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THE RUNNER HAS A COLD


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Laufzeit - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 12.10.2022

Ich stehe in einem weißen Raum, in dem sich außer drei Stühlen, einem Schreibtisch, einem Schränkchen und einem großen Computerbildschirm nicht viel befindet. Ich habe mein T-Shirt hochgezogen und vor mir steht eine Frau, die mit einem Stethoskop meinen Oberkörper abhört. „Alles gut“, sagt sie, lächelt sogar, und ich atme erleichtert auf. Noch vor einer Woche haben meine Ateminstrumente eine mir unheimliche Symphonie gespielt, jetzt haben sie sich wieder zur Normalität beruhigt. „Da wäre noch etwas“, sage ich, etwas zögerlich. „Am Samstag wartet eine gewisse Anstrengung auf mich. Ob ich wohl … “ Die Ärztin fällt mir ins Wort: „Was haben Sie vor?“ „Ach“, sage ich, richte meine Augen auf den Fußboden, „nur ein kleiner Lauf, in den Bergen.“ Schon schüttelt sie energisch den Kopf: „Auf gar keinen Fall. Ich meine, ich rate Ihnen vehement ab.“ Na toll, denke ich, und es fühlt sich an, als ob ich in ...

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Florian Jäger ist promovierter Psychologe und Autor des literarischen Laufbuches ?Im Rhythmus des Laufens?. Er ist Läufer aus Notwendigkeit, hat 2018 in einem 100-Kilometer-Ultraberglauf die Zugspitze umkreist und ist 2019 Dritter beim München-Marathon geworden. Er lebt, läuft und arbeitet in Berlin.
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... einen kleinen Abgrund falle in diesem Moment, obwohl wir uns in einem Berliner Erdgeschoss befinden. Dabei hatte ich sogar das „in den Bergen“ nur ganz leise angefügt, sodass sie es kaum hatte hören können. „Gibt es denn wirklich keine Möglichkeit?“ „Wie gesagt, ich muss Ihnen vehement abraten. Sie mögen wieder gesund sein, aber es ist nicht ausgeschlossen, dass da noch etwas in Ihrem Körper herumschwirrt. Wie wichtig der Lauf auch sein mag, das lohnt nicht.“ „Aber es ist mein Saisonhighlight“, jetzt schreie ich fast, senke daraufhin meine Stimme zu einem Flüstern: „Und außerdem ist es schön da … Und was, wenn ich mir einfach vorstelle, ich wäre fit? … Und wenn ich mich einfach ganz langsam bewege? … Ich mach’ auch ganz vorsichtig.“ Es hilft nichts, die Ärztin schaut mich nur mitleidig an. Ich weiß, dass sie recht hat, weiß gleichzeitig, dass das nicht sein kann – dass sie nicht recht haben darf. So sehr will ich laufen, dass ich leer und wie benommen nach Hause trotte.

Am Abend der schlechten Nachricht treffe ich mich mit meinem Freund Jenne Jan, einem niederländischen Journalisten, der für ein paar Tage zu Besuch in Berlin ist. Ich erzähle ihm von meiner Misere. „Das tut mir leid, Mann“, sagt er. „Aber hör mal, kennst du den Artikel ‚Frank Sinatra has a cold‘?“ Ich verneine, woraufhin er mir erklärt, dass 1965 der Journalist Gay Talese ein Portrait über Frank Sinatra schreiben sollte, dieser aber „under the weather“ war, „out of sorts, and unwilling to be interviewed“. Sinatra war erkältet, krächzte, was ihm eine äußert schlechte Stimmung bescherte. Talese musste sich also etwas einfallen lassen und tat es: Statt mit Sinatra selbst, begann er mit den Menschen zu sprechen, die ihn umgaben, die auf die eine oder andere Weise mit ihm zu tun hatten. Außerdem nutzte er jede Gelegenheit, Sinatra selbst zu beobachten. Daraus schrieb er einen Artikel, der zwar nicht dem klassischen Portrait entsprach, aber in seiner Eigenheit einen neuen Blickwinkel auf die Person und ihr Leben brachte, nebenbei eine neue Form des Journalismus begründete.

In meinem Fall ist es zwar nicht so, dass es dem Lauf nicht möglich ist, sich von mir belaufen zu lassen, sondern ich es bin, der noch nicht laufen darf – aber mir genügen die Parallelitäten, denn sie geben die entscheidende Motivation, in Richtung Großglockner zu fahren. Wer weiß, was aus der Geschichte – und was für eine Geschichte – entstehen würde. Neugier breitet sich aus in mir. Also breche ich am nächsten Morgen nach Kaprun auf.

Die Züge sind voll, Ferienzeit, und das Alpenpanorama lockt. Ich sitze unruhig auf meinem Sitz und denke nach. Worüber soll ich denn nun schreiben, wenn nicht über meine Lauferfahrung? Über das, was ich beim Laufen sehe, höre, rieche, fühle, denke? Denn genau das tue ich ja sonst. Anders gefragt: Was ist das Trailrunning-Pendant zu Frank Sinatra?

Der Zug hält in Zell am See, das Wasser liegt großflächig und ruhig vor mir, Familien tummeln sich geschäftig, Menschen in Leinenhemden sitzen auf der Terrasse des Grand Hotels. Von hier aus nehme ich den Regionalbus nach Kaprun. Auch hier fühlt man direkt Ferienvibes, Aktivtouristen eiligen Schritts und in Wanderkleidung, andere schlendernd und auffallend viele Gäste aus arabischen Ländern. (Letzteres liegt daran, dass diese Gegend, mit ihren hoch gelegenen Stauseen und den Gletschern, der muslimischen Idee des Paradieses nahekommt, wie man mir später erklärt). Und dann, früher als erwartet, sehe ich die ersten Menschen in unverkennbaren Trailrunningschuhen, manche sogar mit faltbaren Stöckern, allzeit bereit. Und vor allem: Mitten im Zentrum Kapruns steht das Ziel des GGUT, frisch aufgeblasen, bereit für die über tausend kommenden Durchläufe. Mein Herz schlägt höher, beginnt beinahe zu rasen. Aber statt zu laufen, checke ich im Hotel ein.

In einem ersten Versuch überlege ich, den Berg zum Protagonisten meiner Story zu machen. Nicht einen bestimmten Berg, nicht den Großglockner (3.798 Meter), den Johannisberg (3.453 Meter) oder das Wiesbachhorn (3.564 Meter), die beim GGUT alle umrundet würden. Und auch nicht die Orte, die man auf dem Weg passiert, den Mooserboden, die Rudolfshütte, das Glocknerhaus und Fusch. Es soll mir um den Berg an sich gehen. Als Idee, als Gefühl. Ist das vorstellbar? Man selbst in den Bergen, als Zustand, vielleicht sogar als Entrückung. Den Berg, vor dem man als Läufer steht und mit John Muir denkt: „The mountains are calling and I must go.“ Vor dem man sich respektvoll verneigt, oder auch ganz automatisch, weil der Berg keine andere Art der Besteigung, der Annäherung, duldet. Über den Berg will ich schreiben. Der für Läufer doch vor allem eines bedeutet: Freiheit. Was für eine Freiheit? Die Freiheit, Lust und Leiden nah beieinander zu erleben.

Aber natürlich bin ich nicht hier, um mich in philosophischen Fragen zu üben. Philosophieren ist eine Sache des Vorher und des Nachher (Überlegungen dazu, wie etwas sein wird oder sein müsste; wie es gewesen ist und warum es gerade so war). Während des Laufens, zumindest während des Laufens in den Bergen, wie hier im Pinzgau und beim GGUT, ist höchstens die praktische Philosophie relevant: die Ethik des Loslaufens, die Ethik des Durchhaltens und die Ethik des Ankommens. Raum (physisch wie psychisch) bleibt daneben eventuell noch für die Ästhetik: der Bewegung, des Körpers. Und schließlich, in der verdienten Erschöpfung, spirituellen Höhen und Tiefen: die Transzendenz. Aber das alles läuft ab im Moment, ist flüchtig – es lässt sich schwer durch Worte beschreiben. Besser lässt es sich wahrnehmen, und vor allem fühlen.

Genau das will ich. Und deswegen baut sich immer stärker und drängender eine zweite Frage auf: Wie kann ich das Gefühl haben zu laufen – die Gefühle, die ich während des Laufens habe –, obwohl ich nicht laufe? Oder anders gefragt: Ist es möglich, nicht zu laufen, sich durch die Vorstellung dem Laufen aber so zu nähern, als würde man doch laufen? Oder noch einmal anders gefragt: Kann man an zwei Orten, in zwei Zuständen – laufend und nicht laufend – gleichzeitig sein? Erleben auf zwei Ebenen … Zugegebenermaßen, auch das ist eine philosophische Frage – aber doch immerhin eine mit unmittelbarer praktischer Relevanz.

Ich sitze in meinem Hotelzimmer in Kaprun. Draußen ziehen sich die Wolken zusammen, es beginnt zu regnen. Am nächsten Morgen wird der Weissee Gletscherwelt Trail starten, 37 Kilometer lang, 1.500 Meter hoch, 2.200 runter – hoffentlich wird das Wetter sich bis dahin bessern. Ich gehe hinunter in die Lobby, stoße dort beinahe mit einer Dame zusammen, die sich über den süßen Geruch in ihrem Hotelzimmer beschwert (liegt etwas in der Luft, Aufregung, Vorfreude vor dem Lauf? Vielleicht ist das ein wenig weit hergeholt, aber ja, es riecht süß). Hinter der Frau unterhalten sich drei Läufer – an jeder Ecke trifft man an diesem Wochenende jemanden, der läuft oder in irgendeiner Weise mit dem Laufen zu tun hat; man kennt sich, man grüßt sich, man hat Respekt füreinander. „Das wird eine ganz schöne Pampe morgen“, sagt der eine, „holt lieber eure Matschspikes raus.“ „Besser als staubtrocken“, meint der andere, „da rutschst du ja noch mehr.“ Und ein Dritter erörtert den beiden, welche Schuhe seines Sortiments er bei welchem Nässegrad nehmen wird. Alle drei ziehen während ihrer Unterhaltung entweder die Knie hoch oder führen die Fersen zu den Hintern. Sie sind sichtlich nervös, und ich schaffe es nicht, sie nicht zu beneiden. „Regen im Rennen ist egal, da spürst du eh nichts. Aber für die Zuschauer ist’s schon netter, wenn die Sonne scheint.“

Schließlich gehe ich an ihnen vorbei nach draußen. Der Regen verhindert weitere nervös herum tigernde Läuferinnen und Läufer. Nur jemand, der nicht laufen wird, kann das Bedürfnis haben, die Elemente jetzt so stark zu spüren. Das Finish steht noch verlassen, ein paar Absperrgitter sind umgeblasen vom stürmischen Wind. Ein Polizeiwagen hält, eine Polizistin steigt aus, um die Gitter auszustellen, aber kaum hat sie begonnen, fliegen schon die nächsten um, und der Kollege sagt: „Hat eh keinen Zweck“. Hinter dem Ziel leuchtet orangenes Licht aus einer Bar, stimmungsvolle Musik, Drinks. Ein Donner untermalt das Ratschen von Metall auf Beton, es blitzt, es ist gewaltig.„Sinatra with a cold is Picasso without paint, Ferrari without fuel – only worse.“ Ich muss geduldig sein. Warten mit dem Laufen. Nur schreiben. Ist es möglich, sich durch die Vorstellung dem Laufen so zu nähern, als würde man laufen, obwohl man es physisch nicht tut?

Am Morgen studiere ich den Race Guide, ein kleines, aber stattliches Magazin, auf der Rückseite prangt der Dynafit-Schneeleopard. Beim GGUT gibt es vier zentrale Läufe, den Ultra Trail (110 Kilometer, 6.500 Höhenmeter), den Osttiroltrail (84 Kilometer, 5.000 Höhenmeter), den Großglocknertrail (57 Kilometer, 3.500 Höhenmeter) und eben den Weissee Gletscherwelt Trail. Als ob ich es gespürt hätte, bin ich früh aufgewacht, beinahe parallel zum Start des WGT. Es ist neblig an diesem Morgen, die Gipfel hüllen sich in die sanften Decken, es regnet und stürmt nicht mehr, der Boden ist noch feucht, nicht unangenehm. Am Straßenrand sind die Sonnenblumen niedergekämpft, vom Regen, vom Wind, von der Willenskraft, die sie aufbringen mussten, um der Natur so lange wie möglich zu trotzen. Die Läufer laufen jetzt die ersten Meter, am anderen Ende des Nebels, in ihrem Dialog mit dem Berg, in ihren Gedanken an das, was vor ihnen liegt. Ich nehme drei Busse und einen Schrägaufzug hinauf zu den Hochgebirgsstauseen am Mooserboden. Gleich müssen die ersten Läufer hier die Verpflegungsstation passieren.

Ich stelle mir vor: Die ersten Trippelschritte in der noch dichten Gruppe, vereinzelt schnalzt jemand, ein paar rufen: „Auf geht‘s!“ Tatsächlich nur ein kurzes flaches Stück und schon geht es aufwärts, zwischen dünnen Fichten, die im Morgenlicht grau erscheinen. Neben uns plätschert ein Bach, ein paar Vögel zwitschern, die ein in den Bergen aufgewachsener sicher benennen könnte. Es geht noch gemächlich zu, beinahe romantisch, wir lassen uns von der Gruppe treiben, einer trägt den anderen durch das Selbstverständnis, mit dem er läuft. Der Berg zieht uns an. Er fordert uns zum Dialog, als ob er einsam oder mindestens gelangweilt ist. Da sind wir ja. Vorsicht, jetzt noch nicht zu schnell, den Atem ruhig kommen lassen. Ein schwarzes Eichhörnchen, ein paar Kiefern, auch Laubbäume, dichtes Gestrüpp, dazwischen ist Nebel eingezogen, sicher der, den ich von unten aus schon habe ahnen können. Durch den Regen haben sich auf dem Trail ein paar Löcher gebildet, die wir nicht sehen, da sie sich an der Oberfläche nicht von der Umgebung unterscheiden. Einige stolpern darüber, rappeln sich auf, die Matschtattoos stehen ihnen gut – den Abenteurern. Langsam, fast zögerlich schiebt sich die Sonne durch den Nebel, der seinerseits immer lockerer wird. Das Licht schiebt sich am Berg herunter wie an einem Bühnenkörper. Der halbrunde Gipfel vor mir erinnert mich an den Half Dome im Yosemite Nationalpark, wo ich meinen ersten Bären in freier Wildbahn gesehen habe und wo ich abends im Dunkeln beinahe verschollen bin, unter den Mammutbäumen. „Geh ma, hopp, hopp“, ruft jemand vom Streckenrand. Unwillkürlich werde ich schneller, das hohe Gras streift meine Knie. Je höher wir kommen, desto griffiger wird der Boden, der Grip ist gut, im nun flacheren Matsch tauchen meine Schuhe ein, ohne dass Stabilität verlorengeht. Ich spüre die Anstrengung durch den ganzen Körper, aus den Armen, die Stöcke fest umgriffen, zieht es herab bis zur Hüfte, und von den Fußsohlen hinauf. Die leicht ausgesetzten Stellen machen mir wie immer Angst, aber es hilft zu sehen, wie die anderen Läufer sie meistern. Beim Start war es noch kühl, jetzt haben wir alle unsere Jacken ausgezogen. Um uns bunte Punkte, die Alpenblumen, Edelweiß, Glockenblume, Teufelskralle, wir faden unmerklich ein, hier und da rauscht schmelzendes Gletscherwasser hinab. Es rauscht und rauscht und rauscht, alles und überall. Es ist überraschend grün, trotz der Höhe (etwa 2.400 Meter), trotz des Alpinen. In den langen Panoramapassagen sehe ich vereinzelte Flecken vor den Felsen, die Läuferinnen und Läufer, mittlerweile wie eine weit auseinandergezogene Ziehharmonika.

Auf einem flachen Stück erzählt mir ein Läufer, er arbeite auf dem Bau, aber Laufen, das sei sein Traum, sein zweites Leben. Er trainiere jeden Tag, „nur wenn wir mit dem Presslufthammer arbeiten, bin ich abends zu müde“. Ein anderer beschwert sich, „viel zu technisch hier“. An der Verpflegungsstation gießt er sich aus dem Kanister hektisch die Softflask voll und zieht ab mit mürrischem Gesicht. Ein Dritter schwört auf eine Art Babybrei, den ihm seine Frau vorbereitet hat, und ein Vierter freut sich, dass er die „Nervosität der Stadt“ endlich hinter sich lassen kann. Ich sehe keines der angekündigten Schneefelder. Die Erschöpfung setzt ein, natürlich, nur eine Frage der Zeit. Ich zwinge mich, konzentriert zu bleiben, gerade bei den technischen Passagen und auf den größeren, glatten Felsbrocken. Wie lecker der Kaiserschmarrn nach dem Lauf sein wird! Schon rutsche ich bedrohlich. Wäre das ein guter letzter Gedanke? In den Bergen erlebt jeder sein eigenes Abenteuer.

Ich will ewig weiterlaufen und gleichzeitig will ich nur noch ankommen. Das ist Trailrun. Die Oberschenkel brennen beim Down-Hill. Das Tal nähert sich, Autogeräusche, Kuhglocken, Hahnenkrähen. Beim Vorbeilaufen springen mir die Kühe immer wieder von der Pupille; ein Hubschrauber, der in den Wolken verschwindet, von dem nur ein röhrendes Geräusch bleibt. Die Sonne hat den Nebel mittlerweile komplett vertrieben, es wird warm, sehr warm. Der Frühling beginnt, obwohl Sommer ist. Von irgendwoher – wahrscheinlich von einem Handy – höre ich orientalische Klänge, und plötzlich bin ich ins Libanongebirge versetzt, wo ich im Frühling war: In der schmalen Qadisha Schlucht laufe ich zwischen Felsenklöstern und Wasserfällen, durch wüstenartiges, hellrotes Gestein, so schnell ich kann; so schnell kann das gehen – so schnell kann einen Erinnerung und Vorstellung an einen anderen Ort, in einen anderen Zustand versetzen. Das fliehende Gras unter dem Hubschrauber – ist das ein Hubschrauber oder ein Rasenmäher? Nochmal ruft jemand, „Auf geht’s“ und „Geh ma, hopp, hopp“. Das bin ich. Ja, ich bin das. Ich stehe dort, am gewaltigen Staudamm am Mooserboden und juble den vorbeilaufenden Trailrunnern zu, feure sie an, auch mich. Manche machen konzentrierte, beinahe finstere Gesichter, andere bedanken sich euphorisch. Wie schaue ich als einer von ihnen? Ich juble ihnen zu und stelle mir gleichzeitig vor, wie ich mit ihnen durch den Pinzgau laufe.

Ist es also möglich, sich durch die Vorstellung dem Laufen so zu nähern, als würde man laufen, obwohl man es physisch nicht tut? Kann man sich durch Schreiben ins Laufen bringen? (Denn das ist die Methode, die ich probeweise gewählt habe.) Sodass man wie ein Laufender fühlt und wahrnimmt? Ich bin nicht gelaufen und ich bin gelaufen.

Ist diese Art des Dabeiseins nicht genau das, was man als Leser erlebt? Begibt man sich als Leserin nicht bereitwillig auf die Reise, die ein Text anbietet? Man reist mit, nach Kaprun, zu den Gipfeln des Großglockners, zu den Hochgebirgsstauseen. Man geht mit, zu den Abstechern in den Yosemite Nationalpark und ins Libanongebirge. Man hört Frank Sinatra singen, „Fly me to the moon” vielleicht, oder „I did t my way“. Man spürt die Enttäuschung, die der Läufer spürt, wenn die Ärztin ihm das Laufen untersagt. Man erlebt mit, wie er versucht, sie zu hintergehen, versucht, die Rechnung ohne den Wirt, seinen Körper, zu machen. Vor allem aber läuft man mit über die Trails, durch die Berge, spürt die Anstrengung in den Beinen, Angst- und Glücksmomente, sieht den sich lichtenden Nebel, die Berge, den Wald, die Felsen, sieht das alles vor sich, hört die Kuhglocken, den eigenen Atem; riecht den Regen, der von den Wegen verdunstend aufsteigt. Man ist dem Laufen ganz nah. Vielleicht hört man die eigenen Schritte, hinter sich, wie ein Echo, und vielleicht zieht es sogar im Oberschenkel. Das alles passiert beim Lesen. Wenn ich lese, komme ich dem Laufen nah, beinahe, als würde ich selbst laufen. Lese ich, kann ich gleichzeitig auf der Couch und auf dem Trail sein.

Man könnte sagen, sich das Laufen vorzustellen, ist wie ein Leben in immer neuen Geschichten. Keine Geschichte schließt die vorherige oder nachfolgende aus, grundsätzlich ist jede Geschichte möglich. Und leben wir Läuferinnen und Läufer nicht ohnehin ständig in Geschichten? Erzählen wir nicht von unseren Martyrien, unseren Heldengeschichten, gemarterten Beinen, herausgefordertem Willen? Wir erzählen anderen Läuferinnen und Läufern, die mit ihren Geschichten antworten, und wir erzählen Nicht-Laufenden, die staunen oder die Stirn runzeln. Wir alle haben unglaubliche Geschichten zu erzählen. Und fallen uns nicht zu jedem zweiten Ort, den wir in unseren Städten oder Dörfern passieren, Lauferlebnisse aus der Vergangenheit ein? Oder finden wir nicht Laufträume für die Zukunft, in Erzählungen oder auf Fotos im Internet? Der Großglockner Ultra Trail war für mich ein Traum. Weil ich nach Krankheit nicht fit war, konnte ich ihn nicht laufen. Und nun wird eine Geschichte daraus.

Während die Läuferinnen und Läufer des kürzeren Trails am Morgen sich in die Regeneration begeben haben, startet am Abend der Hauptlauf, der namensgebende Großglockner Ultra Trail. Kurz vor 22 Uhr ist der Kapruner Marktplatz brechend voll, die Moderatoren (sie werden bis am übernächsten Tag um vier Uhr morgens die Einlaufenden begrüßen) heizen ordentlich ein. Es ist dunkel, es nieselt, aber das akzeptieren die Läuferinnen und Läufer schnell. Während sie zwischen den (mittlerweile solide stehenden) Gittern warten und dem Himmel ausgesetzt den meditativen Moment vor dem Start genießen (ab und zu ein Körperteil ausschütteln, nicht zu einem bestimmten Zweck, sondern eher, weil man irgendetwas machen muss), stehen die Zuschauerinnen und Zuschauer dicht gedrängt unter Schirmen und Dächern. Ich stehe auf einem Betonklotz nahe der Startlinie und bin hin- und hergerissen. Zwischen der Lust mitzulaufen und der Gemütlichkeit, es nicht zu tun. Für diesen Moment erfüllt mich die Lust am Text, die Möglichkeit, nicht zu laufen und dennoch zu laufen. Es liegt eine Spannung in der Luft: Hält das Wetter? Halte ich? Zwei Minuten vor Start tönt der „Pirates of the Caribbean House“-Remix aus den Lautsprechern. Dann der Countdown … „Auf geht’s, geh ma. Hopp, hopp!“

430 Beine unter 215 entschlossenen Gesichtern holpern über das Kopfsteinpflaster, neuen, eigenen Geschichten entgegen: „The best is yet to come“ – angeblich ist das auf Sinatras Grabstein eingraviert. Heroisch laufen die Ultrarunner in die Dunkelheit, in Regen, Kälte und Höhe, Erschöpfungen wie nach dem Anstieg zur Glorer Hütte, Glücksmomente wie einen langgezogenen Sonnenaufgang zwischen den Gipfeln, die Mut machende Suppe am Glocknerhaus, Schmerzen, und immer wieder zum Gedanken „Ich will nicht mehr“, der seine Klingen kreuzt mit dem „Ich ziehe das durch“.

Als sie außer Sichtweite sind, wird es still auf dem Markt. In 14 Stunden und 35 Minuten wird der schnellste Teilnehmer wieder hier sein. In 29 Stunden und 46 Minuten wird der Zieleinlauf durch eine Läuferin beschlossen. Nun ist es leer hier, still, der Puls wieder heruntergefahren. Die Läuferinnen und Läufer sind weg und man selbst steht noch da. Und jetzt?

Auf einem großen Bildschirm läuft ein Livestream des Laufs. Ein Kameramann läuft auf den ersten Kilometern mit, stellt den Laufenden Fragen, „Wie geht es euch? Was habt ihr so vor?“ Eine Zeitlang begleitet er die erste Frau, in schnellem Schritt geht sie in die erste Steigung. Erst als der Kameramann stehenbleibt, sieht man, wie sehr das Kameralicht ihr den Weg geleuchtet hat. Der kleine Lichtkegel ihrer Stirnlampe verschwindet im Wald, während wir Verbliebenen einen Absacker trinken und noch über eine Stunde den Stream verfolgen; beinahe schweigsam, als müssten wir uns konzentrieren, nicht selbst daneben zu treten.

Es wird noch einiges passieren in den folgenden Stunden, während des Ultra Trails und auch während der etwas kürzeren Distanzen, dem 57-Kilometer-Lauf und dem 84er, die am frühen Morgen starten. Es wird einiges passieren, gleichzeitig und nacheinander, für die Laufenden und alle in irgendeiner Form damit in Verbindung Stehenden, physisch erlebbar und imaginiert: In den Bergen erlebt jeder sein eigenes Abenteuer.

Ob Frank Sinatra eigentlich jemals über die Berge, das Laufen in den Bergen, oder sogar den GGUT gesungen hat? Das weiß ich nicht. Aber vorstellen kann ich es mir.