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THERAPIESTUNDE: DIE WUT MEINER TOCHTER


Psychologie Heute - epaper ⋅ Ausgabe 12/2019 vom 13.11.2019

Frau I. sieht die Borderlineerkrankung ihrer erwachsenen Tochter als persönliches Versagen. Die Wutausbrüche ängstigen die Mutter. Wie soll sie mit dem extremen Verhalten ihres Kindes umgehen?


Artikelbild für den Artikel "THERAPIESTUNDE: DIE WUT MEINER TOCHTER" aus der Ausgabe 12/2019 von Psychologie Heute. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Psychologie Heute, Ausgabe 12/2019

Als Frau I. bei mir im Therapieraum Platz genommen hat, wirkt sie sichtlich aufgeregt und nervös. „Ich bin so fertig“, sagt sie, „ich schlafe kaum noch und weiß nicht mehr, was ich machen soll.“ Als sie weiterspricht, zittert ihr Unterkiefer und sie versucht, die Tränen zurückzuhalten. Ich sage: „Offensichtlich geht es Ihnen nicht gut.“ Sie nickt und schaut mich an. Wir sind ein bisschen still miteinander, und ...

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... schließlich beginnt sie langsam zu erzählen. Ihre 21-jährige Tochter Sarina verletze sich selbst und habe vor einiger Zeit die Diagnose „Borderlinestörung“ bekommen. Dass ihre Tochter psychische Probleme habe, sei ihr schon länger klar. Sarina habe oft ganz massive Stimmungsschwankungen, sei manchmal grundlos wütend, füge sich Schnittwunden an den Armen zu und habe auch schon einen Suizidversuch unternommen. Ihre Tochter lebe noch bei ihr zu Hause und der Alltag sei oft unerträglich.

Das Schlimmste sei, dass sie nie wisse, was als Nächstes komme. Manchmal sei Sarina sehr lieb und sie seien fast wie Freundinnen. Dann entspanne sich in ihr alles, und sie sei richtig „high“. Doch das kippe dann irgendwann und es gehe wieder los mit den Beschimpfungen, Vorwürfen und sogar Gewaltandrohungen. Ihre Tochter beschuldige sie dann, dafür verantwortlich zu sein, dass es ihr nicht gutgehe, sie sich selbst verletze oder Probleme in der Partnerschaft habe. Das gehe jetzt schon seit fast fünf Jahren so. Lange habe sie das alles für pubertätsbedingte Probleme gehalten, aber irgendwann sei ihr klargeworden, dass diese Verhaltensweisen das übliche Maß deutlich überschreiten. Da sei ihre Tochter schon 19 gewesen.

Sie wisse, dass eigentlich ihre Tochter eine Therapie machen müsse. Sarina weigere sich aber, nachdem sie einige Kontakte zu Beratungsstellen hatte und einmal nach Suizidandrohungen in der Klinik gelandet sei. Dort habe sie auch die Borderlinediagnose bekommen.

Das vielleicht wichtigste Thema in unseren Beratungsgesprächen sind die Schuldgefühle von Frau I. „Schuldgefühle habe ich schon seit vielen Jahren“, sagt sie. „Irgendwas muss ich doch falsch gemacht haben, sonst wäre meine Tochter doch nicht so geworden. Wenn Sarina mir dann auch noch Vorwürfe macht, dann liege ich nachts stundenlang wach und es rattert in meinem Kopf. Manchmal denke ich dann, ich habe sie verzogen, und manchmal glaube ich, zu streng gewesen zu sein.“

Andreas Knuf ist Psychologischer Psychotherapeut mit Praxis in Konstanz und Buchautor. Gemeinsam mit Christiane Tilly hat er den TitelBorderline. Das Selbsthilfebuch (Balance, 8. Auflage 2018) veröffentlicht


Wir schauen uns genauer an, wie berechtigt die Schuldgefühle sind, und stellen fest, dass die Tochter von Frau I. recht wohlbehütet aufgewachsen ist. Die Beziehung zu den Eltern war fast durchgängig gut, die Tochter hatte Freunde, liebte Pferde und war gut in der Schule. Wie in jeder Kindheit hat auch Sarina mit Herausforderungen zu kämpfen gehabt. Als sie neun Jahre alt war, ging die Ehe der Eltern in die Brüche und Frau I. zog mit ihren drei Kindern aus der Wohnung aus. In der Schule sei ihre Tochter auch gemobbt worden. Schwere Traumatisierungen, die oft eine zentrale Ursache von Borderlinestörungen sind, sind Frau I. nicht bekannt. Ihren zwei anderen Kindern gehe es gut, sie hätten ein gutes Verhältnis zur Mutter.

Die Schuldgefühle sind grenzenlos

Wir schauen uns auch an, welche Folgen die Schuldgefühle haben. Die wohl wichtigste ist, dass Frau I. ihrer Tochter fast alles durchgehen lässt, ihr Geld zusteckt und Wutausbrüche und Beschimpfungen stoisch erduldet. Vor allem aber traut sie sich nicht, ihrer Tochter zu sagen, dass sie ausziehen solle, weil das Zusammenwohnen offensichtlich für beide schwer erträglich sei. Als ich sage: „Sie haben Angst vor Ihrer Tochter, oder?“, kommen Frau I. die Tränen. Ich erzähle ihr, dass ich viele Eltern kenne, die regelrecht Angst vor ihren eigenen erwachsenen Kindern haben. Gerade bei Borderline fühlt es sich für die Angehörigen oft so an, als würden sie immer alles verkehrt machen und seien für alle Probleme ihres Sohnes oder ihrer Tochter verantwortlich. Angehörige versuchen dann, wie auf rohen Eiern zu gehen: Ja kein falsches Wort, sonst könnte sich die Tochter wieder selbst verletzen, ja keine Grenzsetzungen, sonst kommt der nächste Wutausbruch. Dadurch geraten die Angehörigen in eine extrem defensive Position, sie stellen eigene Bedürfnisse völlig zurück und vor allem trauen sie ihrer gesunden Wahrnehmung nicht mehr. Aus Scham werden solche Themen dann meistens im Freundeskreis auch noch verheimlicht, so dass die Angehörigen mit dieser Dynamik allein sind und sich immer mehr darin verlieren.

Als ich ihr diese typische Wechselwirkung erkläre, nickt Frau I. ständig und bekommt große Augen. Sie erkennt, dass es ein typisches Muster ist und nicht ihr persönliches Versagen.

Zwischen unseren Gesprächsterminen beobachtet sie ihre eigenen Empfindungen und ihr Verhalten besser. Sie ist erschrocken darüber, wie stark die Angst vor den Ausbrüchen ihrer Tochter ist und was sie alles tut, um sie zu vermeiden. Von Gespräch zu Gespräch traut sie ihren Wahrnehmungen wieder mehr, sie lässt sich nicht mehr alles gefallen. Schließlich sagt sie ihrer Tochter, dass sie ausziehen soll. Diese reagiert mit einem Wutanfall, zieht noch am nächsten Tag zu einer Bekannten und meldet sich erst nach einigen Wochen wieder. Die Schuldgefühle von Frau I. sind grenzenlos, doch sie weiß auch, dass es gar keine andere Möglichkeit gegeben hätte. In dieser Zeit treffen wir uns mehrmals, Frau I. sagt, sie brauche „Rückendeckung“, damit sie ihrer Tochter nicht anbiete zurückzukommen. Als Sarina sich schließlich wieder meldet, sind relativ gute Gespräche am Telefon möglich. Meine Klientin achtet auf eine gesunde Distanz und lässt sich Zeit für eine Wiederannäherung.

Insgesamt haben wir uns zu acht Terminen über einen Zeitraum von einem halben Jahr getroffen. Frau I. ist innerlich stärker geworden, sie hat sich auch im Freundeskreis anderen anvertraut und erfährt jetzt Unterstützung. Ihr Schlaf ist besser geworden und sie lebt wieder ihren eigenen Alltag, anstatt nur mit ihrer Tochter beschäftigt zu sein.

Zum Schluss empfehle ich ihr noch, in eine AngehörigenSelbsthilfegruppe oder zu einem sogenannten Borderlinetrialog (borderlinetrialog.de) zu gehen, und wenn sie möchte, kann sie sich natürlich jederzeit melden.


ILLUSTRATION: MICHEL STREICH