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The King of Jazz


FONO FORUM - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 07.07.2021

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Bildquelle: FONO FORUM, Ausgabe 8/2021

Wolfram Knauer: Black And Blue. Louis Armstrong – Sein Leben und seine Musik (Reclam, 2021)

Hörtipps

Louis Armstrong: Ken Burns Jazz (Sony) All-Time Greatest Hits (MCA)

Man könnte die Geschichte so erzählen: Ein schwarzer Junge aus New Orleans, aufgewachsen in kleinsten Verhältnissen, entdeckt, dass man alles – die stickige Enge der Armut, das Herumgestoßenwerden durch die trinkende, lieblose Mutter – einfach wegblasen kann, indem man ein Mundstück an die Lippen setzt und drauflosspielt. Von Anfang an hört man ihm zu. Und dieses Zuhören ist es, was ihm am meisten gefällt. Fortan möchte er immer mehr Menschen verzaubern – bis er schließlich, nun endgültig den Sümpfen des Südstaaten-Blues und dem Jazz der Kaschemmen und Bordelle von New Orleans entkommen, zum lächelnden Schlagerstar wird, der nur noch seine eigene ...

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... klischierte Marke vertreibt: Louis Armstrong.

Man könnte die Geschichte aber auch so erzählen: Geboren am 4. August 1901, emanzipiert er sich im Waisenhaus durch die Musik von seinen Verhältnissen, erobert schon mit 15 Jahren lokale, danach immer größere Bühnen, schließlich die ganze Welt und wird ein Botschafter des Jazz. Erfindet ihn neu, befreit ihn aus dem Nischenfach und triumphiert durch sein ureigenes Rezept: seine unbändige Spielfreude. „What A Wonderful World“!

Beide Erzählweisen haben ihre Berechtigung. Aber vielleicht gibt es doch eine Konstante in diesem Leben: das Unterhalten- und Gefallenwollen als Grundvoraussetzung aller guten Entertainer. Schon 1923 triumphiert der wegen seines großen Mundes gerne Satchmo (= „Satchelmouth“) genannte Trompeter mit seinem Solo über den „Chimes Blues“ und wird in Chicago zum Stadtgespräch. Da ist er noch zweiter Trompeter in King Oliver’s Creole Jazz Band. Armstrongs Frau Lillian ergreift die Gelegenheit der aufkeimenden Popularität, um ihm klar zu machen, dass sie keineswegs mit einem zweiten Trompeter vorliebnehmen würde – und fordert ihn auf, seine eigene Band zu gründen. Was danach kommt, sind die Hot Five und Hot Seven, reine Studioformationen. Mit diesen ist der Olymp erreicht.

Spätestens jetzt wird Armstrongs Gesang immer populärer. Bei der Aufnahme von „Heebie Jeebies“ taucht 1926 auf einmal ein rhythmischer Silbengesang auf; diese Scat-Vocals lösen eine wahre Begeisterungswelle aus. Armstrong wird später behaupten, sie aus reiner Not erfunden zu haben, weil ihm während der Plattenaufnahme der Text vom Notenpult gerutscht sei. Er aber weitergesungen habe, um den Take in den Kasten zu bekommen.

Einer von Armstrongs heutigen Verehrern ist Wynton Marsalis, selbsternannter Gralshüter des „wahren“ Jazz. Er sieht Louis’ Musik als Role Model für den gesamten Jazz. Für Parker, Gillespie, Ornette Coleman – egal für wen.“ Und: „Er kannte die harmonischen Gerüste des Blues so gut, dass seine Musik die Gefühlstiefe des Blues transportierte, auch wenn er gar keinen Blues spielte.“ Für Pianist Jason Moran ist Armstrong sogar der erste Remix-Künstler überhaupt: „Die Art und Weise, etwas Neues in altbekannte Songs reinzubringen, selbst wenn dies überhaupt nicht vom Komponisten beabsichtigt war, ist für heutige Jazzer noch genauso gültig: Den ,West End Blues‘ hatte Armstrong ursprünglich von seinem Lehrer gelernt. Aber so, wie er bei King Oliver klang, klingt er bei Armstrong überhaupt nicht. Schließlich wollte King Oliver wiederum Louis’ Remix remixen.“

„Louis’ Trompetensoli wurden Vorbild für jedes Jazzsolo nach ihm."

Gegen Ende der 1930er-Jahre ist Armstrong so populär, dass Hollywood auf ihn aufmerksam wird. Er spielt in Filmen mit – zugegeben, in albernsten Rollen. Armstrongs optimistisches Wesen, verteidigt ihn Trompetenkollege Wynton Marsalis, sei eben die Art gewesen, mit dem Unglück seiner Kindheit fertigzuwerden. Trotzdem werden ihm Bebop-Musiker – eine Stilrichtung, die Armstrong strikt ablehnt – später prompt vorwerfen, in den Filmen stereotype Rassenklischees in Onkel-Tom-Manier zu transportieren. Aber Armstrong kann auch anders. Als 1957 in Little Rock (Arkansas) nach Aufhebung der Rassentrennung dennoch sieben Schülerinnen und Schülern der Zugang zur Highschool von der Nationalgarde verwehrt wird, fragt ein Journalist Armstrong nach seiner Meinung. Das Interview wird zum Frontalangriff auf das weiße Establishment, eine Komplettabrechnung mit der Regierung. Pikanterweise war der Trompeter gerade im Begriff, als Botschafter seines Landes mitten im Kalten Krieg durch die Sowjetunion zu „Louis’ Trompeten­ soli wurden touren. Jetzt sagt er die Tour ab.

Man kann unzählige Musikerkollegen heranziehen, die Jazzsolo nach ihm“ die Bedeutung des „King of Jazz“ bezeugen. Am interessantesten vielleicht solche, die man nicht unbedingt mit Satchmos Musik in Verbindung bringen würde. „Er brachte es fertig, ein Lächeln auf die Gesichter des Publikums zu zaubern“, rekapitulierte Schlagzeuglegende Max Roach. Kein Geringerer als Miles Davis fasste die Geschichte des Jazz in vier Worten zusammen: Louis Armstrong – Charlie Parker. Und dann ist da noch Lester Bowie – vielleicht der authentischste Kronzeuge von allen –, der seine abstrakte, von Perkussionsfeldern durchzogene Musik im Art Ensemble of Chicago – von seinen Brass-Bands ganz abgesehen – immer wieder mit der Tradition des frühen Jazz koppelte. Und damit auch Armstrong meinte. Kein Zweifel: Der war ein genialer Geschichtenerzähler. Egal, ob mit der eigenen Stimme oder der Trompete – das Geschichtenerzählen blieb bis zuletzt die unbedingte Sehnsucht von Louis Armstrong.