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TEST Wickelauflagen: Pfui!


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 3/2013 vom 22.02.2013

Elf von 15 Testprodukten schnitten „ungenügend“ ab. Eine Wickelauflage ist sogar derart gespickt mit Giftstoffen, dass eine direkte Gesundheitsgefährdung nicht ausgeschlossen werden kann. Das ist eine große Sauerei – und dafür gibt es keine Ausreden!


Artikelbild für den Artikel "TEST Wickelauflagen: Pfui!" aus der Ausgabe 3/2013 von ÖKO-TEST Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: ÖKO-TEST Magazin, Ausgabe 3/2013

Grundsätzlich lassen sich zwei Typen von Wickelauflagen unterscheiden: solche, die von einer abwaschbaren Plastikfolie umhüllt sind und solche, deren Bezug aus Baumwolle besteht. Beide Modelle haben Vor- und Nachteile. So ist Kunststoffeinerseits praktisch, doch er fühlt sich kalt an. Einige Hersteller statten ihre Produkte deshalb mit abnehmbaren ...

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... Stoffbezügen aus. Ein echtes Wohlfühlerlebnis bieten hingegen Unterlagen aus Baumwolle. Allerdings nässen sie schnell durch und müssen dann als Ganzes in die Wäsche.

Wer Plastik nicht mag und Baumwolle zu umständlich findet, kann neuerdings auf Auflagen mit textilen Oberflächen zurückgreifen. Diese bestehen zumeist aus Baumwolle oder Baumwollgemischen und sind mit einer wasserabweisenden Beschichtung überzogen. Vorteil: Die Teile fühlen sich fast wie Stoff an, sind aber abwischbar. Die Beschichtungen bestehen aus Materialien wie Polyethylen oder Polyurethan, oft fehlen allerdings genaue Angaben.

Weitläufig herumgesprochen hat sich hingegen die allgegenwärtige Belastung von PVC-Kunststofffolien mit gesundheitsschädlichen Phthalat-Weichmachern. Vielleicht ist das der Grund, warum viele Hersteller ihre Produkte als „phthalatfrei“ oder „PVC-frei“ bewerben. Ob zu Recht, ließen wir in unserem aktuellen Schadstofftest von 15 Modellen überprüfen.

Das Testergebnis

…ist richtig schlimm. Sage und schreibe elf Produkte fallen mit einem „ungenügend“ durch. Ganz schlimm steht es um die Wickelauflage von Christiane Wegner: Sie ist derart mit Schwermetallen belastet, dass eine Gesundheitsgefährdung nicht auszuschließen ist. Zu empfehlen sind lediglich die Baumwollmodelle von Mudis und Prolana und – mit kleinen Abstrichen – die Be Be’s Collection Wickelunterlage Big Willi.
Auf Arsen gebettet. Eigentlich sollte die Christiane Wegner Wickelauflage Moritz Halbweiß/Purpur ein super Produkt sein: frei von PVC, aus einem Gewebe mit warmer, weicher Oberfläche, abwischbar und waschbar. Umso niederschmetternder das Ergebnis: Das Obermaterial ist gespickt mit Arsen, Cadmium und Blei. Die Liste der „Nebenwirkungen“ ist entsprechend lang: Arsen kann das zentrale Nervensystem schädigen und Krebs auslösen, Cadmium gilt als nierenschädlich und krebserregend und Blei ist als nervengiftig bekannt. Besonders kritisch ist der hohe Gehalt an löslichem Arsen von 1.200 mg/kg. Zum Vergleich: Der Öko-Tex Standard 100 erlaubt maximal 0,2 mg/kg für Babyprodukte. Angesichts dieses enorm hohen Wertes und der daraus resultierenden möglichen Gesundheitsgefahr informierten wir die zuständige Landesbehörde, das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. Das Amt versprach, den Hinweisen nachzugehen und eigene Proben zu untersuchen. Doch dabei blieb es. Bis zum Redaktionsschluss am 4. Februar 2013 lagen uns keinerlei konkrete Ergebnisse vor.

Der Hersteller gelobt Besserung. Aufgeschreckt durch unseren Test reagierte immerhin der Hersteller. Laut eines Schreibens vom 27. Januar 2013 wolle man die bereits verkauften Wickelauflagen ersetzen. Das fragliche Material würde seit Mitte Oktober 2012 aber nicht mehr eingesetzt. Als Grund für die „Panne“ gab Christiane Wegner an, sie habe sich auf den spanischen Lieferanten verlassen. Dieser habe gewusst, dass es sich um ein Babyprodukt handelt und ein gültiges Öko-Tex Standard-100-Zertifikat vorgelegt. Wegner räumt ein, sich künftig besser nicht mehr auf Zertifikate verlassen zu wollen.
Schon wieder Phthalate. In vier Produkten stecken Phthalate, zweimal Diisononylphthalate (DINP), die für Kinderprodukte in höheren Gehalten als von uns nachgewiesen, verboten sind. In den Produkten von Rotho und Zöllner wies das Labor andere Phthalate nach, in letzterem Dipropylheptylphthalat (DPHP). DPHP kann die Schilddrüse und Hirnanhangdrüse schädigen und wurde auch schon in anderen Kinderprodukten nachgewiesen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung regt daher an, auch DPHP in die gesetzlichen Regularien aufzunehmen. Allgemein gelten Phthalate als schädlich für Leber, Nieren und Fortpflanzungsorgane sowie als hormonell wirksam. Auch für das im Hello Kitty-Produkt nachgewiesene Dicyclohexylphthalat (DCHP) wurden solche Wirkungen beschrieben.
Weichmacherersatzstoffe – auch nicht besser? In mehreren Auflagen wurden die alternativen Weichmacher DINCH und DEHT gefunden. Sie gelten als weniger bedenklich, können sich aber ebenfalls aus dem Material lösen. Weil sie noch nicht hinreichend untersucht sind, werten wir sicherheitshalber ab, aber nur um eine Note. Anders die mittelkettigen Chlorparaffine, die in fünf Auflagen stecken. Hier ist bekannt, dass sie sich im menschlichen Fettgewebe anreichern und über die Muttermilch an den Säugling weitergegeben werden können.

Jede Menge weiterer Problemstoffe. Zehn Produkte sind mit relativ hohen Gehalten an polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) verunreinigt. Meist wurde flüchtiges Naphthalin analysiert, das unter Krebsverdacht steht. Die beschichtete Baumwollauflage Schardt Wickelauflage Märchenwelt enthält eine hohe Menge an allergieauslösendem Formaldehyd. In anderen Produkten stecken problematische phosphororganische Verbindungen, in der Gullunge Wickelunterlage von Ikea und der Hello Kitty Flower Wickelauflage sogar in stark erhöhten Mengen.
Große Versprechen, wenig dahinter. Auf fast allen Produkten kleben Aufdrucke oder Schildchen, die die Unbedenklichkeit untermauern sollen. Vieles können unsere Laboranalysen bestätigen, anderes stimmt ganz einfach nicht. So behauptet der Hersteller der Pinolino Wickelauflage Komfort, sein Produkt sei „Natürlich ohne Schadstoffe – geprüfte Qualität“. In Wirklichkeit fand das Labor etliche Schadstoffe darin. Auf dem Roba-Produkt wird die PU-Beschichtung als „besonders umweltfreundlich“ hervorgehoben. Polyurethan wird jedoch unter Einsatz von hochgiftigen Isocyanaten hergestellt, die aufwendig entfernt werden müssen. Kein Verlass auch auf die Werbung „phthalatfrei“ auf den Auflagen der Anbieter Rotho und Zöllner: Verbotene Phthalate sind zwar nicht enthalten, wohl aber andere. Hier sollten Hersteller umfassender untersuchen, bevor sie ihre Produkte mit vollmundigen Aussagen schmücken.

So reagierten die Hersteller

■ Nach Angaben derFirma Christiane Wegner sind von der Wickelauflage Moritz im Produktionszeitraum Februar bis Mitte Oktober 2012 insgesamt 192 Stück verkauft worden. Man biete Eltern aber an, die belasteten Produkte zurückzunehmen – im Austausch gegen eine verbesserte Auflage. Deren Materialien würden derzeit im Labor geprüft. Eine Artikel- oder Chargennummer, an der das neue Modell zu erkennen sei, kann Christiane Wegner allerdings nicht nennen. Man könne sich aber unter der Tel. 0 95 62 / 40 43 30 mit ihr in Verbindung setzen. Offensichtlich hat sich aber niemand um einen umfassenden Produktrückruf gekümmert – weder Frau Wegner noch die bayerischen Behörden. So war es uns auch nach Erhalt der Firmenstellungnahme problemlos möglich, eine Moritz-Wickelauflage über einen großen Versender zu beziehen. Wir kauften dieses Mal ein Modell in der Farbe Blau, im Labor zeigten sich die gleichen verheerenden Resultate wie zuvor. Das ist unglaublich!
Ikea Deutschland informierte uns, dass der Verkauf der Gullunge Wickelauflage unverzüglich gestoppt worden sei.
Die Hersteller Schardt, Träumeland undPinolino teilten mit, angesichts der Testergebnisse ihre Untersuchungen verbessern zu wollen, auf neue Lieferanten zurückzugreifen bzw. die Qualitätsanforderungen auf Basis der von ÖKO-TEST gesetzten Standards weiter zu optimieren.

So haben wir getestet

Der Einkauf
Aus dem großen Angebot an Wickelauflagen kauften wir neun Produkte aus Kunststoff, drei davon sind mit einem abnehmbaren Stoffbezug ausgestattet. Die übrigen sechs Auflagen bestehen aus Baumwolle oder modernen Baumwoll-Polyester-Gemischen mit wasserabweisender Beschichtung. Die günstigsten Modelle kosten rund 20 Euro pro Stück, das teuerste knapp 70 Euro.

Die Inhaltsstoffe
Babys kommen mit Wickelauflagen direkt in Kontakt – und das jeden Tag. Umso wichtiger, dass die Produkte unbedenklich sind. In Plastikauflagen sind zunächst Weichmacher zu erwarten. Hier ließen wir sowohl die in Kinderprodukten verbotenen Phthalate untersuchen als auch neuere Substanzen, die als unproblematischer gelten und als Ersatzweichmacher in Kunststoffen zu finden sind. Ebenfalls häufig anzutreffen sind Chlorparaffine, phosphororganische Verbindungen und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK). Die beiden ersten Stoffgruppen setzt man ebenfalls als Weichmacher ein, sie haben aber auch eine flammhemmende Wirkung. Bei den PAK handelt es sich hingegen meist um Verunreinigungen aus der Produktion. Antimon ist ein gebräuchlicher Katalysator in der Herstellung von Polyester, Rückstände deuten auf eine schlechte Verarbeitung hin. Auch nach gefährlichen Schwermetallen wie Arsen oder Cadmium ließen wir fahnden.

Selbst gebastelte Qualitätsstempel und protzige Werbesprüche – wie hier auf der Wickelauflage des Herstellers Pinolino – sind mit Vorsicht zu genießen.


Die Weiteren Mängel
Auffallend viele Hersteller bewerben ihre Wickelauflagen mit dem Verzicht auf problematische Materialien oder Inhaltsstoffe. Der Abgleich mit den Substanzen, die die von uns beauftragten Labore in den Auflagen nachgewiesen haben, entlarvte einige Aussagen jedoch als nicht haltbar. Das führte zum Abzug unter den Weiteren Mängeln.

Die Bewertung
Etliche Produkte sind erheblich mit problematischen Stoffen belastet – sie schneiden daher zwangsläufig mit „ungenügend“ ab. Daran ändern auch beschönigende Werbeaussagen nichts – schon gar nicht, wenn das Produkt nicht hält, was der Spruch darauf verspricht.

Der Experte

Jenseits von Gut und Böse

„Ein Gehalt von über 1.000 mg/kg Arsen in einer Wickelauflage ist jenseits von Gut und Böse. Besonders problematisch ist, dass es sich um lösliches Arsen handelt, das relativ leicht über die Haut aufgenommen werden kann.“

Dieter Bohn ist Lebensmittelchemiker und Sachverständiger für Bedarfsgegenstände im Landesbetrieb Hessisches Landeslabor, Wiesbaden.

ÖKO-TEST rät

► Wer nach einer unbelasteten Auflage sucht, ist mit Modellen aus Baumwolle am ehesten gut beraten. Die Produkte der Naturtextilienanbieter Mudis und Prolana aus dem Test können wir empfehlen.

► Wer doch eine Kunststoffauflage kaufen möchte, sollte immer eine Stoffwindel, eine Moltonauflage oder einen Baumwollbezug unterlegen. Letztere werden speziell für Wickelauflagen angeboten. Auch auf beschichteten Stoffoberflächen sollte das Baby lieber nicht nackt liegen.

► Oberste Sicherheitsregel beim Wickeln: Immer eine Hand am Kind haben. Das Kind auch dann nicht allein lassen, wenn man nur ganz schnell zur Tür oder ans Telefon will. Dann das Baby lieber kurz im Bett oder auf dem Fußboden zwischenlagern. Mit sehr zappeligen Kindern eventuell gleich auf eine Decke am Boden ausweichen.


Foto: akpool.de