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THE RACONTEURS:


musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 7/2019 vom 13.06.2019
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Bildquelle: musikexpress, Ausgabe 7/2019


„DAS VIELLEICHT EINZIGE KUNSTWERK, DAS SINN VOLL ZU ZWEIT ENTSTEHEN KANN“


Sind Benson/White die Lennon/McCartney ihrer, unserer Zeit? Brendan Benson und Jack White haben nichts gegen diesen Vergleich einzuwenden. Sie sagen jedoch auch, dass sie als Songwriter sehr häufig sehr ratlos sind: Wo kommen die Songs her? Wiederholt man sich letztlich doch immer wieder? Besitzt man als Songwriter Superkräfte, oder ist man ohnmächtig, weil die Lieder doch machen, was sie wollen? In zwei Interviews geben die beiden Songwriter der Raconteurs Auskunft.

Ein Lied, so definiert es die „Encyclopedia Britannica“, ist ein ...

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... Musikstück, das von einer tragenden Stimme gesungen wird. Als Kunstwerk ist es vergleichsweise kurz und knapp, dazu in der Regel strukturiert durch wiederkehrende und einmalige Teile. Der Sinn eines Liedes liegt darin, Worten mit Hilfe der Musik eine größere Wirkung zu ermöglichen – aber auch umgekehrt, der Musik durch einen Text einen höheren Wiedererkennungswert zu geben. Brendan Benson hat als Singer/Songwriter Hunderte Lieder geschrieben, über seine Arbeit weiß er sehr viel, aber längst nicht genug …

Brendan Benson: Einerseits weiß ich ganz genau, was ein Song ist. Er ist das Ziel meiner Arbeit, und ich habe es unzählige Male erreicht. Und doch weiß ich nichts über meinen Job. Weder weiß ich, wie genau die Songs entstanden sind, die ich schon geschrieben habe. Noch habe ich die leiseste Ahnung davon, wie viele Lieder noch in mir stecken. Bin ich eines Tages leergeschrieben? Wie oft habe ich mich schon wiederholt, ohne es zu wissen? Welches meiner Lieder ist besonders gut, welches besonders schlecht? Ich bin seit fast 30 Jahren ein professioneller Songwriter – aber Antworten auf diese Fragen habe ich nicht.

Jack White ist in dieser Hinsicht nicht viel klüger. Dabei hat dieser Mann nicht nur ebenfalls Unmengen an Liedern geschrieben, sondern auch Dutzende Songs produziert und als Plattenboss auf seinem Label Third Man veröffentlicht. Hinzu kommt, dass White unablässig Musik hört, im Auto via Streaming, zu Hause in Nashville, wo seine gigantische Plattensammlung steht. Jack White ist ein Mensch, der dem Herz des Rock’n’Roll immer näher kommt, der aber noch immer dann und wann ratlos ist, wenn er zur Gitarre greift …

Jack White: Ich spiele dieses Instrument seit meiner Teenagerzeit, schon damals habe ich recht schnell erkannt, dass mir die Gitarre zwar großartige Möglichkeiten bietet, dass diese Möglichkeiten jedoch begrenzt sind. Immer wieder kommt es vor, dass ich mir die Gitarre oder mir mein Piano anschaue und mir denke: „Wie zum Teufel kommst du auf den Gedanken, ausgerechnet heute aus diesen Instrumenten etwas herauszuholen, was dir bisher noch nicht gelungen ist? Wie kann noch etwas Neues entstehen, wenn du doch schon zigtausend Mal vor der gleichen Situation gestanden hast?“ Dass es dann doch immer wieder funktioniert, ist wunderbar. Aber verlange bitte nicht von mir, dass ich es dir erkläre. Ich habe nämlich keine Ahnung.

White und Benson schreiben zusammen die Songs für The Raconteurs, diese Supergruppe des (alternativen) Rock, mit Ursprüngen in Detroit, heute beheimatet in Nashville. 2006 und 2008 erschienen zwei erfolgreiche Alben, die Whites bekannte Garagen- und Bluesrock-Koordinaten um Power Pop und Psychedelic erweiterten – beides Leib-und-Magen-Genres von Brendan Benson.

Zwischendrin schien es, als sei die Band schon wieder Geschichte, die Pause wurde lang und länger. Doch nun sind die Raconteurs zurück: Ihr drittes Album HELP US STRANGER macht weiter, als wäre in den elf Jahren wenig passiert, als hätte Jack White in dieser Zeit nicht unablässig an seinem Status als Vinyl-Mogul und Vintage-Impresario gearbeitet. Aber auch die anderen Bandmitglieder Jack Lawrence (Bass), Patrick Keeler (Drums) und eben Brendan Benson waren umtriebig und erfolgreich.

Wenn die Raconteurs wieder da sind, dann nicht, weil es Not zu lindern gibt. Und auch nicht, weil die Welt darauf wartet – dafür haut Jack White solo oder mit The Dead Weather genug Musik raus. Es ist eher so, dass die beiden Songwriter Benson/White wieder einmal den Geist von Lennon/McCartney rufen wollten – in der Hoffnung, dass aus diesen Sessions nicht nur gute Lieder entspringen, sondern diese auch als Eigentherapie funktionieren.

Im Duo zu schreiben, das war für Brendan Benson in der Zeit vor den Raconteurs eher kein Thema. Die Lieder auf seinen frühen Platten hat er in der Regel komplett alleine geschrieben, nur das Power-Pop- Genie Jason Falkner durfte ein wenig helfen, beim Arrangieren, nicht beim Schreiben. Daher war es für Benson ganz natürlich, seine Platten unter seinem eigenen Namen zu veröffentlichen, er betrachtete sich eher als Autor denn als Bandmusiker, ließ sich von Kollegen wie Alex Chilton oder Tommy Keene inspirieren: geniale Songwriter, die mit fantastischen Begleitbands unterwegs waren, sich aber dennoch als Einzelgänger betrachteten.



„KEINE AHNUNG, WIE VIELE SONGS NOCH IN MIR STECKEN.“ BRENDAN BENSON


Benson: Ich war Brendan Benson, das war der Act – und es war Teil des Deals, dass ich die Lieder alleine schreibe, dass ich mich dieser Qual alleine aussetze, um Songs zu schreiben, die meinen Namen tragen. Das war eine selbst gewählte Last, unter der ich dann und wann durchaus zu leiden hatte. Aber, hey, ich sah mich als einen Künstler, da gehörte das Leid dazu!

Brendan Benson und Jack White stammen beide aus Detroit, Benson (Jahrgang 1970) ist fünf Jahre älter als White, sieht jedoch fünf Jahre jünger aus, was die Sache ausgleicht. Die beiden kennen sich seit 1998, Benson besuchte damals eine Show der noch jungen White Stripes, war ungeheuer neugierig, was Jack und Meg dort als Duo anstellten. Er und Jack White lebten in Detroit nur drei Häuserblocks voneinander entfernt, man besuchte sich dann und wann, tauschte sich aus.

Anfang der 2000er, als Benson mit seinem zweiten, sehr starken Album LAPALCO (inklusive des Jahrhundertsongs„Metarie“ ) der Durchbruch gelungen war und White mit den White Stripes zum Megastar der (Retro-)Rock’n’Roll-Welle wurde, arbeiteten die beiden erstmals zusammen. Das erste gemeinsame Lied„Steady, As She Goes“ basiert auf einer Idee von Brendan Benson, er hatte die Melodie, die trickreichen Harmoniewechsel und auch die Kernzeile schon im Kopf: „Find yourself a girl, find yourself a girl … “ Dann jedoch hakte es, bis Jack White auf einen Kaffee vorbeikam und dem Song Beine machte.

White: Brendan weiß unglaublich viel über Popmusik, er hat Akkordfolgen im Kopf, bei denen es mir schwindelig wird – und er weiß auch schon im Vorfeld, wie sie klingen. Er schreibt Songs, wie andere Schach spielen: strategisch und klug. Ich beneide ihn um diese Fähigkeiten, doch es kann vorkommen, dass er in eine Sackgasse gerät, weil er denkt, alle strategischen Mittel, den Song fortzuführen, seien erschöpft. Ich denke, ich bin ganz gut darin, in solchen Augenblicken etwas zu tun, was dem Lied eine neue Wendung gibt. Sei es, dass ich einen Bruch provoziere, oder so lange mit der Gitarre herumquietsche, bis sich der Song aus seinen Fesseln befreit hat. Bei„Steady, As She Goes“ hat dieses Prinzip sofort funktioniert. Da habe ich zu Brendan gesagt: „Wir müssen jetzt sofort weitermachen!“

Noch am selben Tag soll der Legende nach das Grundgerüst des nächsten Stücks,„Broken Boy Soldier“ , entstanden sein, die ersten Proben mit Bassist Jack Lawrence und Schlagzeuger Patrick Keeler fanden kurze Zeit später in Bensons Heimstudio statt, einem überhitzten Raum, aus dem die neu gegründeten Raconteurs schleunigst wieder hinauswollten – ein Fluchtinstinkt, der die Kreativität zusätzlich anheizte.

Das erste Album BROKEN BOY SOLDIERS erschien 2006, die White Stripes hatten ein Jahr zuvor das Top-5-Album GET BEHIND ME SATAN veröffentlicht – Jack White hatte zwei superheiße Eisen im Feuer. The Raconteurs ließen 2008 CONSOLERS OF THE LONELY folgen, da hatte sich der Wind bereits ein wenig gedreht: The White Stripes lagen nach ICKY THUMP auf Eis, White plante eine neue Band zusammen mit Alison Mosshart von den Kills, die bei einem Gig der Raconteurs für White gesungen hatte, weil dieser seine Stimme verloren hatte. 2009 erschien das Debüt von The Dead Weather, Jack White saß am Schlagzeug und interessierte sich für sehr viele Dinge: In seinem Studio in Nashville produzierte er Platten für sein Label, dann übernahm er das größte Presswerk der Stadt und baute ein Vinyl- Imperium, das ihn zu einer Art „Citizen Kane“ der Retro-Plattenkultur machte. Über die Raconteurs sprach kaum noch jemand, Irgendwann Mitte der Zehnerjahre sagte Benson, diese Pause fühle sich eher nach einer Auflösung an.

Benson: Jack und ich sind auf eine Art und Weise befreundet, wie man das heute kaum noch kennt. Viele Menschen stehen dauernd in Kontakt, vor allem über Smartphones. Heute wohnen er und ich beide in Nashville, aber wir sehen uns sehr selten. Wir schreiben uns auch nicht oder rufen uns an. Nicht, weil wir es nicht wollen. Sondern weil es unsere Freundschaft nicht benötigt. Als wir uns dann doch wieder trafen, um neue Songs zu schreiben, fühlte es sich sofort wieder an wie damals in Detroit in meinem Heimstudio. Es war eine Rückkehr der Raconteurs ohne Anlaufschwierigkeiten.

Bei der Arbeit zur dritten Raconteurs- Platte HELP US STRANGER machten es die beiden wie schon auf den ersten beiden Alben: Sie schrieben die Lieder zusammen, Brendan Benson als Hirn der Unternehmung, Jack White als Verantwortlicher für das Bauchgefühl. Zwei Songwriter – ein Song: Man denkt also wieder sofort an Lennon/McCartney, die das Arbeiten im Gespann mit den Beatles früh perfektionierten.

White: Zu zweit an einem Kunstwerk zu arbeiten, ist eine befremdliche Situation. Kein Maler kommt auf die Idee, im Rahmen einer Session einen befreundeten Künstler einzuladen, um gemeinsam an einem Bild zu arbeiten. Ich kenne auch keine Schriftsteller, die sich zu zweit an den Tisch setzen und einen Roman schreiben. Ein Kinofilm hingegen kann nur entstehen, wenn Dutzende Menschen aus verschiedenen Gewerken gemeinsame Sache machen. Ein Song ist vielleicht das einzige künstlerische Werk, das sinnvoll zu zweit entstehen kann. Dabei geht es nicht darum, dass der Anteil des jeweiligen Songwriters bei jedem Lied bei 50 Prozent liegt. Kunst ist keine Demokratie, kein Künstler muss versuchen, Anteile auszugleichen. Zudem stellt sich die Frage, welcher Teil des Songwritings eigentlich der Wichtigste ist: Ist es die Grundmelodie oder der Killer-Refrain? Die Textzeile, die bei Gigs von allen mitgesungen wird, oder die kleine verrückte Idee am Ende des C-Teils, die dieses Stück erst besonders macht? Vielleicht sind alle diese Aspekte gleich wichtig, dann kommt es beim Songwriting vor allem darauf an, dieses Puzzle möglichst inspiriert zusammenzusetzen.

Brendan Benson ist mittlerweile ein überzeugter Kooperations- Songwriter, nach seinen Erfahrungen mit Jack White bei den ersten beiden Raconteurs-Alben hat er auch auf seinen folgenden Platten unter eigenem Namen mit anderen Songwritern zusammengearbeitet, schrieb Lieder mit jungen Kolleginnen wie der Country-Sängerin Ashley Monroe oder der Folkmusikerin Sarah Siskind, war als Co-Autor für Jake Bugg und Luke Pritchard von den Kooks tätig. Diese Kooperationen haben ihm Entspannung gebracht, denn es kann auf Dauer ungesund sein, dieses seltsame Handwerk des Songwritings ganz alleine zu betreiben.

Nicht nur, weil man dadurch die gesamte Verantwortung trägt, sondern auch, weil man sich beim Arbeiten in einer Art Zwischenwelt aufhält. Benson: Beim Songwriting fühlt man eine große Ambivalenz. Auf der einen Seite glaubt man, Superkräfte zu besitzen, weil es einem in den besten Augenblicken gelingt, durch Worte und Melodien eine ganze Welt zu erschaffen. Auf der anderen Seite fühlt man sich schutzlos und leicht verletzbar, weil man aus dem Nichts heraus etwas entstehen lässt, was dann von sich behauptet, ein Kunstwerk zu sein. Ein Gemälde kannst du sehen, eine Skulptur anfassen, selbst ein Text steht Schwarz auf Weiß auf Papier. Ein Lied ist so lange eine Kunst-Imagination, bis man es aufgenommen hat. So lange existiert es nur in einem seltsamen Schwebezustand: Ich als Schöpfer kann es spielen, noch gehört es mir – ist aber für andere noch nicht begreifbar.

Ist das Lied schließlich Teil einer Aufnahme und wird es von der Band live aufgeführt, beginnt eine zweite Phase: Ab jetzt gehört es nicht mehr mir, dem Schöpfer. Nun stellen die anderen etwas damit an, die Musiker variieren es, das Publikum lädt es mit Emotionen auf, die mit denjenigen, die ich beim Schreiben gefühlt habe, in der Regel nichts mehr zu tun haben. Man sagt ja oft, ein Song sei für den Songwriter so etwas wie ein Baby. Wenn an diesem Bild etwas dran ist, dann ist ein Songwriter derjenige, der das Baby erst eine Ewigkeit stillt, bevor das Kind dann beim ersten Kontakt mit der Außenwelt unvermittelt und ohne Übergangsphase das gemeinsame Zuhause verlässt. Schreibe ich Songs zu zweit, dann teile ich mir in diesem Fall mit Jack dieses seltsame Ohnmachtsgefühl, das beim Songwriting und beim Loslassen entsteht.

Wobei sich Jack White meisterlich darauf versteht, die Kontrolle zu behalten oder sie zumindest wiederzuerlangen. Was ihm dabei besonders am Herzen liegt, ist die Bewahrung der großen Erzählung des Rock’n’Roll: Ein Lied mag ein kurzes und kleinteiliges Kunstwerk sein, aber jeder Song fügt sich ein in diese Wahnsinnsgeschichte, die – das ist seine Theorie – mit der Entwicklung des Blues Ende des 19. Jahrhunderts tief im Süden der USA begann.

White graust es davor, dass diese Story eines Tages nur noch als wirres Mosaik existiert, als Ansammlung von Files in riesigen Datenbanken. Um das zu verhindern, gibt er Unsummen für Artefakte aus der Rock-Historie und Popkultur aus. Er ersteigerte das allererste Acetat von Elvis Presley mit Aufnahmen der Songs„My Happiness“ und„That’s When Your Heartache Begins“ , den Führerschein von James Brown, den ersten Comic mit einem Auftritt von Superman oder den Haftbefehl, der den Bluessänger Lead Belly 1939 in New York in den Knast brachte, woraufhin ihn der junge Alan Lomax unter seine Fittiche nahm, ihn förderte und zu einer der wichtigsten Figuren des Blues machte. Weniger als diese Dinge interessiert es Jack White, die Fäden in der Hand zu behalten und zu verhindern, dass Rock zu einem willkürlichen Genre wird, in dem die Zusammenhänge und historischen Entwicklungslinien verloren gehen. Sein neues Projekt: die Wiederentdeckung der Langeweile!

DIE VIER AUS DER BAND

JAC K WHITE

GESANG UND GITARRE

* geboren 1975 in Detroit, Michigan

BERUF: Rockstar, Plattenproduzent, Unternehmer, Sammler

EX-BANDS: Goober & The Peas, The White Stripes

VERÖFFENTLICHT AUCH UNTER: The Dead Weather, Jack White

GUT ZU WISSEN: In diesem Mai erhielt White die Ehrendoktorwürde an der Wayne State University Michigan, als Anerkennung für sein kulturelles Engagement für seine Heimatstadt Detroit.

BRENDAN BENSON

GESAN GUND GITARRE

* geboren 1970 in Detroit, Michigan

BERUF: Singer/Songwriter EX-BAND: The Mood Elevator

VERÖFFENTLICHT AUCH UNTER: Brendan Benson, The Brushoffs

GUT ZU WISSEN: Brendan Benson ist CoAutor dreier Songs auf SHANGRI LA, dem zweiten Album des UKSinger/ SongwriterWunderkindes Jake Bugg.

JACK LAWRENCE

BASS

* geboren 1976 in Covington, Kentucky

BERUF: Bassist, Sessionund TourMusiker

EX-BAND: Karen O. & The Kids

VERÖFFENTLICHT AUCH UNTER: The Greenhornes, The Dead Weather, City And Colour, Blanche

GUT ZU WISSEN: Spitzname LJ (steht für Little Jack) – im Netz gibt es einen DeadWeatherClip, bei dem ein Maler ein Porträt seines markanten Gesichts mit der Brille und den langen Haaren anfertigt.

PATRICK KEELER

DRUMS

* geboren 1975 in West Harrison, Indiana

BERUF: Schlagzeuger

EX-BAND: The Dirtbombs

VERÖFFENTLICH AUCH UNTER: The Greenhornes, The Afghan Whigs

GUT ZU WISSEN: Spielte Drums auf dem BeyoncéSong„Don’t Hurt Yourself“ (Jack White spielte hier Bass).



„DIE KUNST, SICH GEPFLEGT ZU LANGWEILEN GEHT VERLOREN JACK WHITE


White: Gute Musik ist aus sehr vielen Motiven heraus entstanden, Liebeskummer und Geilheit, Not und Elend, Lust auf Rebellion oder Drogen. Ein Antrieb, der gerne vergessen wird, ist die Langeweile: Gerade junge Bands fanden sich früher deshalb zusammen, weil es für die Mädchen und Jungs aus den Städten oder Dörfern sonst nichts zu tun gab, als zusammen herumzuhängen, zu trinken und Lieder zu erfinden. Leider befürchte ich, dass die Kunst, sich gepflegt und kreativ zu langweilen, verloren geht. Wenn ich mir die Leute heute anschaue, erleben sie Langeweile nicht mehr.

Immer haben sie mit ihrem Smartphone die Option in der Hand, zu kommunizieren, sich Videos anzuschauen, jede Art von Musik zu hören. Das ist ein toller Komfort, den ich gerne nutze, wenn ich im Auto unterwegs bin und ich meinen Kindern die Musik vorspielen kann, die ich ihnen vermitteln möchte: Sagen sie, hey, die Stooges finden wir gut – dann kann ich ihnen auch direkt die Solo-Sachen von Iggy Pop vorspielen, das ist fantastisch, denn so wird der Weg zur Schule zur Bildungsfahrt in Sachen Rockmusik. Andererseits verhindert die Dauerbeschallung, dass man der Welt zuhört. Ich mag viele Geräusche da draußen, die nichts mit Musik zu tun haben. Ich mag es, wenn Regen fällt. Oder wenn Maschinen surren. Diese Klänge inspirieren mich, weil in ihnen ein Rhythmus lebt, den ich verstehe. Was mich hingegen verrückt macht: Rasenmähertraktoren ohne Schallschutz um den Motor und Lüftungsventilatoren in Hotelbadezimmern, die weiterrauschen, obwohl niemand mehr im Bad ist.
Albumkritik S. 7 8