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Through the Darkest of Times


PC Games Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 26.02.2020

In Zeiten zunehmender Intoleranz ist freie Kunst wichtiger denn je. Das Antifaschismus-Spiel des Berliner Studios Paintbucket Games zeigt das Grauen, damals wie heute.


Artikelbild für den Artikel "Through the Darkest of Times" aus der Ausgabe 3/2020 von PC Games Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: PC Games Magazin, Ausgabe 3/2020

Genre: Strategie
Entwickler: Paintbucket Games
Hersteller: HandyGames
Termin: 30. Januar 2020
Preis: ca.15 Euro
USK: ab 12 Jahren

Through the Darkest of Times ist eines jener Spiele, die bereits weit vor ihrem Release für unzählige Schlagzeilen sorgten. Ist es bei manchen Spielen schlicht die beliebte Spielereihe, die im Hintergrund steht, so sind es bei anderen besondere Einzelheiten des Titels selbst. Bei dem Erstling des ...

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... Berliner Indie-Studios Paintbucket Games trifft Letzteres zu. Aber was macht Through the Darkest of Times so besonders? Erstens wäre da der Fakt, dass es sich hier um eines der ersten Spiele handelt, in dem Hakenkreuze dargestellt werden dürfen – so nimmt es eine wichtige Hürde, um Spiele als Kulturgut zu definieren. Zweitens jedoch handelt es sich bei dem Strategiespiel, das auf geschichtlichen Ereignissen beruht, um ein Spiel mit sehr viel politischer Bedeutung. In Zeiten, in denen Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit wieder auf dem Vormarsch sind, spielen Titel wie Through the Darkest of Times eine gravierende Rolle. Sie üben Kritik an der Gesellschaft und senden bedeutende Botschaften. Oder sie gehen sogar so weit, dass sie zusätzlich noch ein gewisses Maß an Aufklärung betreiben. Den Entwicklern gelingt all das enorm gut. Die Frage, die sich einige jedoch stellen, ist: Wie viel Spiel ist da denn drin? Und macht das auch Spaß? Nein, nicht wirklich. „Spaß“ hat man hier recht wenig, es ist aber gleichzeitig ein verdammt gutes Spiel.

Wir sind der Widerstand

Egal ob Frau oder Mann, sozialdemokratische oder katholisch-konservative politische Windrichtung, wir alle sitzen im gleichen Boot. Die Frage, die Through the Darkest of Times uns jedoch stellt, ist, inwieweit wir bereit sind, unsere Segel einzuholen und gegen den Wind zu rudern – egal wie risikoreich, anstrengend oder entmutigend es auch sein mag. Der Wind, der 1933 durch Deutschland tobte, war ein faschistischer und gefährlicher. 1933 ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg den nationalsozialistischen Politiker Adolf Hitler zum Reichskanzler und gab so den Startschuss für die dunkelste Stunde Deutschlands. Das ist eine der ersten handfesten Informationen, mit denen wir konfrontiert werden. Bevor wir uns jedoch in die akkurat dargestellte Geschichte der Machtergreifung der Nazis begeben, müssen wir uns noch für eine Spielfigur entscheiden. Per Zufallsgenerator wird uns Name, Geschlecht, Alter und politische Einstellung zusammengewürfelt, daraufhin dürfen wir das Äußere unseres Widerstandskämpfers noch minimalistisch anpassen. Und nun?

Unzählige Momente schlagen uns in die Magengrube. Paintbucket Games hat mit Historikern zusammengearbeitet, um die Vergangenheit akkurat darzustellen.


Der Großteil der Geschichte von Through the Darkest of Times wird in Schriftform erzählt, die verliert dadurch aber keineswegs ihre erdrückende Stimmung.


Die Farbpalette des Spiels ist sehr reduziert, der Reichstagsbrand und viele andere historische Momente wurden trotz alledem erschreckend in Szene gesetzt.


Ein Funken Hoffnung?

Das Spielprinzip von Through the Darkest of Times beruht auf dem Strategie-Genre. Wir gründen einen Widerstand, bestehend aus fünf zufälligen Persönlichkeiten. In jeder Spielrunde haben wir die Möglichkeit, unterschiedliche Aktionen gegen die faschistische Regierung zu starten. Wichtig dabei sind die Attribute unserer Charaktere. Empathie zum Beispiel hilft uns dabei, neue Unterstützer für unsere Bewegung zu finden, unsere Stärke hingegen erhöht unsere Erfolgschance, eine SS-Lieferung zu überfallen. Wir können Spenden sammeln, wodurch wir wichtige Gegenstände für weitere Aktionen kaufen können. Besorgen wir uns für ein paar Mark etwas Papier, was nur wenig gefährlich ist, so eröffnet sich uns die Möglichkeit, Flugblätter zu drucken und zu verteilen. Das ist zwar um einiges gefährlicher als mit Arbeitern oder anderen diversen Gruppen zu sprechen, füllt aber unsere Unterstützungs-Anzeige viel rasanter. Im Spielverlauf bekommen wir ab und an auch die Chance, Verfolgten unter die Arme zu greifen und ihnen einen geheimen Unterschlupf anzubieten. Was jedoch, wenn wir es aufgrund von fehlender Aufmerksamkeit verschlafen haben, solch einen Unterschlupf einzurichten?! Through the Darkest of Times konfrontiert uns mit einer Vielzahl an herzzerreißenden Momenten, wenn wir beispielsweise Flüchtlingen keine Hilfe anbieten können oder Mitstreitern in schwierigen Situationen nicht zur Seite stehen können, weil uns schlicht das Geld fehlt. In jeder Runde müssen wir daher clever entscheiden, wie wir uns strategisch orientieren, dürfen dabei aber nie den Blick auf das große Ganze verlieren. Unser Moralwert darf nicht zu sehr sinken, das würde die Auflösung unserer Gruppe bedeuten. Neben Unterstützern, Moral und Gegenständen müssen wir aber auch auf uns selbst und unsere Mitglieder aufpassen. Sehr früh wird nämlich klar: Je risikoreicher wir agieren, desto stärker gestaltet sich unser Widerstand. Die Gefahr, die Gestapo auf uns aufmerksam zu machen, ist aber allgegenwärtig. Werden wir bei einer unserer Aktionen gesehen, so erhöht sich unser Bekanntheitsgrad. Mehrfach während unserer Spielzeit klopfte es an der Tür eines unserer Mitglieder. Unseren ersten Spieldurchlauf haben wir zwar „überstanden“, die Frage, ob wir mehr hätten tun können, brennt aber wie ein Schmiedeeisen auf unserer Haut. Beim zweiten Spieldurchlauf entscheiden wir uns daher für eine riskantere Spielweise. Wir wagen uns an viel gefährlichere Aktionen und nehmen uns weitaus mehr Zeit für unsere Planung. Wir positionieren unsere Mitglieder durchdachter. Bereits in wenigen Spielrunden haben wir weitaus mehr Unterstützer gesammelt als zum gleichen Zeitpunkt beim ersten Durchlauf. Wir fühlen uns, als wären wir vorbereitet auf alles, was so kommen mag. Aber mit jeder gescheiterten Mission werden wir hoffnungsloser und versuchen, selbst in den absolut kritischsten Momenten das Richtige zu tun. Warum? Weil wir es tun müssen, „mehr“ tun müssen. Wer, wenn nicht wir? Schließlich werden wir so verzweifelt und wütend, dass unser Widerstand, die „Schmidt-Ramelow-Gruppe“, bereits nach wenigen Spielstunden von den Nazis zerschlagen wird. Unser Hauptcharakter, Valentin Schmidt, wird in ein Konzentrationslager verschleppt und getötet, genau wie viele andere MItglieder unseres Trupps. Nach diesem erschreckenden Ende sitzen wir einige Minuten stillschweigend vor dem Bildschirm. Denn uns wird bewusst: Das ist wirklich passiert. Leute wurden wie am Fließband ermordet. Leute, die anders waren. Leute, die anders dachten. Through the Darkest of Times ist kein Spiel, welches gute Laune verbreiten möchte. Through the Darkest of Times will nicht unterhalten. Es schlägt uns in die Magengrube, immer und immer wieder. Das Dritte Reich haben wir alle schon mehrfach in der Schule behandelt, trotzdem sind wir erneut schockiert. Man könnte meinen, Paintbucket Games gibt uns Spielern zu wenig Möglichkeiten, wirklich große Erfolge zu verbuchen. Stets fühlen wir uns, als wären wir nicht stark genug, um wirklich etwas zu erreichen. Aber genau das ist er brillante Schachzug des Entwicklerteams. Es geht nicht darum, die Nazis ein für alle Mal in die Schranken zu weisen. Es geht nicht darum, der strahlende Held zu sein. Es geht um ein aussichtsloses Unterfangen, in dem wir nicht mehr tun können als unser Bestes – auch wenn das nie auszureichen scheint. So viele Menschen wie möglich vor den Gräueltaten der Nazis zu beschützen ist alles, was wir tun können. Sich nicht für den leichteren Weg zu entscheiden, sondern für die Schwachen und Verzweifelten zu kämpfen. Das ist die Botschaft, die uns Paintbucket Games mitgeben möchte. Und es ist erschreckend, wie viele Parallelen man zur heutigen politischen Situation in Deutschland, Europa und überall auf der Welt erkennnen kann. Das macht Through the Darkest of Times selbst weit über seinen geschichtlichen Hintergrund hinaus so unheimlich relevant.

In den Spielrunden sollte man sich viel Zeit nehmen und den Widerstand und seine Mitglieder bestmöglich positionieren. Häufig scheitert es an fehlender Vorbereitung.


Bei einer Aktion wurden wir von einem Zeugen gesehen! Sollen wir flüchten, uns doch lieber verstecken oder volles Risiko gehen, um die Mission erfolgreich zu beenden.


Paintbucket Games ist es gelungen, einen sehr ikonischen Grafikstil zu schaffen, der die Geschichte perfekt einfängt.


Trotz der simplen Präsentation gehen uns die Schicksale unserer Spielfiguren sehr nahe. Wir fühlen stets mit.


Die größte Angst ist, dass es an unserer Wohnungstür oder der eines Mitglieds klopft. Die Gestapo hat uns erwischt.


Zwar sind die viele Momente interaktiv gestaltet, oftmals sind uns jedoch die Hände gebunden. Wir können nichts tun.


Zwischen den Spielrunden werden uns Zeitungsartikel präsentiert, die die aktuelle Situation geschichtlich einordnen und uns informieren.


Umhüllt von Rebellion

Abseits der Strategierunden wird uns die Geschichte sehr minimalistisch nähergebracht. Diverse Story-Situationen werden uns mit handgezeichneten und statischen Bildern präsentiert, die ihre Inspiration aus der expressionistischen Kunst der Weimarer Republik ziehen. Selbst die Entscheidung des Grafikstils ist durchdacht. Through the Darkest of Times erinnert optisch an „Entartete Kunst“, darunter fielen damals alle Kunstwerke, die mit der Rassen-Ideologie der Nationalsozialisten nicht in Einklang zu bringen waren. Selbst die Musik, der wir zum Beispiel während unserer Planungen, aber auch in den vielen Handlungsmomenten lauschen, ist Teil des großen Ganzen. Beim tollen Soundtrack handelt es sich nämlich um Jazz der 20er-Jahre – ebenfalls im Dritten Reich verboten. Die Musik ist oft stimmungsvoll, sie ist glücklich und kreiert eine unbestreitbare Sehnsucht nach unbeschwerten Nächten, die schon lange in der Vergangenheit liegen. Zusätzlich zu Bild und Ton blicken wir in den bereits erwähnten Story-Momenten auf in Schriftform erzählte Geschichten aus dem Alltag unserer Spielfigur. Auf unserem Heimweg hören wir zum Beispiel sehr früh in der Geschichte eine Auseinandersetzung. Eine Gruppe von SA-Soldaten bedrängt einen alten Herrn. Through the Darkest of Times lässt uns entscheiden, wie wir vorgehen möchten. Fahren wir nach Hause und meiden die Konfrontation, die unser gesamtes Unterfangen ris- kieren könnte? Oder mischen wir uns ein? Wir entscheiden uns trotz des Risikos dafür, uns dem Streit zu nähern. Wir steigen von unserem Fahrrad, weiterhin unsicher, ob wir wirklich die Aufmerksamkeit der Nazis auf uns lenken wollen. Doch gleichzeitig wächst in uns das Gefühl, dass unser Widerstand an Bedeutung verliert, wenn wir in solchen Situationen nicht handeln. Beschimpfungen wie „Drecksjude“ hallen durch die Nacht. Der Mann wird auf den Boden geschubst. Wir entscheiden uns dafür, die Nazis anzusprechen, wirklich helfen tun wir aber nicht. Im Nachhinein ärgern wir uns. Dieser Moment der Hilflosigkeit nagt noch lange an unserem Gewissen. Beim zweiten Spieldurchlauf gehen wir in der exakt gleichen Situation volles Risiko, werden von den Nazis verprügelt, aber schaffen es so, dem alten Mann zur Flucht zu verhelfen. In den folgenden Runden haben wir in ihm einen wichtigen Unterstützer. Er ist Arzt und beliefert uns kostenlos mit Medikamenten. Kaum eine Situation in Through the Darkest of Times ist leicht zu entwirren. Manchmal werden wir für tapfere Aktionen belohnt, an anderer Stelle bitter bestraft. Momente wie dieser finden sich zuhauf zwischen den Strategierunden. Zusätzlich beginnt jede Runde mit drei Zeitungsartikeln, die uns ein Gefühl für die aktuelle politische Situation im Land geben. Die Balance zwischen den Erlebnissen unserer Hauptfigur, denen unserer gesamten Widerstands-Truppe und der über allem stehenden Geschichte Deutschlands wird eindrucksvoll von Paintbucket Games inszeniert und lässt uns nach unseren Spielerfahrungen mit folgender Erkenntnis zurück: Through the Darkest of Times ist kein klassisches Spiel, welches schlicht das Ziel erfüllen möchte, zu unterhalten. Es ist so viel mehr. Es symbolisiert nicht nur durch die Sozialadäquanzklausel ein Kunstwerk in Spieleform, es ist auch genau das: Kunst.

Eine Bereitschaft für das Risiko ist enorm wichtig, kann aber auch schnell nach hinten losgehen.

MEINE MEINUNG

Maci Naeem Cheema

„Ohne Zweifel ein wichtiges Kunstwerk, das man gespielt haben sollte.“

Verdammt, es ist erschreckend, wie sehr Through the Darkest of Times im Herzen weh tut. Bitte nie wieder Faschismus! Through the Darkest of Times gelingt es beeindruckend und furchteinflößend zugleich, die dunkelste Stunde Deutschlands in Spieleform zu pressen. Ich hatte sehr hohe Erwartungen an das Antifaschismus-Spiel des jungen Berliner Indie-Studios Paintbucket Games. Kann es wirklich dem schwierigen Thema gerecht werden? Und wird es mehr sein als nur eine simple „Excel-Tabelle“, der es schlicht an Spieltiefe fehlt? Absolut! Through the Darkest of Times befand sich über drei Jahre in Entwicklung und man sieht schnell die Gründe dafür. Die Detailverliebtheit ist beeindruckend, über allem steht aber die Bedeutung des Titels. Nicht nur die geschichtliche Relevanz, sondern auch die, die es heute noch hat. Wir leben in Zeiten, in denen zu viele Menschen vergessen. Danke an Paintbucket Games für den Versuch, uns alle daran zu erinnern.