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Tief Luftholen


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St.GEORG - epaper ⋅ Ausgabe 110/2022 vom 21.10.2022

LUNGE

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Im Galopp muss sich das Pferd mehr anstrengen. Es atmet tiefer ein und aus, da der Körper mehr Sauerstoff benötigt.

Wenn es körperlich anstrengend wird, benötigt der Organismus mehr Sauerstoff. Die Atemfrequenz erhöht sich, das Pferd atmet tiefer ein. „Das ist ähnlich wie bei uns Menschen. Erst wenn man die Lunge nutzt und an bestimmte Grenzen geht, werden bestimmte Teile der Lunge belüftet. Wir atmen tiefer und schneller, um den Sauerstoffgehalt im Blut an die Leistung anzupassen, was wichtig für den Stoffwechsel und die Muskulatur ist“, erklärt Dr. Astrid Reitz. Die Tierärztin hat sich schon seit Jahren auf den Schwerpunkt Atemwegserkrankungen spezialisiert.

Die Lunge „trainieren“

Sie weiß genau, was eine Lunge gesund hält und warum Bewegung so entscheidend ist. „Im Schritt erreicht man keine komplette Durchlüftung der Lunge. Außer das Pferd muss sich dabei anstrengen, etwa wenn es einen Hang hinaufklettern muss. Beim Galoppieren wird die Lunge sehr gut belüftet, da das Pferd noch mehr Muskelkraft ...

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... benötigt, es also auch mehr Sauerstoff braucht“, so Dr. Astrid Reitz. Je nach Trainingszustand des Pferdes sind mal mehr oder weniger intensive Einheiten nötig, um ein Pferd an seine Grenzen zu bringen, in denen die Lunge gut durchlüftet wird. Dr. Matthias Niederhofer von der Tierklinik Telgte ist Fachtierarzt für Innere Medizin sowie Mannschaftstierarzt des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei. Er hat die Erfahrung gemacht, dass es weniger chronische Lungenprobleme bei Pferden gibt, die Ausdauertraining absolvieren. „Auch Dressur- und Springpferde profitieren von Ausdauertraining. Einmal in der Woche Intervalltraining ist gut für sie – natürlich angepasst an den Zustand des Pferdes. Das Pferd sagt einem, wie weit man es fordern kann, hier ist gesunder Menschenverstand gefragt“, so der Tierarzt. Intervalltraining besteht aus mehreren kurzen, intensiven Arbeitseinheiten mit Pausen dazwischen.

Jede Arbeitseinheit dauert – je nach Pferd und Leistungsstand – ein bis vier Minuten, die anschließende Pause zur Erholung ist dann so lange wie die Arbeitseinheit. „Intervalltraining kann zum Beispiel ein schneller intensiver Galopp über eine kürzere Strecke sein, eine Art Sprint, und dann galoppiert man wieder ruhiger oder trabt bzw. lässt das Pferd Schritt gehen, bevor wieder die nächste intensive Galoppeinheit ansteht“, erklärt Tierärztin Dr. Annette Wyrwoll, die sich als ehemalige Vielseitigkeitsreiterin bestens mit verschiedenen Trainingsarten auskennt.

Hustenpferd reiten oder nicht?

Dr. Wyrwolls früheres Vielseitigkeitspferd Bantry Bay, mit dem sie bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney in der Vielseitigkeit am Start war, neigte zu Atemwegsproblemen. „Er hatte das, was man heutzutage Equines Asthma nennt“, erklärt die Tierärztin. „Er wurde immer geritten und bewegt, selbst nach der Saison, wenn viele Vielseitigkeitspferde eine Weidepause bekommen, wurde er ausgeritten, da er sich auf der Weide zu wenig bewegte und auch zu schnell dick wurde.“ Das Equine Asthma wurde bei ihm nie zu einem größeren Problem.

Dr. Annette Wyrwoll glaubt, dass die meisten Hustenpferde eher zu wenig bewegt werden. „Bewegung ist aber wichtig, um die Lunge zu belüften, vor allem die kleineren Atemwege. Man soll ein Pferd zwar nicht mit einem Auto vergleichen, aber hier ist es tatsächlich ähnlich: Wenn ein Auto nur im Stadtverkehr gefahren wird, ist das nicht gut. Man muss auch mal Gas geben. Natürlich immer nur, wenn vorher abgeklärt wurde, ob es sich um akuten Husten handelt oder um Equines Asthma.“

Ob man sein Pferd bei Husten reiten kann oder nicht, hängt natürlich vom Zustand des Pferdes und der Hustensituation ab. „Handelt es sich um einen akuten Husten – viral oder bakteriell – sollte das Pferd Ruhe bekommen und nicht belastet werden“, stimmt Tierarzt Dr. Matthias Niederhofer zu. Der Körper hat genug mit dem Infekt zu tun, weitere Belastung schadet ihm. „Hat man hingegen ein Pferd mit chronischem Husten, ist gegen regelmäßiges Training nichts einzuwenden. Das Pferd sagt einem schon, wie leistungsbereit es ist.“

Die Atmung darf dann auch schneller und intensiver werden, das Pferd ins Schwitzen kommen, erklärt Dr. Wyrwoll.

Denn dadurch wird auch die Durchblutung im Lungenkreislauf gefördert. Die verkrampften Bronchien weiten sich. Zusätzlich wird zäher Schleim verflüssigt, sodass er besser abgehustet werden kann. Gegen gelegentliches Husten ist also nichts einzuwenden. „Bei geringund mittelgradigem Asthma ist Bewegung von Vorteil, aber bei akutem Husten oder hochgradigem Asthma sollte man nicht reiten.“ Dann bekommt das

Pferd zu schlecht Luft. Bei manchen Pferden ist dann auch eine angestrengte Bauchatmung zu erkennen, bei der das Pferd den Bauch so einzieht, dass die Dampfrinne deutlich sichtbar ist.

Unterstützung holen

Dr. Astrid Reitz bietet ein Lungen-Mentoring an. Das heißt, sie berät Besitzer von Hustenpferden intensiv und ganzheitlich bezüglich möglicher Ursachen für Atemwegsprobleme und bespricht mögliche Therapien. Im Mittelpunkt steht dabei die Laserakupunktur. „Ich habe in meiner Doktorarbeit aufzeigen können, dass die Laserakupunktur bei Husten im Vergleich zur Schulmedizin besser helfen kann. Schon nach einer Woche konnten wir Erfolge erkennen“, berichtet die Tierärztin. Im Rahmen ihres Mentorings erstellt sie für jedes Pferd auch einen Trainingsplan.

„Die meisten Besitzer bewegen ihre Hustenpferde zu wenig.“

Tierärztin Dr. Astrid Reitz

Ihre Erfahrung deckt sich mit der von Tierärztin Dr. Wyrwoll: Die meisten Pferdebesitzer bewegen ihre hustenden Pferde eher zu wenig. „Viele hören zu früh auf, ihr Pferd zu bewegen, weil sie unsicher sind. Dabei ist es wichtig, die Bewegung anzupassen und zu steigern.“ Die Tierärztin berichtet, dass Hustenpferde auch von sich aus dazu neigen, sich weniger zu bewegen, da ihr Stoffwechsel schlechter arbeitet und sie schneller erschöpft sind. Doch nur wenn sie sich ausreichend bewegen, wird die Lunge gefordert und der Körper kann mehr Sauerstoff aufnehmen, sodass die Erschöpfung abnimmt. „Man muss diesen Teufelskreislauf durchbrechen und das Training langsam aufbauen, Schritt für Schritt.“ Aus diesem Grund sollten sich betroffene Pferdebesitzer immer vom Tierarzt beraten lassen, wie sie das Training gestalten sollten. In unsicheren Fällen kann man sich auch „technische Unterstützung“ holen. „Mit einer Blutgasanalyse kann man den Sauerstoffpartialdruck im Blut messen. Wenn sich der Sauerstoffgehalt durch Trab- und Galoppeinheiten deutlich verbessert, kann das Pferd mehr bewegt werden“, erklärt Dr. Wyrwoll.

Trainings-Tagebuch führen

Woran merke ich beim Reiten, wie viel ich meinem Pferd zumuten kann? Der Tipp von Dr. Astrid Reitz: Ein Tagebuch über das Training und die Atmung des Pferdes führen! „Zunächst sollte man sich vorher schon einmal die Atemfrequenz in der Ruhe über einen längeren Zeitraum notiert haben, um den Ruhewert zu kennen“, empfiehlt die Expertin. Dann sollte man sich nach dem Training aufschreiben, welche Gangart man wie lange geritten ist, wo man geritten ist (Halle oder draußen), welche Atemfrequenz das Pferd direkt nach dem Training hatte, wie lange es gedauert hat, bis das Pferd wieder seine normale Atemfrequenz, also den Ruhewert erreicht hat, ob es eine Bauchatmung zeigt und schlussendlich auch noch, wie es dem Pferd am nächsten Tag geht. „Wie hoch die Atemfrequenz nach dem Training ist, hängt individuell vom Pferd ab und kann bei chronischen Hustenpferden auch tagesabhängig unterschiedlich sein.“ Das Tagebuch kann hier helfen, die Entwicklung der Atemfrequenz nach dem Training zu verfolgen und bei Ausreißern nach oben nach der Ursache zu suchen: War das Training sehr intensiv, war es sehr heiß an dem Tag oder sehr staubig? „Den Ruhewert sollten Pferde etwa nach zehn bis zwanzig Minuten erreicht haben“, erklärt Dr. Reitz, allerdings benötigt der Körper bei Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit mehr Zeit, um wieder in den Ruhemodus zu finden. Und auch je nach Rasse und Trainingszustand variiert diese Zeitspanne.

Wenn möglich, sollte bei Hustenpferden mehrmals die Woche Galopp auf dem Trainingsprogramm stehen. „Das Reiten in der Halle im Winter ist dabei nicht immer problematisch, denn viele Hallen stauben im Winter nicht so sehr. Alternativ wäre auch Ausdauertraining zum Beispiel am Hang möglich, wenn man die Gegebenheiten dafür in der Nähe hat. Wichtig: eher kleinere, kurze Einheiten!“, rät Dr. Astrid Reitz.

Inhalieren – vor dem Training?

Vielen Hustenpferden kann man durch Inhalieren das Leben erleichtert. Bekommt das Pferd dabei Kochsalzlösung, um den Schleim zu lösen und die Atmung zu erleichtern, sollte das Pferd vor dem Training inhalieren. Erhält es Kortison, so sollte das Inhalieren entsprechend der Medikamenten-Verabreichung nach dem Training erfolgen, erklärt Dr. Matthias Niederhofer.

UNSERE EXPERTEN

Dr. Matthias NiederhoferTeilhaber der Tierklinik Telgte, Fachtierarzt für Pferde und Fachtierarzt Innere Medizin Pferde, Mannschaftstierarzt des Deutschen Olympiadekomitees für Reiterei, hat selbst auch Erfolge im Spring- und Vielseitigkeitssport bis Klasse M.

Dr. Astrid ReitzDie Tierärztin hat sich auf Lungenprobleme und manuelle Therapien spezialisiert. Mit ihrem „Lungen- Mentoring“ berät sie Besitzer von Hustenpferden auch aus der Ferne und gibt ihnen Therapieansätze an die Hand. bzw.lungen-mentoring.com

Dr. Annette WyrwollDie Fachtierärztin hat ihre eigene Pferdepraxis in Neuhof. Sie ist außerdem Pferdewirtschaftsmeisterin sowie Züchterin, ehemalige Olympiareiterin (19. Platz Vielseitigkeit Sydney 2000) und Aktivensprecherin der Vielseitigkeitsreiter.