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Thema Mädchen-Leben und Mädchen-Sein weltweit: Kampf für Gleichheit


Betrifft Mädchen - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 02.07.2020

Mädchen sprechen darüber, warum und in welcher Weise sie Gewalt anwenden


Dieser Text befasst sich mit Gewalt von Mädchen und spezifischer mit der Art und Weise, wie Mädchen in einem schwedischen Kontext ihre eigene Gewaltanwendung als einen Akt des Widerstands, als einen Weg, für sich selbst einzutreten und gegen Ungleichheit zu kämpfen, konstruieren und verstehen. Der Text schildert einführend kurz den Forschungshintergrund, gefolgt von Ziel und Methode der Studie. Danach werden die Ergebnisse vorgestellt. Der Text schließt mit einer kurzen Diskussion und einer Beschreibung der möglichen Konsequenzen ...

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Bildquelle: Betrifft Mädchen, Ausgabe 3/2020

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... für die Sozial- und Jugendarbeit.

Hintergrund: Forschung zu Gewalt von Mädchen

Gewalt von Mädchen ist historisch gesehen ein kleines Forschungsgebiet, auch wenn sie bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts auf der Agenda stand (vgl. Gelsthorpe 2004; vgl. Natland 2006). In dieser Zeit beispielsweise wurde die Gewalt von Mädchen als Verstoß gegen westliche Weiblichkeitsideale und gegen Mädchenbilder betrachtet, die diese als zart, passiv und unterwürfig ansahen (vgl. Riving 2005). Darüber hinaus wurde die Anwendung von Gewalt, die entsprechend als unangemessen oder unerklärlich galt, als Folge von Krankheit oder Hysterie konstruiert (vgl. Riving 2005). Um also das Handeln von Mädchen, die Gewalt anwenden, erklären zu können, ohne normative Ideale von Geschlecht und Weiblichkeit in Frage zu stellen, wurde Gewaltanwendung von Mädchen – historisch gesehen – als Abweichung konstruiert oder es wurde Bezug genommen auf den „natürlichen Geisteszustand” von Mädchen, der emotionale Instabilität, geringes Selbstwertgefühl und psychische Gesundheitsprobleme einschließt (vgl. Burman et al. 2003; vgl. Gelsthorpe 2004).
Im Laufe des 20. Jahrhunderts begannen sich die Vorstellungen über Gewalt von Mädchen von der Bezugnahme auf Emotionalität und Hysterie zu verschieben und wurden eher in den Kontext von Vulnerabilität gestellt. Die Verletzbarkeit von Mädchen durch Gewalt wurde auch in weitaus größerem Maße zum Gegenstand der Forschung als die Gewaltausübung von Mädchen. Dies mag damit zusammenhängen, dass die Gewaltanwendung durch Mädchen grundsätzlich als ein geringfügiges soziales Problem betrachtet wird (vgl. Sarnecki 2003). Aber auch der Mangel an kritischen Perspektiven auf das Verhältnis von Geschlecht und Gewalt wird als ein Grund dafür beschrieben, sich stärker auf die Vulnerabilität von Mädchen durch Gewalt statt auf die Anwendung von Gewalt durch Mädchen zu konzentrieren (vgl. Lander et al. 2003; vgl. Pettersson 2001/2013). Dies kann auch mit Annahmen über die Verwundbarkeit und Unschuld von Kindern und Jugendlichen im Allgemeinen zusammenhängen (vgl. Meyer 2007). Auch Studien über Gewalt von Mädchen heben häufig die Betroffenheit von Mädchen durch psychische, physische oder sexualisierte Gewalt hervor, um ihre Anwendung von Gewalt zu verstehen (z. B. Burman et al. 2003; Schaffner 2007). Gleichzeitig betonen Forscher*innen wie Batchelor (2009), wie wichtig es ist, Mädchen als soziale Akteurinnen zu betrachten, deren Gewalt auf vielfältige Weise verstanden werden kann.

Obwohl Mädchen auch heute noch oft als verletzlich konstruiert werden, ist eine neue Art von Mädchen „angekommen”. Es handelt sich um ein Mädchen, das gewöhnlich als stark, aktiv und unabhängig und als „Versprechen” für Gleichberechtigung beschrieben wird (vgl. Formark & Bränström-Öhman 2013; Aapola et al. 2005; Budegeon 2011/2013). Dieses starke und unabhängige Mädchen wird aber auch als problematisches Mädchen konstruiert, das (viel zu sehr) mit gesellschaftlichen Normen bricht (vgl. McRobbie 2008; Budgeon 2011/2013). Dieses „neue” und problematische Mädchen kann im Zusammenhang mit den historischen Konstruktionen von Weiblichkeit und den politischen Bedenken des 19. Jahrhunderts verstanden werden, als man befürchtete, dass die Gleichberechtigung rebellische und gewalttätige Mädchen hervorbringen würde. Diese Annahmen basierten auf der Idee, dass die Emanzipation den Mädchen (und Frauen) Zugang zur Gesellschaft verschaffen würde, einschließlich der Arenen für Gewalt und Verbrechen (vgl. Pollak 1953; siehe auch Chesney-Lind & Irwin 2008). Obwohl es große Unterschiede zwischen der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts und der Gegenwart gibt, argumentieren Forscher wie Sarnecki (2003) und Aapola et al. (2005), dass historische Perspektiven Einfluss darauf haben, wie (Mädchen-)Gewalt und (gewalttätige) Mädchen auch heute noch verstanden werden.

Studie: Mädchengewalt im Kontext eines Diskurses um Gleichberechtigung

Das Ziel dieses Textes ist es, zu analysieren und zu diskutieren, wie über Gewalt von Mädchen innerhalb eines Diskurses über die Geschlechtergleichstellung in einem schwedischen Kontext gesprochen wird. Ein solcher Diskurs war von großer Bedeutung für die Konstruktion einer zeitgenössischen Vorstellung von Mädchensein und Mädchenkindheit („contemporary girlhood”) und der Idee eines starken, aktiven und unabhängigen Mädchens, das für sich selbst eintritt und werden kann, was immer es will. Genauer gesagt werde ich die Art und Weise analysieren, in der Mädchen über ihre eigene Gewaltanwendung sprechen, und zwar in Bezug auf ihre Stärke, ihr Eintreten für sich selbst und als Mittel zur Ermächtigung.
Der Text basiert auf Teilen meiner Doktorarbeit (Arnell 2019), die aus zwei Teilstudien besteht. Die erste Studie ist eine Interviewstudie mit elf Fachleuten, die mit Jugendlichen und/oder zu Gewalt arbeiten. Die zweite Studie, auf die sich dieser Text weitgehend stützt, basiert auf Interviews und wortbezogenen kreativen Methoden (z. B. Tagebuchschreiben und Liedtexte) mit sieben Mädchen/jungen Frauen im Alter von 18-23 Jahren, die Erfahrungen mit der Anwendung von Gewalt, insbesondere im Teenageralter, haben. Die Datenerhebung fand in den Jahren 2013-2016 statt.
Ausgangspunkt meiner Arbeit ist eine sozial-konstruktivistische Perspektive, die sich der Diskursanalyse nach Margaret Wetherell und Jonathan Potter bedient (z. B. Potter & Wetherell 1987/2014; Wetherell & Potter 1992). Das bedeutet, dass ich mich auf die Art und Weise konzentriere, wie Sinn in Bezug auf den Diskurs im Gespräch der Mädchen konstruiert wird. In diesem Text liegt der Schwerpunkt auf einem Diskurs über die Gleichstellung der Geschlechter, was bedeutet, dass man sich auf das konzentriert, worüber man in diesem Diskurs sprechen oder sich darin ausdrücken kann. Diskurse fungieren somit als Rahmen dafür, worüber man sprechen kann oder nicht, und wie es möglich wird, sich selbst und seine Welt verständlich zu machen (Foucault 1969/2011).

Genderbezogene Normen über Gewalt

Ich beginne die Analyse damit, wie die Mädchen über die unterschiedlichen Wahrnehmungen von Mädchen und Jungen, die Gewalt anwenden, sprechen und veranschauliche dieses durch einen Auszug, in dem Olivia über ihre eigenen Erfahrungen spricht. Daran wird deutlich, wie die Mädchen – im Rahmen eines gesellschaftlichen Diskurses um Gleichberechtigung – die unterschiedlichen Bedingungen und die (Un-)Gleichheit unter Jugendlichen verstehen und erklären.

„Wenn du ein Kerl wärst, könnte ich viel tun, dann hätte ich dich auf Kurse und Camps schicken können, und ich weiß nicht, was sonst noch, um mit deiner Aggression fertig zu werden. Was soll ich mit dir machen, Olivia?” [Sie ahmt ihren Schulleiter in der Schule nach.] „Was zum Teufel ist denn der Unterschied? Schicken Sie mich wegen meiner Aggression in ein verdammtes Lager. Es spielt keine Rolle, ob ich ein Mädchen oder ein Kerl bin.” [Olivias Antwort an den Schulleiter] „Aber das ist sehr typisch, nur weil man ein Mädchen ist, gilt nicht dasselbe als wäre man ein Junge, und das ist verdammt tragisch. Was soll’s, ich glaube, wir sind in Schweden weit gekommen, aber ich weiß nicht wirklich, was passiert, ja […] es ist schade, Menschen nach dem Geschlecht zu unterscheiden statt sie als Person wahrzunehmen, in meiner Welt ist das also völlig, also völlig unverständlich. Ich tue das sicherlich unbewusst in vielen Zusammenhängen, aber ich verstehe immer noch nicht wirklich, wie wir es geschafft haben, 2016 eine Gesellschaft aufzubauen, in der es immer noch so ist und es nicht nur um Aggression geht, sondern um das Ganze.” (Olivia, in Arnell 2019:119)

Olivia spricht darüber, dass sie als Mädchen anders behandelt wurde und nicht die gleiche Unterstützung und Behandlung für ihre Aggressionen erhielt wie die Jungen an ihrer Schule. Zu ihrem Argument gehört auch eine Kritik an der Differenzierung, die auf Grundlage des Geschlechts vorgenommen wird. Sie argumentiert, dass eine ungleiche Gesellschaft, in der junge Menschen unterschiedliche Lebensbedingungen erleben und in der Menschen je nach Geschlecht unterschiedlich behandelt werden, falsch ist. Olivia argumentiert auch, dass es bei der Differenzierung nach Geschlecht nicht nur um Gewalt und die Reaktion darauf geht, sondern dass dieses mit allem in der Gesellschaft zu tun hat, oder „mit dem Ganzen”, wie sie sagt. Sie betont in Bezug auf einen Diskurs über die Gleichstellung der Geschlechter, dass es bei der Bewertung oder Auseinandersetzung mit der Anwendung von Gewalt nicht darauf ankommen sollte, ob es sich um ein Mädchen oder einen Jungen handelt. Gleichzeitig ist es genau diese Differenzierung nach Geschlecht und die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern, der im Gespräch der Mädchen über ihre eigene Gewaltanwendung eine wesentliche Bedeutung zukommt.

Ein starkes Mädchen, das für sich selbst einsteht und gegen Ungleichheit kämpft

„Ich kämpfe nicht unnötig, ich würde nur dann kämpfen, wenn ich für mich selbst oder für jemand anderen einstehen würde, sonst nie.” (Lillemor, in Arnell 2019:120)
„Wenn man jemand ist, der ein wenig rebellisch ist, dann sagt man „du bist übermütig” und „du setzt dich für dich selbst ein” […], aber ich bin selbst ziemlich stark.” (Sara, in Arnell 2019: 120)

Aus den kurzen Ausschnitten oben gehen zwei Aspekte hervor, die entschei dend dafür sind, wie Lillemor und Sara ihrer eigenen Gewaltausübung Sinn verleihen. Erstens scheint es, dass die Gewalt, über die sie sprechen, als eine aktive Wahl und als etwas Notwendiges verstanden werden muss. Zweitens wird Gewalt als eine Möglichkeit beschrieben, für sich selbst oder für andere einzustehen. Auf diese Weise wird die Anwendung von Gewalt als legitim konstruiert, und sie positionieren sich auch als starke und rebellische Mädchen. Darüber hinaus kann genau diese Form des Sprechens über die eigene Gewalt auch als eine Möglichkeit verstanden werden, sich als Mädchen zu positionieren, die nicht nur stark oder tough ist, sondern die auch gegen Ungerechtigkeit kämpft, wie Ellen unten erklärt.

„Als ich mich das letzte Mal geprügelt habe, blutete er hinterher sehr stark, aber er war wirklich, wirklich gemein, er war sehr gemein zu einem Mädchen, die alleinerziehende Mutter ist, und er stand da und redete Blödsinn über sie und ihr Kind und so ziemlich alles, und ich dachte: „Nein, das machst du nicht”, wie verdammt respektlos, sie ist auch jung und sie hat im Leben gekämpft, und dann steht er da und sagt viele hässliche Dinge über ihr Kind und über sie und ihr Leben und über sie als Person.” (Ellen)

Ellens Erzählung im obigen Auszug, wie sie einen Typ verprügelt, der einem anderen Mädchen gegenüber respektlos ist, kann als ein Weg interpretiert werden, sich gegen Ungerechtigkeit und abfälliges Verhalten zu wehren. Indem sie über verschiedene Formen des Missbrauchs oder über Situationen sprechen, in denen die Mädchen sich selbst als nicht ernst genommen oder respektlos behandelt beschreiben, wie Ellen es tut, konstruieren die Mädchen Gewalt als eine Möglichkeit, für sich selbst oder andere Mädchen einzustehen. Diese Art, über Gewalt zu sprechen, ist in den Erzählungen der Mädchen üblich. Ellen bezieht dies auch auf eine bestimmte Art von Verwundbarkeit, nämlich die, die durch Ungleichheit entsteht.

„Es war für mich immer natürlich, gewalttätig zu sein, ich war immer so, habe mit Dingen geworfen, Leute geschlagen, Dinge auf Leute geworfen. […] Ich denke also, ich war schon immer klein und wegen meiner Größe immer unterlegen, und man nimmt dich als ein sehr zart gebautes kleines Mädchen nicht ernst, [also] war es wahrscheinlich, um sich selbst zu behaupten. Um zu beweisen, dass man nicht mit mir kämpfen, nicht auf mich treten sollte, werde ich Sie vernichten. Weil die Menschen Respekt zeigen sollten, sollten sie auf niemanden treten.” (Ellen, in Arnell 2019:121)

Ellen spricht von einem „sehr zart gebauten kleinen Mädchen”, die minderwertig ist und nicht ernst genommen wird, im Gegensatz zu einem Mädchen, die durch Drohungen oder durch die Anwendung von Gewalt für sich selbst einstehen kann. Mit anderen Worten: Indem sie die körperliche Unterlegenheit oder Unterordnung von Mädchen in der Gesellschaft anspricht, indem sie betont, dass sie als Mädchen nicht ernst genommen wird, kann Ellen argumentieren, dass ihre Gewalt ein Weg ist, um Respekt zu gewinnen und für sich selbst einzustehen. Wie Saras Rede von einem „rebellischen Mädchen” kann Ellens Rede über ein Mädchen, das man nicht „treten” und erniedrigen sollte, als eine Möglichkeit verstanden werden, sich als starkes, aktives und unabhängiges Mädchen innerhalb eines Diskurses über die Gleichstellung der Geschlechter zu positionieren. Es besteht jedoch die Gefahr, dass dieses starke Mädchen, das Gewalt anwendet, als zu grenzüberschreitend und als Bedrohung gesellschaftlicher Normen erscheint – und das zu einer Zeit, in der die Gleichstellung der Geschlechter zwar wünschenswert erscheint, aber noch nicht erreicht ist. Gleichzeitig ist es genau die erfahrene Ungleichheit zwischen den Geschlechtern, die es den Mädchen ermöglicht, über ihre eigene Gewalt zu sprechen, um für sich selbst und andere Mädchen einzutreten und um für ihre Gleichstellung zu kämpfen.

© Quelle: Illustration_Mar Fjell

Zu tough und zu gewalttätig?

Über Gewalt zu sprechen, um für sich selbst oder für andere Mädchen einzutreten, und sich gleichzeitig als starkes Mädchen zu positionieren, das Gewalt anwendet, scheint – in der Regel, aber nicht immer – in einem Diskurs um Gleichstellung wünschenswert und ideal zu sein. Es gibt aber auch negative Konnotationen, die sowohl mit Vorstellungen von Gewalt als problematischer Handlung als auch mit Vorstellungen von Gender und Weiblichkeit in Verbindung gebracht werden können. Ich werde daher kurz darauf eingehen und ein weiteres Beispiel anführen.

„Ich habe darüber nachgedacht, warum ich so viel Kontakt mit der Polizei hatte. Zum Teil liegt es daran, dass ich ein Mädchen bin, jung und sehr aggressiv. Dann bin ich stark, und ich dachte, ich verhalte mich tough: ,Ja Sara, verdammt, ich kenne Sara, sie kämpft mit der Polizei, sie wurde festgenommen, sie wurde verhaftet’, und ich lebte damit, dass die Leute dachten, ich bekam Anerkennung, aber auf die falsche Art und Weise. Aber für mich war es einfach so, oh verdammt, die halten mich für bedrohlich.” (Sara, in Arnell 2019:122)

Um zu erklären, warum sie viel Ärger mit der Polizei hatte, weist Sara auf vier verschiedene Faktoren hin: dass sie ein Mädchen war, dass sie jung war, dass sie sehr aggressiv war und dass sie ihr Verhalten für tough hielt. Doch über dieses toughe Mädchen, dessen Gewalt Anerkennung fand, zu sprechen scheint problematisch zu sein, sie erscheint zu grenzüberschreitend, macht Probleme. Um diesen Konflikt zu lösen, nutzt Sara den Aspekt der Zeit und positioniert das harte, problematische Mädchen, das „mit der Polizei kämpft”, in der Vergangenheit. Wenn sie dann über ihre Gewalt aus heutiger Sicht spricht, sagt sie stattdessen, dass die Anerkennung, die sie erhalten hat, „falsch” in der Art und Weise war. Auf diese Weise kann Sara von sich selbst sprechen, dass sie in der Vergangenheit ein übermäßig hartes und gewalttätiges Mädchen war, während sie sich in der Gegenwart vor allem als starkes Mädchen positioniert; ein starkes Mädchen, das als weniger problematisch konstruiert ist als das sehr aggressive Mädchen, das früher auf problematische Weise und aus den falschen Gründen Gewalt angewendet hat. Die Konstruktion von Gewalt als Möglichkeit, für sich selbst oder für andere Mädchen einzutreten und für Gleichberechtigung zu kämpfen, scheint im Rahmen eines Diskurses über die Geschlechtergleichstellung möglich zu sein. Um jedoch der Gewalt von Mädchen auf diese Weise Sinn und Bedeutung zu verleihen, ohne Gefahr zu laufen, als zu grenzüberschreitend, problematisch oder unverständlich zu gelten, muss die Gewaltausübung von Mädchen auf bestimmte Weise konstruiert werden, damit sie nachvollziehbar und sozial akzeptiert wird. Sie muss innerhalb akzeptierter und legitimer Grenzen konstruiert werden und in Bezug auf die Weiblichkeit und die genderbezogenen Vorstellungen von Mädchen, Mädchensein und Mädchenkindheit („girlhood”) Sinn geben.

Diskussion: Gewalt als Strategie des Widerstands

Indem die Mädchen in dieser Studie Gleichstellung als etwas betonen, das anzustreben, aber noch nicht erreicht ist, können sie über ihre eigene Gewaltanwendung als einen Weg sprechen, um für sich selbst einzustehen, als Kampf gegen Ungerechtigkeit und Ungleichheit, und sie können sich als starke Mädchen positionieren, die niemand unterordnen und herabwürdigen darf. Gleichzeitig werden die Selbstäußerungen der Mädchen durch Vorstellungen von Geschlecht, Weiblichkeit und Gewalt eingeschränkt. Diese Vorstellungen implizieren das Risiko, in der eigenen Positionierung nicht verstanden zu werden und sich selbst außerhalb sozialer Normen zu stellen. Somit besteht die Gefahr, dass Mädchen, die Gewalt anwenden, als schwerer verständlich gelten, als Mädchen, denen nicht zu helfen ist oder die für Hilfe durch (schwedische) Einrichtungen der Wohlfahrtspflege als unpassend gelten, wie der einleitende Auszug aus dem Interview mit Olivia zeigte.
Diese Studie hat gezeigt, dass die Gewaltanwendung von Mädchen als ein Weg, für sich selbst einzutreten, für Selbstbestimmung und Gleichberechtigung zu kämpfen oder – unter Verwendung der Terminologie von Isdal (2000/2017: 198) – als ein Weg, eine Erfahrung von Ohnmacht zu bewältigen, konzeptualisiert werden kann. Natland (2006) betont jedoch, dass es wichtig ist, die Gewalt von Mädchen kontextbezogen zu betrachten und in eine Zeit einzuordnen, in der die meiste Gewalt immer noch von Jungen und Männern ausgeübt wird. Lukas (2008) betont auch, dass die Gewaltanwendung von Mädchen nicht unbedingt zu Empowerment führt, da die Welt immer noch weitgehend von struktureller Ungleichheit geprägt ist.
Gleichzeitig kann die Art und Weise, wie die Mädchen ihre eigene Gewaltanwendung konstruieren, um für sich selbst einzustehen und Ungerechtigkeit und Ungleichheit zu bekämpfen, als eine Strategie des Widerstands verstanden werden. Es ist eine Strategie, die ernst genommen werden muss. Ähnlich argumentierend wie Oinas (2015) dürfen wir nicht länger der langen Tradition folgen, die Gewalt von Mädchen so zu konzep tualisieren, dass der Widerstand und die rebellischen Aktionen von Mädchen trivialisiert und als etwas Dummes, Emotionales oder Unbegründetes dargestellt werden.

Implikationen für die Praxis

Untersuchungen zeigen, dass Fachkräfte, die mit gewalttätigen Mädchen arbeiten, wenig Erfahrung mit diesem Thema haben (Arnell 2019), und sagen, dass sie über wenig Wissen und wenig Ressourcen oder Instrumente verfügen, um diesen Mädchen zu helfen (Lukas 2008). Alle, die mit gewalttätigen Kindern und Jugendlichen arbeiten, sollten deshalb die eigenen Vorannahmen über Gewalt und über Weiblichkeit und Gender überprüfen. Was ist mein Verständnis, was sind meine Vorannahmen über Geschlecht, über Weiblichkeit/Männlichkeit und Gewalt? Und wie arbeitet meine Organisation oder mein Team diesbezüglich?
Es ist auch wichtig, sich daran zu erinnern, dass Mädchen, die Gewalt anwenden, dies aus verschiedenen Gründen tun, und dass ihre Lebenssituationen unterschiedlich sind. Die in diesem Text dargestellte Perspektive, die das Sprechen von Mädchen über Gewalt als eine Möglichkeit hervorhebt, für sich selbst oder für andere Mädchen in ihrem Streben nach Gleichberechtigung einzutreten, ist nur eine Möglichkeit, wie die Mädchen in diesem Projekt ihre Gewaltanwendung konstruieren (weitere Beispiele siehe Arnell 2017; 2019; Bertillsdotter Rosqvist & Arnell 2018). Gewalt als aktives Handeln zu verstehen, als eine Form des Widerstands und des Kampfes für die eigenen Rechte und die eigene Gleichheit, ist jedoch ein Teil, um den nach wie vor durch Ungleichheiten geprägten Kontext, in dem diese Mädchen aufwachsen, zu verstehen.

Literatur

Aapola, Sinnika/Gonick, Marnina/Harris, Anita 2005: Young Feminity: Girlhood, Power and Social Change. New York: Palgrave MacMillan
Arnell, Linda 2019: Tjejers våld. Våldets tjejer. En diskursanalytisk studie om våld, kön och femininitet [Gewalt von Mädchen. Mädchen der Gewalt: Eine diskursiv-analytische Untersuchung von Gewalt, Geschlecht und Weiblichkeit]. Diss. Universität Umeå
Arnell, Linda 2017: Narrating family: Talk about a troublesome girlhood within the Swedisch context. In: Formark, Bodil/Mulari, Heta/Voipio, Myry (Hg.): Nordic Girlshoods: New Perspectives and Outlooks. New York: Palgrave MacMillan, 161-178
Batchelor, Susan 2009: Girls, gangs and violence: Assessing the evidence. In: Probation Journal 56, 3, 399-414
Bertilsdotter Rosqvist, Hanna/Arnell, Linda 2018: Being a responsible violent girl? Exploring female violence, self-managemend and ADHD. In: Girlhood Studies 11, 2, 111- 126
Budgeon, Shelley 2011/2013: The contradictions of successful femininity: Third-wave feminism, postfeminism and „new” feminities. In: Gill, Rosalind/Scharrf, Christina (Hg.): New Femininities: Postfeminism, Neoliberalism and Subjectivity. New York: Palgrave MacMillan, 279-292
Burman, Michele/Brown, Jane/Batchelor, Susan 2003: „Taken it to heart”: Girls and the meaning of violence. In: Stanko, Elizabeth A. (Hg.): The Meanings of Violence. London: Routledge, 71-89
Chesney-Lind, Meda/Irvin, Katherine 2008: Beyond Bad Girls: Gender, Violence and Hype. New York: Routledge
Formark, Bodil/Bränström-Öhman, Annelie 2013: Situation Nordic Girls’ Studies. In: Girlhood Studies 6, 2, 3-10
Foucault, Michel 1969/2011: Die Archäologie des Wissens. Lund: Arkiv
Gelsthorpe, Loraine 2004: Female Offending: A theoretical overwies. In: McIvord, Gill (Hg.): Women Who Offend. London: Jessica Kingsley, 13-37
Isdal, Per 2000/2017: Meningen med våld [Die Bedeutung von Gewalt]. Stockholm: Gothia
Lander, Ingrid/Pettersson, Tove/Tiby, Eva 2003: Präsentation av antologin och en en feministisk kritik av kriminologin [Präsentation des Sammelbandes und einer feministischen Kritik der Kriminologie]. In diess. (Hg.): Femininiteter, maskuliniteter och kriminalitet – genusperspektiv inom Svensk kriminologi [Weiblichkeiten, Männlichkeiten und Kriminalität – Gender-Perspektive in der schwedischen Kriminologie].Lund: Studententlitteratur, 7-20
Luke, Katherine P. 2008: Are girls really becoming more violent? A critical analysis. In: Affilia: Journal of Women and Social Work 23,1,38-50

McRobbie, Angela 2008: The Aftermath of Feminism: Gender, Culture and Social Change. London: Sage
Meyer, Anneke 2007: The moral rhetoric of Childhood. In: Childhood 14, 1, 85-104
Mulari, Heta 2015: New Feminisms, Gender Equality and Neoliberalism in Swedish Gril Films, 1995-2006. Phd Diss. University of Turku
Natland, Sidsel 2006: Volden, horen og vennskabet. En kulturanalytisk studie av unge jenter som utöver vold [Gewalt, Huren und Freundschaft: Eine kulturanalytische Studie über junge Mädchen, die Gewalt anwenden]. Diss. Universität Bergen
Oinas, Elina 2015: The naked, vulnerable, crazy girl. In: Girlhood Studies 8, 3, 119-134
Pettersson, Tove 2001/2013: Genusperspektiv inom svensk forskning om ungdomsbrottslighet. [Geschlechterperspektive in der schwedischen Forschung zur Jugendkriminalität] In: Estrada, F./Flyghed, J. (Hg.), Den svenska ungdomsbrottsligheten [Die schwedische Jugendkriminalität] Stockholm: Studententlitteratur, 75-101
Pollak, Otto 1953: Kvinnan som brottsling. [Die Frau als Kriminelle]. Stockholm: Hugo Gebers Förlag
Potter, Jonathan/Wetherell, Margaret 1987/ 2014: Discourse and Social Psychology: Beyond Attitudes and Behavior. London: Sage
Riving, Cecilia 2005: Ideal och avvikelse. Kvinnlighet, våldsamhet och sinnessjukdom vid 1800-talets mitt [Ideal und Abweichung. Weiblichkeit, Gewalt und Wahnsinn in der Mitte des 19. Jahrhunderts]. In: Österberg, E./ Lindstedt Cronberg, M. (Hrsg.), Kvinnor och våld. En mångtydig kulturhistoria [Frauen und Gewalt. Eine facettenreiche Kulturgeschichte] Lund: Nordic Academic Press, 88-109
Sarnecki, Jerzy 2003: Introduktion till kriminologi [Einführung in die Kriminologie] Lund: Studententlitteratur
Schaffner, Laurie 2007: Violence against girls provokes girls’ violence. From private injury to public harm. In: Violence against women 13, 12, 1229-1448
Wetherell, Margaret/Potter, Jonathan 1992: Mapping the Language of Racism: Discourse and the Legitimation of Exploitation. New York: Columbia University Press

Linda Arnell ist promovierte Sozialarbeiterin und Postdoktorandin an der Fakultät für Recht, Psychologie und Sozialarbeit der Universität Örebro, Schweden. Ihr Forschungsinteresse gilt den Perspektiven von Kindern und Jugendlichen auf Gewalt und Missbrauch, wobei der Schwerpunkt auf sozialen Beziehungen und Überschneidungen zwischen Geschlecht und Kindheit liegt. Sie ist auch Teil des Lenkungsausschusses von FlickForsk! Nordic Network for Girlhood Studies und Mitglied der International Girls Studies Association (IGSA).
Kontakt: Institutionen för socialt arbete, linda. arnell@umu.se
Kontakt: Linda.Arnell@oru.se