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Thema Perspektiven auf Organisationsentwicklung in der Mädchen*arbeit: Von den Schwierigkeiten einer funktionierenden Netzwerkbildung in der Mädchen*arbeit


Betrifft Mädchen - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 05.10.2020

Die folgende Auseinandersetzung zum lokalen Organisierungsgrad der Mädchen*arbeit fußt auf meinen Erfahrungen in den letzten 15 Jahren als Referent*in für Mädchen* arbeit. Ich war in den letzten 15 Jahren als Prozessbegleiterin zu Gast in zahlreichen Arbeitskreisen oder vergleichbaren regionalen Netzwerken der Mädchen*arbeit im deutschsprachigen Raum. Meistens versuchte ich gemeinsam mit meinen Gesprächspartner* innen aus Pädagogik, Politik und Verwaltung, Ideen für die jeweilige Mädchen*arbeit zu entwickeln, um sie und ihre Ziele für die Gemeinde, die Stadt oder für den Landkreis pointierter und ...

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... sichtbarer zu gestalten. In diesem Artikel führe ich auf der Basis dieser Begegnungen aus, inwiefern Mädchen*arbeit heute (nach wie vor) der Lobbyarbeit bedarf, die häufig als zentrale Praxis der Mädchen*arbeit aus dem Blick gerät. Meine These lautet, dass Mädchen*politische Lobbyarbeit als Teil der Mädchen*arbeit wieder verstärkt in den Vordergrund gerückt werden muss.

Dieser Text basiert nicht auf einer repräsentativen Erhebung über den Ist- Zustand der Mädchen*arbeit und der Diversität der Ansätze im (überwiegend) ländlichen Raum, sondern ist eine Reflexion jahrelanger Beobachtungen. Meine Erfahrungen zeigen, dass strukturierte Netzwerk- und Lobbyarbeit an vielen Orten der Mädchen*arbeit jenseits der urbanen Räume fehlt. Um mich dieser These zu nähern, befasse ich mich im ersten Schritt mit der Frage: Was habe ich in der Begleitung von Mädchen*organisationen, Mädchen*arbeitskreisen oder freien Trägern zur Mädchen*arbeit erfahren können?

Verschiedene Organisationsniveaus

Auf der Ebene von Wissenschaft, Verwaltung und Politik sind die Angebote der Mädchen*einrichtungen, in denen Frauen* mit Mädchen* zu Zielen der Mädchen*arbeit arbeiten, sehr unterschiedlich dicht und intensiv vernetzt. Während in der einen Stadt oder dem anderen Landkreis der Mädchen*arbeitskreis einen zentralen Stellenwert hat, ist in einem anderen Verwaltungsverbund Mädchen*arbeit überhaupt kein Thema oder der Arbeitskreis trifft sich punktuell, z. B. zur Vorbereitung des Weltmädchen*tages. Wissenschaftler* innen, die sich mit Mädchen* und Mädchen*arbeit beschäftigen sind selten überregional mit der praktischen Mädchen*arbeit vernetzt.
Auf der Ebene von lokalen Akteur*innen existieren Leerstellen in der Zusammenarbeit und dem Austausch im Bereich Verwaltung, Pädagogik, Wissenschaft und Soziale Arbeit. Häufig sind keine gemeinsamen Organisationsstrukturen vorhanden. Dies gilt bekanntlich für die verschiedenen Regionen und Bundesländer in einem unterschiedlichen Ausmaß: Die Strukturen der Landesarbeitsgemeinschaften der Mädchen*arbeit zeigen deutlich, dass abgesicherte Landesarbeitsgemeinschaften in den Bundesländern allein durch ihre fachliche Kompetenz und Präsenz das Niveau der Auseinandersetzungen und die Kontinuität der Zusammenarbeit auf regionaler und lokaler Ebene fördern.
Gleichsam sind Kooperationen mit Hochschulen und Universitäten (z. B. durch Lehraufträge, Praktika, gegenseitige Einladungen) durchaus vorhanden. Jene Mädchen*arbeit in Bundesländern oder Regionen, in denen keine LAG der Mädchen* arbeit oder analoge Vernetzungsstruktur existieren, wie z. B. in Mecklenburg- Vorpommern oder Thüringen – sind öfter als anderswo weder regional noch bundesweit vernetzt.

Legitimierungsdruck von außen und innen

Mädchen*arbeit unterliegt nach wie vor einem Legitimierungsdruck. Dieser speist sich aus einem Alltagsverständnis des Geschlechterverhältnisses, in dem die Rhetorik der Gleichheit und das Ausblenden der aktuellen Bedeutung der sozialen Ordnungskategorien von Geschlecht und Sexualität in einer heteronormativen Gesellschaft ihre Früchte trägt. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist der Mädchen*arbeit immanent. So traf ich immer wieder auf Kolleg*innen aus der Mädchen*arbeit, die zum Teil selber gar nicht benennen wollten und konnten, was Mädchen*arbeit will. Mädchen*arbeit als Ansatz war in den Augen nicht weniger Fachkräfte eine Praxis vor Ort die „irgendwie altbacken” und vielleicht sogar nicht mehr zeitgemäß. Trotzdem sei sie schon relevant, weil sie für die Mädchen, die es „besonders nötig haben” wichtig sei, z. B. wenn sie aus sozial benachteiligten oder nicht-christlichen Elternhäusern kämen. Hier greift selbst innerhalb der Fachkräfte der veraltete Defizitdiskurs, der Mädchen* als besonders vulnerable Gruppe anerkennt und festschreibt. Insbesondere in vereinzelt agierenden Einrichtungen, die ohne Anbindungen an Netzwerke arbeiten, zweifeln die Fachkräfte am Sinn und Zweck ihres „häufig gut gemeinten” Angebots. So entsteht ein andauernder sich gegenseitig verstärkender Legitimierungsdruck von „außen” und „innen”. Dieser Druck beschäftigt sich nicht mit der Frage des „wie” der Mädchen*arbeit sondern mit der Frage „ob überhaupt Mädchen*arbeit” notwendig sei.
Es war hier wichtig, in den Auseinandersetzungen mit den Mädchen*arbeiter* innen erste Räume zu schaffen, um gemeinsam mit den Kolleg*innen, Grundlagen der Mädchen*arbeit zu erarbeiten und zu schauen, warum es heute noch wichtig „sein könnte”, Angebote für Mädchen* zu bieten. Das Wissen um Mädchen*arbeit als politische Praxis und damit als nicht selbstverständliche Praxis im Konglomerat der heteronormativen Jugendhilfe und Jugendarbeit musste vielfach neu erarbeitet werden.
Vor diesem Hintergrund der Unzufriedenheit und fehlenden Vernetzung vor Ort, erhielt ich berechtigte, skeptische Anfragen, die sich an regionale oder bundesweite Netzwerke richteten: Wie kann und wie muss sich Mädchen*arbeit als Ansatz weiterentwickeln? Und welche Foren bieten hier Fachveranstaltungen für die Praxis im ländlichen Raum? Meines Erachtens, ist Mädchen*arbeit als Fachdiskurs aufgefordert, sich veränderten Geschlechter- und Sexualitätsverhältnissen zu stellen und zu überprüfen, welche Angebote und Bedarfe für Mädchen* zeitgemäß, unterstützend und empowernd sind. Dabei sind sicher zahlreiche konstruktive Fragen zu stellen, – beispielsweise wie Mädchen*arbeit sich (auch jetzt 2020) für Mädchen* im ländlichen Raum weiterentwickeln und parteilich zeigen oder wie sie sich für trans* Mädchen*, non-binäre und divers positionierte Personen öffnen kann.

Generationenwechsel

Eine Begegnung von einem Fachtag, zu dem ich als Referentin geladen war: Marianne S. verlässt nach über 25 Jahren ihre Stelle in der Jugendhilfe im Landkreis, weil sie in den Ruhestand wechselt. Marianne S. hatte während der gesamten Zeit dafür gesorgt, dass der Arbeitskreis der Mädchen* im Landkreis regelmäßig stattfand und dass die Belange der Mädchen* in den diversen Gremien, Ausschüssen und Fachtagungen gehört wurden. Bei unserer ersten Begegnung leitete sie ihre letzte Arbeitskreissitzung. Ich war eingeladen, um den Transformationsprozess zu begleiten. Die engagierten Fachkräfte aus der Mädchen*arbeit bedauerten den Weggang der Kollegin sehr, wobei aber ihre Stellennachfolge noch ungewiss war. Die Position im Jugendamt wurde neu ausgeschrieben, doch die Koordination der Mädchen*arbeit war nur eines von vielen Aufgabenfeldern, die in der Ausschreibung benannt wurden. Marianne S. erklärte mir, dass ein*e Nachfolger*in noch nicht gefunden sei und inwiefern die kommende Person, dann den AK Mädchen* leiten werde, sei „absolut offen”. Das Bestehen und die Beschäftigung mit Mädchen*arbeit sei von der persönlichen Motivation der neuen koordinierenden Kraft abhängig. Die Gleichstellstellungsbeauftrage habe Mädchen*arbeit nicht im Fokus. In diesem lokalen Nahraum entstand so die Gefahr einer Leerstelle.
An anderer Stelle wurde eine ähnliche Stelle direkt mit einer engagierten Mädchen*arbeiterin besetzt, die sich – durch eine Qualifizierung zur Mädchen* arbeiterin – fachlich stark fühlte in den Strukturen im ländlichen Raum parteiliche Mädchen*arbeit zu initiieren und fachlich zu begleiten. Diese und ähnliche Erfahrungen des Generationenwechsels in der Zusammenarbeit mit lokalen Gremien zur Mädchen*arbeit habe ich mehrfach gemacht. Engagierte Kolleg*innen und Lobbyist*innen der frühen Stunden beendeten ihre Berufstätigkeit und eine Absicherung der Strukturen durch eine Nachfolgerin war nicht gelungen und letztendlich vom Zufall der Besetzung abhängig.

Mädchen* im Blick

Mädchen*arbeit ist in der Kinder- und Jugendhilfe eine institutionalisierte und anerkannte Praxis in lokalen Organisationseinheiten im ländlichen Raum. Allerdings bedeutet dies nicht, dass die vorhandenen Institutionen stets gesichert oder gar ausgebaut werden. Im Gegenteil; häufig werden Angebote in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit bei geringer Nachfrage von Mädchen* beendet. (Berechtigte) Bedarfe sehen Kommunen allenfalls im Ausbau von Gewaltschutzeinrichtungen für Mädchen* und Frauen*. Doch auch wenn diese Bedarfe anerkannt werden, bringen die Realisierungen lange zermürbende Prozesse der Auseinandersetzung mit sich. Das bedeutet, die Bedarfe für die Vielfalt der Mädchen*angebote werden nicht automatisch umgesetzt, und die Chancen auf Verstetigungen, Anpassungen oder Ausbau sind lokal sehr unterschiedlich.
Erfreulicherweise existieren Kommunen, Städte oder Landkreise, in denen sich beispielsweise Mädchen*beauftragte oder Gleichstellungsbeauftragte für die Belange der Mädchen* vor Ort einsetzen. Diese initiieren Praxis und stehen anderen Trägern beratend zur Seite. Dieses Modell der institutionalisierten Form der Mädchen*beauftragten kann lokal gewinnbringend eingesetzt werden. Trotzdem braucht es in Verwaltung und Politik vor Ort mehr Advokat*innen der Mädchen* arbeit. Jene, die Mädchen*arbeit kennen und den Ansatz unterstützen, jene die Mädchen* und ihre Bedarfe anerkennen und sich für ihre Rechte einsetzen.
Sind diese Personen (noch) nicht gefunden, muss ein Teil der Praxis der Mädchen* arbeit genau in diese Lobbyarbeit für die lokale/regionale Mädchen*arbeit gesteckt werden. Dass zur Mädchen*arbeit notwendig die Mädchen*politik gehört, um für die Positionen der Mädchen* und für die eigene Arbeit nachhaltig Unterstützung zu erhalten, muss im Selbstverständnis der Mädchen*arbeit wieder in den Vordergrund gerückt werden.

Lokale Mythen durch fehlende Vernetzung

Ferner begegneten mir immer wieder Erzählungen oder Mythen, dass es im ländlichen Raum keine oder nur noch wenig Praxis der Mädchen*arbeit gäbe. Dabei ist häufiger das Problem, dass Projekte oder Institutionen mit ihrer Praxis schlicht nicht angebunden sind und die Netzwerke der Mädchen*arbeit häufig kaum kennen. So berichteten beispielsweise Personen aus einer Landeshauptstadt, dass in ihrem Bundesland außerhalb ihrer Netzwerke keine oder kaum Mädchen*arbeit stattfinden würde. Da ich aber bereits mit diversen Landkreisen aus dem Bundesland Kontakt hatte und wusste, dass es vor Ort zahlreiche Angebote für Mädchen* im ländlichen Raum gibt, war ich irritiert. In diesem Bundesland ohne funktionierende LAG oder analoge Struktur, war den Kolleg*innen aus der Landeshauptstadt die Vielfalt im ländlichen Raum nicht bekannt. Eine Folge dieser Unkenntnis ist, dass dort wo sich die Akteur*innen untereinander nicht kennen auch keine politische oder thematische Sichtbarkeit möglich werden kann.

Aktuelle Diskurse und praktische Herausforderungen

Im zweiten Schritt möchte ich drei Diskurse benennen, die die lokalen Organisationseinheiten der Mädchen*arbeit vor Herausforderungen stellen.

Paradox der Generalisierung Mädchen*

Ein anerkanntes Paradigma der Mädchen* arbeit ist, dass die Mädchen* als homogene soziale Gruppe nicht existieren. Mädchen* sind beispielsweise in Bezug auf ihre soziale Herkunft, Sprache, Familie, Alter, Behinderung und Persönlichkeit divers. Dieses Fehlen einer sozialen Gruppe ist der Kern des Paradoxons der Mädchen*arbeit, denn die identitätsbezogene Ansprache des Ansatzes imaginiert das Vorhandensein einer sozial homogenen Gruppe. Diesem Dilemma kann die Mädchen*arbeit qua Selbstbezeichnung nicht entkommen. Die Generalisierung „der Mädchen*” ist notwendiger Kern des Ansatzes und größte Schwäche zugleich. Mädchen*welten sind komplex, widersprüchlich und vielfältig. Auf die Frage, was Mädchen*welten heute ausmacht, kann es demzufolge keine klaren Antworten geben und Mädchen*arbeit hat sich auf den Weg gemacht, Vielfalt und Mehrfachzugehörigkeiten in den Blick zu nehmen. Hier liegt für die Lobbyarbeit stets beides begründet, die Gefahr der Ablehnung und die Möglichkeit der größtmöglichen Vernetzung mit anderen Gruppierungen und sozialen Akteur*innen.

Diversität und Intersektionalität

Mädchen*arbeit hat sich in den letzten Jahren für Diversität und intersektionale Perspektiven geöffnet. Dies berücksichtigte zunächst die Arbeit mit Mädchen* in all ihrer Heterogenität. Aber nach und nach wird deutlich, dass sich auch die Strukturen der Mädchen*arbeit diverser aufstellen müssen, um dem eigenen Anspruch auf Intersektionalitätsbewusstsein gerecht zu werden. Die Organisationsentwicklung der Mädchen*arbeit muss sich strukturell auf einen diversitätssensiblen Weg machen. Dazu zählt, sich weiter in den Entwicklungsprozess von Diversität und Vielfalt zu begeben und die Ressourcen für die Analyse der eigenen Organisationskulturen zu verwenden. Es gilt auf der Ebene von Personal und freien Mitarbeiter*innen ein diskriminierungskritisches Fundament aufzubauen. Dazu zählt auch, die Kommunikation, die wertschätzende Grundhaltung und die Prinzipien von Gleichbehandlung zu gewährleisten. Wenn Mädchen*arbeit diesen Weg verfolgt, kann sie sich in Bezug auf Lobbyist*innen auf ein weiteres Feld an Akteur*innen z. B. aus Antirassismusarbeit, Antifaschismusarbeit, emanzipatorischer Jungen*arbeit, Jugendverbandsarbeit u. a. beziehen, die auf dieser Grundlage Bündnisse mit der diversitätssensiblen Mädchen*arbeit eingehen könnten.

Kooperationen mit Jungen*arbeit

Ein altes und immerwährendes Thema ist in diesem Kontext die Kooperation mit Jungen*arbeit. Das sich nicht mehr Institutionen für explizite Jungen*arbeit entscheiden hat mehrere Gründe. Es fehlen fachliche Angebote für Jungen*arbeit, denn es gibt leider zu wenig Fachkräfte für emanzipatorische Jungen*arbeit und der Jungen*arbeit kann selbstverständlich ebenso der Vorwurf des geschlechtlichen Anachronismus gemacht werden. Darüber hinaus fehlen, ebenso wie in der Mädchen*arbeit, die Orte für die fachliche Ausbildung. Diese findet nur an ausgewählten Orten statt und ist nicht strukturell in pädagogischen Ausbildungen oder Studienangeboten verankert. Die Qualifizierung der Mädchen*- und Jungen* arbeiter*innen mehr miteinander zu verbinden, sie im Spezifischen zu separieren und Vielfalt von Geschlechter- und Sexualitätsverhältnissen zum Thema zu machen, könnte beide Bereiche nachhaltig bereichern. Möglicherweise ergeben sich so fast automatisch Kooperationen zwischen Mädchen*arbeiter*innen und Jungen*arbeiter*innen, die sich in Praxis, Theorie und Zielsetzungen austauschen und zusammenarbeiten. Hier sehe ich Potential für eine neue Generation der geschlechtersensiblen Pädagogik, Bildung und Sozialen Arbeit, die sich der Vielfalt nicht annähert, sondern sie zum Fundament der Auseinandersetzungen macht, ohne die hierarchischen Dominanzverhältnisse der Heteronormativität in ihrer Widersprüchlichkeit leugnen zu müssen.

Ausblick: Mädchen*politik! Lobbyarbeit gestalten.

Für eine Weiterentwicklung der Mädchen* arbeit ist es notwendig, die Organisationen auf die Widersprüchlichkeit und Qualitätskriterien der Mädchen*arbeit hin zu überprüfen. Für diesen Blick in und auf die Mädchen*arbeit bedarf es einer gezielten Zusammenarbeit der lokalen Fachkräfte in den Mädchen*-Einrichtungen mit Vertreter*innen der Mädchen*politik in lokalen Gremien, in Wissenschaft, Politik und Verwaltung. Nur eine gezielte Zusammenarbeit mit allen Akteur*innen ermöglicht eine dauerhafte Verstetigung der Mädchen*arbeit und gibt ihr Rückhalt. Dass heute zu Lobbyist*innen nicht nur Frauen* zählen, sondern auch andere Geschlechter ein Interesse an gelingender Mädchen*arbeit haben ist vor dem Hintergrund des Legitimierungsdrucks eine begrüßenswerte Entwicklung.
Mädchen*politik braucht Jungen*politik, braucht Geschlechter*politik, die sich auf emanzipatorische Grundlagen beziehen. Sich hier in breite Bündnisse und in neue Formen der Organisation und Netzwerkarbeit zu begeben, ist ein sinnvolles, intergenerationelles Projekt für die kommenden Jahre.
Die Organisationseinheiten vor Ort, auf Landes- und Bundesebene, brauchen mehr Lobbyist*innen der Mädchen*arbeit und mehr gemeinsame Positionen, um Mädchen*arbeit aus der Bedrängnis des Legitimierungsdrucks heraus für die nächsten Jahre finanziell und praktisch zu ermöglichen. Doch wie kann Lobbyarbeit gestaltet werden, gerade wenn die Tätigkeiten vor Ort bereits sehr viel Zeit und Energie in Anspruch nehmen?

Konkrete Erfordernisse für die Mädchen* politik in den nächsten Jahren

• In jenen Bundesländern, in denen keine Landesarbeitsgemeinschaften existieren, sind welche zu schaffen. Es braucht politische Akteur*innen, die sich dafür stark machen und den Aufbau einer regionalen Netzwerkstruktur ermöglichen.
• Bis dahin müssen alle Arbeitskreise, Gleichstellungsbeauftrage und Akteur*innen aus den Kommunen über die Arbeit der Landesarbeitsgemeinschaften und der BAG Mädchen* politik informiert werden.
• Es bedarf außerdem einer besseren Struktur der Landeseinrichtungen. Die LAGs, die bislang auf ehrenamtliches Engagement fußen, müssen in ihrer Ausstattung und in ihrer Zielrichtung, nämlich als Lobbyvertre tung von Mädchen* in den Bundesländern, stark gemacht werden. Sie brauchen stellenfinanzierte Ausstattungen, damit sie den Kommunen in Fragen und Belangen von Mädchen* arbeit vor Ort beratend und unterstützend zur Seite stehen können. Die Erfahrung zeigt, dass in jenen Bundesländern, wo die LAGs der Mädchen*arbeit funktionieren und mit Personalstellen bestückt sind, die Netzwerke, die Bedeutung und Angebote der Mädchen*arbeit klarer vertreten und im Gesamtbild der Kinder- und Jugendhilfe sichtbarer sind. Erst mit diesem Einmischen, können an neuen Orten innovative Einrichtungen und Konzepte der Mädchen*arbeit entstehen.
• Kooperationen mit Hochschulen und Universitäten als Lobbyist*innen sind anzustreben. Die Lücken zwischen Mädchen*arbeit, Mädchen*politik und Mädchen*forschung müssen aktiv geschlossen werden. Es bedarf qualifizierender Ausbildungsgänge für Geschlechterpädagogik und Geschlechterbildung, in denen alle Aspekte von Praxis, Forschung und Politik gleichermaßen vermittelt werden und auf dem Fundament vielfältiger Geschlechter- und Sexualitätsverhältnisse argumentiert wird. Hier liegen neue Chancen für die Qualität und Netzwerkarbeit.
• Denkbar wäre es, im Zuge der bestehenden und zukünftigen Vernetzungen eine digitale Landkarte zu erstellen, um die Vielfalt und die Angebote der Mädchen*arbeit und der geschlechtersensiblen Pädagogik sichtbar zu machen. Diese Sichtbarkeit unterstützt die Praxis der Vernetzung, das Streben nach Relevanz, unterstützt Gründungen neuer Landesarbeitsgemeinschaften oder anderer regionaler Netzwerke und erlaubt die gegenseitige Stabilisierung. Darüber hinaus kann diese Landkarte ein Ausgangspunkt sein, lokale, re- gionale und bundesweite Akteur*innen aus Politik, Verwaltung und Wissenschaft für die Mädchen*arbeit zu gewinnen.
• Ferner muss die Bedeutung der Bundesarbeitsgemeinschaft Mädchen* arbeit als politische Institution der Mädchen*arbeit in ihrer Anerkennung erweitert werden. Diese Institution muss in enger Kooperation mit den Landesarbeitsgemeinschaften und all den Projekten, die ohne funktionierende Landesstruktur auskommen müssen, attraktiv und erreichbar sein. Da aber diese Struktur bislang auf ehrenamtlichem Engagement fußt, braucht es hier eine Klarheit der BAG Mädchen*politik als Dachorganisation mit der entsprechenden fachöffentlichen, medialen und politischen Sichtbarkeit. Ziel ist es, dass die BAG Mädchen* politik eine Fachstelle für Mädchen* oder Teil einer Fachstelle Geschlechterpädagogik wird, in welcher die Fachdiskurse emanzipatorischer Geschlechterpädagogik gebündelt werden. In einer solchen kooperativen Fachstelle steht die BAG Mädchen*politik dann für die Interessen der Mädchen* und weiterer Geschlechter und vermittelt Erkenntnisse aus Praxis, Forschung und Wissenschaft an eine breite Öffentlichkeit. Dies kann aber nur mit der entsprechenden finanziellen und ideellen Ausstattung gelingen.

Ines Pohlkamp, Dr. in phil., Sozialarbeitswissenschaftlerin & Kriminologin, seit 1999 Referentin für Intersektionalität, Diversity & Antidiskriminierung, Mädchen*arbeit & geschlechtersensible politische Bildung, Stellv. Vorsitzende der Kommission Geschlechterreflektierte Bildung im Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten, seit 2019 im Vorstand der Bundesarbeitsgemeinschaft Mädchen*politik, www.bag-maedchenpolitik.de, kontakt@inespohlkamp.de.