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Tianwa Yang: Spielerisch an die Spitze


Rondo - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 17.05.2019

Brahms’ Violinkonzert kombiniert die hoch dekorierte Geigerin für ihr neues Album mit dem selten zu hörenden Doppelkonzert.


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Und was kommt jetzt? Für die Violinistin Tianwa Yang ist Abwechslungsreichtum das A und O ihrer Karriere


Foto: Andrej Grilc

RONDO: Woher haben Sie Ihr akzentfreies Deutsch?

Tianwa Yang: Ich bin doch schon 13 Jahre in Deutschland! Als ich nach Deutschland kam, konnte ich schon ziemlich gut Englisch, das hat es mir erleichtert, auch ohne Kurs Deutsch zu lernen.

Sie haben im Musikkindergarten relativ zufällig die Geige entdeckt, hatten Sie vorher keinen Kontakt mit klassischer Musik?

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Yang: Doch, meine Eltern haben immer schon gern klassische Musik gehört. Zuhause liefen oft Bach und Mozart.

Wie haben Ihre Kindergartenerzieher Ihre Begabung entdeckt?

Yang: Da stand ein Klavier, damit habe ich einfach angefangen, und die Erzieher haben gemerkt, dass ich begabt bin und ein absolutes Gehör besitze. Sie haben dann meinen Eltern geraten, ein Klavier zu kaufen, damit ich auch zuhause üben kann. Aber wir hatten eine kleine Wohnung, ein Kla-vier hätte zu viel Platz gebraucht und wäre auch zu teuer gewesen. Deshalb haben meine Eltern eine Geige gekauft.

Geige ist ein schwieriges Instrument, haben Sie sich nicht gequält?

Yang: Nein, daran kann ich mich nicht erinnern. Es fiel mir von Anfang an leicht, und ich habe immer mehr gespielt, als ich sollte. Aber mehr gespielt als geübt.

Können Sie sich an den Moment erinnern, als Sie sich für die Geige begeisterten?

Yang: Dunkel, das war, als ich meine erste Kindergeige auf die Schulter kriegte und ohne Schulterstütze gespielt habe. Die Geige hat vibriert, das spürte ich ganz nah an der Schulter, und mir hat sehr gefallen, dass man merkt, wie der Ton lebt in diesem Instrument, und, anders gesagt, wie das Instrument von den Tönen lebt.

Und können Sie sich an erste Auftritte erinnern?

Yang: Acht Monate nach dem ersten Unterricht habe ich in Peking einen Wettbewerb gewonnen. Ich war mit Abstand die Kleinste und ich erinnere mich, dass meine Eltern total aufgeregt waren, meine Mutter war käsebleich. Ich habe die Aufregung überhaupt nicht verstanden.

Hatten Sie denn nie Angst?

Yang: Im Gegenteil, ich habe als Kind hinter der Bühne oft Theater gemacht, wenn im Publikum meiner Meinung nach zu wenig Leute waren, weil mir das zu langweilig war.

Also auch nie Lampenfieber?

Yang: Nie! Ich habe als Kind oft auf der Straße gespielt, weil ich zuhause nicht üben wollte. Meine Großmutter hat auf mich aufgepasst und sollte mich zum Üben überreden. Sie war aber viel zu lieb und schließlich ist sie auf die rettende Idee gekommen, dass ich mit der Geige auf die Straße gehe, um für Leute zu spielen. Das fand ich toll.

Sie sind sehr früh nach Deutschland gekommen, ganz allein, war das nicht schwierig?

Yang: Mit 16 Jahren. Ich war vorher schon im Ausland gewesen, ich wusste halbwegs, was auf mich zukommt. Und vorher auf den Reisen war noch mein Vater dabei, aber meine Eltern können kein Englisch, und so hatte ich vorher immer schon alles geregelt, sobald wir im Ausland waren. Ich hatte gar keine Angst.

Weshalb gingen Sie nach Europa?

Yang: Ich wollte möglichst viele Stilrichtungen kennen lernen und vor allem Kammermusik spielen. Das war damals noch nicht so angesagt in China. Natürlich habe ich hier auch Zugang zur Neuen Musik bekommen, was in China noch nicht so üblich ist. Und natürlich die Alte-Musik-Szene, die historische Aufführungspraxis. Das hat mir die Augen geöffnet.

Die Mischung aus beiden Systemen macht’s ja vielleicht?

Yang: Ich hatte das Glück, auch in China schon Lehrer zu haben, die mir viele musikalische Freiheiten gelassen haben.

Was waren Ihre Vorbilder?

Yang: Ich habe viele Aufnahmen gehört und schon als Kind CDs gesammelt. Aber es gab nicht nur ein einziges Ideal. Ich habe vielmehr vieles verglichen und analysiert.

Wie kam es zu der Kombination des Brahms-Solokonzerts mit dem Doppelkonzert?

Yang: Ich habe bislang sehr viel unbekanntes Repertoire entdeckt und eingespielt, aber an Beethoven und Brahms geht man nicht vorbei. Es war also ein großer Wunsch von mir, und das Doppelkonzert habe ich immer schon sehr geliebt, auch weil ich das Cello liebe.

Gibt es ein Werk, das Sie sich wünschen und noch nie gespielt haben?

Yang: Es gibt viel Repertoire zu entdecken. Nächstes Jahr spiele ich das zweite Violinkonzert von Jörg Widmann, da bin ich sehr gespannt, er ist ein großartiger Komponist.

Wie viele Konzerte spielen Sie pro Jahr?

Yang: Um die 60 Konzerte. Ich wiederhole nicht gern. Ich bin nicht der Typ, der zehn oder 15 Mal hintereinander das gleiche Stück spielt, das geht zwar, aber lieber gehe ich immer wieder auf Abstand, um frisch darauf zu blicken. Deshalb brauche ich möglichst verschiedene Programme, das bedeutet zwar mehr Arbeit, aber ich wiederhole eben nicht so gerne.

Wie viel üben Sie?

Yang: Drei bis vier Mal pro Woche drei Stunden am Stück. Das ist nicht sehr viel.

Ich bin dankbar, dass ich früh so viel geübt habe, das zahlt sich nun aus.

Neu erschienen: Brahms: Violinkonzert op. 77, Doppelkonzert op. 102 , mit Schwabe, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Wit,Naxos
Abonnenten-CD: Track 10

Unter Beobachtung

In China besuchte Tianwa Yang ein musisches Gymnasium und die Musikhochschule in Peking. Dort herrschte eine strenge Disziplin: „In China haben wir das russische System, auch was die pädagogische Methode betrifft. Dazu kommt, dass wir sehr viele waren, in Peking waren wir 8000 Studenten! Davon allein 900 Geiger, der Konkurrenzdruck ist also sehr stark. Natürlich wird auf das Üben geachtet, damals gab es kleine Glasfenster, vor denen Beobachter patrouillierten und kontrollierten, ob man auch wirklich übt. Inzwischen gibt es Kameras, das ist noch schlimmer. Aber für uns war das Normalität, es hört sich brutal an, aber mir persönlich hat das auch viel für das Leben gegeben.“