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Thema Umweltpädagogik: Kathrina Schafhauser/Michael Görtler


deutsche jugend - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 02.03.2020

Bildung für nachhaltige Entwicklung in der Jugendarbeit: Didaktische und methodische Zugänge am Beispiel eines Projekts für benachteiligte Zielgruppen in der Kinder- und Jugendhilfe


Schlagworte wie Klimawandel, Energiewende und Fridays for Future, aber auch Rekordsommer und Dieselfahrverbot stehen stellvertretend für eine Herausforderung, die Gesellschaft und Politik nun schon seit geraumer Zeit beschäftigt, nämlich die Nachhaltigkeit. Dabei geht es im öffentlichen Diskurs auf nationaler, europäischer wie globaler Ebene - neben sozialen und ökonomischen Fragen wie der Ungleichheit oder Gerechtigkeit ...

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... zwischen den lebenden und zukünftigen Generationen - auch um das Klima, den Umgang mit der Umwelt und den natürlichen Ressourcen. Für Parteien und ihre Wähler/innen ist diese Angelegenheit aktuell ein besonders wichtiges Thema, denn der Nachhaltigkeitsdiskurs beeinflusst die Stimmungen in der Bevölkerung deutlich, wie die Ergebnisse der letzten Landtagswahlen belegen.

Umfragen, wie etwa die Umweltbewusstseinsstudie, die alle zwei Jahre vom Bundesumweltministerium und dem Umweltbundesamt durchgeführt wird, unterstreichen den eben genannten Trend ebenfalls. Die Studie, für die 2018 rund 4.000 Personen an einer Onlinebefragung teilnahmen, kommt u. a. zu den folgenden Befunden. Erstens: „Umwelt- und Klimaschutz stufen 64 % als sehr wichtige Herausforderung ein“; bei den Kindern und Jugendlichen - je nach Definition - nimmt das Thema sogar einen noch größeren Stellenwert ein als bei den Erwachsenen: „In der Altersgruppe der 14- bis 19-Jährigen halten sogar 78 % den Umwelt- und Klimaschutz für sehr wichtig.“ Zweitens: „Der Zustand der Umwelt in Deutschland wird deutlich schlechter bewertet als in früheren Umfragen. Nur noch 60 % der Befragten bewerten ihn als gut, bei der letzten Befragung waren es noch 75 %.“ Und drittens: „Mit dem Engagement der Industrie sind nur 8 % zufrieden, mit dem der Bundesregierung 14 %. Mit dem Engagement der Städte und Gemeinden sind 24 % zufrieden und mit dem der Umweltverbände 71 %. Auch ihr eigenes Engagement beurteilen die Bürger/innen kritisch: Nur 19 % der Befragten finden, dass die Bürger/innen genug oder eher genug tun“ (Umweltbundesamt/Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit 2018, S. 2-5)

Das Projekt

Der öffentliche Diskurs und die Ergebnisse der Umweltbewusstseinsstudie zeigen, dass es sich bei Nachhaltigkeit, Umwelt- und Klimaschutz um aktuelle Herausforderungen handelt, welche nicht nur Politik und Gesellschaft bzw. die Erwachsenen, sondern auch Kinder und Jugendliche als zukünftige Bürger/innen, beschäftigt. Die Bedeutung, welche dieses Thema für Kinder und Jugendliche mit Blick auf Bildung und Teilhabe hat, steht in keinem guten Verhältnis zu den Angeboten und der Teilnahme daran. So macht ein Blick in die Fachliteratur darauf aufmerksam, dass die Bildung für nachhaltige Entwicklung in der Sozialen Arbeit und in der Kinder- und Jugendhilfe - abgesehen von der außerschulischen politischen Jugendbildung - eine vergleichsweise geringe Rolle spielt. Dieser Befund gilt umso mehr, wenn der Fokus auf benachteiligte Zielgruppen (z. B. Kinder und Jugendliche mit Behinderung, Förderbedarf, Migrationshintergrund oder solche, die aus prekären familiären Verhältnissen stammen) gerichtet wird, wie u. a. Diskussionen um sog. bildungsferne Personen, Gruppen, Schichten oder eine Didaktik der inklusiven Bildung sichtbar machen (vgl. Detjen 2007; Sturzenhecker 2007; Dönges et al. 2015).

An dieser Stelle will das Projekt „Bildung für nachhaltige Entwicklung und Umweltpädagogik für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche sowie in der Kinder- und Jugendhilfe tätigen Personen“ ansetzen, um den Gedanken der Nachhaltigkeit und das Leitbild der Nachhaltigen Entwicklung zu vermitteln und Bildung für nachhaltige Entwicklung damit zu fördern. Ziel des Projektes ist es, den Gedanken der Nachhaltigkeit und das Leitbild der Nachhaltigen Entwicklung Kindern und Jugendlichen sowie Fachkräften (z. B. Erzieher/inne/ n, Heilerziehungspfleger/innen, Sozialarbeiter/innen, Heilpädagog/innen) über einen umweltpädagogischen Zugang begreifbar zu machen. Die Teilnehmenden werden dabei dazu eingeladen, ihr Denken und Handeln zu reflektieren, Erfahrungen in der Natur zu machen und die dabei gewonnenen Einsichten in ihren Alltag zu übertragen. Im Workshop werden einerseits anhand konkreter Beispiele Grundkenntnisse zur Nachhaltigen Entwicklung und Methoden der Bildung für nachhaltige Entwicklung vermittelt. Andererseits wird aufgezeigt, wie Kinder und Jugendliche für die Natur und den verantwortungsvollen Umgang mit ihr sensibilisiert werden können. Das Projekt wird von der Adalbert-Raps-Stiftung und der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald e.V. gefördert.

Bildung für nachhaltige Entwicklung

Die Staatengemeinschaft unter dem gemeinsamen Dach der Vereinten Nationen hat sich die Nachhaltige Entwicklung zum Leitbild gemacht. Kern dieses Leitbildes ist die Verantwortung der heute lebenden Generation, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, ohne die Bedürfnisse künftiger Generationen dabei zu gefährden (vgl. Hauff 1987). Der Gedanke der Nachhaltigkeit, der auf Hans Carl von Carlowitz zurückgeht, gilt dabei als Prinzip gesellschaftlichen und politischen Handelns - ganz nach dem Motto: Schlage nur so viel Holz, wie der Wald auch verkraften kann, also nur so viel, dass im Wald wieder nachwachsen kann (vgl. Carlowitz/ Hamberger/Mehler 2013). Heute beschränkt sich die Nachhaltigkeit nicht mehr nur auf die Forstwirtschaft, sondern umfasst viele andere Bereiche. In den offiziellen Dokumenten wird in der Regel ein „ganzheitlicher, integrativer Ansatz“ verfolgt, welcher die „Wechselwirkungen zwischen den drei Nachhaltigkeitsdimensionen Ökologie, Ökonomie und Soziales“ in den Blick nimmt (Die Bundesregierung 2016, S. 12).

Ein Meilenstein auf dem Weg zur Nachhaltigen Entwicklung stellt die Agenda 21 dar, die auf der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro als globale Nachhaltigkeitsstrategie verabschiedet wurde. Die Agenda beinhaltet Ziele und Maßnahmen, die auf globaler, nationaler, regionaler und lokaler Ebene umgesetzt werden sollen, z. B. in Form der „Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie“ der Deutschen Bundesregierung:

„Die Strategie zielt auf eine wirtschaftlich leistungsfähige, sozial ausgewogene und ökologisch verträgliche Entwicklung, wobei die planetaren Grenzen unserer Erde zusammen mit der Orientierung an einem Leben in Würde für alle die absoluten Leitplanken für politische Entscheidungen bilden“ (ebd.)

Eine besondere Rolle in diesem Kontext spielt die Bildung für nachhaltige Entwicklung, die in der Agenda 21 in Kapitel 36 festgeschrieben wurde:

„Ziel ist die Förderung einer breitangelegten öffentlichen Bewusstseinsbildung als wesentlicher Bestandteil einer weltweiten Bildungsinitiative zur Stärkung von Einstellungen, Wertvorstellungen und Handlungsweisen, die mit einer nachhaltigen Entwicklung vereinbar sind“ (Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung 1992, S. 333).

Dieses Ziel wurde auch auf den Folgekonferenzen 2002 in Johannesburg und 2012 in Rio konsequent verfolgt und mit der Verabschiedung der Agenda 2030 erneut bekräftigt. Unter den nachhaltigen Entwicklungszielen, den Sustainable Development Goals (kurz: SDGs), wird als 4. Ziel „Chancengerechte und hochwertige Bildung“ genannt und wie folgt beschrieben:

„Bis 2030 sicherstellen, dass alle Lernenden die für nachhaltige Entwicklung notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten erwerben, u. a. durch Bildung für nachhaltige Entwicklung, für nachhaltige Lebensweise, für Menschenrechte, für Gleichberechtigung der Geschlechter, durch Förderung einer Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit durch Global Citizenship Education und Wertschätzung kultureller Vielfalt und durch den Beitrag der Kultur zu nachhaltiger Entwicklung“ (Deutsche UNESCO-Kommission 2016, S. 22).

Resümierend nimmt Bildung eine Schlüsselrolle mit Blick auf die Veränderung der Gesellschaft ein (vgl. Buddeberg 2014, S. 56), weil sie als Voraussetzung dafür gilt, dass bei den Menschen ein Bewusstsein für den Umwelt- und Klimaschutz entsteht. Es liegt auf der Hand, dass alle - oder zumindest so viele - Menschen wie möglich ihr Denken und Handeln verändern müssen, um der Verantwortung der inter- und intragenerationellen Gerechtigkeit, die im Leitbild der Nachhaltigen Entwicklung verankert ist, genügen zu können. Die Verabschiedung neuer Gesetze, die in Form allgemein verbindlicher Regeln zu einer Verhaltensänderung beiträgt, allein reicht nicht aus, weil sie nicht tief genug in den Alltag eindringt oder, wenn sie das tun will, großen Widerstand in der Bevölkerung hervorruft, wie etwa an der Besteuerung des Kraftstoffs oder am Aufbau der erneuerbaren Energien in Deutschland deutlich wird.

Didaktische Zugänge

Der umweltpädagogische Zugang zur Bildung für nachhaltige Entwicklung, der in diesem Projekt zur Anwendung kommt, zeichnet sich durch unterschiedliche didaktische Bezugspunkte aus. Vier davon, die eine wichtige Rolle spielen, werden im Folgenden umrissen:

Erstens handelt es sich beim Thema des Projekts um ein Schlüsselproblem. In Anlehnung an Klassiker der Didaktik, wie etwa Wolfgang Klafki (vgl. 1985), kann die Nachhaltige Entwicklung als Herausforderung von besonderer gesellschaftlicher und politischer Relevanz betrachtet werden. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass der Umwelt- und Klimaschutz bzw. die ökologische Dimension eng mit der ökonomischen und sozialen Nachhaltigkeitsdimension verknüpft ist, weil mit der Umwelt und den natürlichen Ressourcen letztendlich die Überlebensfähigkeit der gesamten Menschheit auf dem Spiel steht.

Zweitens folgt die Bildung für nachhaltige Entwicklung einem konstruktivistischen Ansatz, der Lernen als einen Prozess versteht, der durch bestimmte Merkmale charakterisiert ist: Lernen „muss individuell anschlussfähig ermöglicht werden“ (Bliesner-Steckmann 2017, S. 321) und wird „als aktive Auseinandersetzung mit einem Gegenstand, also reflexives und körperliches Tätigsein“ (Künzli David 2007, S. 38) betrachtet. Durch das im Projekt gewählte Lernarrangement kann in einem selbstgesteuerten, aber auch sozialen Prozess die Verknüpfung von Wissen und Handeln, z. B. durch das gemeinsame Erfahren der Natur, gefördert werden.

Drittens steht die Gestaltungskompetenz im Mittelpunkt. Diese beschreibt „die Fähigkeit, so zu denken und zu handeln, dass man in der Welt etwas verändern kann. Das lernt man durch Bildung für nachhaltige Entwicklung“. Die Gestaltungskompetenz besteht aus mehreren Teilkompetenzen, wie etwa: „Menschen können einschätzen, welche Folgen eine bestimmte Veränderung in der Zukunft hat“, „Menschen überprüfen, wie gerecht ihre Entscheidungen für andere Menschen sind“ oder „Menschen können einschätzen, welche Vorteile eine Veränderung für eine Gruppe von Menschen hat und welche Nachteile dabei für eine andere Gruppe von Menschen entstehen“ (Deutsche UNESCO-Kommission o. A.).

Viertens spielt die Handlungsorientierung eine wichtige Rolle. Dieses didaktische Prinzip stellt das Lernen durch Handeln sowie die Reflexion des Handelns und die dabei gemachten Erfahrungen in den Mittelpunkt. Dafür werden Methoden gewählt, die lernendes Handeln in der Natur ermöglichen und Probleme, wie etwa die Endlichkeit der Ressourcen, sichtbar machen. Durch das Erproben von unterschiedlichen Herangehensweisen, um Bäume, Sträucher und Tiere kennenzulernen, können Berührungsängste mit der Thematik ab- und die Motivation aufgebaut werden, diese in die eigene pädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen einzubinden.

Methodische Zugänge

Im Rahmen des Projekts werden Workshops angeboten, die sich inhaltlich, methodisch und zeitlich an die jeweilige Zielgruppe anpassen lassen (z. B. in Abhängigkeit vom Vorwissen der Teilnehmenden, der Gruppegröße oder dem zur Verfügung stehendem Zeitfenster). Den genauen Ablauf der Workshops zu beschreiben, würde den hier vorgegebenen Rahmen sprengen. Daher werden in den folgenden Abschnitten exemplarische Aktivitäten beschrieben, die - je nach Zuschnitt - in den Workshops zum Einsatz kommen. Generell dauern die Workshops nicht länger als einen ganzen Tag und finden im Wald oder am Waldrand statt, um die Nähe zur Natur herzustellen.

Zu Beginn werden die Teilnehmenden dazu aufgefordert, sich selbst und ihre Einrichtung vorzustellen. Im Anschluss daran sollen sie sich darüber Gedanken machen, was Nachhaltigkeit für sie persönlich bedeutet, und diese Ideen im Plenum präsentieren. Darauf folgt eine Einheit zur Vermittlung von Wissen zur Bildung für nachhaltige Entwicklung, in welcher die Geschichte vom Gedanken zur Nachhaltigkeit über das Leitbild der Nachhaltigen Entwicklung bis hin zur Einführung der Bildung für nachhaltige Entwicklung schlaglichtartig dargestellt wird. Dabei wird den Teilnehmenden auch das Konzept der Gestaltungskompetenz erläutert. Die Fachkräfte werden dann dazu aufgefordert, über die Umsetzung der Bildung für nachhaltige Entwicklung in ihrer Einrichtung nachzudenken und sich die Frage zu stellen, was sie selbst dazu beitragen können.

Danach sind die Teilnehmenden in einer ersten Aktivität dazu eingeladen, einen Teil eines Baumes (z. B. Blatt, Frucht, Nadel, Rinde, Zweig), der nicht größer sein darf als ihre Hand, zu sammeln und auf einem weißen Tuch - für alle gut sichtbar - abzulegen. Die genauen Bezeichnungen dieser Gegenstände und deren Zuordnung zu den Bäumen in der Umgebung erfolgt durch die Moderatorin unter Einbeziehung der Teilnehmenden. Wenn alle Dinge benannt sind, werden die Teilnehmenden dazu aufgefordert, ihre Augen zu schließen. Die Moderatorin entfernt nun einen oder mehrere Gegenstände und lässt die Teilnehmenden raten, was fehlt. Diese Vorgehensweise kann mehrfach wiederholt werden, bis der Eindruck entsteht, dass die Teilnehmenden sich an viele oder so gut wie alle Dinge erinnern können. Mit dieser einfachen Übung können z. B. Blätter, Früchte, Nadeln, Rinden oder Zweige der gängigen Baumarten erlernt werden.

In einer zweiten Aktivität werden die Baumarten, die anhand der gesammelten Gegenstände besprochen wurden, aufgesucht. Die Teilnehmenden berühren und betasten die Rinde der Bäume mit ihren Händen und Fingern, um sie im Anschluss daran mit verbundenen Augen wiederfinden zu können. Dabei führen sich die Teilnehmenden abwechselnd zu den Bäumen, die in der Umgebung stehen. Bei dieser Übung wird nicht nur die sinnliche Wahrnehmung mit dem erlernten Wissen verknüpft, sondern es kommen auch Selbst- und Sozialkompetenz zur Geltung. So müssen die Teilnehmenden u. a. Berührungsängste überwinden, andere führen und sich selbst führen lassen, Kontrolle abgeben und Vertrauen aufbauen, aber auch Verantwortung übernehmen. Zur Ergebnissicherung dürfen die Teilnehmenden von einem Baum ihrer Wahl einen Abdruck von der Rinde und von den Blättern mit Papier und Wachsmalkreide anfertigen, wobei der Name des Baumes und seine Merkmale vermerkt werden. Zur Festigung der Baumartenkenntnis wird ein Geschicklichkeitsspiel durchgeführt. Die Moderatorin vereinbart mit den Teilnehmenden ein spezifisches Zeichen (z. B. Hand- oder Armbewegung) für jede Baumart. Wird von ihr der Name einer Baumart gerufen, versuchen die Teilnehmenden so schnell wie möglich zu einem Baum dieser Art zu gelangen und dort das verabredete Zeichen zu geben. Wer richtig liegt, gewinnt einen Punkt, wer falsch liegt, verliert einen Punkt. Am Ende werden die Punkte zusammengezählt und miteinander verglichen.

Eine dritte Aktivität lädt zum Perspektivwechsel ein. Bisher sind die Teilnehmenden in aller Regel mit dem Blick nach vorne, zur Seite oder auf den Boden durch den Wald gegangen. Dafür wird ein Spiegel auf die Nasenspitze aufgesetzt, welcher den Blick von unten nach oben auf das Ast- und Blätterwerk sowie die Baumkronen lenkt. Auch bei dieser Aktivität ist Kooperation vonnöten, weil sich die Teilnehmenden gegenseitig führen müssen, damit niemand stolpert, hinfällt oder sich verletzt. Eine Variante kann darin bestehen, dass die Teilnehmenden in einer Reihe - die Hand des Hintermanns auf die Schulter des Vordermanns gelegt - durch den Wald gehen. Wieder eine andere Variante ergibt sich aus dem Einsatz einer oder zweier Papierrollen (z. B. Küchen- oder Toilettenpapier), die als Fernrohr bzw. Fernglas dienen. Dies führt zu einer räumlich begrenzten, aber intensivierten Wahrnehmung der natürlichen Umgebung. Dabei geraten kleine, aber wichtige Details in den Fokus der Aufmerksamkeit, die vielleicht sonst nicht auffallen würden. Für die spätere Nutzung in der Einrichtung können diese Papierrollen danach - mit oder ohne Unterstützung der Fachkräfte - auch als Waldferngläser verziert und mitgenommen werden. Dabei besteht die Möglichkeit, dass die Kinder und Jugendlichen für diese kreative Tätigkeit Naturmaterialien im Wald sammeln.

Eine vierte Aktivität nimmt das nachhaltige Haushalten (z. B. die Wirtschaftsweise nachhal tiger Forstwirtschaft) mit nachwachsenden Ressourcen in den Blick. Dabei wird auf ein Reaktionsspiel, welches das Metalernen fördert, zurückgegriffen. Dafür ziehen alle Teilnehmenden erst eine Karte, die ihnen eine Baumart zuweist, und bilden dann einen Kreis, indem sie sich mit den Armen gegenseitig unterhaken. Die Moderatorin steht außerhalb des Kreises und erzählt eine Geschichte zum Mischwald: Der Mischwald wächst und wächst und über die Jahre kommt es bei jeder Baumart zu Schäden durch Hitze, Kälte, Insektenbefall usw.; diese Baumarten sind nun angeschlagen, sie hängen - sprichwörtlich - durch und lassen sich fallen, die Gruppe muss sie oben halten; waren alle Baumarten an der Reihe - der Mischwald ist nun schon 70 Jahre alt - ziehen alle Teilnehmenden eine neue Baumart, die sie der Gruppe nicht verraten dürfen; was die Teilnehmenden nicht wissen, ist, dass sie nun alle Fichten sind; bei einem Sturm wird diese Baumart umgerissen und folglich erleidet der ganze Kreis dieses Schicksal, weil es keine anderen Baumarten mehr gibt, welche die Fichten stützen könnten. Danach wird den Teilnehmenden der Hintergrund erklärt: In einem Mischwald wachsen unterschiedliche Baumarten auf einer Waldfläche. Die unterschiedlichen Eigenschaften der Baumarten können dazu beitragen, dass Mischwälder stabil und klimatolerant sind. Monokulturen, wie etwa reine Fichtenbestände, fehlt diese Vielfalt. Sie haben dadurch wesentlich schlechtere Möglichkeiten, um schädliche Ereignisse und klimatische Veränderungen zu kompensieren (vgl. Bayerisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten 2017).

Eine fünfte Aktivität greift die globale Perspektive der Nachhaltigkeit auf. Die Teilnehmenden teilen sich in Gruppen auf, die als afrikanische Dorfgemeinschaften das Holz des Savannenwaldes nutzen werden. Als nutzbares Holz dienen 20 Haselnussstecken von ca. 40 cm Länge. Zehn Haselnussstecken werden dafür als Bäume in die Erde geklopft und zehn als liegendes Brennholz auf der Spielfläche verteilt. Den Teilnehmenden wird erläutert, dass jede Dorfgemeinschaft in der ersten Runde auf ihren Vorteil bedacht ist und nicht mit den anderen Dorfgemeinschaften kommunizieren darf. Die Moderatorin fordert die Dorfgemeinschaften in der ersten Spielrunde dazu auf, Holz in der Savanne zu sammeln, und nennt dafür eine genaue Menge. Die Dorfgemeinschaften werden darauf hingewiesen, dass sie auch die Möglichkeit haben, von dem gesammelten Holz wieder etwas an den Wald zurückzugeben und Bäume zu pflanzen. Jede Dorfgemeinschaft entwickelt sich nach der ersten Spielrunde weiter und benötigt in jeder weiteren Runde mehr Holz. Die Konkurrenzsituation führt schnell zu Holzknappheit mit der Folge, dass einzelne Dorfgemeinschaften aufgrund dieser Wirtschaftsweise nicht lange überleben werden. Die Moderatorin ruft die Teilnehmenden daraufhin zusammen und bittet sie, miteinander Lösungsmöglichkeiten zu erarbeiten, um den Wald nachhaltig zu bewirtschaften. Eine denkbare Lösungsmöglichkeit besteht darin, dass die Dorfgemeinschaften in Zukunft eine gemeinsame Kochstelle nutzen und nicht mehr in Konkurrenz zueinander stehen, sondern miteinander kooperieren. In den anschließenden Spielrunden werden die Dorfgemeinschaften in jedem Jahr Bäume pflanzen und nicht mehr Holz entnehmen, als der Wald produzieren kann. Nach dieser Aktivität werden die Teilnehmenden in einer Reflexionsrunde gebeten, das Erlebte in ihre Lebenswelt zu übertragen. Dabei kann die Abhängigkeit des Menschen von der Natur thematisiert werden. Die Teilnehmenden sind dazu eingeladen, sich darüber Gedanken zu machen, wo jeder Einzelne ressourcenschonender leben kann, welche Konsumgüter wirklich wichtig für das eigene Leben sind usw.

Eine sechste Aktivität greift das Thema Lebensmittel und Konsum auf, um Nachhaltigkeit erlebbar zu machen. Pädagogische Einrichtungen haben manchmal die Möglichkeit, in einem Garten Lebensmittel anzubauen und mit den Kindern zu verarbeiten, z. B. Getreide, das vom Samenkorn bis zum Mehl für den Pizzateig begleitet werden kann. Im Wald besteht die Möglichkeit, die Baumartenkenntnis für die Herstellung von Lebensmitteln zu nutzen. Im Mai etwa können mit den Kindern und Jugendlichen die jungen Triebe der Fichte gesammelt und einige Tage eingelegt werden, um den Sud dann wie Marmelade zu Fichtenspitzensirup zu verarbeiten. Auch die Nadeln der Douglasie können gepflückt und zu Douglasienkeksen verarbeitet werden, um sie gemeinsam zu verkosten. Eine andere Möglichkeit besteht darin, über den Müll zu sprechen, der beim Konsum von Lebensmitteln entsteht. Hier kann u. a. die Frage gestellt werden, wie sich Müll reduzieren und wiederverwerten lässt. Die Teilnehmenden werden in diesem Kontext dazu eingeladen, aus einem Tetra Pak ein Behältnis für ein Kräuterbeet (z. B. Kresse) für das Fensterbrett herzustellen.

Eine Aktivität, die sich als Abschluss eignet, besteht darin, dass die Teilnehmenden sich einen Gegenstand aus dem Wald suchen, der sie an etwas Schönes erinnert, den schon ihre Großeltern hier finden konnten oder den ihre Enkel noch hier finden werden.

Literatur

Bayerisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (2017): Forstliche Bildungsarbeit - ein Waldpädagogischer Leitfaden nicht nur für Förster, Bayerische Forstverwaltung, 8. Aufl., München. URL: https://www.stmelf.bayern.de/mam/cms01/wald/waldpaedagogik/dateien/waldpaedagogischer_ leitfaden_2017_ausschnitte_inhalt.pdf (aufgerufen am 7.11.2019).
Bliesner-Steckmann, A. (2017): Handlungstheoretisch fundierte Didaktik nachhaltiger Berufsbildung. Die Kluft zwischen Wissen und Handeln, Wiesbaden.
Buddeberg, M. (2014): Zur Implementation des Konzepts Bildung für nachhaltige Entwicklung. Eine Studie an weiterführenden Schulen in Nordrhein-Westfalen [Empirische Erziehungswissenschaft, Bd. 54], Münster/ New York.
Carlowitz, H.C.v./Hamberger, J./Mehler, R. (Hrsg.) (2013). Sylviculturaoeconomica: Oder Haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht, München.
Detjen, J. (2007): Politische Bildung mit bildungsfernen Milieus. In: APuZ, Nr. 32-33, S. 3-7.
Deutsche UNESCO-Kommission e.V. (2016): Bildung 2030 - Incheon-Erklärung - Aktionsrahmen. Inklusive und chancengerechte hochwertige Bildung sowie lebenslanges Lernen für alle. URL: https://www. bne-portal.de/sites/default/files/downloads/2016_04_19_Framework_for_Action_U %CC %88bersetzung_ DUK_ohne_Indikatoren_Stand_April_2016 %20(1)_0.pdf (aufgerufen am 6.11.2019).
Deutsche UNESCO-Kommission e.V. (o.J.): Das Konzept der Gestaltungskompetenz. URL: https://www. bne-portal.de/ls/node/243 (aufgerufen am 7.11.2019).
Die Bundesregierung (2016): Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie - Neuauflage 2016. URL: https://www. bundesregierung.de/resource/blob/975292/730844/3d30c6c2875a9a08d364620ab7916af6/deutsche-nachhaltigkeitsstrategie- neuauflage-2016-download-bpa-data.pdf?download=1 (aufgerufen am 7.11.2019).
Dönges, C./Hilpert, W./Zurstrassen, B. (Hrsg.) (2015): Didaktik der inklusiven politischen Bildung, Bonn (Bundeszentrale für politische Bildung).
Hauff, V. (1987). Unsere gemeinsame Zukunft. Der Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, Greven.
Klafki, W. (1985): Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik. Beiträge zur kritisch-konstruktiven Didaktik, Weinheim/Basel.
Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung (Hrsg.) (1992): Agenda 21. URL: http:// www.un.org/depts/german/conf/agenda21/agenda_21.pdf (aufgerufen am 7.11.2019).
Künzli David, C. (2007): Zukunft mitgestalten. In: H. Badertscher/R. Becker/W. Herzog/F. Osterwalder (Hrsg.): Prisma, Beiträge zur Erziehungswissenschaft aus historischer, psychologischer und sozialer Perspektive. Schriftenreihe des Instituts für Erziehungswissenschaften der Universität Bern, S. 38.
Sturzenhecker, B. (2007): „Politikferne“ in der Kinder- und Jugendarbeit. In: APuZ, Nr. 32-33, S. 8-14.
Umweltbundesamt/Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (2018): Umweltbewusstsein in Deutschland: Zentrale Befunde, Stand: 14. Mai 2018. URL: https://www.umweltbundesamt.de/ sites/default/files/medien/2294/dokumente/4_ubs_2018_zentrale_befunde.pdf (aufgerufen am 7.11.2019).