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the CURE


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musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 10.11.2022
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Kurz vor der Veröffentlichung ihres 14. Studioalbums sindTheCureendgültig zu allseits verehrten Elder Statesmen des Indie-Rock geworden. Inmitten der Krise des Live-Geschäfts spielen sie auf einer gigantischen Tour Abend für Abend in den größten Arenen. Sie sind jetzt eine dieser Bands, „die man unbedingt mindestens einmal im Leben gesehen haben muss“. Die Basis für diesen Status legten The Cure vor exakt 30 Jahren mit dem Album WISH. Wichtig dabei: ein Feierabendbier, ein Keyboarder, der eigentlich Gitarrist ist –und die übermalten Haare von Phil Collins.

Robert Smith steht ganz weit vorn am Bühnenrand und strahlt über das ganze Gesicht. Er tut das auf eine derart einnehmende Weise, dass man ihn knuddeln möchte. Eine gefühlte Ewigkeit genießt Smith die Ovationen des Publikums, das Licht in der Halle ist längst angegangen, Smith geht von einem Ende der Bühne zum anderen, verneigt sich, freut ...

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... sich einfach – und wirkt dabei so bodenständig, natürlich, ja demütig, als wäre er nicht einer der prägenden Sänger und Songschreiber seiner Generation, sondern halt irgend so ein Typ aus Blackpool, der gerade das Dartturnier im örtlichen Stammpub gewonnen hat.

Ein Bild übrigens, das viel besser zu diesem Mann passt, als man denken könnte: Unter den Tonnen von Make-up, Kajal und Lippenstift, unter den aufgetürmten Frisuren und dem in früheren Jahren bei den Konzerten zuverlässig wabernden Trockeneisnebel, aber auch unter all der Depression, Finsternis und Melancholie, die im ewigen Widerstreit mit Liebe, Sehnsucht und Euphorie die Musik von The Cure ausmachen, unter all diesen Dingen sind die zentralen Protagonisten der Band immer auch ganz normale britische Eckkneipenbiertrinker und Fußballfans geblieben, denen rote Teppiche, Preisverleihungen und ähnliches Rockstargebimsel ein Graus sind.

Man kann das in den kleinen Momenten ablesen: Vor dem Konzert, das Licht in der Halle war noch an, stand der Bassist Simon Gallup bereits auf der Bühne und richtete eigenständig seinen Arbeitsplatz ein. Er stimmte den Bass, rückte Monitorboxen zurecht, schätzte Abstände ab. Erst danach verwandelte er sich in den Rockstar Simon Gallup, der so lange in dieser Band spielt wie außer Robert Smith kein anderer – und bei dem man immer so ein bisschen das Gefühl hat, dass er eigentlich gerne längere Arme hätte, damit er seinen Bass einfach noch ein bisschen tiefer hängen könnte, als das ohnehin bereits der Fall ist.

In den folgenden knapp drei Stunden hatten Robert Smith und Gallup dann mit ihrer Band The Cure ein Konzert in einer riesigen Berliner Mehrzweckhalle gegeben, das auf hochemotionale Weise von der Aura einer rührigen Familienfeierlichkeit beseelt war. „Solange es Bands wie diese gibt, ist unsere Welt noch nicht verloren“, schrieb der ME-Kolumnist und Tocotronic-Bassist Jan Müller danach bei Instagram: „Kein Retro, kein Revival, keine Nostalgie. Sie waren einfach immer da.“ Er hatte recht. Bereits während des Konzerts hatte Smith ausnehmend gute Laune, machte so viele unverständliche Zwischenansagen wie lange nicht und trieb seine von der Last der Jahre offenbar gänzlich unbeeindruckte, juchzende Stimme in kieksende Höhen. Das Publikum bestand zum allergrößten Teil aus Leuten, die ihr ganzes Leben mit dieser Band verbracht hatten und denen deshalb am Ausgang nicht mehr als 20 Euro für ein T-Shirt abgeknöpft wurde – Smith ist keiner, der sich an seinen eigenen Leuten bereichern möchte.

Das Berliner Konzert fand im Rahmen einer ausgiebigen Europa-Tour statt, die eigentlich anlässlich der angeblich bevorstehenden Veröffentlichung des ersten neuen Albums von The Cure seit 14 Jahren angesetzt worden war. Beinahe ebenso lang schwirren Gerüchte und Halbwahrheiten über dieses Album durch Fanforen, Magazine und Social-Media-Posts. Zuletzt schienen diese Gerüchte konkret zu werden, als Robert Smith selbst sogar von zwei neuen Alben sprach: Eines davon sei im Wesentlichen fertig, wegen der chronisch ausgelasteten Presswerke ziehe sich die Veröffentlichung aber noch eine Weile, erzählte Smith einem Reporter am Rand der „NME“-Awards im März dieses Jahres in einem kurzen Red-Carpet-Talk. Das Album enthalte zehn Songs und trage den Titel SONGS OF A LOST WORLD. Nun muss man wissen, dass sich vieles von dem, was Smith in seinen seltenen Interviews erzählt, im Nachhinein als haltlos erweist, Flunkerer Smith mag es mysteriös. So hatte er unter anderem bereits 2020 bei einer der letzten Ausgaben des „NME“-Awards in einem nahezu deckungsgleichen Setting mehr oder weniger dieselbe Geschichte erzählt.

Hin und wieder Unsinn zu erzählen ist nach einer über vierzigjährigen Karriere natürlich ebenso sein gutes Recht, wie auf weiterführende Interviews zu verzichten, aber aus dieser Strategie ergibt sich immer wieder eine unbefriedigende Gemengelage, die so undurchsichtig und zerwabert ist wie der oben erwähnte Trockeneisnebel, auf den in Berlin übrigens verzichtet wurde. Am besten ist man beraten, dieses Theater als gute Unterhaltung zu begreifen. Das Meiste erledigt sich ohnehin von selbst, so auch die Veröffentlichung von SONGS OF A LOST WORLD. Immerhin die Tour heißt nun „Lost World Tour“. Sie wird The Cure bis Mitte Dezember an 44 Abenden durch 22 Länder führen, immerhin drei neue Songs kommen dort bereits zur Aufführung: „Endsong“,„AndNothingIsForever“und „Alone“.Über diese Songs lässt sich im Wesentlichen sagen, dass sie jedenfalls nicht abfallen im Vergleich zu einem nahezu perfekt zusammengestellten Set aus 44 Jahren The Cure. Womöglich kommen bei den weiteren Konzerten weitere Songs dazu, eventuell erscheint sogar tatsächlich ein neues Album, bevor die Tour abgeschlossen ist, so genau weiß man das bei dieser Band nie.

Man weiß überhaupt nicht so wahnsinnig viel. Eine weitere typische Cure-Geschichte aus den vergangenen zwei Jahren geht so: Eben noch kündigt Simon Gallup in einem theatralischen Social-Media-Post im August 2021 an, die Band verlassen zu haben, 24 Stunden später hatte er den Post auch schon wieder gelöscht, um im Oktober desselben Jahres zu bestätigen, wieder bei The Cure zu spielen, in Berlin steht er natürlich auf der Bühne. Derartige Episoden gab es immer wieder in der komplizierten Bromance von Smith und Gallup: Seit 1979 stieg der Bassist mehrere Male phasenweise aus, es gab Wirtshausschlägereien, Kreislaufzusammenbrüche, zwischenmenschliche Zerwürfnisse, aber am Ende kehrte Gallups stets zurück. Ebenso übrigens wie der Gitarrist und Keyboarder Perry Bamonte, der sich der Band für die aktuelle Tour wieder angeschlossen hat, nachdem Smith ihn 2005 rausgeworfen hatte. Die ganze Band wirkt in Berlin jedenfalls geschlossen und harmonisch wie lange nicht mehr.

Ein weiteres Gerücht: Am Rande des Berliner Konzerts war zu hören, das neue Album erscheine nun wirklich und endgültig zu Robert Smiths 64. Geburtstag am 21. April 2023. Das wäre immerhin ein symbolträchtiges Datum. Als The Cure zum letzten Mal ein Album zu einem Geburtstag ihres Chefs veröffentlicht haben, wurde Smith 33 Jahre alt und die Band stand auf dem Gipfel ihrer Popularität. Damals erschien WISH, ein Album, das womöglich der Hauptgrund dafür ist, dass eine ehemalige Underground-Band wie The Cure auch nach 14 Jahren ohne neues Album und im fünften Jahrzehnt ihres Bestehens überall auf der Welt in derart gigantischen Arenen spielen kann wie in Berlin.

Jene Veröffentlichung jährte sich nun also zum 30. Mal, das Jubiläum wird mit einer Deluxe-Version des Albums gefeiert (siehe Seite 28). Mit Smith, Gallup und Bamonte standen in der aktuellen Cure-Besetzung gleich drei Musiker in Berlin auf der Bühne, die damals mit WISH gewissermaßen den Grundstein für den heutigen Status der Band legten. In den Jahren 1989 bis 1992 waren The Cure endgültig zu internationalen Superstars geworden. Mit DISINTEGRATION gelang der große Durchbruch im wichtigsten Musikmarkt der Welt, den USA, wo sie in den Achtzigern bestenfalls als schrulliges Underground-Phänomen galten. Der Boden war also bereitet, ehe The Cure mit WISH endgültig zu den allseits verehrten Elder Statesmen des Alternative Rock wurden, wie man damals Rockmusik zu nennen pflegte, die nicht von Phil Collins gemacht wurde. Eine Zeitenwende hatte eingesetzt: Durch die Erfolge von Nirvana, den Red Hot Chili Peppers, Smashing Pumpkins und zahlreichen anderen war die zuvor scharf gezogene Trennlinie zwischen Underground und Mainstream obsolet geworden. The Cure waren eine der wenigen Bands der vorangegangenen Dekade, die von dieser Entwicklung nicht weggespült wurden, sondern von ihr profitierten. Robert Smith wurde von Leuten wie Billy Corgan und Kurt Cobain als prägender Einfluss genannt, gleichzeitig war er aber auch weiterhin da, höchst lebendig, kreativ und aktiv wie eh und je.

Dabei stand die Vorproduktion von WISH noch unter dem Eindruck einer kräftezehrenden gerichtlichen Auseinandersetzung mit Lol Tolhurst, mit dem Smith The Cure gegründet hatte und der die Band nach seinem Rauswurf verklagt hatte. Vordergründig ging es um Tantiemen, tatsächlich wohl eher um gekränkte Egos. Vier Jahre zog sich die Schlammschlacht hin, letztlich profitierten nur die Anwälte: Tolhurst verlor den Prozess und brauchte über zehn Jahre, seine daraus resultierenden Schulden zu bezahlen. Nach dem Zerwürfnis mit seinem Jugendfreund ging auf der Tour zu DISENTEGRA-TION auch dessen Ersatz Roger O’Donnell verloren. Smith stand also erneut vor der Aufgabe, die Band neu zu besetzen. Neben dem einzig verbliebenen Ur-Mitglied Simon Gallup berief er den vormaligen Gitarrentechniker der Band, Perry Bamonte, als neuen Keyboarder in die erste Reihe, hinzu kamen der Immer-mal-wieder-Cure-Gitarrist Porl Thompson und der Schlagzeuger Boris Williams, das Erfolgs-Line-up der vorangegangenen Alben blieb also im Wesentlichen bestehen.

In dieser Besetzung begaben The Cure sich im September 1991 erneut mit dem Produzenten Dave Allen in das The Manor Studio, eine Tudorvilla eine Autostunde außerhalb von London, die der Virgin-Chef Richard Branson 1970 gekauft und als Edelstudio für seine Topkünstler hergerichtet hatte. Das reichlich dekadent im Stil eines herrschaftlichen englischen Landsitzes eingerichtete Studio war purer Seventies-Rockstar-Porn mit einem lächerlich großen Ölgemälde im Salon, auf dem Bono von U2, Phil Collins, Jim Kerr (Simple Minds) und andere prominente Kunden des Studios abgebildet waren. „Der Ort hat für mich alles symbolisiert, was in den Siebzigern im Rock’n’Roll schiefgelaufen ist“, sagte Robert Smith dem Magazin „Spin“. Es war also Kreativität gefragt: The Cure schmückten die Wände mit Literaturzitaten, Zeitungsausschnitten und pornografischen Cartoons von Perry Bamonte, der zudem das monströse Ölgemälde der Realität anglich, indem er Phill Collins’ mittlerweile ausgefallene Siebzigerjahremähne mit einer Glatze übermalte.

Nun fühlten The Cure sich wohl. Es wurde reichlich getrunken, wie bei Cure-Produktionen üblich, aber die Stimmung war deutlich besser als sonst. In den Pausen spielten die Musiker Snooker und unternahmen Radtouren in umliegende Gaststätten, an eine ähnlich gelöst und ungezwungene Studioatmosphäre konnte sich niemand erinnern. „Die Leute trauen uns generell keinen Humor zu“, sagte Smith 1992 in einem Interview mit dem Musikjournalisten Simon Reynolds. „Bei dieser Produktion hatten wir besonders viel Spaß, es war großartig, dieses Album zu machen.“

Die technischen Möglichkeiten des Studios wurden maximal ausgenutzt, Spur über Spur geschichtet, Overdub auf Overdub getürmt und alles zu einer massiven Wall Of Sound mit unzähligen Effekten und runtergestimmten Gitarren verdichtet. Ein zentraler Unterschied zu DISINTEGRATION: Perry Bamonte wurde zwar als Keyboarder eingestellt, ist aber gelernter Gitarrist. „Keiner von uns hatte Lust, Keyboard-Parts zu schreiben“, so Smith zu Reynolds, „also haben wir das Meiste mit Gitarren eingespielt, was später auf der Bühne sowieso mehr Spaß macht.“ Ein Umstand, der indes auch der Tatsache geschuldet war, dass Smith damals gebannt die Entwicklungen im britischen Shoegaze verfolgte und mit Begeisterung Bands wie Ride, My Bloody Valentine und Slowdive hörte.

Aus dem ursprünglichen Plan, direkt zwei Alben bei den Sessions zu produzieren, ein eher poppiges und ein düsteres, wurde nichts. Stattdessen destillierten The Cure aus den vielen in anderthalb Jahren geschriebenen Songs und Ideen insgesamt zwölf Songs, die beiden Ansprüchen gerecht wurden und WISH so zu einem vielstimmigen, letztlich klassischen Cure-Album machen, auf dem alle Facetten des stilistischen Spektrums dieser Band abgebildet sind, eine Art The-Cure-Best-of mit neuen Songs.

In den freien Stunden las Robert Smith Stendhals Klassiker „Über die Liebe“, in dem der französische Autor 1822 vermeintliche Gesetzmäßigkeiten der Liebe zu ergründen versuchte. So entstand ein Beziehungsalbum, wie Smiths beste Lyrik überhaupt stets Beziehungslyrik ist: die zu sich selbst, zu Freunden, natürlich Liebesbeziehungen. Der Mensch und sein Verhältnis zur Welt, was bei Robert Smith zu Beginn der Neunziger immer auch sein schwieriges Verhältnis zu den Gesetzmäßigkeiten der Musikindustrie, zum kommerziellen Erfolg der Band mit KISS ME, KISS ME, KISS ME und DISINTEGRATION meinte. The Cure waren eine Firma geworden, bis zu diesem Zeitpunkt hatten sie zehn Millionen Alben verkauft. Funktionieren zu müssen, jeden Morgen aufzustehen, Termine einzuhalten, nicht nur Studio- und Konzerttermine, sondern auch solche mit Anwälten und Managern, setzte Smith zu: „Bei The Cure geht es immer auch um Verweigerung“, sagte er im Reynolds-Interview, „nicht zuletzt um die Weigerung, erwachsen zu werden. Verantwortung zu übernehmen, Kompromisse einzugehen, nüchtern zu bleiben und ähnlichen Erwachsenenkram lehnen wir ab.“ Die geschäftliche Seite verkörperte für Smith die Erwachsenenwelt, er erkannte aber ihre Notwendigkeit. Gleichzeitig machte es diesem Goth-Peter-Pan immer noch riesigen Spaß, Musik zu machen und Songs zu schreiben, ein kaum aufzulösender Widerspruch. Smith war es leid, Erwartungen zu erfüllen und in Schablonen gepresst zu werden, in denen er sich nicht wiedererkannte, aber dennoch schrieb er am laufenden Meter künftige Welthits.

Die Ideen für diese Songs kamen ihm bei der Produktion von WISH in den alltäglichsten Situationen. Einmal traf die Band sich vor dem örtlichen Pub, um gemeinsam das Wochenende einzuläuten. Seit Wochen hatte Smith ein neues Riff geschrieben, das ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte. Derart eingängig war dieses Riff, dass er es sämtlichen Freunden vorspielte und fragte, ob es ihnen bekannt vorkomme. Der Sänger konnte sich nicht vorstellen, die Akkorde nicht versehentlich geklaut zu haben. Aber nachdem sämtliche Testpersonen verneint hatten, fehlte Smith jetzt nur noch ein Text für den neuen Song. Es war ein Freitagnachmittag und während er auf die anderen wartete, fragte er sich, ob es schon mal einen Text gegeben hatte, der im Wesentlichen aus Wochentagen bestand. Smith folgte dabei einem klassischen Blues- und Rock’n’Roll-Motiv der musizierenden Working Class: Während der Woche unterm Joch eines ungeliebten Brotjobs in Fabrik, Kohlenmine oder auf der Baustelle zu stehen und jede einzelne Sekunde das erlösende Wochenende herbeizusehnen, an dem das eigentliche Leben begann, war das zentrale Narrativ endlos vieler Songs, die australische Band Easybeats hatte daraus ihren Hit„FridayOnMyMind“geformt, The Who viele ihrer frühen Singles.

Bei Robert Smith hingegen wurde aus den Grundzutaten dieser Erzählung der perfekte Love-Song und eins der besten Poplieder aller Zeiten:„FridayI’mInLove“,der zentrale Song aus WISH. Wer 1992 das Radio anmachte, hatte bald gute Chancen, die sehnsuchtsvolle Stimme von Smith in korrekter Reihenfolge die Wochentage aufzählen zu hören.

Die entwaffnende Simplizität dieser universell verständlichen Erzählung in Verbindung mit dem an Johnny Marr erinnernden Riff, dem juchzenden Gesang und dieser himmelwärtsstrebenden Melodie vereint sich zu einem ultimativen Glücksmoment, der die Endorphine durcheinanderwirbelt und so klingt wie Verliebtheit selbst, dieses höchste aller Gefühle, das nur selten in vergleichbarer Perfektion in drei Popminuten gegossen worden ist.

Mit WISH erreichten The Cure Platz eins in Großbritannien und Platz zwei in den amerikanischen Charts, nach verkauften Einheiten ist DISINTEGRATION minimal erfolgreicher. Aber es gibt noch eine andere Währung, die für eine lange Karriere womöglich entscheidender ist: Radio-Airplay.„FridayI’mInLove“ist aus der Rotation der internationalen Radiostationen bis heute nicht wegzudenken, und natürlich kann man inzwischen auch ganze Tage mit dem Song oder von ihm inspirierten Clips bei TikTok zubringen, sich an über 100 Millionen YoutTube-Clicks erfreuen oder über annähernd 500 Millionen Spotify-Plays. „FridayI’mInLove“mag zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung nicht Smiths größter Hit gewesen sein, aber es ist der langlebigste über die Grenzen des Cure-Universums hinaus: „Für Taxifahrer bin ich nicht der Typ, der ‚OneHundredYears‘singt, sondern der Sänger von ‚FridayI’mInLove‘“,hat Smith einmal gesagt.

So eröffnete der Mann, der nicht erwachsen werden will, sich mit dem Album WISH einen gigantischen Möglichkeitsraum, in dem alle Facetten dieser Musik aufgingen und der nicht zuletzt die Basis dafür war, sein Leben lang weiter in dieser Band spielen und letztlich in Berlin vor 17 000 Zuschauern auf der Bühne stehen zu können. Nicht schlecht für einen „dummen, kleinen Popsong“, wie Smith das Lied einmal nannte. In Berlin hat er es natürlich trotzdem gespielt.

Pop am tiefsten Abgrund

The Cure

WISH (30th Anniversary Edition) POLYDOR/UNIVERSAL/VÖ: 25.11.

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WISH gilt als freundliches Cure-Album. Das stimmt, was die Hits betrifft. Aber nur einen Schritt weiter – und es geht bergab. Die Fallhöhe war gigantisch: Das Album DISINTEGRATION war 1989, sieben Jahre nach PORNOGRAPHY, für The Cure der zweite Peak in Sachen Vertonung absoluter Verzweiflung – mit dem Unterschied, dass die Band auf DISINTE-GRATION zwischen dem gloriosen Elend ein paar Singlehits platziert hatte. Besser ging’s nicht! Das wusste auch Robert Smith, aber probierte es trotzdem: WISH vertraut 1992 aufs gleiche Konzept. Es gibt die gigantischen Tränenzieher und den großen Pop, und Smith stellt sie nicht gegenüber, sondern versucht, sie miteinander zu verschmelzen. Das führt zum merkwürdigen Moment, wenn im Herzen des Albums auf die unglaublich eingängige Radiosingle„FridayI’mInLove“der Song „Trust“folgt, in dem Smith klarmacht, wie nah er dem Abgrund steht: „There's no-one left in the world / That I can hold onto / There is really no-one left at all / There is only you / And if you leave me now / You leave all that we were / Undone“. Das ist kein Liebeslied, das ist eine emotionale Erpressung. Sie folgt ausgerechnet auf den Song, mit dem es die Cure im Frühsommer 1992 in die deutschsprachigen Privatradios der Bundesrepublik geschafft hatten, mit Zeilen wie „Enough of this stuff / It’s friday, I’m in love“. Nach dem Lied forderten die Radio-Moderator*innen ihre Hörerschaft gerne auf, es The Cure gleichzumachen und das Wochenende zu genießen – als sei Robert Smith ein Typ für Schaumpartys und Bierbiketouren. Danach lief dann „Don’tTalkJustKiss“von Right Said Fred oder „ToBeWithYou“von Mr. Big.

Diese geteilte Rezeption von WISH hatte zwei Folgen: Erstens war das neunte Album von The Cure das kommerziell erfolgreichste der Bandgeschichte, ihr bislang einziges Nummer-eins-Album in Großbritannien überhaupt, in den USA ging’s hoch bis auf Platz zwei, zum Vergleich, PORNOGRAPHY erreichte 1982 lediglich Rang 133. Kein Wunder also, dass die Pop-Momente von WISH die Tristesse Royale überstrahlten: Bis heute gilt die Platte im Kanon von The Cure als vergleichsweise fröhlich. Was jedoch nur dann stimmt, wenn man zwar am Abgrund steht, dort aber konsequent nach hinten schaut. Dass auf weitere freundlich gesinnte Songs wie„High“,„ALetterToElise“,„WendyTime“oder „DoingTheUnstuck“mit der im Cure-Kontext unverschämten Aufforderung „let’s get happy!“ gigantische Untiefen folgten, ging 1992 ein wenig unter. Viele hörten WISH auf CD, skippten das dunkle Zeug weg, hörten die Hits. Ein Fehler, natürlich.

Das dritte Stück„Apart“läuft schon mehr als eine Minute, da flüstert Robert Smith mehr, als dass er singt: „He waits for her to understand / But she won't understand at all.“ Sechseinhalb Minuten zieht sich diese gespenstische Trennung hin, die Band suhlt sich in Moll. „FromTheEdgeOfTheDeepGreenSea“ist einer dieser Cure-typischen Psych-Brocken, kreischende Gitarren, rhythmisches Mantra, er weine nicht, singt Smith, „it’s just rain, I smile“. Dann dreht er sich um, wischt die Tränen weg und findet sich an einem Ort wieder, „miles and miles and miles and miles and miles and miles away from home again“. Über das Blackmailing-Lied „Trust“sprachen wir bereits, am Ende des Albums (Spielzeit: fast 67 Minuten) erfolgt eine zweigeteilte Kapitulation: Bei „ToWishImpossibleThings“singt Smith „all I wish is gone away“, bei „End“fleht er „please stop loving me“. Danach wünscht niemand mehr ein schönes Wochenende.

Das Reissue des Albums ist eine Einladung, diese emotionale Dialektik neu zu entdecken. Hier hilft die Vinylfassung, die schon deshalb sinnvoll ist, weil die kleine Originalauflage der Doppel-LP mittlerweile sehr teuer gehandelt wird. Drei Stücke pro Seite, zu skippen verbietet sich, das ist WISH im Cure-Cut. Erhältlich ist zudem eine CD-Box mit zwei Bonus-Discs. Die 21 Demos der ersten funktionieren als Werkstattbericht, interessant nur für Analyst*innen. Die dritte CD bietet die 1993 nur als Kassette erschienenen Tracks der Mailorder-only-EP„LostWishes“,ein Tape-Replika als Fan-Gimmick war in Windeseile ausverkauft. Alle vier Stücke sind Instrumentals und routinierte Performances des zur WISH-Zeit typischen Cure-Sounds. Ohne Vocals am überzeugendsten wirkt „UyeaSound“,das mit seiner zähfließenden Schwermut wie ein trauriges Stück der schottischen Postrocker Mogwai wirkt. Dazu hat Robert Smith 12‘‘-Extended-Mixes der Singles ausgebuddelt: Toll, wie „High“durch Cembalo-Simulationen wie ein Hit der Cocteau Twins klingt, „ALetterToElise“legt im Blue-Mix an Wucht zu und erinnert an die Musik, die Depeche Mode 1993 mit SONGS OF FAITH AND DEVOTION spielten. Das Bonus-Material belegt, wie vielfältig die Entwicklungsmöglichkeiten nach WISH gewesen sind. Dass The Cure 1996 mit WILD MOOD SWINGS eine erschreckend schwache Popplatte nachlegen würden, ahnte niemand.

ANDRÉ BOSSE

Songs Of A Lost World

Was wir alles über das sagenumwobene (oder sogardiesagenumwobenen Alben) neue Album von The Cure wissen – und was eben nicht. Eine Zusammenfassung.

In Daniel Deckers Buch „Not Available“ über nicht erschienene Platten geht es auch um Robert Smiths seit gut zwanzig Jahren versprochenes Soloalbum. Dies soll angeblich ein reines Instrumentalwerk werden, denn würde er singen, klänge es ja doch wie eine Platte von The Cure. Noch keine Erwähnung findet das zum Veröffentlichungszeitpunkt des Buches auch schon seit gut drei (inzwischen viereinhalb) Jahren angekündigte neue Album von The Cure, von dem Robert Smith erstmals im April 2018 einem BBC-/ Radio 6-Moderator erzählte. Beziehungsweise in seiner typisch verdrucksten Art andeutete, ihm gefalle die Idee, neue Musik aufzunehmen, aber lieber doch mit Band, denn sonst fühle er sich so allein. Auch wenn Smith sich in diesem Interview nicht wirklich eindeutig ausdrückte, war die Sache nun in der Welt, beziehungsweise verselbstständigte sich. Es würde also ein neues Album von The Cure geben. Gut möglich, dass Robert Smith es kurz darauf bereute, öffentlich laut nachgedacht zu haben, denn eigentlich hatte der letzte Track („It’sOver“)vom ungeliebten und auch nicht sonderlich erfolgreichen Album 4:13 DREAM bereits im Jahr 2008 einen gefühlten Schlusspunkt gesetzt. Würde die Band künftig hin und wieder mit ihrem beeindruckenden Hit-Repertoire auf Tour gehen und als Zugaben „BoysDon’tCry“und „FridayI’mInLove“spielen, wären doch alle zufrieden, oder nicht? In den vergangenen Jahren wurden die Verlautbarungen konkreter und verworrener zugleich: Smith verstieg sich gar auf die Ankündigung von gleich zwei neuen Cure-Platten UND der Jubiläumsausgabe vom 1992 erschienenen WISH. Das eine der beiden neuen Alben klänge eher düster, wäre mehr DISINTEGRATION als THE HEAD ON THE DOOR. Das zweite würde das Gegenteil davon, leichter und poppiger. Offenbar zu viele Versprechungen auf einmal. Smith bezeichnete das noch nicht materialisierte Werk (jetzt: Einzahl) zwischenzeitlich als „gnadenlos“, und gab im Mai 2022 – nach der Verleihung des renommierten Ivor-Novello-Icon-Awards – dem „NME“ ziemlich gereizt zu Protokoll, dass „wir ein neues Album herausbringen werden. Ich habe es mittlerweile satt, das immer wieder zu sagen!“ Die Band würde im Oktober auf Europa-Tournee gehen, und das neue Album wäre vorher draußen. Denn, so Smith, „es ist fast fertig“.

Gerade waren The Cure auf Europa-Tour und spielten natürlich„Friday,I’mInLove“und „BoysDon’tCry“– und zwei neue Stücke, namentlich „Alone“und „AndNothingIsForever“.Das ist, um auf Smiths Andeutung von vor viereinhalb Jahren zurückzukommen, tatsächlich neue Musik. Aber noch kein Album. Geschweige denn zwei Alben. Die zwölf SONGS OF A LOST WORLD (Albumtitel und Songanzahl sind schon bekannt) erweisen sich anscheinend als gnadenlose self fulfilling prophecy. In einem Interview sprach Smith kürzlich davon, dass die mysteriöse Platte ein „verrücktes Ding“ sei, das sich während der letzten zwei Jahre immer wieder anders entwickelt hätte. Und es wäre nicht gut, wenn er allein mit dem Material zugange wäre, denn dann lösten sich „die Säume auf“ und alles fiele auseinander. Gleichzeitig bekräftigt Smith tapfer, dass sich das Warten sehr wohl lohnen würde, denn SONGS OF A LOST WORLD wäre das Beste, was The Cure je gemacht hätten. Die Stücke wären nur sehr schwer zu singen, deshalb dauerten die Aufnahmen eben so lang. Man muss psychologisch nicht allzu bewandert sein, um in diesen Aussagen eine gewisse Verzweiflung zu erkennen. Oder blanken Horror vor den Geistern, die man sorglos durch den Äther rief. Auf der Website von The Cure muss man indes ganz schön tief graben, um Infos zum neuen Album zu finden – die beworbene 30th-Anniversary-Deluxe-Edition von WISH und das Charity-Shirt für die Ukraine wirken wie willkommene Nebenschauplätze. Erst am Ende der umfangreichen Band-Bio steht maximal vage etwas vom „Weiterarbeiten an neuen Songs“, der Eintrag endet offen: ... And then ...

Ob sich The Cure nach ihrer Tournee (44 Konzerte in 22 Ländern) zur Fertigstellung des Albums aufraffen können oder erst mal in die Weihnachtsferien gehen und SONGS OF A LOST WORLD weiter aufschieben, bleibt abzuwarten. Der Eintrag in einer neuen Auflage von „Not Available“ scheint realistischer.

CHRISTINA MOHR