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THEMA: Bollwerke, Bastionen und Bombarden


Archäologie in Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 13.09.2019

Lange Zeit genügten einfache Ringmauern, um die mittelalterlichen Städte und Burgen zu schützen. Doch spätes ‐ tens ab dem 15. Jh. stellten Schießpulver und Feuerwaffen neue Herausforderungen an das Befestigungswesen. Es ent ‐ standen völlig neue Festungsanlagen, die auf die Anforderungen der modernen Waffentechnik abgestimmt waren.


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Bildquelle: Archäologie in Deutschland, Ausgabe 5/2019

Unser Titelbild zeigt den Eingang zur sächsischen Festung Königstein.


Der Autor neben der Mons Meg, einem wuch - tigen Stabring geschütz des 15. Jh., Edinburgh Castle.


Bedingt durch den vermehrten Einsatz von Schwarzpulver und der dadurch ermöglichten Feuerwaffen zu Beginn der ...

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... Neuzeit, verloren die mittelalterlichen Befestigungen ihren Sinn. Denn den bis zu 200 kg schweren Kugeln der tonnenschweren Geschütze (Bombarden) wie der Mons Meg in Edinburgh konnten die hohen, aber schmalen Natur- und Ziegelsteinmauern nicht standhalten. Dies zeigte sich erstmalig 1489 im Italienfeldzug des französischen Königs Karl VIII., der dank seiner modernen Artillerie zahlreiche Burgen und Befestigungen einnehmen konnte. Die Baumeister reagierten auf diese neue Bedrohung durch Geschützfeuer, indem sie ab dem 15. Jh. mit zahlreichen Möglichkeiten experimentierten, um die bestehenden Befestigungen der neuen Waffentechnik anzupassen. Die schmalen Ringmauern wurden durch Erdwälle verbreitert und mit Schießscharten für Musketenschützen ertüchtigt, bestehende Tore und Türme zur Aufstellung von Geschützen angepasst (s. S. 26).

Allerdings zeigten diese eher improvisierten Maßnahmen gegen einen Angriff oder eine Belagerung mit Bombarden und »Mauerbrechern« nicht den gewünschten Erfolg. Finanzstarke Städte wie Köln, das seit dem 12. Jh. ein Befestigungsring mit mächtigen Torburgen und Türmen schützte, investierten deshalb ab der Mitte des 15. Jh. in neue Wehrbauten, die schon für den Gebrauch von und den Schutz vor Feuerwaffen ausgelegt waren. Zu nennen ist hier u. a. das äußerlich noch mittelalterlich anmutende Artilleriebollwerk, das um 1468 zur Verstärkung vor der Severinstorburg im Kölner Süden angelegt wurde. Seine Funktion war schon ganz für den Einsatz von Feuerwaffen ausgelegt: In den starken Außenmauern fanden sich Schießscharten mit den zum Gebrauch von Feuerwaffen unerlässlichen Öffnungen, die den raschen Abzug der dichten Pulverdämpfe gewährleisteten. Das offene Obergeschoss bot die Möglichkeit zur Aufstellung schwerer Geschütze. Ähnliche Bollwerke sind charakteristisch für die Übergangsphase im Festungsbau im 15. und 16. Jh. und entstanden auch in vielen anderen Städten, so z.B. in Dresden und Leipzig (s. S. 24). Doch bereits im 16. Jh. reichte die Verstärkung durch diese Wehrbauten allein nicht mehr aus, um der verbesserten Belagerungsartillerie mit ihren großkalibrigen Geschützen (Breschiergeschützen), die jetzt statt mit Stein- mit Eisenkugeln feuerten, zu widerstehen. Neue Lösungen waren gefragt.

Antwort der Baumeister

Zahlreiche bekannte Architekten und Künstler der Renaissance wie Leonardo da Vinci, Michelangelo oder Albrecht Dürer hatten sich seit dem 15. Jh. zumindest theoretisch mit einer Verbesserung der Befestigungstechnik auseinandergesetzt. Im 16. Jh. erschien, auch dank der raschen Verbreitung durch den Buchdruck, eine Fülle festungstheoretischer Traktate – zuerst in Italien, später in ganz Europa. In Italien entwickelten u. a. die Brüder Sangallo (1445– 1516 bzw. 1455– 1534) und Michele Sanmicheli (1484– 1559) ein modernes Konzept, das »bastionäre Befestigungssystem «, das Anfang des 16. Jh. in Italien (Verona 1530) und ab Mitte des Jahrhunderts auch nördlich der Alpen Verbreitung fand. Vor allem italienische Ingenieure wurden in der Folge europaweit zu gefragten und hochbezahlten Experten. Sie konzipierten polygonale, raumgreifende Stadtbefestigungen, die ganz auf die Anforderungen der neuen Waffentechnik abgestimmt waren.

Diese nach geometrischen Prinzipien konstruierten »bastionären Fortifikationen « beruhten auf einer Umsetzung ballistischer Beobachtungen in geometrische Grundrisse der Wehranlagen. Sie gewährleisteten genügend Schutz vor der Wirkung der Artillerie des Angreifers. Sie bestanden zum einen aus bis zu 40 m breiten Erdwällen, die feldseitig durch mächtige, bis zu 20 m hohe, geböschte (dossierte) Mauern aus Ziegeln oder Natursteinen gestützt wurden (Kurtinen). Diese Konstruktion hemmte die Wirkung der Belagerungsgeschosse und machte sie für die Sturmleitern der Angreifer unüberwindbar. An ausgesuchten Stellen schlossen zum anderen Bauwerke mit pfeilförmigem Grundriss (Bastionen), an die Kurtinen an und ersetzten die mittelalterlichen Türme und Bollwerke. Man berücksichtige bei der Anlage Schusslinien und Reichweiten von Musketen und Kanonen und ermöglichte so eine vollständige, gegenseitige Deckung der Befestigung im Nahbereich. Tote Winkel, in die sich Angrei - fer vor Beschuss flüchten konnten, wurden vermieden.

Zudem boten die breiten Kurtinen und Bastionen den Verteidigern genügend Raum, um mit ihren eigenen Geschützen zu manövrieren und sowohl den Nahbereich als auch den im weiten Festungsvorfeld (Glacis) ungeschützten Angreifer unter Feuer zu nehmen. Ein bis zu 40m breiter vorgelagerter Graben, der, wenn möglich, geflutet wurde, erschwerte die Annäherung des Feindes. Nur wenige Brücken, die im Gefahrfall zerstört wurden, führten in die Befestigung.

Bastion St. Johannes der Zitadelle Jülich aus dem 16. Jh.


Theoretisch sollte dieses bastionäre Befestigungssystem einen umfassenden Schutz vor der Belagerungsartillerie bei gleichzeitigem optimalem Einsatz der eigenen Verteidigungsgeschütze gewährleisten. In der Praxis hing der Bau einer solchen Wehranlage jedoch von lokalen und topografischen Gegebenheiten ab, die in vielen Fällen eine Umsetzung der Idealvorstellung einschränkten. Hinzu kamen auch die hohen für Bau und Unterhalt erforderlichen finanziellen Mittel. Nicht in jedem Fall wurden Kurtinen und Bastionen mit Steinen verkleidet, oftmals bestanden sie aus Erde. Nur in seltenen Fällen, z.B. bei Fürstenresidenzen, verfügten Stadtbefestigungen zusätzlich über eine Zitadelle (»kleine Stadt«, italienisch), einen besonders stark befestigten Rückzugsort. Besonders in diesen Fällen spielten die Befestigungen als Herrschaftsarchitektur auch eine repräsentative Rolle. Ein frühes Beispiel ist die renaissancezeitliche Stadtbefestigung mit Zitadelle und Schloss in Jülich, die der Bologneser Architekt und Festungsbaumeister Alessandro Pasqualini (1493– 1559) ab 1547 für den Herzog von Jülich-Kleve-Berg konzipierte und baute.

Rüstungsspirale im 17. Jh.

In der Folgezeit entstanden gewaltige Stadtbefestigungen mit 20 oder mehr Bastionen, die mitunter das Mehrfache des bebauten Stadtgebiets beanspruchten (s. S. 34). Dieses Konzept erreichte seinen Höhepunkt Anfang des 18. Jh. unter Sébastien Le Pestre de Vauban (1633– 1707), dem begabtesten Festungsplaner und -bauer seiner Zeit. Für seinen König, Ludwig XIV., schuf er 50 neue Festungen, von denen heute zwölf Teil des UNESCOWelterbes sind. In Deutschland dokumentiert die Idealstadt und -festung Saarlouis das ausgefeilte Konzept Vaubans.

Das bastionäre Fortifikationssystem blieb über vier Jahrhunderte im Festungs - bau in Europa und, im Zuge des Kolonialismus, auch in Übersee bestimmend. Erst im 19. Jh. führten Fortschritte in Strategie und Waffenentwicklung mit der Einführung gezogener Hinterladergeschütze und Brisanzgranaten zu ihrer endgültigen Aufgabe. Preußen entwickelte ein neues System mit Festungsgürteln aus einzelnen bewaffneten Forts, der Deutsche Bund schuf Festungen mit einer ganz eigenen Konzeption wie z.B. in Ingolstadt (s. S. 32).

Ab dem Ende des 19. Jh. dominierten schließlich Stahl und Beton den Festungsbau, es entstanden im Rahmen nationaler Konflikte neue Wehrbauten und Grenzfestungen wie die Panzerforts von Metz und Verdun oder im 20. Jh. die Maginot- Linie und der Westwall.

Westkurtine der Zitadelle Jülich und Festungsgraben. Im Hintergrund rechts die Bastion St. Johannes.


Festungsbau – System aus Architektur, Technik und Mensch

Obwohl viele bastionäre Festungsanlagen am Ende des 19. Jh. geschleift wurden, legen Archäologen im Zuge von innerstädt ischen Baumaßnahmen immer wieder imposante Reste dieser bedeutenden Wehrbauten frei und dokumentieren die heute geschützten Bau- und Bodendenkmäler. Privater und öffentlicher Wohnungsbau, Kanalsanierungen, stadtplanerische Eingriffe und Infrastrukturmaßnahmen wie der Bau von Straßen oder U-Bahnen werden archäologisch begleitet und tangieren oftmals die geschleiften Befestigungen aus dem Mittelalter und der Neuzeit, deren Reste meist noch im Boden erhalten sind.

»Sarre Louis«, aquarellierte Tuschzeichnung, vermutlich Senneton de Chermont, 1725.


Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand nach einer Phase der Gleichgültigkeit gegenüber den – zunächst als »Kriegsbauten « negativ konnotierten – fortifikatorischen Bauwerken langsam ein Bewusstsein für ihre große Bedeutung bei der Entwicklung der frühneuzeitlichen Städte: Grundsätzlich funktionieren Befestigungen nur als System bestehend aus den Faktoren Architektur, Technik und Mensch. Aufgrund der Komplexität des Phänomens »Befestigung« mit Implikationen für die Bereiche Architektur, Geschichte, Soziologie, Geografie und Technikgeschichte gilt heute ein interdisziplinärer Forschungsansatz. So nahmen sich seit den 1990er Jahren auch die Mittelalter- und Frühneuzeitarchäologen im Kontext der Städteforschung des Themas »Stadtbefestigung « an. Bei Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten an herausragenden Bau- und Bodendenkmälern des Festungsbaus wie den Zitadellen in Jülich, Spandau und Wesel sind bauarchäologische Untersuchungen heute selbstverständlich (s. S. 28). Dabei gelingt es gelegentlich, interessante Funde aus dem militärhistorischen Kontext zu bergen, so das Rohr eines preußischen Vorderladergeschützes aus der Mitte des 19. Jh. in Jülich.

Neben der primären Aufgabe, Festungs - befunde in situ zu erhalten oder zumindest zu dokumentieren, sind Archäologen heute über ihre eigentliche Aufgabe hinaus auch bei Projekten der Inwertsetzung, Vermittlung und Präsentation gefragt. Dies geschieht – leider in den seltensten Fällen – durch Erhaltung der Objekte, indem Gebäude an anderer Stelle originalgetreu wiederaufebaut werden, oder die Darstellung der Grabungsergebnisse mithilfe moderner Medien, z.B. als filmische 3D-Rekonstruktion (s. S. 36).

Literatur und Infos

Deutsche Gesellschaft für Festungsforschung (Hrsg.), Festungsbaukunst in Europas Mitte, Regensburg 2011.
G. von Büren/A. Kupka, Schloß und Zitadelle Jülich, Regensburg 2005.
www.festungsforschung.de
www.internationalfortresscouncil.org (englisch)

Glossar fortifikationstechnischer Begriffe

Bastion
Pfeilförmige, in den Graben vorgeschobene Geschützplattform mit Facen und Flanken zur Deckung der benachbarten Werke und des Glacis.

Bastionäre Fortifikation
Befestigung, polygonales Festungswerk aus Erde oder Stein des 16. bis 19. Jh.

Bollwerk/ Rondell Halbkreis- oder kreisförmiger Wehrbau mit schussfesten Außenmauern und Schießscharten für Feuerwaffen und Geschütze.

Dossierung Neigung einer Festungsmauer oder eines Walls.

Eskarpe Innere Grabenböschung, Schildmauer eines Befestigungswerks.

Face Auch Gesichtslinie, dem Vorfeld feindseits zugekehrte Seite eines Befestigungswerks.

Flanke Dem Vorfeld abgewandte Seite eines Befestigungswerks.

Glacis Gelände vor dem äußeren Grabenrand einer Festung frei von Bebauung und Bewuchs als freies Schussfeld.

Kaponniere Grabenwehr, schusssicherer Hohlbau im Graben zur Grabensicherung.

Kontereskarpe Äußere Grabenböschung, erdgeböscht oder mit einer Mauer verkleidet.

Kontergarde Ein zur Deckung der Frontlinien einer Bastion bestimmtes Werk, zur Verteidigung mit Geschützen ausgelegt.

Kurtine Geradliniger Hauptwall zwischen Bastionen.

Ravelin Festungswerk in Form eines Dreiecks, welches meist vor der Mitte einer Kurtine liegt und den Bereich zwischen zwei Bastionen mit Artillerie schützt.

Reduit Inneres Kernwerk einer Festungs - anlage.

Rondell s. Bollwerk

Tenaille
Grabenschere, scherenartiges Verteidigungssystem.