Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 19 Min.

Tie-Break


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 50/2018 vom 07.12.2018

Idole Seit Boris Becker mit 17 Jahren als erster Deutscher das Turnier von Wimbledon gewann, lebt er im Bewusstsein der eigenen Größe. Er wartet immer auf den nächsten großen Moment. Aber der will nicht kommen.Von Marc Hujer


An einem warmen Sommerabend des vergangenen Juni, kurz nachdem der High Court of Justice in London entschieden hat, dass Boris Becker mit normalen Mitteln nicht beizukommen ist und auch die übliche Frist von einem Jahr nicht reicht, um einen Überblick über sein Vermögen zu bekommen, betritt Boris Becker den China Club, einen »Members only«-Klub in Berlin, und sagt: »Ich bekomme ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Der Spiegel. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 50/2018 von DER SPIEGEL: Das deutsche Nachrichten-Magazin. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DER SPIEGEL: Das deutsche Nachrichten-Magazin
Titelbild der Ausgabe 50/2018 von Vom Trost des Willens. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Vom Trost des Willens
Titelbild der Ausgabe 50/2018 von Meinung Rechte Kinder. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Meinung Rechte Kinder
Titelbild der Ausgabe 50/2018 von SPD : Kommission stellt sich gegen Sarrazin. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
SPD : Kommission stellt sich gegen Sarrazin
Titelbild der Ausgabe 50/2018 von Die Schlafwandler. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Die Schlafwandler
Titelbild der Ausgabe 50/2018 von »Sie ist die Beste«. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
»Sie ist die Beste«
Vorheriger Artikel
Magische Momente : »Im Ziel rutschte ich vom Pedal und st&u…
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel »Kopf in den Sand«
aus dieser Ausgabe

... jetzt einen Termin beim Papst. Und ich kann mir aussuchen, wann.«

Er hat einen Beweis mitgebracht, ein Bild, das ihn neben einem Bischof in Polen zeigt, der ihm den Termin mit dem Papst vermitteln werde, ein sehr enger Vertrauter des Heiligen Vaters, wie er sagt. Auf dem Bild sieht man Becker vor einem Altar kniend im Nadelstreifenanzug, er sieht aus wie Michael Corleone im dritten Teil des »Paten«. Becker hat das Bild schon auf Twitter gepostet und kurz darauf noch eine Boxerweisheit von Rocky Balboa dazugestellt, der Filmfigur von Sylvester Stallone: »Es kommt nicht darauf an, wie hart man schlägt, sondern wie viel man einstecken kann und dann trotzdem weitermacht.« Man muss sich in Beckers Welt begeben, um die Zusammenhänge zu verstehen.

Er ist jetzt 51, hat strahlend blonde Haare und einen Kinnbart. Er sieht überraschend gut aus, gemessen an dem, was er gerade mitmachen muss. Er sagt, er komme soeben vom Schwimmen.

Eigentlich sollte an jenem Abend im China Club sein neues Leben beginnen. Die über 60 Millionen Euro, die seine Gläubiger am High Court of Justice in London von ihm verlangen, sollten mit dem Vermögen verrechnet werden, das ihm geblieben ist, danach sollte er wieder ein freier, schuldenfreier Mann sein. Aber nun wird daraus nichts. Der High Court hat die Frist verlängert. Der Insolvenzverwalter glaubt, dass Becker unehrlich war und nicht sein gesamtes Vermögen offengelegt hat, um nicht mehr zahlen zu müssen. Er hat Fragen: ob er seine Finca auf Mallorca tatsächlich verkauft hat; wo das Geld aus dem Verkauf der drei Autohäuser in Ostdeutschland ist.

»Ich war einmal Messdiener«, sagt Boris Becker und lässt den Blick schweifen. Man muss sich das leisten können, diesen China Club mit den schweren Servietten, der Nähe zum Hotel Adlon, 10000 Euro Aufnahmegebühr, 2000 Euro Jahresbeitrag. Für einen wie Boris Becker, der als Tennisspieler mehr als 25 Millionen Dollar Preisgeld erspielt hat, sind das natürlich lächerlich kleine Beträge. Aber was in diesen Tagen ist nicht lächerlich klein? »Überlegen Sie mal«, sagt Becker, »ich bin jetzt hier, bezahle das Abendessen, alles. Wie kann es also sein, dass ich pleite sein soll?« Er winkt den Kellner herbei und bestellt einen Espresso.

Boris Becker, der dreimal das Tennisturnier von Wimbledon gewann, das erste Mal mit 17 Jahren, war ein Superheld des deutschen Sports, vergleichbar vielleicht nur mit Max Schmeling und Franz Beckenbauer, vielleicht aber auch unvergleichlich.

Damals, als es allezeit hell um ihn war, war er ein Spieler, der immerfort das Alles oder Nichts suchte, seine Siege waren Räusche, seine Niederlagen Unter - gänge. Er hat nie aufgehört, zwischen den Extremen zu leben, wobei die Siege weniger wurden. Im Moment ist er der bekannteste Pleitier Deutschlands, und nichts mehr, was er einmal besessen hat, scheint sicher zu sein, seine Pokale nicht, nicht einmal das Haus seiner Mutter. Er hat sich von seiner Ehefrau Lilly getrennt. Es gibt Streit wegen des Umgangsrechts für den gemeinsamen Sohn Amadeus. Er musste sich wieder einmal operieren lassen, am linken Knie.

Jeden Tag steht etwas anderes in der Zeitung, und jedes Mal, wenn man Boris Becker dann trifft, in Berlin, Wimbledon, New York, London oder Hamburg, ist immer irgendetwas anders als beim letzten Mal. Nur das Gefühl bleibt immer gleich, dass bald etwas Großes passiert. Jeder Tag mit Boris Becker ist ein Tag wie vor dem nächsten Wimbledonsieg.

Anderthalb Jahre ist es her, dass der High Court in London Boris Becker auf Antrag der Privatbank Arbuthnot Latham& Co. für zahlungsunfähig erklärte, den Schulden hat Becker bisher lediglich Vermögenswerte von 5,1 Millionen Euro entgegengestellt. Er hält nur einen Teil der

Schulden bei der Bank für rechtmäßig. Den Rest will Becker nicht zahlen, weil er die Schuld nicht anerkennt. Wucherzinsen etwa auf einen Kredit, den er nicht rechtzeitig zurückbezahlt hat (siehe Seite 100). Er hat da seine eigene Interpretation, mit der er gegen 14 Gläubiger kämpft, da - runter ein ehemaliger Berater, der ihn getäuscht haben soll, gegen einen Insolvenzverwalter, den er für befangen hält, gegen eine Öffentlichkeit, die auf seinen Niedergang wartet.

Aber Boris Becker kämpft gern einsame Kämpfe. Er war in vielen Sportarten gut, auch im Basketball und im Fußball, sagt Becker, aber er wollte kein Mannschaftssportler werden. »Stellen Sie sich mal vor, Sie sind Stürmer in einer Fußballmannschaft und schießen zwei Tore«, sagt Boris Becker, »und dann lässt der Abwehrspieler hinten drei Tore rein.

Dann haben Sie zwei Tore geschossen und am Ende doch verloren.« Er wusste immer, das war nichts für ihn. 1985 feierte er seinen größten Sieg, als er der erste deutsche Wimbledonsieger wurde.

Er saß danach in dunkelblauem Holzfällerhemd im Fern - sehen, unentwegt lächelnd, und Thomas Gottschalk fragte ihn: »Ist das für dich ein Wahnsinn, dass du jetzt ein deutsches Heiligtum bist?« Mehr als 33 Jahre sind seitdem vergangen. Deutschland ist ein wiedervereinigtes Land, und Becker und die Deutschen haben sich auseinandergelebt. Es gibt inzwischen drei Wirklichkeiten: eine, die in der Zeitung steht, eine, die Boris Becker erlebt, und dann die endgültige Wahrheit.

»Ich werde bald nach Bangui fliegen«, sagt Becker im China Club. Bangui ist die Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, für die er jetzt arbeiten will, als »Attaché für Sport, Kultur und humanitäre Angelegenheiten«, ein Status, der ihm ermöglichen könnte, sich vor dem Insolvenzgericht zu retten, wegen diplomatischer Immunität.

Aber das, sagt Becker, sei natürlich Quatsch, das eine habe mit dem anderen nichts zu tun. Er will einfach nur Diplo mat sein, alles andere ergibt sich dann schon.

Kommentator Becker im Juli in Wimbledon: »Es ist, als hätten dich die Götter verflucht«


ARMIN SMAILOVIC / DER SPIEGEL

Einem Frankfurter Magazin hat er bereits erklärt, er als »weißer, blauäugiger Deutscher genieße größten Respekt in Afrika und Asien«, und er werde sein Bestes tun, dass rassistische Vorurteile beendet würden. Er stellt sich vor, dass er als Attaché ganz vorn in der Uno sitzt, und wenn er sich umdreht, säße da Heiko Maas, der Bundesaußenminister. Warum denn nicht? Er liebt die Vorstellung. Ist nicht auch Arnold Schwarzenegger Gouverneur von Kalifornien geworden? Zu diesem Zeitpunkt wird öffentlich: Sein Diplomatenpass wurde von einem Betrüger beschafft.

Überhaupt sieht die Geschichte mit seinem Status als Diplomat, so wie sie in der Zeitung steht, eigentlich gar nicht gut für ihn aus. Ende April hatte Becker den Präsidenten der Zentralafrikanischen Republik, der ihn zum Attaché ernannt haben soll, in dessen Brüsseler Vertretung getroffen. Es gab auch da wieder ein Bild, das Becker auf Twitter verbreitete. Nachdem das Bild gemacht war, so erinnert sich Becker der Abläufe, sei ihm sein neuer Diplomatenpass überreicht worden. Ihm wurde der Pass allerdings sofort wieder abgenommen, weil ein US-Visum für ihn beantragt werden sollte, deshalb hat er ihn nicht so genau gesehen. Und er kann ihn jetzt auch nicht zeigen, als Beweis. Nun aber, keine zwei Monate später, heißt es, der Pass sei eine Fälschung ge - wesen, Becker sei nie zum Attaché der Zentralafrikanischen Republik ernannt worden. Der Außenminister der Zentralafrikanischen Republik, Charles-Armel Doubane, sagt das, der Sprecher des Präsidenten ebenfalls. Aber Becker will die Sache erst dann glauben, wenn er es vom Präsidenten persönlich gehört hat. Deshalb wird er jetzt nach Bangui fahren, um den »Herrschaften« zu sagen, was er schon hier gesagt hat, dass es »nun ein Fakt ist, dass ich heute Diplomat von Zentralafrika bin«. So mag er das am liebsten, kurzer Dienstweg, er und der Präsident, von Mann zu Mann.

Als Tennisspieler hat Boris Becker immer an den Sieg geglaubt, selbst wenn der unmöglich erschien. Solange der letzte Punkt nicht ausgespielt ist, kann man im Tennis gewinnen, selbst wenn man scheinbar aussichtslos zurückliegt. Es gibt nicht so ein Zeitspiel wie im Fußball, keinen Rückstand, der uneinholbar wäre. Im Tennis, sagt Becker, müsse man nicht jeden einzelnen Punkt gewinnen, nicht jeder Fehler sei schlimm, im Tennis reiche es, wenn man die wichtigen Ballwechsel gewinne. Man dürfe den einzelnen Punkt nicht überbewerten.

Becker schaut einen vergnügt an. Zehnmal hat Boris Becker in seiner Karriere völlig aussichtslos scheinende Spiele gewonnen, 1989 zum Beispiel bei den US Open, als er gegen Derrick Rostagno in der zweiten Runde die ersten beiden Sätze verloren und im Tie-Break des vierten Satzes zwei Matchbälle gegen sich hatte. Er hat an die Siege geglaubt, an die im Publikum niemand mehr glaubte, und am Ende hat er nicht nur das jeweilige Match gewonnen, er gewann danach das Turnier, er wurde ein Champion.

Von Schwarzenegger, erzählt er, habe er »Conan der Barbar« gesehen, er mochte den Film. Boris Becker mag auch Sylvester Stallone, Stallone ist sogar einer seiner Lieblingsschauspieler, die Filmmusik aus »Rocky III« war die Hymne seiner Zeit als Spieler, aber an diesem Abend in Berlin findet Boris Becker besonderes Vergnügen daran, immer mehr Parallelen zwischen Schwarzenegger und sich zu entdecken, den unglaublichen Aufstieg, den großen Erfolg und die Neider und natürlich auch die Tatsache, dass man trotz des Erfolgs immer ein wenig belächelt wurde, wegen der fehlenden Bildung, wegen der Frauengeschichten.


Er findet Vergnügen daran, Parallelen zwischen Schwarzenegger und sich zu entdecken.


Je länger er darüber redet, desto besser findet er den Vergleich. »Vielleicht«, sagt Boris Becker, »heirate ich ja auch noch eine Kennedy.«

Ihm ist noch nicht klar, wann genau er nach Bangui fahren will, aber so, wie er sich an diesem Abend anhört, muss es in den nächsten Tagen passieren, bei Becker steht immer alles kurz bevor. Das Ende seines Insolvenzverfahrens. Das Treffen mit dem Papst. Seine Reise nach Zentralafrika. Ob man wohl mitfahren könne auf seine Reise nach Bangui?

Klar, sagt Becker, da sieht er überhaupt kein Problem. Er habe ja ein Interesse daran, dass davon alle etwas mitbe - kommen, er kann deshalb nur nicht versprechen, dass man der einzige Journalist sein werde auf dieser Reise. Er denkt da an etwas Größeres, an eine Art Delega - tion.

Es hat ihn immer nach dem Großen gedrängt. Die stille Effizienz, mit der Steffi Graf ihre Gegnerinnen niederrang, blieb ihm schon als Tennisspieler fremd. Es gab den Becker-Hecht. Die Becker-Faust.

Wenn Becker nach einem Match den Platz verließ, hatte er Blutblasen an den Füßen. Er griff seine Gegner auch gern mal auf ihrer stärkeren Seite an, den Vorhandspezialisten auf seiner Vorhand, den Rückhandspezialisten auf seiner Rückhand, um sie dort zu besiegen, wo sie eigentlich besser sind.

Becker war eigentlich ein untypischer deutscher Held, extrovertiert, stürmisch, theatralisch, laut, ganz anders als Steffi Graf, die Tennis spielte, wie man sich deutsches Tennis vorstellte, konzentriert, kalkuliert. Becker war cool, er hatte schöne, fremdländisch aussehende Frauen, er lebte den Jetset. Mit 17 traf er den Bundespräsidenten und den Bundeskanzler. Mit 19 war er beim Papst. Etwas passte bei ihm nie ganz zusammen. Die Heldenverehrung und der ewige Spott.

»Vielleicht muss ich mal mit Blaulicht durch Berlin fahren, damit das die Deutschen kapieren«, sagt Boris Becker im China Club.

Es geht bei ihm auch um die Demütigung, die er zeitlebens in seiner Heimat erlebte, die Tatsache, dass ihn der Deutsche Tennis Bund als Jugendspieler erst nicht für förderwürdig hielt, dass er anfangs mit den Mädchen trainieren musste, dass er kein Abitur machen konnte, kein Studium abschloss, dass er als junger Mann »Babyspeck« und »Elefantenbeine« hatte, wie sein früherer Trainer Günther Bosch das nannte.

Anfang Juli, zwei Wochen nach dem Treffen im China Club, steht Boris Becker auf dem Zuschauerhügel im Zentrum des All England Lawn Tennis and Croquet Club, wo er vor 33 Jahren zum ersten Mal Wimbledonsieger wurde. Die Reise nach Bangui hat bis jetzt nicht stattgefunden, aber keine Sorge, sagt Becker, der Stand ist noch immer derselbe, der Präsident hat nur noch nichts gesagt.

Becker-Hecht 1985 in Wimbledon: »Und warum habe ich das gemacht?«


SCHRADER / PICTURE-ALLIANCE / DPA

Zunächst einmal ist Becker jetzt wieder für zwei Wochen Tennisexperte der BBC, des, wie er es nennt, »Elefanten« unter den Medien in Wimbledon. Seit 2002 steht Becker hier für die BBC.

Hier macht ihm niemand etwas vor, hier weiß er alles vom Dresscode bis zur Beschaffenheit des Rasens, es gibt hier keinen Spott, in Wimbledon kann Boris Becker der Champ sein. Als Spieler stand er hier siebenmal im Endspiel, wovon er drei gewann. Was er anderswo immer wieder vergebens versucht, schafft er in Wimbledon immer noch: sich selbst zu übertreffen.

Nur ein paar Minuten Fußweg sind es von seiner Villa bis zum Gate 16 des All England Lawn Tennis Club, dem Hintereingang, über den er das Gelände betritt, wobei Becker morgens doch lieber mit dem Auto kommt. Er hat eine lila Krawatte dabei, die er sich noch binden muss, Lila ist neben Grün und Weiß eine der drei Wimbledonfarben. Sie signalisiert, dass man dazugehört.

Früher, als Becker in Deutschland noch als junger Held verehrt wurde, war sein Verhältnis zu den Engländern eher schwierig. Britische Journalisten schrieben und sagten hässliche Sätze über ihn, aber die waren spielerischer als das, was Deutsche über ihn noch immer schreiben. Er war ein »Panzer«, seine Bälle waren »Geschosse der Wehrmacht«, für den »Evening Standard« wurde mit ihm sogar »ein Hitlerjugendposter von Josef Goebbels« lebendig. Inzwischen aber ist er der Deutsche, den selbst die Briten mögen.

Gestern zum Beispiel, erzählt Becker, war er mal wieder in seinem Pub in Wimbledon, England spielte gerade gegen Kolumbien bei der Fußballweltmeisterschaft. Unentschieden nach der Verlängerung, es gab Elfmeterschießen. Das war sein Moment. In England hält sich der Mythos, dass die Deutschen jedes Elfmeterschießen gewinnen, anders als die Engländer. An diesem Abend brauchten sie ihn. Er saß ganz vorn, und wenn England einen Elfmeter hatte, sollte er aufspringen. Er war an diesem Abend ihr Glücksbringer, Boris, the »Lucky German«.

Er hat schon an vielen Orten gelebt, in Leimen, wo er geboren wurde, in München, in Monaco, in Miami, in Zürich, aber erst in Wimbledon, sagt er, hatte er wirklich das Gefühl, angekommen zu sein. Es ist der Ort seines größten Triumphs, den er sein »Wohnzimmer« nennt. Als Boris Becker vor neun Jahren dorthin zog, war es auch der Versuch, Mythos und Alltag miteinander in Einklang zu bringen, seinen großen Sieg und das normale Leben. Er hat darüber ein ganzes Buch geschrieben, das nicht auf Deutsch erschienen ist.

Privatmann Becker 2017 in London: »Angekommen«


STARPRESS

Wimbledon war für ihn aber auch ein Ort, an dem er sich verstecken konnte, vor der deutschen Presse, die ihm, wie er findet, seit Längerem mit besonderer Niedertracht nachstellt. Er pflegt hier alte Routinen, schaut sich die Ahnentafel an, auf der sein Name dreimal steht, für seine Wimbledonsiege 1985, 1986, 1989. Er stellt sich manchmal allein auf den Centre Court, wenn das Wimbledonfinale gespielt und niemand mehr hier ist, er geht noch immer ins San Lorenzo, im Zentrum von Wimbledon, wo er früher mit Günther Bosch und Ion Tiriac vor seinen Finalspielen zu Abend gegessen hat und immer die gleiche Menü - folge bestellte: T-Bone-Steak, Pasta und Zitronensorbet als Dessert.

Es gibt da inzwischen eine Pizza, die Becker zu Ehren nach seinem Sohn Noah benannt ist, Tomaten, Mozzarella, Salami, für 13 Pfund und 50 Pence. Wenn sich Becker irgendwo ganz sicher fühlen kann, dann in seiner Vergangenheit.

Er hat viel zu tun in diesen Tagen in Wimbledon, die BBC hat ihm ein volles Programm zusammengestellt, Live-Schaltungen, Spielanalyse, Live-Kommentare, vor zehn Uhr abends wird er nicht nach Hause kommen. »Crazy«, sagt Boris Becker. Zunächst soll Becker einen Clip für das Mittagsprogramm aufnehmen, eine etwas aufwendiger produzierte Vorschau auf die großen Spiele des Tages, in deren Verlauf Becker irgendwann so tun soll, als wäre er eine Ziege, der Champion mit ein bisschen britischem Humor. Es gibt dafür ein Drehbuch, das er auf sein Handy geladen hat. Er liest den Text vom Display ab, er will das mal proben.

»Hello, I am Boris Becker«, sagt Boris Becker. »Welcome to today’s episode.« In den deutschen Zeitungen steht, dass sich die BBC-Moderatorin für ihn bei ihren Zuschauern entschuldigte, weil Becker in einer Live-Schaltung das Wort »bastard« gesagt hatte. Es ging um seinen Diplomatenpass, eigentlich nur eine lus tige Frotzelei, die damit begann, dass Martina Navratilova, die wie Becker für die BBC arbeitet, sagte, Becker wolle seinen Diplomatenpass doch sicher nur deshalb haben, weil er sich in der Schlange vordrängeln wolle, worauf Becker, der auch lustig sein wollte, sagte: »Das meinen meine Freunde auch. Die sagen: Du Bastard, du musst trotzdem in der Schlange warten.«

Becker brauchte einen Moment, bis er den Fehler bemerkte, aber da war es ohnehin schon zu spät. Es gab wieder einen Vorwand, um über den Pass zu sprechen. Er liebt es, auf Sendung zu sein. Auf Sendung zu sein bedeutet, Aufmerksamkeit zu bekommen. Er glaubt tatsächlich, dass sich die Leute fragen, was er wohl so den ganzen Tag macht, wenn er mal nicht online ist. Vielleicht würden sie denken, dass er den ganzen Tag im Bett liege, sagt er, oder darauf warte, dass etwas passiert. Er will vermeiden, dass irgend - jemand denkt, er wäre mit 51 schon Frührentner und für ihn käme im Leben nichts mehr.

Dann postet er Kommentare, als wäre er Donald Trump. An jenem Tag etwa, als in der »Bild«-Zeitung ein Kommentar des Kolumnisten Franz Josef Wagner stand, der früher einmal sein Ghostwriter war, ihn jetzt aber als »arme Sau« be - zeichnete. »Alles, alles läuft seit Jahren bei Dir schief«, schrieb Wagner. »Stufe für Stufe. Scheidung von Deiner ersten Frau. Besenkammer-Affäre, Steuerbetrug, Insolvenz, Millionen-Schulden. Es ist, als hätten Dich die Götter verflucht.« Und Boris Becker twitterte: »Dem Wagner bitte kein Bier /Wein / Schnaps mehr geben.« Becker kämpft inzwischen nicht mehr gegen John McEnroe, sondern gegen Franz Josef Wagner.

Manchmal ist es ihm zu viel, dann ist er in Wimbledon plötzlich nicht mehr erreichbar, nicht einmal für seine Assis - tentin.

Er muss an diesen Tagen im Juli besonders aufpassen, dass die Dinge nicht außer Kontrolle geraten. Wenn er fotografiert wird, dann lieber ohne die Armbanduhr, auch vor seinem Mercedes, den er auf dem Parkplatz hinter Gate 16 geparkt hat, will er lieber nicht fotografiert werden. Ist das überhaupt seiner? Er ist zwar nicht pleite, so wie er die Dinge sieht, andererseits können manche Menschen auch schnell auf den Gedanken kommen, er habe eine Uhr oder ein Auto zu viel.

Vor allem aber geht es jetzt auch darum, dass er nach neun Jahren Wimbledon verlassen wird, weil er und seine Ehefrau Lilly sich getrennt haben. Er will in die Innenstadt ziehen, in ein Apartment mit Blick auf die Themse.

Die Medien berichten weniger über ihn als über seine Ehefrau Lilly. Einmal kommt die Polizei, weil sie angeblich Bilder von der Wand reißt. Dann stehen wieder Paparazzi vor Gate 16. Er sitzt mit seiner Cola light im Medienzentrum von Wimbledon, wo man ihn von außen nicht sehen kann.

Im Juni konnte Becker verhindern, dass seine persönlichen Gegenstände versteigert wurden, indem er mit einer einstweiligen Verfügung drohte. Darunter waren Pokale, eine Goldene Kamera, ein Bambi sowie Tennissocken. Ein Etappensieg. In den deutschen Medien standen die Preise, die zwischenzeitlich dafür geboten wurden, ein paar Tausend Pfund für den einen oder anderen Pokal, keine stolzen Summen. Und was nützen schon ein paar Tausend Pfund, wenn eine Millionenschuld beglichen werden muss? Bei der Zwangsversteigerung, da ist sich Boris Becker sicher, ginge es ohnehin nur darum, ihn zu demütigen. Man wolle seinen guten Namen ruinieren, die »Marke Boris Becker «, von der er lebt.

Ehefrau Becker im Juli in London: Eine Hammergeschichte


CAN NGUYEN / CAPITAL PICTURES

Ende August fliegt Boris Becker zu den U.S. Open nach New York, diesmal für den Sportsender Eurosport, für den er seit zwei Jahren kommentiert, neben seinem Engagement für die BBC, das ausschließlich für das Tennisturnier in Wimbledon gilt.

Er war zwischenzeitlich als neuer Trainer von Alexander Zverev im Gespräch, dem derzeit besten deutschen Tennisspieler. Aber Becker wollte jetzt keinen neuen Vollzeitjob annehmen.

Seit dem Frühjahr steht Becker unter einem sogenannten Income Payments Agreement, wonach er für die nächsten drei Jahre einen Teil seines Einkommens an den Insolvenzverwalter abführen muss. Er hofft, dass er vor Ablauf der drei Jahre noch einen Kompromiss aushandeln kann, der ihm diese Teilung erspart, aber vorerst lohnt es sich für Becker nur bedingt, viel Geld zu verdienen.

Es reicht ihm schon, dass er sein Geld teilen muss, das er in New York bei Eurosport verdient. Er steht auf der Terrasse vor dem Medienzentrum und wartet auf Alexander Zverev, den er für Eurosport interviewen soll. Er schaut auf die Uhr. Wo bleibt Zverev? Die jungen Leute, findet Becker, seien ganz anders, sie würden nicht mehr so schnell erwachsen wie seine Tennis generation, die dann allerdings, das betont er gern, »im Geiste alle 17 geblieben« seien. Als wäre die 17, sein Alter beim ersten Wimbledonsieg, der Code für eine ganze Genera - tion.

Boris Becker, das findet auch Boris Becker, ist ein besonderes Maß.

Die heutigen Jungen seien verwöhnter, er sehe das ja an seinen Kindern, es gehe ihnen einfach zu gut. Für ihn ist das im Übrigen auch eine Erklärung, warum Zverev, anders als er, mit 21 noch keinen einzigen Grand Slam gewonnen hat.

Boris Becker spricht von Boris Becker gern in der dritten Person. Er sagt manchmal, »ein Boris Becker« würde dies und das tun, »ein Boris Becker« sei so und so, als wäre »ein Boris Becker« eine ganz eigene Währung, wie das natürlich auch »ein Ivan Lendl« oder »ein John McEnroe« sind. Er hasst es, nur mit Boris angesprochen zu werden.

Boris Becker ist guter Dinge in diesem Spätsommer in New York. Er hat allerhand Ideen für Eurosport, er besucht mit einem Kamerateam seine New Yorker Lieblingsorte, lässt sich mit dem Rapper Sadat X in Brooklyn filmen, auf einem Karussell im Central Park, beim Schachspielen in Greenwich Village, er besucht SoHo, den Times Square.

Von seinem Schuldenproblem will er sich nicht die Laune verderben lassen, nicht in New York. Er ist jetzt ganz weit weg von Deutschland, diesem Land, das ihn immer unterschätzt habe, dem Elternhaus in der Nußlocher Straße 51, in dem er früher, als er ein Junge war, pünktlich um halb sieben zum Abendbrot gerufen wurde, und wenn er fünf Minuten später kam, gab es nichts mehr, die beschauliche Welt von Elvira und Karl-Heinz Becker, in der nach dem Abend essen »Aktenzeichen XY … ungelöst« lief, die kleine, westdeutsche Idylle, in die eines Tages der Rolls-Royce von Ion Tiriac rollte, um ihn da rauszuholen.

Aus Deutschland hört er derzeit nicht viel, von seinem Diplomatenpass gibt es nichts Neues, seinen Insolvenzverwalter will er treffen, wenn er zurück in London ist, und es gibt jetzt auch einen festen Termin beim Papst, er nennt einen bestimmten Tag Ende Oktober. Es sei jetzt alles geregelt, sagt er, sein Leben fängt wieder an, sich richtig gut anzu - fühlen.

Mitte Oktober solle man ihm die Passdaten schicken. Für den Papstbesuch. Er meldet sich per SMS. Habe ich bekommen!

Weitere sechs Tage später schickt er wieder eine Nachricht per SMS. Er schreibt, dass er wirklich alles versucht habe, aber bei einer Privat - audienz des Papstes seien nur Familienmitglieder erlaubt, keine Jour nalisten. Leider. Er schlägt vor, dass man sich außerhalb des Vatikans, entweder am Abend vor der Privataudienz oder tags darauf nach der Privataudienz, treffen könne.

Es ist eigentlich alles klar, aber dann, eine knappe Woche vor der geplanten Abreise, kommt wieder eine SMS. Es gibt jetzt ein größeres Problem, die Reise müsse verschoben werden, weil sein Mittelsmann, der polnische Bischof, erkrankt sei, wohl was Ernsteres. Er hätte jetzt zwar trotzdem zum Papst reisen können, aber dann nicht für eine Privat audienz, sondern für ein Treffen mit anderen Menschen. Aber da will er lieber warten und losfahren, sobald sein Mittelsmann wieder gesund ist. Er ist aber zuversichtlich, dass die Reise noch in diesem Jahr stattfinden kann. Zur Adventszeit.

Er will sich gleich noch mal melden. Er hat da eine Geschichte, die er erzählen will. Das Telefon klingelt. »Ich hoffe, Sie sitzen gerade«, sagt Boris Becker.

Wie sich herausstellt, hat die Geschichte nichts mit dem Papst zu tun, auch nichts mit der Insolvenz, eigentlich gar nichts mit den Themen, die man bisher besprochen hat, aber die Geschichte beschäftigt ihn. Es geht um seine Ehe mit Lilly, die inzwischen in Deutschland zu einem öffent - lichen Drama geworden ist, eine Hammergeschichte. Es ist fast ein halbes Jahr seit dem Treffen im China Club vergangen, es ist viel passiert, man ist Boris Becker einmal um die halbe Welt hinterhergereist, man hat den Anwalt von Boris Becker kennengelernt, seinen Medienberater, man hat viel Zeit mit Boris Becker persönlich verbracht, es waren spannende Gespräche, über Tennis und Gott und die Welt, man hat Boris Becker bei der Arbeit beobachtet, für die BBC, für Eurosport, man hat eigentlich alles gemacht, um Boris Becker zu verstehen, und trotzdem bleiben immer die gleichen Fragen.

Tennisexperte Becker im Juli in Wimbledon: «Hello, I am Boris Becker«


ARMIN SMAILOVIC / DER SPIEGEL

Ist er nun pleite oder nicht? Ist er nun rechtmäßiger Diplomat der Zentralafrikanischen Republik? Und wann geht es jetzt eigentlich zum Papst?

Boris Becker ist ein Mensch von enormer Präsenz, aber gleichzeitig ist er nicht wirklich zu fassen, einen Moment ist er da, dann ist er schon wieder weg; bevor man eine Geschichte ganz verstanden hat, erzählt er die nächste Geschichte. Man vereinbart ein Treffen in London, um zu besprechen, wie alles weitergeht. Sein Insolvenzverfahren. Die Termine, zu denen man ihn begleiten kann.

Boris Becker schlägt als Treffpunkt das Blakes Hotel in Kensington vor, das nicht weit von seinem neuen Apartment entfernt ist. Und außerdem kann man hier gediegen essen. Es ist der 23. November, ein Tag nach seinem 51. Geburtstag. Am Abend zuvor ist es etwas später ge - worden, weshalb er noch ins Schwimmbad ge gangen ist, um sich die kleinen Sünden des Abends wieder abzutrainieren. Aus dem späten Frühstück ist deshalb ein Mittagessen geworden. Aber jetzt ist alles klar. Er ist da.

Er sagt, dass er inzwischen seinen Antrag auf diplomatische Immunität vor dem High Court zurückgezogen habe, weil er sein Insolvenzverfahren ordentlich zu Ende bringen wolle. Er sagt das so lapidar, als wäre es eine Selbstverständlichkeit, als würde er sich gar nicht mehr erinnern an seine Reisepläne nach Bangui. Und der Papstbesuch? Ist der noch immer für Advent geplant? »Das«, sagt Boris Becker, »machen wir im kommenden Jahr.«

Anfang Dezember ist Becker in Hannover, um in seiner Funktion als Head of Men’s Tennis beim Deutschen Tennis Bund Deutschlands Nachwuchsspieler zu sichten, die neuen Boris Beckers. Der Deutsche Tennis Bund hat die besten 12- und 13-Jährigen eingeladen, und Becker steht drei Tage lang mit großer Geduld in der Halle, schaut den Kindern beim Tennisspielen zu, gibt ihnen Tipps, wie sie ihre Schläge verbessern, wie sie sich ernähren sollen, und erklärt, was auf sie zukommt, wenn sie einmal erwachsene Tennisspieler sein werden.

Nach dem Mittagessen setzt Becker sich mit den Kindern an einen Tisch. Irgendwann fragt er, welches Bild die Kinder von ihm haben, ob sie ihn zum Beispiel schon mal im Fernsehen gesehen haben, ob sie also wissen, wie er einmal Tennis gespielt hat.

Was war das Beste an ihm? Der Junge, der die Nummer eins ist, meldet sich.

»Das Beste war der Hecht«, sagt er. Becker-Hecht, das war, wenn er sich am Netz nach unmöglichen Volleys warf, das also wusste der Junge. Becker fixiert ihn einen Moment von der Seite. »Und warum habe ich das gemacht? « »Weil Sie gewinnen wollten«, sagt die Eins.

Es geht noch ein bisschen hin und her, dann hat die Eins eine Frage an Becker: »Wie war’s nach dem Wimbledonsieg? Ich meine, so das Gefühl?«

»Ich nehme an, gut«, sagt Boris Becker, »das ist ja nun schon ein paar Jahre her. Aber wenn man gewinnt, legen einem ganz viele Leute den Arm um die Schulter. Es macht mehr Spaß, im Spiel zu sein. Wenn man gewonnen hat, ist es ja vorbei.«

Twitter: @marc_hujer

Video

Unterwegs mit Boris Becker

spiegel.de/sp502018becker oder in der App DER SPIEGEL