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Thema: 1917


Blu-ray Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 24.04.2020

Ein Idyll unter einem Baum: Der zuvor schlummernde Lance Corporal Blake soll sich mit einem Zweiten bei seinem Vorgesetzten melden. Seine spontane Wahl fällt auf Lance Corporal Schofield. Keiner von beiden ahnt, welche Schrecknisse sie in den nächsten Stunden erwarten.


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Bildquelle: Blu-ray Magazin, Ausgabe 4/2020

Antikriegs-Film

OT: 1917 L: GB, US, CN, IN, ES J: 2019 V: Universal Pictures B: 2.39: 1 T: Dolby Atmos R: Sam Mendes
D: George MacKay, Dean-Charles Chapman, Benedict Cumberbatch LZ: 119 min FSK: 16 W-Cover: k. A.

VÖ: 28.05.20 × 1 Extras: 4/10

Im Handy-Zeitalter scheint es kaum vorstellbar, dass vom Überbringen einer Botschaft tausende ...
Schon Christopher Nolans Weltkriegs-Drama „Dunkirk“ von 2017 nutzte lange Einstellungen, um unentrinnbare Situationen zu erschaff en, die auch den Zuschauer gefangen halten und dementsprechend mitreißen sollten. Auch Regie-Kollege Alfonso Cuarón nutzt in Filmen wie „Children Of Men“, „Gravity“ und „Roma“ die Möglichkeiten der modernen Kamera- und nahtlosen Schnitt-Technik, um authentische Spannung sowie ein Gefühl der Machtlosigkeit zu erzeugen. Solche filmischen Momente, die keinen befreienden Schnitt aus brenzligen Lagen anbieten, sprechen auch immer automatisch den Betrachter an und stellen die Frage: „Was würdest Du in dieser Situation tun?“. „Skyfall“- und „Spectre“-Regisseur Sam Mendes treibt diesen Erzähl- und Darstellungs-Ansatz noch weiter auf die Spitze, indem er einen ganzen Film ohne sichtbaren Schnitt auskommen lässt. Da eine echte durchgängige Einstellung wie etwa in „Victoria“ (2015) oder auch in „Utøya 22. Juli“ gewisse logistische Einschränkungen mit sich gebracht hätte, entschied sich Mendes für mehrere sehr lange Takes, die dann so nahtlos wie möglich aneinander geschnitten wurden, sodass es aussieht, als wäre der Film tatsächlich in Echtzeit gedreht worden. Diese Form der Echtzeit sorgt wie bei den vorgenannten Werken für eine enorme Intensität und erschaff t ein drastisches Event-Kino, das zu recht drei technische Oscars für die beste Kamera, die besten visuellen Eff ekte und die beste Sound-Abmischung erhielt. Einen erkennbaren Schnitt gibt es übrigens dennoch an einer markanten Stelle im Film: Um die Nacht und den Tagesanbruch in der rund zweistündigen Echtzeit-Handlung thematisieren zu können, ging es eben nicht ohne. Jedoch wurde dieses (Zeit-)Problem inhaltsbezogen bzw. recht passend gelöst. ...

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Im Handy-Zeitalter scheint es kaum vorstellbar, dass vom Überbringen einer Botschaft tausende Menschenleben abhängen können. Ebenso erscheint der Erste Weltkrieg für die meisten heutzutage als abstraktes Konstrukt der Vergangenheit, etwas, dem man sich im Geschichtsunterricht mit ähnlichem Enthusiasmus zuwendet wie etwa dem Dreißigjährigen Krieg. Sam Mendes Oscar-prämiertes Eventkino „1917“ hilft, die damaligen Schrecknisse ein Stück weit aus dieser Abstraktion zu holen und diese Zeit nachvollziehbarer zu machen.
Schon Christopher Nolans Weltkriegs-Drama „Dunkirk“ von 2017 nutzte lange Einstellungen, um unentrinnbare Situationen zu erschaff en, die auch den Zuschauer gefangen halten und dementsprechend mitreißen sollten. Auch Regie-Kollege Alfonso Cuarón nutzt in Filmen wie „Children Of Men“, „Gravity“ und „Roma“ die Möglichkeiten der modernen Kamera- und nahtlosen Schnitt-Technik, um authentische Spannung sowie ein Gefühl der Machtlosigkeit zu erzeugen. Solche filmischen Momente, die keinen befreienden Schnitt aus brenzligen Lagen anbieten, sprechen auch immer automatisch den Betrachter an und stellen die Frage: „Was würdest Du in dieser Situation tun?“. „Skyfall“- und „Spectre“-Regisseur Sam Mendes treibt diesen Erzähl- und Darstellungs-Ansatz noch weiter auf die Spitze, indem er einen ganzen Film ohne sichtbaren Schnitt auskommen lässt. Da eine echte durchgängige Einstellung wie etwa in „Victoria“ (2015) oder auch in „Utøya 22. Juli“ gewisse logistische Einschränkungen mit sich gebracht hätte, entschied sich Mendes für mehrere sehr lange Takes, die dann so nahtlos wie möglich aneinander geschnitten wurden, sodass es aussieht, als wäre der Film tatsächlich in Echtzeit gedreht worden. Diese Form der Echtzeit sorgt wie bei den vorgenannten Werken für eine enorme Intensität und erschaff t ein drastisches Event-Kino, das zu recht drei technische Oscars für die beste Kamera, die besten visuellen Eff ekte und die beste Sound-Abmischung erhielt. Einen erkennbaren Schnitt gibt es übrigens dennoch an einer markanten Stelle im Film: Um die Nacht und den Tagesanbruch in der rund zweistündigen Echtzeit-Handlung thematisieren zu können, ging es eben nicht ohne. Jedoch wurde dieses (Zeit-)Problem inhaltsbezogen bzw. recht passend gelöst.

Boten-Mission

Die Handlung lässt sich indes recht schnell erklären: Die Zuschauer bezeugen insgesamt zwei Stunden der Mission zweier britischer Soldaten, die während des Ersten Weltkriegs in Frankreich vom Feind besetztes Land durchqueren müssen, um eine lebenswichtige Botschaft zu überbringen. Das „Was“ und „Warum“ spielt für den Spannungsaufbau also hauptsächlich eine motivierende Rolle. Das „Wie“ hingegen bestimmt die Intensität der Zeitreise, denn William Schofields (George MacKay) und Tom Blakes (Dean-Charles Chapman) Höllentripp beinhaltet viele Tiefen, tödliche Überraschungen und Unerwartetes, aber auch kleine Höhen, die rar gesät sind und dadurch umso heller strahlen. Ihre Aufgabe ist es, das zweite Bataillon des Devonshire-Regiments (in dem auch Blakes Bruder Joseph kämpft) davon abzuhalten, in eine sichere Todesfalle zu tappen. Diese rund 1600 Mann umfassende Einheit verfolgt die sich vermeintlich zurückziehenden Deutschen, welche allerdings einen Hinterhalt mit schwerer Artillerie planen. Da die Kommunikation über die Feldtelefone gekappt ist, trägt General Erinmore (Colin Firth) den oben beschriebenen Auftrag an die beiden Protagonisten heran.
Regisseur Sam Mendes trug die Idee für diesen Film seit Jahren mit sich herum, bevor er sich dann letztendlich an eine erste grobe Handlungsstruktur wagte. Inspiriert von den Geschichten, die ihm sein Großvater Alfred H. Mendes erzählte, der im Ersten Weltkrieg als Bote von der britischen Armee eingesetzt wurde, entstand ein rein fiktives, aber dennoch authentisches Fenster in die Vergangenheit. Um dieses zu ermöglichen, stand die komplette Filmcrew vor einer großen logistischen Herausforderung.

Tücken der Echtzeit

Zunächst einmal mussten erst einmal Schauplätze gefunden werden, die sowohl den Beschreibungen im Drehbuch annähernd entsprachen als auch groß genug waren, um eine durchgängige Szene drehen zu können. Die Protagonisten befinden sich in permanenter Bewegung, weshalb eine Szene auch nur so lang sein konnte, wie es die Landschaft hergab. So wurde beispielsweise ein zwei Kilometer langer Schützengraben ausgehoben, damit dort eine besonders lange Szene eingefangen werden konnte, die rund sechs Minuten geht. Passierte während des Drehs ein Fehler, musste von vorne begonnen werden. Dann galt es, die richtige Kamera dafür zu finden. Die neu entwickelte Arri LF Mini Digitalkamera bot durch ihre geringe Größe die nötige Flexibilität bei höchster Bildqualität. Und flexibel musste sie sein: So wurde für den kompletten Weg Blakes und Schofields eine 40 Seiten umfassende Karte entworfen, auf der ihre Bewegungen sowie die Kamera-Bewegungen minutiös eingezeichnet waren. Wo andere Filme zwischen den Totalen, die die Landschaft zeigen, den Halbtotalen, die für Dialoge verwendet werden und den Close ups mittels Schnitt zwischen verschiedenen Kameras hin und herspringen, bleibt es hier bei einer einzigen Kamera, die z. B. vom Kran händisch abgenommen und in einer fließenden Bewegung zu einem auf einem Fahrzeug montierten Kran getragen werden musste, während sie lief. Nur so waren die Kamera-Bewegungen überhaupt möglich. Und all das immer mit dem Blick auf das korrekte Framing, damit alles im Bild ist, was zu sehen sein soll. Es kamen zahlreiche Techniken zum Zuge, von der reinen Handkamera über eine Steadycam, einen Trinity-Kamera-Stabilisator, verschiedenste Kräne, Seilzüge, ferngesteuerte Untersätze auf Rädern und so weiter. Wer mit den beiden Hauptakteuren leidet, wenn sie sich durch die ganzen Menschenmengen im engen Graben durchzwängen, sollte mal den jeweiligen Kameramann fragen. Die Kamera folgt den Darstellern auf Schritt und Tritt, manchmal sogar mehrere hundert Meter weit. Auch die Beleuchtung war ein Problem, konnten doch nirgends zusätzliche Lichtquellen aufgestellt werden, da sich die Kamera 360 Grad um die eigene Achse bewegen musste. Zwischen den Tag- und Nachtsequenzen sowie den Aufnahmen in nur spärlich beleuchteten Unterständen musste Kameramann Roger Deakins („Skyfall“) passende Übergänge finden. Da hauptsächlich mit natürlichem Licht gedreht wurde, durften natürlich auch keine Wetterumschwünge geschehen und es musste immer zur gleichen Tageszeit gedreht werden.

Benedict Cumberbatch als Colonel Mackenzie


Die Kamera begleitet das Duo auf Schritt und Tritt


Im Zeichen der Immersion

Neben der Oscar-prämierten Kamera-Arbeit mit den faktisch unmöglichen Aufnahmen durfte auch das Timing vor der Kamera nicht vergessen werden. Was für Koordination es bedarf, wenn jemand über ein off enes Feld rennt, während 450 uniformierte Statisten in eine andere Richtung stürmen, während die Explosionen der Artillerie-Geschosse immer näher kommen, möchte man sich gar nicht vorstellen. Wäre das Ganze im Studio entstanden, hätten Markierungen für die Darsteller auf dem Boden angebracht werden können. Hier probten sie die Szenen noch mit Abgrenzungen, die den Weg markierten. Beim Dreh gab es das dann nicht mehr. Alles wurde perfekt aufeinander abgestimmt. Aus dem festgelegten Rhythmus auszubrechen, hieße, einen Fehler zu begehen und damit die teuer inszenierte Szene überflüssig zu machen. Unter all der Koordination durfte ebensowenig das Schauspiel an sich vernachlässigt werden. Gestik und Mimik verraten, was in den Charakteren vor sich geht und sind entscheidend für die emotionale Reise, die der Zuschauer miterlebt – vom ersten Erwachen unter einem Baum bis zum Schließen der Augen in einer ähnlichen Einstellung.
Ein ebenfalls verbindendes, für die Immersion sehr wichtiges Element ist der Sound. Die Bluray-Veröff entlichung zu „1917“ zollt diesem Umstand sowie dem Sound-Oscar durch eine makellose Dolby-Atmos-Tonspur Respekt, die sowohl in Englisch als auch in Deutsch vorliegt. Dolby Atmos ist hier deshalb so wichtig, da Sam Mendes Vision auf eine Immersion abzielt, die die Zeit erlebbar macht. Die Abmischung ist dementsprechend sehr dreidimensional gestaltet. Erkunden Blake und Schofield die Tunnelsysteme der Deutschen, bricht die Kriegshölle los oder schleicht jemand durch nächtliche Ruinen, sorgt die brillante Abmischung für nervöses Kopfzucken beim Zuschauer. War das eben ein Schuss? Wo kam er her? Selbst die Entfernung des Einschlags lässt sich so problemlos ermitteln. Die 360Grad-Echtheit der Kulissen lässt sich also auch auf das Hörbare übertragen. Das Bild ist brillant in Schärfe und Kontrast. Um die Kontinuität zu wahren, wurde der Himmel etwas überbelichtet, was sehr gut zur diesig-nebligen Atmosphäre passt. Triste, entsättigte Farben geben am Anfang den für Weltkriegsfilme typisch elegischen Look. Sobald die Szenerie aber vom matschigen Schlachtfeld in grünere Gefilde wechselt, scheint auch die Sättigung ein Müh zuzunehmen. Das Bonusmaterial wird zum Teil zur Beweihräucherung des Regisseurs und Koautors genutzt, bietet aber auch hochinteressante Einblicke in die bahnbrechende Kamera-Arbeit und die generelle Produktion. Das Weltkriegs-Thema wird hingegen kaum bedient, was etwas schade für die geschichtsinteressierte Zuschauerschaft ist. Der Film selbst ist aber ein solch technisch gelungenes Vergangenheitsfenster mit dem Who-is-Who britischer Schauspielgrößen in kleinsten Nebenrollen, dass man über diesen Fauxpas mit Leichtigkeit hinweg sehen kann.

1917 auf Bluray

„Es war, als würde man in die Vergangenheit reisen“

Im Gespräch mit Drehbuchautorin Krysty Wilson-Cairns, die aufgrund ihrer Arbeit an „1917“ zusammen mit dem Regisseur Sam Mendes eine Oscar-Nominierung fürs beste Original-Drehbuch erhielt und zum ersten mal bei der Kultserie „Penny Dreadful“ mit dem „Bond“-Regisseur zusammenarbeitete.

Regisseur Sam Mendes erklärt die nächste Szene


Interessierten Sie sich schon für den Ersten Weltkrieg, bevor Sie von Sam Mendes mit der Idee zu „1917“ angesprochen wurden?
Ja, als jemand, der aus Glasgow stammt, wo der Krieg besonders schlimm gewütet hat und den ganzen Landstrich verwüstet hat, war ich schon als Teenagerin absolut fasziniert von dem Thema. Ich habe mit meinen Großeltern darüber gesprochen und ich erinnere mich an einen meiner ersten London-Trips, bei dem ich das Imperial War Museum besuchte. Es war also ein wahrgewordener Traum, als Sam auf mich zukam. Er erzählte mir zunächst nicht, worum es geht und fragte einfach, ob ich frei wäre. Und ich sagte: „Natürlich bin ich frei – Sie sind Sam Mendes!“ (lacht) Dann off enbarte er mir: „Es wird ein Film über den Ersten Weltkrieg“ und ich war begeistert.

Es gibt wohl generell eher wenige Frauen, die Drehbücher für Kriegsfilme schreiben. Denken Sie, das machte einen Unterschied?
Ich weiß nicht, woran es liegt, dass weniger weibliche Autoren Kriegsgeschichten schreiben. Ich denke, es ist hilfreich, einen anderen Blickwinkel auf einen Konflikt, egal welcher Natur, zu haben. Keine Ahnung, ob mein Blickwinkel jetzt so anders ist, ich habe schließlich keine Vergleichsmöglichkeit wie es ist, ein Mann zu sein. Daher würde ich nicht zwingend behaupten, dass es superhilfreich war, dass ich eine Frau bin. Andererseits schadet es sicherlich auch nicht (lacht).

Sam Mendes hatte den groben Plan für die Geschichte. Wie haben Sie das in Form gebracht?
Wir hatten sehr großen Respekt vor den Soldaten und wollten die Männer ehren, die im Krieg kämpften, die überlebten sowie jene, die gefallen sind. Sam hatte die Idee zur Story, als ich dazu kam, hatte ich auch noch einige Ideen. Also setzten wir uns zusammen und benutzten den groben Entwurf als Ausgangspunkt für alles weitere. Wir stützten uns auf eine Menge Recherchen. Sam und ich besuchten das Imperial War Museum und selbst wenn es keine wahre Geschichte ist, versuchten wir, es so nahe an die Wirklichkeit heranzubringen wie nur irgend möglich, damit es diesen Männern huldigt.

Könnten Sie uns mehr über Ihre Recherche erzählen, insbesondere über die Augenzeugenberichte, die Sie im Imperial War Museum lasen und als Audio-Dateien anhörten? Halfen Ihnen diese bei der Entwicklung der Charaktere Schofield und Blake?
Den Augenzeugenberichten entnahm ich, dass es natürlich schrecklich war. Dennoch gab es da viel Kameradschaft und auch Liebe und Zuneigung für die Menschen, die mit einem kämpften. Vieles davon gelangte ins Skript wie beispielsweise ein paar Witze, die sie sich erzählten. Im Film gibt es einen Witz über eine Ratte und ein Ohr, den ich in einem echten Augenzeugenbericht fand. Ich dachte einfach, großartig! Und er wanderte direkt ins Skript. Wir bezogen uns also sehr stark auf die Wirklichkeit, um den Film so authentisch wie möglich zu gestalten.

Der Film ist in mehreren langen Takes gedreht, um das Gefühl zu erzeugen, es handele sich um einen einzigen Take. Wie beeinflusst das das Erlebnis für die Zuschauer?
Weil der Film in der Gegenwartsform gehalten ist, erscheint es wie in Echtzeit und als „One Shot“. Daher erhält der Zuschauer niemals Informationen von einem „Allsehenden Auge“. Es entfaltet sich stets alles erst in dem entsprechenden Moment. Daher weiß der Zuschauer genauso wenig wie die beiden Protagonisten, ob die Deutschen verschwunden sind, also ob sie sich zurück gezogen haben oder ob sie sich irgendwo eingegraben haben und es sich um eine Falle handelt. Man ist also genauso ratlos wie die Soldaten, sodass das Publikum diese Erfahrung mit ihnen teilt. Es findet in Echtzeit statt. Und genauso wie man sich zwei Stunden im eigenen Leben vorstellt, ist es nicht zwangsweise alles Verdammnis und Düsternis oder alles Freude – dementsprechend fühlt es sich wie das echte Leben an. Es muss diese Höhen und Tiefen aus Hoff nung und Furcht haben. Und ich glaube, dieser Film ist durchaus hoff nungsvoll.

Sie waren während des Drehs täglich am Set. Gab es Zeiten, wo Sie aufgrund der ganzen Logistik des durchgehenden Drehs in „einer“ Aufnahme Extra-Material schreiben mussten?
Ja, und wissen Sie was, dieser Film war eine echte Gemeinschaftsarbeit. Es waren nicht nur Sam und ich. Da waren auch Kameramann Roger Deakins, George, Dean, Pippa (Harris, Produzentin), die Leiter der einzelnen Abteilungen – wir waren alle sehr stark involviert in das Projekt. Es war eine große Kollaboration. Sam und ich begannen mit dem Drehbuch, aber das fertige Drehbuch war ein Produkt aller am Film beteiligten. Und die Sache mit der täglichen Anwesenheit am Set ist, dass man als Autor diese Themen recherchiert und man investiert eine große Menge der eigenen Vorstellungskraft darin. Als ich dann am Set auftauchte, war es einfach nur noch atemberaubend. Es war, als würde man in die Vergangenheit reisen, weil die Kulissen und Sets so real waren – und das alles dank der Arbeit der Abteilungsleiter samt ihrer Crew. Es war alles so unglaublich real, es war transformativ. Ich muss zugeben, wenn man angerufen wird, um etwas zu schreiben – und man weiß, dass Sam Mendes, Roger Deakins und die Schauspieler dort rumstehen und warten – das zehrte schon noch ein wenig an den Nerven (lacht). Aber dann fühlte es sich so an, als wäre man wirklich am Handlungsort, was sehr inspirierend war.

Was denken Sie ist der Grund dafür, dass der Erste Weltkrieg filmisch insgesamt weniger Beachtung geschenkt bekommt als der Zweite Weltkrieg?
Ich denke, das hängt definitiv damit zusammen, dass jeder Hemmungen davor hatte. Ebenso war der Preis des Ersten Weltkriegs so enorm hoch. Außerdem kämpfte niemand gegen das Böse – sie kämpften nicht gegen die Nazis. Und so ist es als Schriftsteller, als Geschichtenerzähler enorm schwierig zu denken, „Wie erzähle ich eine Story, mit der ich die Leute den Tod von Millionen von Männern verstehen lasse?“ Unser Zugang dazu bestand darin, es aus einem der charakterbezogenen, persönlichen Blickwinkel zu zeigen. Ich kann Sie sich nicht über zehn Millionen Tote mitleiden lassen, aber wir können versuchen, Sie in Sorge über ein Paar zu versetzen.

Von allen Geschichten, die Sie beide hierfür recherchieren mussten – gab es da welche, die Sie persönlich berührt haben?
Alle von mir rezipierten Augenzeugenberichte waren erschütternd und ebenso erbaulich, weil die Idee, für den Nebenmann zu kämpfen, für Freundschaft und für den Zusammenhalt sehr klar rüber kam. Ich glaube, das, was mich am meisten berührte, während ich es schrieb, war folgendes: Ich reiste nach Nordfrankreich und fuhr entlang einer Straße, die auch die Männer genommen hatten. Und auf jede Meile der Straße kamen fünf Friedhöfe. Ich war dort schon mehrere Male zuvor, als ich jünger war. Aber offensichtlich war es diesmal sehr persönlich, dort hin zu reisen. Und ich erinnere mich, auf einer Begräbnisstätte gewesen zu sein und realisiert zu haben, dass ich älter war als alle Männer, die hier begraben lagen – alle Jungs, die hier begraben lagen. Das brachte in mir das Bild der verlorenen Jugend zum Vorschein, der Zerstörung einer ganzen Generation, und es fühlt sich so an, als hätte dies seinen Weg ins Drehbuch gefunden, von einem sehr persönlichen, charaktergetriebenen Standpunkt aus.

Vielen Dank für das Gespräch!


Bilder: Universal Pictures

Bilder: Universal Pictures