Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 7 Min.

TEST Verdauungsmittel mit Artischocke: Pupsig


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 12/2016 vom 24.11.2016

Seit Jahrzehnten überliefert der Volksmund, die Artischocke lindere Verdauungsbeschwerden. Auch die Pharmaindustrie verkauft die Heilpflanze in Pillen, die den Magen beruhigen und die Verdauung anschieben sollen. Unser Test von 30 Präparaten entzaubert den Mythos.


Artikelbild für den Artikel "TEST Verdauungsmittel mit Artischocke: Pupsig" aus der Ausgabe 12/2016 von ÖKO-TEST Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: Yuri_Arcurs/iStock

Ein unangehmer Pups entweicht dem nächsten. Der Bauch grummelt, zwickt, drückt oder brennt. Schlimmstenfalls alles gleichzeitig. Doch auch nach gefühlten Stunden auf dem Örtchen regt sich nichts. Dabei war die Schlemmerei ein wahrer Genuss. Jeder kennt das. Worte darüber treiben meist die Röte ins Gesicht. In einer ...

Weiterlesen
Artikel 1,00€
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von ÖKO-TEST Magazin. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 12/2016 von Leserbriefe:Schreiben Sie uns. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Leserbriefe:Schreiben Sie uns
Titelbild der Ausgabe 12/2016 von Nachwirkungen Was unsere Tests bewirkt haben: REAKTIONEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Nachwirkungen Was unsere Tests bewirkt haben: REAKTIONEN
Titelbild der Ausgabe 12/2016 von TEST Öko-Stromtarife: Nicht ganz grün. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
TEST Öko-Stromtarife: Nicht ganz grün
Titelbild der Ausgabe 12/2016 von Meldungen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Meldungen
Titelbild der Ausgabe 12/2016 von TEST Beschichtete Bratpfannen: Pfanntastisch. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
TEST Beschichtete Bratpfannen: Pfanntastisch
Titelbild der Ausgabe 12/2016 von Hülsenfrüchte: Von Schoten und Samen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Hülsenfrüchte: Von Schoten und Samen
Vorheriger Artikel
Meldungen
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Meldungen
aus dieser Ausgabe

... Befragung von mehr als 2.000 Bundesbürgern im Jahr 2006 gab immerhin jeder Siebte zu, wöchentlich unter stärkeren Blähungen zu leiden. Jeden Zehnten peinigen alle sieben Tage Schmerzen im Unterleib.

Ein fetter Braten oder ein Käsefondue, Süßspeise auf Süßspeise: Gerade nach ausschweifendem Essen treten Magenbeschwerden auf. „Betroffene empfinden Schmerzen, Druck, Blähungen und Krämpfe im oberen Bauchbereich bis zum Nabel“, erläutert Professor Peter Layer von der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS).

Um die Ursachen des Leids einzugrenzen, seien Erkrankungen wie Geschwüre, Gastritis oder Gallensteine auszuschließen. Chronisch werde es, wenn der Magen länger als drei Monate Probleme macht.

Rebellieren Magen oder Darm, spielt offenbar das „Bauchhirn“ verrückt. „Es reicht vom Schlund, über den Magen und Darm bis zum After“, erklärt Layer. Dieses Nervengeflecht mit etwa gleich vielen Zellen wie das Rückenmark steuere weitgehend eigenständig die Verdauung. Zudem übernehme es auch die Wahrnehmung: „Beispielsweise wird beim Essen verspürt, wie die Mahlzeit in den Magen gleitet und Sättigung eintritt.“ Danach empfinde der gesunde Mensch aber erst wieder, wenn es zum Stuhldrang kommt. In der Zwischenzeit melde der Bauch dem Gehirn aber ständig weiter, wie es ihm ergeht. Wer unter funktionellen Magenproblemen oder Reizdarm leidet, fühle „dieses Signaldauerfeuer“ dann plötzlich zum Teil bewusst.

Das sensiblere Empfinden beruht Layer zufolge meist auf einer Schwächung der Darmschleimhaut- Barriere: „Sie filtert dann nicht mehr richtig.“ So könnten auch Stoffe durch die Darmwand dringen, die die Nerven im Bauch nachweislich irritieren. Nicht nur die Wahrnehmung von kleineren Krämpfen, Druckschmerzen und Blähungen sei dadurch erhöht. Ein so irritiertes Bauchhirn bremse die Verdauung auch physisch. Die ohnehin schon Stunden dauernde Verarbeitung kalorienreicher Speisen werde zusätzlich verzögert: „Es kommt zum anhaltenden Völlegefühl, oft sogar mit Übelkeit und Brechreiz.“

Damit es wieder flutscht, empfiehlt der Volksmund seit Jahrzehnten Artischocke. Schon zu Zeiten Karl des Großen wurde sie als Arzneipflanze erwähnt. Stoffe in der Pflanze wie Cynarin sollen die Verdauung auf Trab bringen, den Fettstoffwechsel sowie Leber und Galle unterstützen. Auch das frühere Bundesgesundheitsamt bewertete Anfang der 1990er-Jahre Rezepturen aus den Blättern als wirksam, um Oberbauchschmerzen, Völlegefühl und Blähungen zu lindern.

Auch wir empfahlen Artischocken- Mittel zuletzt gegen Unterleibsbeschwerden – ein Drittel der Produkte sogar mit „sehr gut“. Eine Handvoll Studien gab 2005 Hinweise darauf, dass Artischocke bei Verdauungsproblemen helfen kann. Ein Jahrzehnt später fordert die Wissenschaft allerdings stärkere Beweise, um zu einer Heilpflanze therapeutisch zu raten. Das hat auch die oberste Europäische Behörde für Arzneimittelsicherheit erkannt und sich die Artischocke noch einmal genau angeschaut. Grund genug für ein ÖKO-TEST-Update: Bringen Artischocken-Mittel etwas? Wir haben 30 überprüft.

Das Testergebnis

■. Eine Bauchlandung: Für 22 Arzneimittel gibt’s „mangelhaft“, für eins „ungenügend“. Auch die sieben Nahrungsergänzungsmittel fallen komplett durch.
■. Mythos entzaubert: Wer unter Verdauungsbeschwerden leidet, dem werden Extrakte aus Artischockenblättern nach neuestem Kenntnisstand nicht helfen. Die Europäische Arzneimittel Behörde EMA sichtete im Jahr 2011 systematisch mehr als Hundert Quellen und Studien. Ihr Fazit: Es mangelt an belastbaren, hochwertigen Studien, die jegliche Wirkung von Artischockenblättern überzeugend beweisen. Auf einen praktischen Nutzen bei funktionellen Verdauungsbeschwerden deuteten nur einige wenige, mehr als ein Jahrzehnt alte Arbeiten hin. Nicht mal eine praktische Bewährung der Extrakte in der modernen Medizin sei dokumentiert. Ihre Zulassung sei nur zu rechtfertigen, weil sie mehr als 30 Jahre traditionell verwendet werden.Die unverändert dürftige Beweislage zwingt unserem Gutachter zufolge heute zu einer Neubewertung: „Mittel auf Artischockenbasis sind zur Behandlung von funktionellen Verdauungsbeschwerden nicht zu empfehlen“, sagt Professor Manfred Schubert-Zsilavecz vom Institut für Pharmazeutische Chemie der Universität Frankfurt.
■. Standards nicht erfüllt: Die Produkte sollten zumindest einschlägige Qualitätsstandards erfüllen. Dazu gehört, allein Extrakte der Artischockenpflanze zu verwenden. Von Presssaft, wie der von Schoenenberger und Brausetabletten, wie der Biolabor Artischocke Drink, ist demnach abzuraten.
■. Kein Persilschein: Wer ahnungslos Artischockenkapseln einnimmt und trotzdem länger als eine Woche unter Oberbauchbeschwerden leidet, sollte auf alle Fälle von einem Arzt klären lassen, ob nicht etwa ein Magengeschwür vorliegt. Auf allen sieben Nahrungsergänzungsmitteln (NEM) fehlt dieser Hinweis, da er für diese Produktklasse nicht vorgeschrieben ist. Auch eine Altersgrenze gibt es auf den NEM nicht. Die EMA rät jedoch von der Gabe von Artischockenmitteln unter zwölf Jahren ab, da ihre Effekte bei Minderjährigen nicht ausreichend untersucht sind. Und Kinder brauchen statt Pillen jemanden, der sich um ihr Bauchweh kümmert.

So reagierten die Hersteller

■. Omega Pharma , Hersteller der Abtei Artischocke Plus, teilte mit, dass ihr NEM nicht dazu bestimmt sei, Krankheiten oder Beschwerden zu lindern. Es unterstütze nur eine normale und gesunde Verdauung. Ob diese Info Menschen mit Magenproblemen vorm Kauf abhalten wird, ist fraglich: Auf der Verpackungsfront steht nur groß „Zur Unterstützung der Verdauung.“

Fett gedruckt sind Mängel.
Glossar: Erläuterungen zu den untersuchten Parametern finden Sie auf Seite 172.
Anmerkungen: 1) Weiterer Mangel: PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen in der Verpackung.2) Traditionelles pflanzliches Arzneimittel.3) Presssaft.4 ) Brausetabletten.5) Laut Anbieter wird die getestete Packungsgröße mit 56 Tabletten seit dem 1. September 2016 nicht mehr vertrieben, nur noch die Größen mit 60 und 90 Tabletten.
Legende: Produkte mit gleichem Gesamturteil sind in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt.
Abwertung Arzneimittel:
Unter dem Testergebnis Wirksamkeitsbelege und Beipackzettel führt zur Abwertung um vier Noten: eine als „nicht überzeugend“ durch Studien belegt eingestufte Wirksamkeit von Arzneimitteln. Zur Abwertung um eine Note führt: eine Darreichungsform, die nicht von den Transparenzkriterien für pflanzliche, homöopathische und anthroposophische Arzneimittel empfohlen wird (hier: Presssaft). Unter dem Testergebnis Hilfsstoffe führt zur Abwertung um eine Note: der Farbstoff Chinolingelb E 104. Unter dem Testergebnis Weitere Mängel führt zur Abwertung um eine Note: PVC/ PVDC/chlorierte Verbindungen in der Verpackung. Das Gesamturteil beruht auf dem Testergebnis Wirksamkeitsbelege und Beipackzettel. Ein Testergebnis Hilfsstoffe, das „befriedigend“ oder „ausreichend“ ist, verschlechtert das Testergebnis Wirksamkeitsbelege und Beipackzettel um eine Note. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das „befriedigend“ oder „ausreichend“ ist, verschlechtert das Testergebnis Hilfsstoffe um eine Note. Die Preisberechnung basiert auf dem kleinsten Produktangebot.
Abwertung Nahrungsergänzungsmittel:
Unter dem Testergebnis Maßgebliche Inhaltsstoffe führt zur Abwertung um vier Noten: ein fehlender Nutzen für den gesunden Verbraucher. Zur Abwertung um jeweils eine Note führen: a) ein fehlender Hinweis im Beipackzettel, dass bei länger als einer Woche andauernden oder wiederkehrenden Beschwerden ein Arzt aufzusuchen ist; b) eine fehlende Altersbeschränkung von ab 12 Jahren; c) eine Darreichungsform, die nicht von den Transparenzkriterien für pflanzliche, homöopathische und anthroposophische Arzneimittel empfohlen wird (hier: Brausetabletten). Unter dem Testergebnis Weitere Mängel führt zur Abwertung um eine Note: PVC/ PVDC/chlorierte Verbindungen in der Verpackung. Das Gesamturteil beruht auf dem Testergebnis Maßgebliche Inhaltsstoffe. Ein Testergebnis Weitere Inhaltsstoffe, das „befriedigend“ oder „ausreichend“ ist, verschlechtert das Testergebnis Maßgebliche Inhaltsstoffe um eine Note. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das „befriedigend“ oder „ausreichend“ ist, verschlechtert das Testergebnis Weitere Inhaltsstoffe um eine Note. Die Preisberechnung basiert auf dem kleinsten Produktangebot.
Testmethoden undAnbieterverzeichnis finden Sie unterwww.oekotest.de → Suchen → „M1612“ eingeben.
Einkauf der Testprodukte: August 2016.
Tests und deren Ergebnisse sind urheberrechtlich geschützt. Ohne schriftliche Genehmigung des Verlags dürfen keine Nachdrucke, Kopien, Mikrofilme oder Einspielungen in elektronische Medien angefertigt und/ oder verbreitet werden.

Vier Tipps bei Verdauungsbeschwerden

Foto: RyanJLane/iStock

• Tabu bei Magenproblemen sind Kaffee, Alkohol und Schokolade. Sie verändern etwa die Spannung der Magenwände und können zu Sodbrennen führen. Fettreiche Speisen und Alkohol bremsen zudem die Magenentleerung.
• Hastiges Essen oder große Portionen belasten Magen und Darm. Wenn Sie häufig unter Verdauungsproblemen leiden, nehmen Sie sich stattdessen lieber für kleine Mahlzeiten Zeit und kauen diese gut durch.
• Werden Sie aktiv. Die Muskelschichten im Verdauungstrakt bewegen den Inhalt von der Speiseröhre bis zum After. Wenn Sie den ganzen Tag nur sitzen, erfahren Magen und Darm von außen keine Impulse. Wenn sie etwa Spazieren gehen, bewegen sich Magen und Darm aber immer etwas mit.
• Bauen Sie Stress ab und sorgen Sie für Entspannung mit kurzen Erholungsphasen, wann immer möglich. Wenn Ihnen das im Alltag schwerfällt, können erprobte Techniken wie die progressive Muskelentspannung helfen.

So haben wir getestet

Foto: Anja Jakuscheit

Einkauf
Wir haben 30 Mittel mit Artischocke in Apotheken und Drogerien eingekauft, die bei Verdauungsbeschwerden helfen sollen. Das teuerste Präparat kostete 20,78, das billigste 1,99 Euro. Darunter sind sieben Nahrungsergänzungsmittel sowie 23 pflanzliche Arzneien. Verkauft werden die Produkte als Kapseln, Dragees, aber auch als Brausetabletten und Saft.

Wirksamkeit und Nutzen
Hilft Artischockenblätterextrakt, wenn der Bauch drückt, schmerzt und grummelt? Diese Frage hat für uns Professor Manfred Schubert-Zsilavecz beantwortet. Der Experte vom Institut für Pharmazeutische Chemie der Goethe-Universität Frankfurt beurteilte Wirksamkeit, Risiken und Nutzen der einzelnen Produkte. Zudem prüfte er die Beipackzettel und Produktinformationen.

Hilfs- und weitere Inhaltsstoffe
Hilfsstoffe formen die Tabletten und erleichtern die Aufnahme der Wirkstoffe in den Körper. Wir haben auf deklarierte problematische Farb- und Konservierungsstoffe geachtet.

Bewertung
Entscheidend ist, ob die Wirksamkeit von Arzneimitteln oder der Nutzen eines Nahrungsergänzungsmittels klar belegt ist. Fehlen aussagekräftige klinische Studien, kann es in der Beurteilung der Wirksamkeit und des Nutzens für den gesunden Verbraucher nur ein „mangelhaft“ geben. Niedrige Dosierungen, fehlende Altersbeschränkungen und Warnhinweise führen dann schnell zum „ungenügend“.

ÖKO-TEST rät

Wir können keins der Artischocken-Präparate im Test empfehlen. Ihre Wirksamkeit oder ihr Nutzen als Verdauungshelfer ist wissenschaftlich nicht ausreichend belegt.

Pausieren Sie lieber bei akuten Verdauungsbeschwerden mit dem Essen. Nach schweren Speisen wirken ungesüßter Tee und ein wenig Haferschleim beruhigend und anregend.

Sprechen Sie mit einem Arzt, wenn Ihre Verdauungsbeschwerden länger als eine Woche anhalten. Bei diagnostiziertem Reizmagen empfehlen Experten zunächst säurehemmende Medikamente oder solche, die die Magenbewegungen fördern.

Experte:Begrenztes Vokabular

Foto: privat

„Unser Bauchhirn spricht nur ein begrenztes Vokabular: Druck, Schmerz, Krampf, Blähungen, Durchfall und Verstopfungen. Mit diesen Symptomen kann es auf fast alle Störungen hinweisen – von leichten Verdauungsbeschwerden bis hin zu lebensgefährlichen Krebsgeschwüren. Zwar sind die Gründe meist harmlos. Doch ab drei Wochen anhaltender Probleme sollte ärztlich geprüft werden, ob eine organische Ursachen zugrunde liegt.“

Professor Dr. Peter Layer ist ärztlicher Direktor am Israelitischen Krankenhaus in Hamburg und leitender Autor der offiziellen DGVSBehandlungsleitlinie für das Reizdarmsyndrom.