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TIEF EINGETAUCHT IN DIE Tradition


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Lust auf Natur - epaper ⋅ Ausgabe 2/2023 vom 17.01.2023

Zu Gast im Dorf

Artikelbild für den Artikel "TIEF EINGETAUCHT IN DIE Tradition" aus der Ausgabe 2/2023 von Lust auf Natur. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Lust auf Natur, Ausgabe 2/2023

Verführung zum Entschleunigen: der weitläufige Garten hinter dem Hausensemble der Hollerhöfe

A bbrandler,also durch den Brand ihres Hauses zu armen Schluckern degradiert, nannte man die 57 Familien, die am Südhang unter der Burg Waldeck in der Oberpfalz gelebt hatten und sich eine neue Existenz aufbauen mussten. Was hatten die Leute in dem Marktflecken im Lauf der Zeit nicht alles schon mitmachen müssen, vor allem im Dreißigjährigen Krieg: Frondienste, Plünderungen, Tributzahlungen, Einquartierungen, Brandschatzungen, Abbruch von Häusern, die als Baumaterial der Burgverteidigung dienen sollten. Und dann das: Innerhalb einer Nacht vernichtete ein verheerender Brand 1794 so gut wie alles unterhalb der Festung, die prominent auf dem Basaltkegel am Rande des Kemnather Landes thronte. Die Burg war ohnehin nur noch ein Abklatsch einstiger Größe, seit der Kaiser sie fast hundert Jahre zuvor hatte schleifen lassen. Alles verloren. Was nun? Einstweilen fanden die gebeutelten ...

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... Familien Obdach verstreut in der Umgebung. Doch schon am Tag nach der Feuersbrunst war allen klar: Wir bauen unseren Marktflecken wieder auf. Modern, aber in der Tradition der gewohnten Nachbarschaft und günstiger gelegen, nämlich ein paar hundert Meter weiter nördlich an der Handelsstraße von Franken nach Böhmen.

Das ehrgeizige Vorhaben half, die Mischung aus Herablassung und Mitleid zu ertragen, die durch Bezeichnungen wie Abbrandler zum Ausdruck kamen. Die Wallfahrtskirche St. Johann von Nepomuk und daneben das Forstmeisterhaus standen bereits an der Handelsstraße. Die nahm der kurfürstliche Baumeister als Ankerpunkt für den neuen Marktflecken und präsentierte den Bürgern ein einheitliches Straßenbild in L-Form. Nur das Pfarrhaus durfte etwas größer sein. Letztlich fehlte zwar für Rathaus, die drei Markttore und die geplante hochmoderne Kanalisation das Geld.

Und im Laufe der Zeit wurden einige Häuser ersetzt, andere sind hinzugekommen. Dennoch blieb die barock geprägte Ländlichkeit aus einem Guss erhalten in dem Marktflecken, der vor 50 Jahren nach Kemnath eingemeindet wurde. In dieses Ambiente kam die Bankfilialleiterin Elisabeth Zintl zurück, als den Eltern der Gasthof „Zum Hirschen“ mit der Landwirtschaft zu viel wurde. Dort, wo die Jahreszeiten den Rhythmus bestimmen, fühlt sie sich daheim. Die Hollerkuchl der Oma, die es einst bei der Heuernte gab, und die Ausritte zu Pferd gehören zu ihren schönsten Kindheitserinnerungen. Doch inzwischen war in Waldeck der Leerstand eingezogen wie in so vielen Dörfern ohne großes Arbeitsplatzangebot in der Nähe. Die ersten der alten Handwerkerhäuser aus dem 18. Jahrhundert drohten zu verfallen.

Zu Gast im Dorf?

Was in dem Landkreis Tirschenreuth zwischen Fichtelgebirge, Steinwald und Hessenreuther Wald und eine halbe Stunde von Bayreuth entfernt die Sehnsüchte nach dem Leben auf dem Lande mit authentischem historischem Ambiente stillen kann, gibt es seit fast 50 Jahren ähnlich als „Alberghi Diffusi“. Das sind Dorfhotels in verlassenen italienischen Dörfern. Die Gäste wohnen in Zimmern und Appartements von traditionellen Häusern, deren Bewohner abgewandert sind, Tür an Tür mit den wenigen Dagebliebenen. Statt im Hotelrestaurant speisen sie dort, wo auch die Einheimischen einkehren. Davon zu unterscheiden sind die eigens seit 2000 für Touristen gebaute Dorfhotels in Deutschland, die neben der Selbstverpflegung auch Hotelkomfort bieten, inklusive Kinderbetreuung und Bademöglichkeiten.

LANDSCHAFTSBILD UND TRADITION DYNAMISCH BEWAHREN

Und wieder war die Frage da: Was nun? Dieses Mal stellte sie aber nicht die Dorfgemeinschaft, sondern Zintl mit ihrem Mann Leonhard, der Vorstand einer Genossenschaftsbank und ebenso heimatverbunden wie seine Frau ist. Das Paar, das sich mit anderen, die auch für ihre Themen „brennen“, zum Netzwerk „Powerpaar“ zusammengeschlossen hat, ersann ein in Deutschland einzigartiges Konzept: Hollerhöfe – Zu Gast im Dorf. Es bewahrt nicht nur das Dorfbild, es sichert auch die Gastwirtstradition über die siebte Generation hinaus. Vier historische Häuser haben die Zintls 2012 gekauft, um sie denkmalgerecht und mit Liebe zum Detail instand zu setzen. Die Gebäude sind heute an der Rückseite über weitläufige Höfe und Gärten, eine Pferdekoppel und Streuobstwiesen mit dem Haupthaus genannten Landhaus verbunden, das an den alten Gasthof der Familie angebaut wurde. Die Scheunen, die nach 1794 hinter den Häuserzeilen entstanden sind, dienen heute Tagungen und Festen, eine ist die Holler-Manufaktur für Koch-Workshops, Küchenpartys und mehr. Denn die dreifache Mutter hat nicht nur einen Abschluss als Bankkauffrau und Betriebswirtin. Sie ist auch Hotelfachfrau, Köchin, Diätassistentin und Wildkräuterpädagogin. Neben den Hollerhöfen betreibt sie eine Bio-Landwirtschaft mit Holunderplantage und Dinkelfeld sowie eine kleine Karpfenzucht und einen kleinen Pferdehof. In den schlichten Häuschen aus dem 18. Jahrhundert mit meterdicken gekalkten Wänden, Deckenbalken aus grobem Holz, niedrigen Türen, über jahrhundertelang eingetretenen Schwellen und zum Teil lukenkleinen Sprossenfenstern erleben die Gäste heute Landidylle mit historischem Flair. Nur, dass Schmied, Schuster oder Schreiber, die nach 1794 in ihre neue Heimstätte gezogen waren, Nutzgärten beackert hatten, wo sich heute eher Gelegenheiten zum Träumen und ländlichen Genießen bieten. Sitzgruppen, Winkel mit Kräutern, Kaminholz und Sinnsprüchen sowie Hängematten zwischen Obstbäumen oder ein Himmelbett auf der Wiese entführen hier zum Entschleunigen. Auch drinnen wird die Einrichtung des Schusters wohl schlichter und ärmlicher gewesen sein als die mit Stoffen in erdigen Tönen gepolsterten Holzmöbel und die bequemen Betten mit Leinenwäsche in gebrochenem Weiß. Und statt in Wohlfühlbadezimmern zu schwelgen, werden die Dörfler sich wohl noch lange Zeit mit einem Kübel kalten Wassers gewaschen haben. Wobei es an Wasser hier seit alters nicht mangelt.

Der Geschmack der Heimat

Hollerhöfe – was steckt hinter dem Namen des Oberpfälzer Hotelensembles im Dorf? Elisabeth Zintls Kindheitserinnerungen vom Geschmack der Heimat waren nicht singulär. Holunder, dessen Blütendolden die Oma zu Küchlein verarbeitete, ist typisch für die Region. Einst fehlte die Heilpflanze dort in keinem Bauerngarten. Doch das „Powerpaar“ klotzt lieber, statt zu kleckern. 800 Holunderbüsche gehören heute zu den Hollerhöfen. Im Frühling werden die duftenden Blüten spätvormittags sorgsam per Hand geerntet und in der eigenen Manufaktur weiterverarbeitet. Daraus entstehen in der Holler-Manufaktur Sirup, Gelee und Balsamico für die Küche. Limonade, Secco und ein Ginholla genannter Gin-Holunderblütenlikör bereichern die Getränkekarte und das Angebot an Mitbringsel. Im Spätsommer, wenn auch das Obst reif wird, ist dann das Abschneiden der dunklen Beeren dran. Sie werden gekocht und entsaftet für die Hausapotheke und den Genuss oder frisch zur Fliederbeerensuppe verarbeitet. Zwischen Hollerblüte und der Ernte der Beeren holt Elisabeth Zintl immer wieder Frisches aus dem „1. Essbaren WildpflanzenPark“, Ewilpa, den das Ehepaar mit dem Initiator Markus Strauß von der Ewilpa-Stiftung 2018 eröffnet hat: Ein fünf Kilometer langer Rundweg mit 13 Themenflächen lädt ein, sich zu bedienen an dem, was die einheimische Natur an Essbarem bietet: Wildkräuter und Heilpflanzen sowie Beeren, Nüsse, Blätter und Früchte von 900 Sträuchern sowie 100 Bäumen. Die Idee des Biologen und Geologen aus dem Allgäu, Parklandschaften zu schaffen, indem man essbare Wildpflanzen (wieder-)ansiedelt und kontrolliert verwildern lässt, hatte Leonhard Zintl so begeistert, dass er alle Hebel in Bewegung setzte, sie im „1. Essbaren WildpflanzenPark“ Gestalt werden zu lassen.

Kemnath liegt am Rand der Großen Teichpfanne um Tirschenreuth, die als Land der 1000 Teiche bekannt ist. Die ersten Fischteiche sind seit dem Jahr 1000 bekannt. Zisterzienser, die sich etwa 100 Jahre später im nahen Waldsassen niederließen, förderten die Aufzucht von Karpfen und Forellen – und hatten damit in den Fastenzeiten auch ordentlich was zu essen. Heute blinken noch etwa 4700 Teiche landschaftsprägend zwischen den Fichten- und Buchenwäldern um Tirschenreuth, durch die mehr als 2000 Kilometer Wanderwege führen. Zu Spitzenzeiten waren es rund 10 000 Teiche, für die Bevölkerung eines der ersten Fischzuchtgebiete Europas lange Zeit ein einträgliches Geschäft. Mittlerweile können von der Teichwirtschaft noch nicht einmal 20 Betriebe leben. Die Zintls gehören mit ihren beiden Teichen und im Schnitt 150 Karpfen zu etwa 1000 Nebenerwerbszüchtern, die aus Tradition nicht von der streckenweise aufwendigen Arbeit lassen wollen. Zwischen September und Oktober wird abgefischt; die Familie siedelt ihre Karpfen mit vereinten Kräften und unterstützt durch Freunde um. Kleinere und die stattlichen Zuchtweibchen überwintern im zweiten tieferen Becken. Die etwa anderthalb Kilo schweren Dreijährigen kommen dagegen zum Auswässern in den in die Erde eingelassenen Frischwasserbottich des Winterstalls. Hier verlieren sie innerhalb von drei Wochen jeden Anflug von schlammigem Geschmack und fristen den Rest ihres Daseins. Die letzten Fische werden spätestens im April mit dem Kescher herausgeholt und landen frisch zubereitet auf dem Teller. Elisabeth Zintl schwört auf den Oberpfälzer Karpfen, der Jahrhundertelang das Weihnachtsgericht schlechthin war. Egal, ob Spiegel- oder Schuppenkarpfen, das Fleisch schmeckt nussig, ist schön fest und richtig filetiert beinahe grätenfrei. Überdies sind ihre Flossentiere bio. Die Teichlandschaft sorgt an sich schon für genügend Nachschub durch Insektenlarven, sodass selten eigenes Bio-Getreide zugefüttert werden muss. Mit Medikamenten oder Antibiotika kommen die Karpfen nicht in Berührung. Und dann kommt die Diätassistentin und Köchin in ihr zum Vorschein: „Karpfen ist reich an Vitaminen und ungesättigten Fettsäuren, dazu kalorienarm, eben eine hervorragende Winterspeise.“ Und was empfiehlt sie im Spätwinter? Neben Eingewecktem und frischen Wintergemüsen und Wurzeln ab und zu Vitaminbooster wie einen Smoothie mit Vogelbeeren zum Frühstück.

Karin Willen

Vogelbeer-Smoothie

ZUTATEN FÜR 4 Gläser:

100 g rohe, einzeln gepflückte Beeren der

Sorte Edulius oder gekochte wilde

Vogelbeeren

2 Äpfel

1 Banane

Saft einer ½ Zitrone

4 entsteinte Datteln

400 ml Wasser

Alle Zutaten in einem leistungsstarken Mixer eine Minute lang zu einem cremigen Smoothie verarbeiten und sofort servieren.

TIPP: Wer den ersten Frost abwartet, erntet die Früchte der Eberesche nicht nur aromatischer, die Kälte baut auch die Parasorbinsäure der frischen Vogelbeeren ab, die bei übermäßigem Verzehr zu Übelkeit, Erbrechen und Durchfall führen könnte. Beim Kochen wird sie zu Sorbinsäure abgebaut.

Hollerhöfe – Zu Gast im Dorf

Das Hotel hat in den historischen Häusern und Scheunen auch Platz für Großfamilien und Familienfeiern und bietet zudem mit Tiny House und Toilettenwagen vor allem im Sommer Zusammenkünfte im Freien an. Hollerhöfe Unterer Markt 35 a 95478 Waldeck bei Kemnath Tel.: 09642 704310 E-Mail: rezeption@hollerhoefe.de

1. Essbarer WildpflanzenPark Ewilpa ist einer von derzeit sechs Parks mit essbaren Wildpflanzen in Deutschland, die nach der Idee von Dr. Markus Strauß auf unterschiedlichen landschaftstypischen Flächen zum Verwildern angelegt sind, und aus denen man sich bedienen darf.

Wanderungen und Kochkurse Die Naturerlebnis-Akademie der Hollerhöfe bietet geführte Wanderungen und Kochkurse zum Thema Essbare Wildpflanzen.

Weitere Wanderwege in unmittelbarer Umgebung www.geopark-bayern.de/de/Downloads/Faltblatt/F10(Kemnath).pdf oder www.oberpfaelzerwald.de Stichwort Waldeck im Suchfeld Links

Eine monatlich aktuelle Liste sammelbarer Wildpflanzen gibt es hier: Das Buch „Jeden Tag was Wildes“ kann unter dieser Adresse im Internet heruntergeladen werden: www.ewilpa.net/download/ewilpa-begleitbuch.pdf