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THE REASON Y: Von Passion bis Perfektion


FAZE - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 01.03.2020

soundcloud.com/thereasonyberlin


„Ich habe es mir aber zur Mission gemacht, die jungen Leute wieder etwas zu erziehen, einen Spannungsbogen aufzubauen. Es muss auch mal etwas Leerlauf auf dem Floor sein.“


Techno, Leidenschaft und eine gute Portion individueller Verrücktheit – das sind nur ein paar der Dinge, die wir von The Reason Y, dem 2015 von Frederik Laaser ins Leben gerufenen Projekt, erwarten dürfen. Wir trafen ihn in seiner Wahlheimat Berlin und haben ihn unter anderem zur Situation in der Hauptstadt, seinem Werdegang als DJ und seiner Homebase, dem Watergate, befragt.

Du lebst hier in Berlin, aber ...

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Bildquelle: FAZE, Ausgabe 3/2020

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... gebürtig stammst du aus dem hohen Norden, korrekt?
Ja, absolut richtig, ich bin ein Nordlicht durch und durch, geboren an der Ostsee, in der wunderschönen Stadt Rostock, die Stadt der versteckten Stars. (lacht)

Ist das so? Begann dort auch deine musikalische Entwicklung?
Keine Ahnung, aber vielleicht liegt es an der frischen Luft und dem Wind, der uns einen kühlen Kopf bewahren lässt. Es gibt doch so einige großartige Musiker aus dieser Gegend, als Beispiel mal den Marteria, obwohl der ja schon kein versteckter Star mehr ist. Aufgewachsen bin ich dann allerdings in der Landeshauptstadt Schwerin. Hier bin ich auch musikalisch erzogen worden. Dank meiner Eltern, die mir das ermöglichten, gehörte Musik schon sehr früh zu meinem Leben. Ich habe damals viele Jahre Klavier und Gitarre gespielt und hatte so mit 14 Jahren meine erste so richtig coole Rockband – das waren Zeiten. Mit 16 hatte ich dann quasi die erste Berührung mit elektronischer Musik. Ich war auf einer meiner ersten Drum-’n’-Bass-Partys in unserem Lieblingsclub Komplex, einem kleinen, so richtig schön ranzigen, dreckigen Laden, der zweimal im Monat alles an Underground zu bieten hatte, was es in unserer kleinen Provinz so gab. Von Punk über Dancehall und House bis hin zu Drum ’n’ Bass. Das war es dann aber erst mal für mich, da ich ein Highschool-Jahr in den USA gemacht habe. Das war eine wahnsinnige Erfahrung, nicht nur sprachlich, auch generell für meine Entwicklung, würde ich heute behaupten. Man ist dann doch relativ schnell erwachsen geworden.

Du bist uns Gott sei Dank als Musiker erhalten geblieben. Wann kam deine Begeisterung für die elektronische Musikwelt? Kannst du dich daran erinnern?
Ja, als wäre es gestern gewesen. Nach meiner Rückkehr, es muss im Sommer 2006 gewesen sein, besuchte ich mit meinem Kumpel Peter eine gemeinsame Freundin, die damals schon in Berlin lebte. Wir sind damals zusammen ins Icon im Prenzlberg gegangen, zu DJ Zinc. Junge, das war vielleicht ein Flash. Ich meine, wir kannten unseren kleinen Club in Schwerin, aber dann in Berlin, das war unglaublich. Von da an kam eigentlich nur noch Drum ’n’ Bass auf meine Ohren. Ich glaube, dass wir auch unmittelbar danach anfingen, uns fürs Auflegen zu interessieren. Wir, das waren zu der Zeit meine beiden Homies Peter und Goldi. Wir bastelten uns tatsächlich aus allem, was wir zur Verfügung hatten, unser erstes Setup. Sprich: alter Plattenspieler von Papi, Laptop mit Virtual DJ drauf, ein kostengünstiger Behringer-Mixer – Geld hatten wir mit 17 ja eh nicht – und ab ging es. Wir haben dann nach und nach aufgerüstet und irgendwann standen zwei ordentliche Turntables und ein anständiger Mixer in einem unserer damaligen „Kinderzimmer“, unsere Eltern waren begeistert. Wir fingen an, von jedem Cent, den wir bekommen haben, Platten zu kaufen. Es folgten dann natürlich auch viele Besuche in Berlin, unter anderem auch mein erster Besuch im Watergate – das war damals tatsächlich auch noch ein Drum-’n’-Bass Event mit DJ Storm. Das war alles unglaublich flashig und inspirierend! Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, wenn ich an die ersten Tage und Nächte denke. Danach ging es dann auch wieder öfter nach Rostock, da die dortige Drum-’n’-Bass-Szene um einiges größer war als die in Schwerin. Durch einen Zufall bekamen wir dort die Möglichkeit, auf einem Event aufzulegen. Damit war dann für mich auch einfach klar, dass ich DJ werden wollte. Die anderen beiden sind andere Wege gegangen, aber bei mir wurde es tatsächlich ernster. Ich ging 2008 auf die Fusion und konvertierte dort sozusagen zum Techno. Das war noch mal eine ganz neue Ebene. Die Sounds, die Magie, das Kollektive, das uns ja alle, damals wie heute, so gefesselt hat. Das hat mich alles sehr geprägt und mitgenommen, bis zum jetzigen Moment!

Kannst du dich noch an deine ersten Techno- Scheiben erinnern?
Yes, meine ersten Techno-Vinyls waren „Zinnober“ von Super Flu auf Herzblut und „Odyssee II“ von Len Faki auf Podium. Bis heute absolut inspirierend!

Seitdem ist schon einige Zeit vergangen – hier in Berlin stranden jedoch täglich Menschen in der Hoffnung, denselben Weg gehen zu können. Gibt es da etwas, was du der jungen Generation ans Herz legen würdest?
An erster Stelle steht natürlich immer die Passion für die Musik. Ich würde zwar lügen, wenn ich sage, dass die Aufmerksamkeit, die man beim Spielen bekommt, nicht schön ist, aber das sollte nicht an erster Stelle stehen. Für mich ist es zum Beispiel ganz wichtig, Storys zu erzählen bzw. die Crowd auf eine Reise zu schicken. Es geht mir in einem Set nicht darum, einen Hit nach dem anderen zu spielen, um möglichst viele Hands-up-Momente zu erzeugen. Die Leute sollen sich fallen lassen und einfach mal schweben. Ich denke, das ist gerade ein großes Problem. Heute erleben wir diese riesigen Raves, auf denen DJs eineinhalb, vielleicht zwei Stunden spielen und natürlich versuchen, das Maximum rauszuholen. Es gibt keine Möglichkeit – oder zumindest nur begrenzt –, ein Set aufzubauen und mit der Musik zu spielen. Auf meinen ersten Raves haben die DJs mindestens drei Stunden gespielt. Ich habe es mir aber zur Mission gemacht, die jungen Leute wieder etwas zu erziehen, einen Spannungsbogen aufzubauen. Es muss auch mal etwas Leerlauf auf dem Floor sein. (lacht) Ich nehme auch mal eine Publikumsfluktuation in Kauf, die nun mal möglich ist, wenn in den ersten drei Tracks nicht gleich die Mega- Drops erzeugt werden.
Am Ende bin ich trotzdem sehr vorsichtig mit solchen Kritiken, wie ich sie eben beschrieben habe. Denn wer sagt denn, dass ich damit richtig liege? Es ist allerdings das, was ich fühle, und ich versuche, das auch meinen Mitmenschen zu vermitteln. Das Feedback ist am Ende meist sehr positiv!

Wie siehst du die aktuelle Entwicklung der Berliner Szene grundsätzlich? Es wird ja gerade hinsichtlich des Clubsterbens viel diskutiert.
Ich bin nach Berlin gekommen, weil ich die Stadt liebe. Hier treffen so viele verschiedene Menschen und Kulturen aufeinander. Man lernt den gemeinsamen Umgang, den Respekt. Ich mag es, dass man hier nicht weiß, in welcher Sprache man kommunizieren wird. Ich rede auch einfach oft erst mal auf Englisch los, bis dann irgendwann rauskommt, dass man sich auch auf Deutsch verständigen kann. Das ist großartig! Zudem ist die Szene hier einzigartig, für jeden ist was dabei, das ist doch fantastisch. Aber genau da habe ich auch schon die Schattenseiten fühlen müssen. Wie es teilweise zu Ausgrenzung und Anfeindung kommt, wenn man sich einem Club oder einer Musikrichtung zugehörig fühlt. Meiner Meinung nach ist das ein absolutes No-Go. Ich erinnere mich auch, dass ich da mal kurz durchgerüttelt wurde, als ich frisch nach Berlin gekommen bin und gemerkt habe, dass meine „All-together-Blase“ leider nicht die ganze elektronische Musikwelt miteinschließt. Leute, respektiert euch gegenseitig, seid neugierig und verurteilt nicht sofort alles, was anders aussieht oder klingt! Am Ende überwiegen hier aber glücklicherweise die positiven Erfahrungen.

Und nun zum großen Clubsterben. Also, um erst mal meine persönliche Meinung zu sagen: Ich persönlich finde auch, dass Berlin sich nicht so entwickelt, wie man sich das als Freigeist und kreativer Mensch vielleicht wünscht. Brauchen wir wirklich noch ein Einkaufscenter, brauchen wir noch mehr Eigentumswohnungen, die sich nur die Upperclass leisten kann? Müssen noch mehr Creative-Spaces für solche Vorhaben weichen? Aber andererseits: Ist das nicht auch ein ganz normaler Fortschritt? Gentrifizierung ist leider ein klassischer Prozess bei wachsenden Städten und lässt sich, denke ich, nicht wirklich aufhalten. Unsere Städte werden nun mal größer. Das heißt ja nicht, dass die Stadt flächentechnisch so bleibt, wie sie ist. Ich habe hier schon einige Clubs kommen und gehen sehen. Ich denke, das wird auch in Zukunft so bleiben. Flächen werden geschlossen, woanders öffnen sich wieder welche. Aber vielleicht sehe ich das auch nur so lange easy, wie mein Resident-Club Watergate seine Tore geöffnet hält. (lacht) Und selbst hier merkt man den Kampf deutlich.

Ich bin zumindest froh, dass das Thema, zumindest in Teilen, mittlerweile auf der Tagesordnung der Berliner Politik steht. Kommen wir nun zu deiner Musik zurück: Vor Kurzem erschien deine EP „Untold“ auf Octopus. Was dürfen wir in Zukunft erwarten?
Die EP ist in Zusammenarbeit mit Tømas Sinn entstanden, seines Zeichens Produzent aus Prag und ein großartiger Freund von mir. Generell habe ich mir dieses Jahr vorgenommen, so viel Zusammenarbeiten wie möglich zu machen. Zum einen habe ich so viele tolle Musiker, DJs und Produzenten kennengelernt, mit denen ich einfach gerne zusammenarbeiten möchte, zum anderen will ich meine eigenen Producer- Skills verbessern – und das geht einfach am besten, wenn man in kleinen Kollektiven arbeitet. Aktuell arbeite ich also mit Tømas Sinn und Patrick Milaa an großartigen Projekten, und auch zusammen mit Lars aka BOHO von Jannowitz wird im Frühjahr eine schöne Schallplatte mit einem Remix von mir kommen. Ein weiteres Projekt ist in den finalen Zügen, und zwar mit dem guten VNTM aus Amsterdam. Hier sind gerade viele starke Synergien am Start. Ich wache morgens auf und freue mich auf alles, was ansteht.

„Untold“ ist in jedem Fall ein Brett! Willst du zum Abschluss noch etwas für dich Wichtiges loswerden? Etwas über deine eigene Partyreihe im Watergate vielleicht?
Unbedingt! Ich bin sehr dankbar für das Vertrauen, das ich von vielen Seiten bekomme, sei es das meiner Freundin, meiner Freunde oder meiner Familie. Klar, das Watergate steht hinter mir und ermöglicht mir mittlerweile seit drei Jahren eine fantastische Residency mit meinem „TRY LAND“-Event, das dort einmal im Monat stattfindet. Das gab mir die tolle Möglichkeit, mit vielen bekannten Namen zu arbeiten. Auch hier ist der Kreis kontinuierlich gewachsen und ich darf Legenden wie Karotte oder Gregor Tresher als meine Freunde bezeichnen – eine Ehre und etwas, was ich zu Beginn meiner Reise als DJ nie zu träumen gewagt hätte. Das alles wäre natürlich nie ohne Pan-Pot und Second State möglich gewesen, die mir eine solide Basis geschaffen haben, um es mal ganz vorsichtig auszudrücken. Dankbar bin ich auch meinem aktuellen Booker Stephen von Contact Artist. Wir haben uns gleich super verstanden und sind jetzt dabei, uns nach und nach vorzuarbeiten. Es stehen bereits einige schöne Sachen auf der Liste – und nicht unerwähnt bleiben darf natürlich der Tokio-Bang im legendären Club WOMB letztes Jahr


Foto: Martin Meisi Photography