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THE MAN WHO KILLED QDON UIXOTE


deadline - das Filmmagazin - epaper ⋅ Ausgabe 71/2018 vom 05.09.2018

TRÄUMDEN UNMÖGLICHEN TRAUM–ABER ER KÖNNTE MÖGLICH WERDEN…


Artikelbild für den Artikel "THE MAN WHO KILLED QDON UIXOTE" aus der Ausgabe 71/2018 von deadline - das Filmmagazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: deadline - das Filmmagazin, Ausgabe 71/2018

Regie: Terry Gilliam / SP, F, B, P 2018 / 132 Min
Darsteller: Jonathan Pryce, Adam Driver, Stellan Skarsgård, Olga Kurylenko
Produktion: Jeremy Thomas
Freigabe: FSK 12Start: 27. 09. 2018

… und ob das in einem Terry-Gilliam-Film eine gute Option wäre, ist noch lange nicht ausgemacht. Ziemlich deutlich scheint mir aber, dass es nicht um ein Hohelied geht, nicht um »Träum den unmöglichen Traum« wie im bekannten DON QUIXOTE-Musical. Träume greifen bei Gilliam immer auf die Realität über, nicht selten SinD Sie die Realität ( ...

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… und ob das in einem Terry-Gilliam-Film eine gute Option wäre, ist noch lange nicht ausgemacht. Ziemlich deutlich scheint mir aber, dass es nicht um ein Hohelied geht, nicht um »Träum den unmöglichen Traum« wie im bekannten DON QUIXOTE-Musical. Träume greifen bei Gilliam immer auf die Realität über, nicht selten SinD Sie die Realität (oder wie es schon in Monty Pythons Philosophenfußballspiel heißt: »Nietzsche meint, die Wirklichkeit sei nur eine Illusion«, also sei Sokrates’ Tor anzufechten ). Gemessen daran beginnt Gilliams Werk beinahe erschreckend konventionell, was sich aber als durchdacht herausstellt. Gleich in der Eröffnungsszene Die ikonografische Metapher, die jeder kennt, der noch nie einen Blick in Cervantes’ Roman geworfen hat, der Kampf gegen Windmühlenflügel: Da muss doch etwas faul sein, so fällt man doch nicht mit der Tür ins Haus? Und so ist es auch: Es ist ein Dreh eines Werbefilmes, verantwortet von Toby (Adam Driver ). Vor der Kamera die historischen Windmühlen, dahinter eine bis zur Unkenntlichkeit windräderzerspargelte Landschaft.

Und auch ansonsten ist vom dörflichen Spanien nicht mehr viel übrig, das Toby sucht und in dem er vor zehn Jahren mit einheimischen Laien einen DON QUIXOTE-Abschlussfilm gedreht hat: die Kneipe und der Wirt trist, seine Tochter (jugendliche damalige Dulcinea-Darstellerin, der Toby das Blaue vom Himmel versprochen hat ) ins »Milieu« abgerutscht, der Sancho-Panza-Darsteller tot, und der damals schon ältere Quixote-Darsteller Javier (Jonathan Pryce ) hält sich nun tatsächlich für DON QUIXOTE. Fantasie und Realität, Vergangenheit und Gegenwart kann man immer hübsch auseinanderhalten. Es geht um Schuld und Sühne, um den zum Zyniker gewordenen Toby, der zusehen muss, ob er seine Schuld abtragen kann, indem er als halbfreiwilliger Sancho mit Javier/ Quixote auf die Reise geht und sich nach und nach auf dessen Welt einlässt. Erinnerungen an den vielleicht konventionellsten (aber m. E. guten ) Gilliam, KÖNIG DER FISCHER, werden wach. Oder sogar an den künstlerisch von Gilliam nicht so geschätzten Spielberg, der oftmals für die Verteidigung kindlicher Träumereien plädierte, am deutlichsten wohl anhand des erwachsen und spießig gewordenen Peter Pan in HOOK? Nein, nein, es wird besser, auch wenn das eine Weile dauert. Aber bereits im ersten Akt hat das Spiel mit Identitäten seinen Reiz und erinnert sogar an Billy Wilders Komödien-Urgestein MANCHE MÖGEN’S HEISS. »Du bist ein Mädchen«, muss Tony Curtis Jack Lemmon dort immer wieder einschärfen, bis dieser sich wirklich so benimmt, gar verlobt ist, worauf es dann gebetsmühlenartig heißt: »Du bist ein Mann.« Mit dem berühmtesten Schlusssatz der Filmgeschichte hat Wilder zu erkennen gegeben, dass nichts, nicht einmal die Trennung von wahrer und fiktionaler Identität, vollkommen ist. Und so ist das auch hier: Toby musste Javier vor zehn Jahren mühsam eintrichtern, dass er Don Quixote sei (so wie Method Actors eher sagen, sie »sind«, sie »spielen« nicht nur ). Und nun ist er’s wirklich, sodass Toby ihm – vergeblich – das Gegenteil vorhält. Nobody is perfect. Und am Ende ist alles durcheinander. Im Film heißt es einmal, der Künstler müsse grausam sein. Es ist jedoch vielmehr das Leben, auf das diese Aussage zumal zutrifft. Nicht nur ein egomaner Künstlerwille kann Köpfe verdrehen und Identitäten auswechseln. Zumal Gilliam selbst nicht gerade der Ruf eines rücksichtslosen Berserkers anhängt (der Film soll übrigens diverse Anspielungen auf ein nie fertiggestelltes QUIXOTE- Projekt des exzentrischen wie genialen Orson Welles enthalten, aber entsprechende Fragmente habe ich nicht gesehen; vielleicht ist der grausame Künstler ja eher Welles als Gilliam? ).

Der Film liefert (für Gilliam-Verhältnisse ) zu Beginn nur guten Durchschnitt mit ein paar Ausreißern nach oben, vermag sich aber konsequent zu steigern und ergibt so ein wunderbares Ganzes. Im Nachhinein tritt der Wahnsinn auch schon zaghaft in den konventionellen Teil ein, der manchmal – das ist keine Kritik – einfach zu klischeehaft ist, um wahr zu sein. Neben den genannten »Aussicht auf Glamour verdirbt die Menschen«-Aspekten wäre auf eine hinreißende Sexbomben-Karikatur einer von Model und Ex-Bond-Girl Olga Kurylenko gespielten Figur hinzuweisen. Ex-Monty-Python Terry Gilliam riskiert zudem wieder etwas mehr Slapstick. Beispielsweise fragt man sich angesichts des Gerangels zweier spanischer Polizisten des 21. Jahrhunderts mit Quixote/Javier und Sancho/ Toby, wer die Normalen und wer die Verrückten sind. Gilliam wäre nicht Gilliam, würde er diese Komik nicht jäh unterbrechen, hier durch ein gleichsam versehentliches wie blutiges Ereignis (das machte er öfter, auch in Monty-Python-Zeiten, etwa wenn das Piraten-Persiflagenhafte aus THE CRIMSON PERMANENT ASSURANCE in ganz reales Sterben übergeht ).

Und spätestens, wenn Quixote/Javier und Sancho/Toby bei Muslimen unterkommen, kann einem schwindelig werden. Jetzt sind wir nämlich desorientiert (vielleicht war es ein Kniff, dass Gilliam uns relativ lange, nach meinem ersten Eindruck zu lange, in Sicherheit gewiegt hat? ). Sind das Böse oder Gute? Wird das Klischee vom finsteren Araber bedient, oder heißt es, wie in einem Monty-Python-Lied, »Never be rude to an Arab«? Gilliam macht aus zwei Zeitebenen nun drei, bringt neben der Jetztzeit und der Quixote-Fantasiezeit die Roman-Entstehungszeit mit ins Spiel. Das Ganze entpuppt sich zwar als Traum, aber auch von dort ausgehend wird die Schraube konsequent und unaufhörlich weitergedreht. Irgendwann habe ich mich dabei erwischt, vorherzusagen, dass gleich wieder ein Erwachen aus einem Traum Tobys komme. Ich lag so was von daneben, und ich bin Gilliam dafür unendlich dankbar.

Das Ganze gipfelt in einem delirierenden Finale, in dem das Spiel mit den Zeit- und Realitätsebenen noch eine weitere Dimension hinzugewinnt, indem ein reicher russischer Wodkaproduzent (der Auftraggeber von Tobys Werbefilm, gespielt von Stellan Skarsgård ) ein gigantisches Kostümfest veranstaltet, auf dem diverse Stilepochen durcheinanderwandeln und sich zudem mit modernem Securitypersonal mischen. Man kann darüber streiten, ob wieder einmal Schostakowitschs Walzer Nr. 2 dafür herhalten musste (unbearbeitet z. B. in Kubricks EYES WIDE SHUT und wie hier variiert in einem Geronten-/Totentanz in A CURE FOR WELLNESS ). Aber die Szene hat optisch und inhaltlich ganz viel zu bieten. Alles zu analysieren würde diesen Text sprengen und zu viel spoilern, habe ich doch bislang ausgelassen, dass einem echten Quixote natürlich auch daran gelegen sein muss, seine Dulcinea zu finden. Diese, eigentlich die damalige Dulcinea-Darstellerin Angelica (Joana Ribeiro ), hatte Sancho/Toby zuvor in einer ganz und gar märchenhaften, aber gilliamesk gebrochenen Sequenz wiedergefunden. Eine Frau, die der Mann beschützen und/oder erobern will, von der man aber keine Ahnung hat, ob er sie nicht hoffnungslos idealisiert und ob sie dies überhaupt will (was ist das Gilliam- Universum voll von solchen Figuren: die dicke Griselda aus JABBERWOCKY, die weibliche Hauptfigur aus BRAZIL, die graue Maus aus KÖNIG DER FISCHER, bei Bainsley aus THE ZERO THEOREM bin ich mir noch nicht sicher ).

Auch wenn dieser Film sicherlich nicht den Titel »absonderlichster Gilliam« bekommt (der m. E. für TIDELAND und FEAR AND LOATHING … reserviert ist ): Sehr gut ist er schon. Es entbrennt ein Kampf, der klassische Spannung und eine Klimax mit einer Vermischung der Ebenen auf allen Feldern verbindet. »Love on the Run« gegen den fiesen Russen, Masken (mehrmals buchstäblich, nicht nur anhand einer hübschen BRIAN-Reminiszenz mit bärtigen Frauen ) gegen Wahrhaftigkeit, Traum gegen Realität, Theatereffekte gegen den Ernst von Feuer und Tod. Nicht nur muss Sancho/Toby Quixote nun als Quixote bestätigen statt »zurückholen«, um überleben zu können, auch werden beide Hauptfiguren einen hohen Preis für ihren (mutmaßlichen ) Sieg zahlen. Ob der Tod oder das Weiterleben tragischer ist, lässt sich nicht sagen. Jedenfalls ein recht ambivalentes und m. E. nicht besonders glückliches Ende (auch dies typisch für Gilliam, womit sich QUIXOTE aber vielleicht noch ein Stück von KÖNIG DER FISCHER abhebt, selbst wenn bei dem am Ende auch nicht alles gut ist ). Nach dem Abspann (ich habe den Film beim Filmfest München gesehen ) meinte der Moderator zu wissen, dass es um das Erhaltenswerte an Träumen und dem Leben derselben gehe. Das wäre m. E. deutlich zu einfach und zu optimistisch für einen echten Gilliam. Er meinte, er könne nicht genau sagen, ob es darum gehe, bzw. allgemeiner, worum es in dem Film überhaupt gehe. Und der mit seinen bald achtzig Lenzen noch hellwache und agile Gilliam wirkte dabei nicht ausweichend! Er vertritt eben einen offenen Kunstbegriff, in dem viel Raum für Assoziationen gegeben wird, ohne dass das Ganze völlig planlos und beliebig wirkt. Beispielsweise merkt man es auch an hübschen Details am Rande, die uns nie aufgedrängt werden, sondern die schon ein aufmerksames Sehen erfordern, aber zeigen, dass alles mit allem zusammenhängt: Die Figur eines »Zigeuners«, die sich wie ein roter Faden durch alle Ebenen zieht, ist bereits ganz zu Beginn beim Filmteam zu sehen, worauf man kaum achtet, unwissend, dass der Mann einmal wichtig werden wird. Eine Beobachtung, die ich übrigens Gilliam-Experte und Filmpublizist/Verleger Harald Mühlbeyer zu verdanken habe.

Offen, aber nicht zufällig also, das Ganze. Und das ist prima. Dieser Film »gehört« nun nicht mehr Gilliam und zum Glück auch keiner Versicherungsgesellschaft (angesichts der schier unendlichen Produktionsgeschichte schwebte dieses Damoklesschwert bis fast zum Schluss über dem Werk ). Er gehört uns, dem Publikum. Wir können wild assoziieren und interpretieren oder den Film einfach mit allen Sinnen genießen. Das ist ein ganz ganz wundervolles Geschenk, und Gilliams genannte Aussage sowie sein (Gesamt- )Werk zeigen, dass er das auch so will. Dafür einfach nur DanKe.

Und natürlich für die hellwachen und teils äußerst spaßigen Auskünfte des Meisters auf dem Filmfest München. Er, der Monty-Python- Mitverantwortliche des Sketches FUSSBALLSPIEL DER PHILOSOPHEN, wusste zu berichten, dass der deutschen Nationalmannschaft bei der wm schlicht nur Kant gefehlt hatte, und die mit Unterbrechungen 29-jährige Entstehung VON THE MAN WHO KILLED DON QUIXOTE war (das sagte er dann auf Deutsch ): »Mein Kampf.« Er und wir haben dabei enorm gewonnen.