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The Happiness Formula


Chrom & Flammen - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 28.07.2021

1974er Pontiac Firebird Formula 350

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Bildquelle: Chrom & Flammen, Ausgabe 8/2021

Der Wunsch, einmal einen Pontiac zu fahren, keimte schon im zarten Alter von vier oder fünf Jahren in Sara, als sie die ferngesteuerte Version von KITT aus “Knight Rider” geschenkt bekam. Schon als kleines Mädchen guckte sie lieber Action-Serien als Ponyhof-Geschichten. Ihre Helden waren Michael Knight, das A-Team oder Mac Gyver. “Autos haben schon immer eine Rolle gespielt in meinem Leben”, erinnert sie sich. Das beeindruckendste Gefährt war damals der Unimog, den ein Freund ihres großen Bruders fuhr. “Ich war zehn und sooo neidisch”, sagt sie lachend. “Mich faszinieren große, starke Dinge, über die man die Kontrolle verlieren kann.” Die Begeisterung für Pferdestärken machte jedoch nicht an der Garage halt. Sara hing auch auf dem Ponyhof rum, lackierte sich die Nägel pink und hörte die Spice Girls. Um gleich mal möglichen Geschlechterklischees zuvorzukommen. ...

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Ihr Vater, bekennender Alfa-Romeo-Fan, fuhr der Mutter zuliebe dann doch einen Range Rover. Und nahm seine autobegeisterte Tochter regelmäßig mit auf Ausflüge. Sie genoss es, mit ihm ziellos umherzufahren. Er genoss es, endlich Gas geben zu dürfen. Denn Geschwindigkeit fanden beide toll. Heute nennt man es “Cruisen”, damals waren diese Trips das kleine, schnelle Geheimnis dieser eingeschworenen Fahrgemeinschaft. “Einer der größten Späße war unser erstes Autotelefon”, erinnert sich Sara. “Diese riesigen Geräte waren sperrig und stellten die Verbindung via Satelliten her.” Den Luxus nutzten Vater und Tochter für Blödsinn, etwa, um der Mutter einen Anruf ihrer Verwandten aus Finnland vorzugaukeln.

Natürlich sparte die in Ravensburg aufgewachsene Halbfinnin früh auf den Führerschein. Doch als pragmatischer Mensch investierte sie das Geld kurzerhand in ein “waaahnsinnig tolles Fahrrad”. Schließlich brauchte sie in der oberschwäbischen Kreisstadt nicht zwingend ein Auto. Genausowenig zum Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart – gab es dort doch genügend öffentliche Verkehrsmittel. Erst zum Ende ihres Referendariats, mit 27, wollte sie endlich selbst ans Steuer. Wie in Michael Endes “Die unendliche Geschichte” zieht jedoch ein Wunsch den nächsten nach sich, und Sara tauchte ein in ihr eigenes Phantásien. Ihren Einstieg in die Car-Heat-Szene bildete jedoch nicht ein Amulett, sondern das erste eigene Auto – ein 190er Benz. Was daraufhin ziemlich schnell klar war: “Ich will ‘ne geile Karre!”

Liebe auf den ersten Blick: Der schwarze Firebird Formula von einem holländischen Händler erwies sich als Glücksgriff.

Um im Bild zu bleiben: Wie Bastian in der “unendlichen Geschichte” versucht Sara alle Zweifel abzulegen, die sie vorher gehemmt hatten. Pragmatismus und Vernunft wichen dem tiefen Wunsch nach einem großen, unnützen und viel zu teuren Auto. 2016 kam eins zum anderen. Man könnte es Schicksal nennen, aber eines Nachts gegen 4 Uhr morgens – Sara war mit einer Freundin auf dem Heimweg – stand da plötzlich ein riesiger Ami- Schlitten am Straßenrand. Sie quatschte den Fahrer an, ob er sie eine Runde um den Block mitnehmen würde. “Ich hab ihn natürlich vollgelabert, dass ich unbedingt so ein Auto brauche”, erzählt sie. Er nahm die beiden zwei Ampeln weit mit und drückte Sara seine Karte in die Hand. Dass daraus Liebe werden würde – und nicht nur für ein Auto – hätte sich wahrscheinlich auch Michael Ende so nicht ausdenken können.

Doch wir greifen vor. Zunächst fuhr die mittlerweile stadtbekannte Kunstvermittlerin in Christian Rühles Werkstatt ins Remstal und ließ sich professionell beraten. “Ich wollte wissen, was ich mir leisten kann, was Sinn und außerdem Spaß macht.” Ihre Wahl fiel sofort auf einen Pontiac – für sie ist dieses Modell das Eleganteste und Zeitloseste, was es an Formperfektion auf vier Rädern gibt, das aber trotzdem etwas Aggressiv- Sportliches hat. Gleiches könnte man wohl auch über seine Fahrerin sagen, deren erklärtes Ziel ist, anderen ihre Leidenschaft für Kunst nahezubringen, die nie um eine Antwort verlegen ist und mit viel Charme auch die bissigsten Fragen schlagfertig pariert.

Nach dieser Beratung beginnt die Suche, ein Händler aus den Niederlanden bietet einen Firebird Formula aus dem Modelljahr 1974 mit 350-ci-V8 an. Plötzlich ist Sara unsicher, vertagt die Entscheidung. Vielleicht ist es nur ein lustiger Zufall, dass sie gerade bei der Biennale in Venedig ist und sich einen Aperol Spritz gönnt, als sie der Kaufmoment übermannt. “Ich habe ihn angerufen, gesagt, dass ich keine Ahnung von Autos habe und ich ihm vertrauen muss, dass er mir ein vernünftiges Auto schickt. Er versicherte mir, dass es ein gutes Auto ist. Also hab ich gesagt: Ja, das kauf ich.” Es ist Anfang September. Und nun muss es schnell gehen. Denn das Auto sollte keine vier Wochen ›› ›› später ihr Geburtstagsgeschenk an sie selbst sein. “Einen Tag vorher habe ich es zugelassen und bin dann mit meiner Lieblingsband, den Hartjungs, durch Stuttgart gecruist.”

Abgesehen vom “King of the Hill”, dem TransAm, war der Formula das sportlichste Modell der Firebird-Serie. Zur Ausstattung gehörten breitere Reifen als beim Basis-Firebird und dem Firebird Esprit sowie ein Sportfahrwerk. Besonders cool ist die Fiberglas-Motorhaube des Formula mit ihren beiden mächtigen Scoops. Es war übrigens – was das Auto angeht – dann auch Liebe auf den ersten Blick. “Der Pontiac hat mich noch nie enttäuscht, und ich habe die Entscheidung auch nie bereut. Obwohl dieses Auto das Unvernünftigste ist, was ich je getan habe. Den Kredit aufzunehmen war aber ein total befreiendes Moment. Schließlich war das ein Geschenk an mich selbst.”

Seither zelebriert sie ihr Auto, fährt den Firebird bei den Staatstheatern vor oder sorgt dafür, dass er bei Fotoshootings richtig in Szene gesetzt wird. Selbst in der “Stuttgarter Zeitung” stahl ihr “die Karre”, wie sie ihn liebevoll nennt, fast schon die Show. Der Autor schrieb über das Duo: “Wäre Sara Dahme ein Kinofilm, wäre sie ein New-Hollywood-Roadmovie aus den 1970ern. […] Und ihr Hauptdarsteller wäre eine Auto. Nicht irgendein Auto, sondern ein schwarzer Pontiac Firebird, Jahrgang 1974.”

Was sie allerdings wirklich nervt, sind all die Klischees, mit denen sie als Frau seither konfrontiert ist: angefangen vom Bankberater bis hin zu blöden Kommentaren beim Tanken. “Schönes Auto fährt Ihr Mann da” oder “Warum fahren Sie ein Männerauto?” Das scheint für viele – sorry! – Männer wirklich ein Problem zu sein. “Das war mir so gar nicht bewusst. Hätte mich aber auch nicht davon abgehalten”, sagt Sara grinsend. Üblicherweise scheint für Frauen der Beifahrersitz reserviert zu sein – oder die Motorhaube, kombiniert mit einer aufreizenden Pose. “Motorhaube und Beifahrersitz haben mich nie gereizt”, sagt sie, “und scheinbar empfinden es manche als Übergriff, wenn eine Frau so ein Zuhälterauto fährt.”

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1974er Pontiac Firebird Formula 350

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Motor: Pontiac-OHV-V8, 354 ci, 5.802 ccm, 170 PS bei 4.000 U/ min, 393 Nm bei 2.400 U/min; Bohrung x Hub in mm: 98,5 × 95,3; Verdichtung 7,6:1; 12-fach-Vergaser, Doppelauspuff

Kraftübertragung: Dreigang-Automatikgetriebe GM TurboHydramatic, Hinterradantrieb, Achsantrieb 2,73:1

Vorderachse: Einzelradaufhängung an oberen und unteren Querlenkern, Schraubenfedern, Teleskopstoßdämpfer, Querstabilisator

Hinterachse: Starrachse an Blattfedern, Teleskopstoßdämpfer, Querstabilisator

Bremsen: Scheibenbremsen vorn vorn/Trommelbremsen hinten

Räder: Stahlräder Pontiac “Rally II” in 7 × 15" vorne und 8 × 15" hinten

Reifen: BF Goodrich “Radial T/A” in 225/60 R 15 vorne und 235/60 R 15 hinten

Sonstiges: Front von Modelljahr 1973, Sidemarker entfernt, Service & Wartung durch Rühle Motors (ruehlemotors.de)

Und wir dachten immer, es brauche schon mehr als eine Burt-Reynolds-Karre, um Männerwelten zu erschüttern! Zum Beispiel die Tatsache, dass Sara Dahmes Zweitwagen wieder etwas Vernünftiges ist. Was Solides. Schwäbisches. Seit diesem Frühjahr parkt im Erdgeschoss des Züblin-Parkhauses ein 126er Mer-cedes Benz. Die S-Klasse ist dann doch praktischer, wenn Sara kurzfristig nochmal los muss. Denn seit dem Sommer 2020 betreibt sie dort gemeinsam mit Christian Rühle den Kultur Kiosk, einen Ort der Begegnung. Letzterer ist übrigens mittlerweile Lebensund nun auch Geschäftspartner. Wenn das mal kein Happy End ist!

Text: Kathrin Stärk