer Kosmetik’ zu verstehen ist.” Keine einheitlichen Regeln und eine Produktionskette, in der sich die beteiligten Unternehmen jeweils Nachweise ausstellen: Das klingt fehleranfällig. Und so überrascht es uns auch nicht, dass in manchen der Lieferantennach weise, die uns für diesen Test vorliegen, so bezeichnende Zusätze stehen wie „nach unserem Kenntnisstand”. Naturkosmetikanbieter, die eine aussagekräftige Zertifizierung haben wie BDIH Kontrollierte Naturkosmetik und Natrue, können immerhin auf einen unabhängigen Dritten verweisen, der kontrolliert. In den Standards sind Bestandteile von toten Wirbeltieren ausgeschlossen.

Das bedeutet aber nicht, dass Naturkosmetik gleich vegan ist. Erlaubt sind beispielsweise der Farbstoff CI 75470, Carminrot, gewonnen von Cochenilleschildläusen, sowie Bestandteile vom lebenden Tier. Viele andere Stoffe dürfen aber nur pflanzlicher Herkunft sein. Natrue und BDIH kontrollieren die Nachweise und besuchen auch die Hersteller im Rahmen sogenannter Audits. Und tatsächlich sind viele vegane Kosmetika als Naturkosmetik zertifiziert.

Das bekannteste VeganSiegel ist die Veganblume. Hierbei sind alle tierischen Bestandteile verboten – nicht nur vom toten, sondern auch vom lebenden Tier wie Wollfett und herkömmliche Milchsäure. Beim Herausgeber des Gütezeichens, der Vegan Society in Großbritannien, können Hersteller sowohl ihre konventionellen Produkte als auch Natur kosmetik registrieren lassen. Die Gesellschaft lässt sich die Herkunft ebenfalls durch Nachweise bestätigen und prüft nach eigener Aussage die Lieferkette.

Auf Nachfrage von uns hieß es: Kontrollbesuche bei den Herstellern können durchgeführt werden. Das bedeutet aber: Regelmäßige Kontrollen sind nicht garantiert. Damit die Produkte die Blume tragen dürfen, zahlen die Anbieter eine jährliche Gebühr. Dabei bestätigen laut Vegan Society die Anbieter, dass das Produkt sich nicht geändert hat.

Fazit: Eine 100-prozentige Garantie für Verbraucher gibt es zurzeit nicht. Die höchste Sicherheit erreichen Hersteller, wenn sie ihre Rohstofflieferanten gewissenhaft aussuchen. Orientierung beim Kauf liefert die Veganblume und – bezogen auf den Verzicht von toten Wirbeltieren – eine Naturkosmetikzertifizierung wie die von BDIH und Natrue.

Wie gut sind die Inhaltsstoffe von veganen Kosmetika? Kommen sie ohne Schadstoffe aus? Wir haben 29 Produkte ins Labor geschickt.

Das Testergebnis

Gut, aber … Die meisten getesteten veganen Kosmetika sind empfehlenswert. Durch die Bank „sehr gut” waren die zertifizierten Naturkosmetika. Die drei „ungenügenden” Schlusslichter sind das Lush Daddy-O Shampoo sowie die Nagellacke Scotch Naturals und Spa Ritual.
Nicht verkehrsfähig … heißt es gleich zweimal im Test. Im Nagellack Spa Ritual hat das von uns beauftragte Labor freies Phenol nachgewiesen, das im Anhang der Kosmetikrichtlinie der EU als verbo-tene Substanz gelistet ist. Schon 2014 gab es in zwei Nagellacken Befunde von freiem Phenol. Verschiedene Kontrollbehörden haben uns daraufhin bestätigt, dass dies ihrer Ansicht nach technisch vermeidbar sei – auch in den von uns gefundenen, sehr geringen Mengen. Zudem steckt in dem Lack ein bedenklicher UVFilter sowie Triphenylphosphat.
Von wegen „non-toxic”: Der Scotch Naturals Nagellack „Balmoral Punch”, Himbeerrot, der auf der Website des Anbieters als „non-toxic” beworben wurde, enthält im krassen Gegensatz dazu Methylpyrrolidon.

Es wird üb licherweise als Lösemittel eingesetzt. Methylpyrrolidon ist als reproduk tionstoxisch eingestuft. Das bedeutet: Die Substanz kann wahrscheinlich ein ungeborenes Kind im Mutterleib schädigen. Deshalb ist das Lösemittel laut Europäischer Kommission in Kosmetika in der von uns gefundenen Menge verboten. Stoffe, die in diese Kategorie fallen, sind nach der Kosmetikrichtlinie nur noch in Ausnahmefällen erlaubt, beispielsweise wenn vorher eine Stellungnahme des wissen- schaftlichen Beratergremiums der EU (SCCS) einen sicheren Einsatz bestätigt. Dies trifft hier ganz klar nicht zu. 2011 hatte das SCCS geurteilt, dass die Anwesenheit des Mittels in Höchstkonzentrationen von fünf Prozent für Verbraucher nicht sicher ist. Zudem bestätigt uns die EU-Kommission, dass Mengen, wie wir sie gefunden haben, nicht mehr als Spuren betrachtet werden können. Darüber hinaus enthält der Nagellack einen problematischen Glykolether.

Unter „non-toxic” verstehen wir definitiv etwas anderes. Somit hätten die von uns getesteten Nagel lacke von Scotch Naturals und Spa Ritual aus unserer Sicht gar nicht verkauft werden dürfen.
Nichts gelernt: Im Shampoo von Lush zeigte die Analyse deutlich Anilin auf. Der Stoff ist krebsverdächtig und kann sich vom Farbstoff CI 17200 abspalten. Das ist nicht der erste Befund dieser Art in Produkten der Firma Lush: Schon vor mehr als zehn Jahren wiesen die von uns beauftragten Labore in einer Badekugel von Lush Anilin nach. Außerdem enthält das Shampoo bedenkliche Parabene und den Duftstoff Isoeugenol, der vergleichsweise häufig Allergien auslöst.
Tierisch oder nicht? Auf keinem der untersuchten Produkte war ein Inhaltsstoff deklariert, der eindeutig tierischen Ursprungs ist. In vielen Kosmetika stecken aber Glycerin und/oder Fettsäuren wie Öl-, Palmitinoder Stearinsäure. Bei den jeweiligen Anbietern fragten wir nach. Die meisten haben uns geantwortet und Nachweise geschickt: Entweder lassen Sie sich die vegane Herkunft vom Lieferanten bestätigen oder sie verweisen auf die Zertifizierung als Naturkosmetik, die Registrierung bei der Vegan Society in London oder auf eigene Besuche bei Lieferanten. Nicht geantwortet auf die Frage nach der Herkunft dieser Inhaltsstoffe haben die Anbieter von Alviana, Inika und Korres.

Fett gedruckt sind Mängel.
Abkürzungen: n. u. = nicht untersucht, weil sich dieser Parameter durch die Zusammensetzung des Produkts erübrigt. Glossar: Erläuterungen zu den untersuchten Parametern finden Sie auf Seite 224.
Anmerkungen: 1) Weiterer Mangel: PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen in der Verpackung. 2) Weiterer Mangel: Umkarton, der kein Glas schützt. 3) Weiterer Mangel: Hersteller hat Farbbestandteile auch auf Nachfrage hin nicht aufgeschlüsselt. 4) Enthält den UV-Filter Benzophenone-1. 5) Enthält den UV-Filter Octocrylene. 6) Laut Anbieter von Tattoomed ist geplant, im Frühjahr 2015 auf Methylisothiazolinon zu verzichten. 7) Citral nicht deklariert, aber im Labor nachgewiesen. 8) Geraniol nicht deklariert, aber im Labor nachgewiesen. 9) Produkt wird auch bei Edeka vertrieben. 10) Farnesol deklariert, aber nicht im Labor nachgewiesen. 11) Laut Anbieter ist eine Rezepturänderung geplant.
Legende: Produkte mit gleichem Gesamturteil sind in alpha betischer Reihenfolge aufgeführt. Zur Abwertung um jeweils fünf Noten führen: a) 1-Methyl-2-pyrrolidon (kurz:Methylpyrrolidon); b) freies Phenol. Zur Abwertung um vier Noten führt: Anilin. Zur Abwertung um jeweils zwei Noten führen: a) mehr als 100 mg/kg des Duftstoff s Isoeugenol in einem abspülbaren Produkt; b) Methylisothiazolinon in einer medizinischen Hautcreme; c) der bedenkliche UV-Filter Benzophenone-1; d) halogenorganische Verbindungen; f) mehr als 100 mg/kg Triphenylphosphat. Zur Abwertung um jeweils eine Note führen: a) PEG/PEG-Derivate in abspülbaren Produkten; b) bedenkliche Parabene (hier Propylparaben); c) mehr als 10 mg/kg des Duftstoff s Lyral in einem Produkt, das auf der Haut bleibt; d) der bedenkliche UV-Filter Octocrylene, wenn nicht schon wegen anderer UV-Filter abgewertet wurde; e) der Farbstoff CI 15985 in Lippenprodukten; f) mehr als 1.000 mg/kg Ersatzweichmacher (hier Acetyltributylcitrat, TXIB), wenn nicht schon wegen Triphenylphosphat abgewertet wurde; g) mehr als 1.000 mg/kg problematische Glykolether (hier: 2-[Butoxyethoxy]ethanol). Unter den Testergebnissen Weitere Mängel führt zur Abwertung um vier Noten: der Hersteller hat auch auf Anfrage die konkret eingesetzten Farbbestandteile nicht aufgeschlüsselt. Zur Abwertung um jeweils eine Note führen: a) PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen in der Verpackung; b) ein Umkarton, der kein Glas schützt. Das Gesamturteil beruht auf dem Testergebnis Inhaltsstoff e. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das „befriedigend” oder „ausreichend” ist, verschlechtert das Gesamt urteil um eine Note. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das „mangelhaft” oder „ungenügend” ist, verschlechtert das Gesamturteil um zwei Noten. Aus rechtlichen Gründen weisen wir darauf hin, dass wir die (vom Hersteller versprochenen) Wirkungen der Produkte nicht überprüft haben. Steht bei Analyseergebnissen „nein”, bedeutet das „unterhalb der Bestimmungsgrenze” der jeweiligen Testmethode.
Testmethoden und Anbieterverzeichnis fi nden Sie unter www.oekotest.de → Suchen → „N1506” eingeben.
Bereits veröff entlicht: ÖKO-TEST-Magazin 1/2015. Aktualisierung der Testergebnisse/Angaben, sofern sich aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse die Bewertung von Mängeln geändert oder ÖKO-TEST neue/zusätzliche Untersuchungen durchgeführt hat Einkauf der Produkte: Oktober 2014.

ÖKO-TEST rät

■ Auf selbstentworfene Vegan-Logos können Sie sich kaum verlassen. Eine Orientierung beim Shoppen gibt die Veganblume. Und die Naturkosmetiksiegel Natrue und BDIH stehen dafür, dass keine Bestandteile vom toten Wirbeltier eingesetzt werden.
■ Ein als vegan zertifiziertes Produkt ist nicht automatisch gut: Das „ungenügende” Shampoo von Lush ziert beispielsweise die Veganblume.

Experte

„Vertrauensvolle Zusammenarbeit wichtig”
„Rein analytisch ist der Unterschied, ob ein Inhaltsstoff tierischen oder pflanzlichen Ursprungs ist, nicht feststellbar. Die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Herstellern ist deshalb immens wichtig. Über ihre Aussagen und Zertifikate stellt man die Herkunft so sicher wie möglich. Und je regionaler die Rohstoffe bezogen werden, umso leichter fällt der persönliche Kontakt.”

Susanne Gans, Leiterin des Labors bei Speick


Foto: Speick