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TEXT UND FOTOS VON AUBET GASSNER: Träumen Androiden von künstlichen Schafen?


Abenteuer Philosophie - epaper ⋅ Ausgabe 4/2018 vom 27.09.2018

Wer diesen Buchtitel nicht kennt, kennt vielleicht „Blade Runner“, den Film von Ridley Scott, der auf diesem Buch basiert.

Es gibt viele Vorbehalte gegen Science-Fiction. In den meisten Fallen ist die Zukunft, die da beschworen wird, dystopisch, d.h.eine negative Vision (im Gegensatz zu eutopisch bzw.utopisch). Das Buch von Philip K. Dick, einem der besten amerikanischen Science-Fiction-Autoren des 20. Jh.s, macht da keine Ausnahme. Erschienen ist es bereits 1968, und man kann nur staunen uber den Weitblick des Autors. Die Fragen, die er darin aufwirft, sind erst jetzt richtig brisant geworden, da die ...

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... Entwicklung der Kunstlichen Intelligenz (KI) so rasante Fortschritte macht. Die mit KI ausgestatteten Maschinen sind uns Menschen dicht auf den Fersen; manche Wissenschaftler warnen sogar davor, dass sie uns noch uberholen werden. Es ist dringend geboten, die Position des Menschen neu zu bestimmen.

Was macht den Menschen aus?

Wir befinden uns in der Zeit nach dem „grosen Krieg“, einem Atomkrieg, der die Erde fast unbewohnbar gemacht hat. Die Menschheit hat sich selbst abgeschafft. Nahezu alle Uberlebenden sind auf den Mars ausgewandert. Um ihnen die Besiedlung zu erleichtern, wurden Superroboter konstruiert, eine neue Art von Sklaven. Sie sind auserlich nicht von Menschen zu unterscheiden, sind mit einer uberragenden Intelligenz, aber auch einem „Verfallsdatum“ ausgestattet, und durfen die Erde nicht betreten. Aber der Mars ist nicht das Paradies, das man den Auswanderern vorgaukelt. Auch deshalb kommt es immer wieder zu Sklavenaufstanden von Androiden, die sich gegen ihre Herren auflehnen, zur Erde zuruckkehren und sich hier unter die Menschen mischen. Auf der Erde zuruckgeblieben sind vorwiegend sogenannte Untermenschen wie das „Spatzenhirn“ John Isidore, die vom nuklearen Fallout stark geschadigt worden sind, und Kopfjager, professionelle Killer, die die eingeschlichenen Androiden jagen.

Einer der Androiden-Jager ist Rick Deckard, dessen Name nicht zufallig an den franzosischen Philosophen Rene Descartes (1596–1650) erinnert. Fur Descartes ist der Mensch das zweifelnde Wesen. Der Mensch zweifelt an der Realitat, an den Anderen, die diese Realitat gestalten, sogar an sich selbst und an der eigenen Existenz. Aber, so sagt Descartes, es gibt eine Bewusstheit, die diese Zweifel formuliert, und „das bin ich“. Androiden kennen den cartesianischen Zweifel nicht. Fur Philip K. Dick definiert sich der Mensch durch seine Komplexitat und seine Zweideutigkeit. Menschlich sein heist, sich zu widersprechen, keine unverruckbaren Gewissheiten zu haben, keine Antworten zu haben, die ein fur alle Mal und uberall gleichermasen gelten.

Wenn wir Rick Deckard kennenlernen, ist er noch voll und ganz von seiner Mission uberzeugt; die Kopfgeld pramien, die er fur jeden ausgeschalteten Androiden, kurz „Andy“ genannt, erhalt, erleichtern ihm seine Uberzeugung.

Falls die Begeisterung doch einmal nachlasst, hangt er sich an seine „Stimmungsorgel“, auf der er den gewunschten Gemutszustand einstellen kann, z. B.sexuelle Erregung oder professionelle Sachlichkeit.

Hier drangt sich zum ersten Mal die Frage auf, worin er sich dann noch von den menschenahnlichen Robotern unterscheidet, die er jagt. Deckard hort eine Androidin in Mozarts „Zauberflote“, welche „besser als Elisabeth Schwarzkopf, Lotte Lehmann oder Lisa della Casa“ singt, die er noch aus alten Aufnahmen vor der Zeit des grosen Krieges kennt.

Wem kame da nicht Olympia aus der Oper „Hoffmanns Erzahlungen“ von Jacques Offenbach in den Sinn? Olympia ist ein singender Automat, und Hoffmann verliebt sich in sie. Rick Deckard ist wie sein Schopfer Philip K. Dick ein Opernliebhaber. Er fuhlt sich zu der Sangerin hingezogen.

Trotzdem wird sie „eliminiert“. Rick kommen die ersten Zweifel. War das wirklich notig? Ja, versucht er sich zu beruhigen, Andys sind Maschinen. Sie konnen kein Mitgefuhl, keine Empathie empfinden. Aber, fragt er sich plotzlich, was tue ich denn anderes? Und dann die Unsicherheit: Woher weis ich, dass ich ein Mensch bin und keine Maschine?

Menschen empfinden Mitgefühl. Wirklich?

In der Philosophiegeschichte hat diese Frage eine lange Tradition: Was kann ich wissen? Woher weis ich, dass ich ich bin und kein anderer? Ganz einfach durch meine Erinnerung … Genau.


Das, was wir „Ich“ nennen, ist vor allem eine Konstruktion der Erinnerung.


Und wenn die Erinnerung nun nicht meine ware, sondern – kunstlich? Hier befinden wir uns wieder im Roman, wo dem Gehirn von Androiden eine kunstliche Erinnerung mitgegeben wird. In der Wirklichkeit sind wir noch nicht so weit, wir machen das selbst. Menschen verfugen uber klare „Erinnerungen“ an Geschehnisse, die nie passiert sind. Und dass wir unsere Erinnerungen im Nachhinein manipulieren und „umschreiben“, kann man bei einiger Aufmerksamkeit an sich selbst feststellen.

Sehr poetisch hat diesen existenziellen Zweifel der chinesische Philosoph und Dichter Dschuang Dsi (um 365– 290 v. Chr.) ausgedruckt: „Ich schlief und traumte, ich sei ein Schmetterling. Ich erwachte und sah, dass ich ein Mensch bin. Aber woher weis ich, dass ich kein Schmetterling bin, der traumt, er sei ein Mensch?“

Einer Puppe wird KI implantiert


Auf dem Boden dieses Zweifels keimt nun das Mitgefuhl auch fur nichtmenschliche Lebensformen. Tiere gehoren dazu. Ein Tier zu haben, bedeutet, sich als Mensch zu fuhlen. In der apokalyptischen Romanzeit gibt es nicht mehr viele echte, sondern fast nur noch kunstliche Tiere. Sie sehen nicht nur genauso aus wie echte, sie verhalten sich auch so, reagieren auf ihren Besitzer und kennen seine Eigenarten. Der Besitzer entwickelt seinerseits eine emotionale Beziehung zu dem kunstlichen Tier.

Aibo mit Frauchen


Zwei Anmerkungen seien hier erlaubt: Fur Rene Descartes galten Tiere ohnehin als eine Art Maschine, deren Verhalten in Analogie zu den Gesetzen der Mechanik erklart werden konnte; ihre Auserungen waren fur ihn nur Reaktionen ohne Bewusstseinsinhalte. Tiere verfugen, laut Descartes, nicht uber die „geistige Substanz“ (res cogitans), die den Menschen auszeichnet.

Wenden wir nun den Blick in die Echtzeit, nach Japan. Dort hatte die Firma Sony Ende der 90er-Jahre den Computerhund Aibo herausgebracht und trotz sehr guter Absatzzahlen die Produktion 2006 bzw.die der Ersatzteile etwas spater eingestellt.

Damit hatte Sony viele Menschen zuerst glucklich gemacht und dann in bodenlose Verzweiflung gesturzt: Wo sollten sie Ersatzteile herbekommen, um ihren Hund „am Leben“ zu erhalten? Die „toten“ Hunde wurden sogar in einer buddhistischen Begrabniszeremonie „ausgesegnet“. Ende 2017 hat Sony die Produktion wieder aufgenommen. Die neue Version von Aibo ist mit KI ausgestattet, die es dem Hund ermoglicht, etwa die Augen aufzuschlagen und zu bellen, wenn man ihn streichelt.

Der Mensch trifft Entscheidungen und übernimmt Verantwortung. Bestenfalls.

Auch Androiden sind einsam. Die letzten drei haben sich bei „Spatzenhirn“ John Isidore in einem verlassenen Haus einquartiert. Isidore ist glucklich. Er ist nicht mehr allein. Er weis durchaus, mit wem er es zu tun hat. Seine neuen Freunde sind auf der Flucht, sie sind so unerwunscht wie er, aber er kann ihnen helfen, sie verstecken, sie schutzen, wenn es sein muss.

Er ist bereit, sich selbst zu opfern. Plotzlich scheint er der einzige wahre Mensch zu sein. In dem heruntergekommenen Haus findet er eine Spinne. Eine Spinne! Eine echte, lebende Spinne! Die Androiden schneiden der Spinne die Beine ab. Unfahig, sich in andere Wesen hineinzuversetzen, konnen sie bose und gefahrlich sein. Rick Deckard findet und erschiest sie.

Buddhistische Aussegnung kaputter Elektrohunde


Androiden sind keine wehrlosen, unschuldigen Opfer (oder vielleicht doch: Sie sind so programmiert); sie sind Kampfmaschinen oder anders ausgedruckt autonome Waffensysteme. Im Hinblick darauf sagte der fruhere NATOGeneralsekretar Rasmussen:


„Wir sprechen nicht über eine Zukunftsvision. Die militärische Nutzung Künstlicher Intelligenz steht unmittelbar bevor.“


Um das klar zu machen: KI ist nicht „bose“. Ihre Software schreibt sich selbst fort, ist also lernfahig. Bei den sogenannten „Killer-Robotern“ entscheidet sie aber aufgrund von Algorithmen und ohne menschliches Zutun, ob und wer getotet wird. Die ethischen Fragen, die sich hier auftun und die dringend einer Diskussion bedurfen, sind u.a.die nach Entscheidung und Verantwortung.

Ridley Scotts Film aus dem Jahr 1982 entscheidet sich ubrigens fur ein von der Buchvorlage abweichendes Ende. Bei ihm zeigen die Androiden Trauer uber den Verlust von ihresgleichen, also Mitgefuhl, und Rick Deckard brennt mit einer Androidin durch. Ist Deckard ein Mensch oder ein Android? Das ist ungewiss, aber er scheint ein Mensch zu sein, wenn Menschsein bedeutet, nicht nur fur Tiere, sondern auch fur Androiden Mitgefuhl zu entwickeln, fur alle Wesen, lebendig im uberkommenen Sinne oder nicht.

Gleichzeitig schliest ihn diese Haltung aus der Gemeinschaft der Menschen aus, die alles nichtmenschliche Leben zum Abschuss freigegeben hat. Hier setzt der Film „Blade Runner 2049“ von Denis Villeneuve an, der Ende 2017 in die Kinos kam. Die Suddeutsche Zeitung attestierte ihm, „nicht nur die richtigen Fragen zur Zukunft des Menschen und seiner Maschinen“ zu stellen, sondern sie auch „mit hypnotischen Bildern“ zu beantworten.

„Blade Runner“ ist nicht so sehr ein Science-Fiction- Abenteuer (das ist nur der Vorwand), sondern ein philosophischer, moralischer und ethischer Durchlauf, ein Roman der Fragestellungen und der Ideen. Die Grundstimmung ist die des metaphysischen Ausgesetztseins. Die Frage heist nicht „Wie geht die Geschichte aus?“, sondern „Wer bin ich?“.

Literaturhinweis

•Philip K. Dick, Blade Runner (Do androids dream of electric sheep), Fischer TB 2017
•Ridley Scott, Blade Runner. Film von 1982
•Denis Villeneuve, Blade Runner 2049. Film von 2017
•www.stopkillerrobots.org. Informationen auf Deutsch: www.killer-roboter-stoppen.de
•buddhistische Trauerzeremonie fur AIBO-Hunde unter „aibo funeral“ im Netz
•uber „Blade Runner 2049“ SZ Nr. 228 vom 04. Oktober 2017

Künstlerische Prothese für beinamputierte Menschen