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Tierisch musikalisch


Ein Herz für Tiere - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 23.07.2021

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Bildquelle: Ein Herz für Tiere, Ausgabe 8/2021

MUSIK-KOLLEGEN Das Trompeten der Elefanten kommt einem Horn klanglich am nächsten

Neugierig erforscht Elefantendame Iyoti mit ihrem Rüssel das golden glitzernde Horn. Im Schallbecher sind Äpfel versteckt. Beherzt packt Iyoti zu und das Obst landet im riesigen Elefantenmaul. Ein Begrüßungsgeschenk von Musikerin und Tierfreundin Sarah Willis. Sie besucht die Dickhäutergruppe des Zoologischen Gartens Berlin, um ein ganz besonderes Privatkonzert zu geben. Gemeinsam mit Tierarzt Dr. Andreas Ochs möchte sie herausfinden, wie die Tiere auf Live-Musik reagieren. Werden sie mit einer ähnlichen Begeisterung für gustatorische Leckereien das Hörerlebnis annehmen? Tatsächlich: Interessiert wenden sich Iyoti und ihre Familie Sarah zu. Sanft wiegen sich ihre massiven grauen Körper entspannt zum dritten Satz von Mozarts Hornkonzert in Es-Dur, K. 447. Die Rüssel schwingen beinahe im fröhlichen Allegro. Zwei der Dickhäuterdamen trompeten sogar zurück. „Das kommt meinem Horn klanglich total nah“, ...

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... schwärmt die Berliner Philharmonikerin, „eigentlich trompeten Elefanten nicht … sie ,hornen‘!“

Gibt es Musikalität bei Tieren?

Musik gehört seit Urzeiten zum Menschen. Sie ist eine universelle Sprache, die jeder Erdenbewohner intuitiv versteht – ganz ohne Worte. Doch die Annahme, Musikalität sei dem Homo sapiens vorbehalten, erschütterte ein Gelbhaubenkakadu namens Snowball. Die Videos des tanzenden Vogels gingen 2007 viral. Sobald seine Lieblingslieder ertönten, begann Snowball wie in Ekstase mit dem Kopf im Takt zu nicken und abwechselnd die Füße zu heben – dabei machte der Kakadu ein besseres Bild als so mancher Mensch auf der Tanzfläche! Neurowissenschaftler Aniruddh Patel vom Neurosciences Institute in San Diego nahm Snowballs Fähigkeiten genauer unter die Lupe. Das Tier avancierte zum Präzedenzfall in der Musikforschung, weil er nicht nur zu einem Stück tanzen konnte – er passte seine Bewegungen auch prompt an, wenn das Tempo sich änderte. Ein Zeichen für Kreativität! Nach ähnlichen Beobachtungen bei anderen Papageien ging man davon aus, dass für Musikalität eine Voraussetzung erfüllt sein muss: die Fähigkeit, Laute nachzuahmen. Beide Fertigkeiten werden im Gehirn ähnlich verarbeitet.

Diese Theorie wurde jüngst von Seelöwin Ronan infrage gestellt. Seelöwen haben nur eine geringe Klaviatur an Lauten. Doch Ronan beeindruckte beim Headbanging zu Pop oder Heavy-Metal die Biologen der University of California. Die Seelöwin zögerte nicht einmal, den Takt wiederzugeben. Man nimmt an, dass der neuronale Mechanismus zum Erkennen unterschiedlicher Takte deutlich weiter verbreitet ist. „Musik besitzt die Fähigkeit, bei allen Lebewesen Reaktionen und Emotionen zu erzeugen und zu beeinflussen“, erklärt Dr. Ochs.

Singen, Tanzen, Komponieren

Nicht zu überhören sind die Konzerte der Singvögel. Überall im Wald pfeift, trällert und flötet es im fröhlichsten Allegro aus den Baumkronen. Wussten Sie, dass das Konzert einer Singdrossel bis zu fünfzig Minuten dauern kann? Und die gefiederte Sängerin ist bescheiden – über Gagenwünsche ist nichts bekannt. Fledermäuse können sogar höher singen als jeder Sopran! Der höchste Ton in der Arie der Königin der Nacht ist ein dreigestrichenes f, das etwa einer Frequenz von 1,4 kHz entspricht. Da legt eine Fledermaus mit einem Frequenzspektrum von 9 bis 200 kHz erst so richtig los. Schade, dass ihr Gesang unseren Ohren verborgen bleibt. Sogar unter dem Meer ist – wie wir spätestens seit dem Disneyfilm „Arielle“ wissen – musikalisch einiges geboten. Weltbekannt in der Musikszene Ozeaniens: die singenden und komponierenden Wale. Insbesondere Grönlandwale singen in den Wintermonaten rund um die Uhr, improvisieren und entwickeln dabei immer neue Stücke. Das Besondere an ihren Liedern: Sie sind nicht genetisch vererbt wie die Balzrufe vieler anderer Tiere, sondern werden erlernt. Nur wenige andere Säugetiere wie einige Fledermausarten oder Gibbons zeigen ein ähnliches Verhalten. Ebenso verfügen Buckelwale über ein sehr ausgeprägtes Repertoire von Liedern, die sich jährlich verändern und bis in den Infraschallbereich reichen. Ihre Stimme umfasst mindestens sieben Oktaven. Sie singen in Dur und komponieren mit harmonischen Intervallen, rhythmischen und melodischen Elementen – beinahe wie bei symphonischen Werken. Doch sie improvisieren nicht so frei wie Grönlandwale. Warum, ist bislang noch nicht ausreichend erforscht. Andreas Ochs weiß, dass die Tiere allerdings nicht (nur) aus Freude musizieren: „Ihr Gesang hat stets einen biologischen Sinn, zum Beispiel einen Partner zu finden oder ein Revier zu markieren.“

Unsere tierische Playlist

Können Sie die Tiere in den klassischen Stücken heraushören?

• Saint-Saëns: Karneval der Tiere

• Schubert: Forellenquintett

• Elgar: Enigma-Variations, op. 36 (Hund)

• Rimski-Korsakow: Hummelflug

• Vivaldi: Vier Jahreszeiten (Der Frühling)

• Schumann: Vogel als Prophet

• Grieg: „Vögelein“ und „Schmetterling“

• Strauss: Don Quixote, op. 35 (Variation II: Kampf gegen die Schafe)

• Ibert: „Der kleine weiße Esel“

• Haydn: Streichquartett „Die Lerche“

• Mahler: Antonius von Paduas Fischpredigt

• Mussorgsky: Ballett der unausgeschlüpften Küken

• Strawinsky: Bauer mit einem Bär (Ziffer 188ff.; aus dem Ballett „Petruschka“)

“Sie besitzt die Fähigkeit, bei allen Lebewesen Emotionen zu erzeugen und zu beeinflussen”

Eine Sache des Trainings

Auch Pferde tanzen in Dressurküren durchs Viereck. Besonders beeindruckend: ein tierisch musikalisches Spektakel der Mozartwoche in Salzburg. 2015 war Bartabas’ Pferdeballett zu Mozarts Kantate „Davide penitente“ in der Felsenreitschule erstmals zu erleben. Gemeinsam mit dem Team der Versailler Hofreitschule setzte der französische Pferdekünstler 2017 mit Dirigent Marc Minkowski auch Mozarts sakrales Requiem in Szene. Die Rossballette basieren auf einer Tradition, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht. Pferde, Menschen, Musik, Bewegung, Licht und Kostüme verschmelzen zu einem poetischen Gesamtkunstwerk.

Und wie schön wäre es für Frauchen, nicht nur einen Hund namens Beethoven zu haben, sondern zugleich ein musikalisches Wunderkind. Im Hundesport hat sich Dog Dancing weltweit etabliert. „Die Musikalität von Tieren sollte man jedoch nicht zu sehr vermenschlichen. Ähnlich wie bei den Pferdeballetten oder Dressurküren ist bei Hunden weniger Rhythmusgefühl im Spiel als vielmehr Training. Es handelt sich um erlernte Bewegung“, muss Dr. Andreas Ochs enttäuschen. Auch wenn eine Henne in einem Video aus dem Netz Puccinis „O Mio Babbino Caro“ auf dem Keybord spielt, stecken Clickertraining und jede Menge Mehlwürmer dahinter. Dennoch: Die Henne beweist außergewöhnliches Gefühl für die Musik ... und scheint Spaß zu haben! Daher statten einige Halter ihre Ställe mit Glockenspielen und anderen Instrumenten aus, um die intelligenten Vögel ausreichend zu unterhalten.

Händel für Hendel

Musik soll auch für ehemalige Arbeitselefanten in Thailand eine Beschäftigungstherapie sein. Das „Thai Elephant Orchestra“ ist die Idee von Neurowissenschaftler Dave Soldier und Elefanten-Experte Richard Lair, der das Naturschutzzentrum in Lampang in Nordthailand leitet. Die Musik, die das Orchester auf den maßgeschneiderten Instrumenten spielt, lässt aufhorchen. Sie klingt wie moderne Improvisation … Elefantenstark!

Und wenn in so manchem Stall Händel für Hendel oder Mozart für Milchkühe erklingt – vom Band oder als Privatkonzert eines Ensembles – hören Sie richtig. Einige Bauern setzen darauf, im Stall eine Wohlfühlatmosphäre zu schaffen. „Dass Musik auch die tierische Seele berührt, haben Studien gezeigt“, sagt Dr. Ochs. So wie die der University von Leicester: Gemächliche Titel mit einem Tempo unter 100 Beats pro Minute ließen die Milchleistung um durchschnittlich drei Prozent ansteigen. Besonders bewährt hat sich Beethovens Pastorale. „Musikgeschmack und die physiologische Wahrnehmung sind unterschiedlich. Der angenehme Frequenzbereich liegt bei jedem Lebewesen woanders“, erklärt Dr. Ochs. Karpfen entspannen bei Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“, Ratten bei der Sonate für zwei Klaviere in D-Dur, Küken beim Krönungskonzert für den Habsburger Kaiser Leopold II. Marienkäfern vergeht bei Heavy Metal der Appetit. Pflanzen wachsen der Musik von Johann Sebastian Bach entgegen.

„ Musik hat eine univer selle Wirkung“

EHfT: Welche Tiere repräsentiert das Horn in der klassischen Musik?

Sarah Willis: In Prokofievs „Peter und der Wolf“ spielen wir Hörner den Wolf, eine emotionale, düstere Passage und ein bedeutender Moment. Löwen können wir in den tiefen Tönen auch ganz toll spielen – edel und anmutig. Ansonsten steht das Horn meist für den Wald und das Reiten. Hoher Vogelgesang ginge schon auch, aber den können Holzbläser und Streicher noch viel besser wiedergeben.

EHfT: Gerade Kinder finden so sicher einen tollen Zugang zur Klassik.

Sarah Willis: Tiere können ein toller Schlüssel sein! Solche Stücke fördern ihre Fantasie und Vorstellungskraft. In der Klassik gibt es kein Richtig oder Falsch beim Interpretieren – jeder darf darin wahrnehmen, was er mag. Heute ist so vieles fest geregelt. Klassik kann man mit einem offenen Geist hören und fühlen.

Man lernt, genau hin- und zuzuhören.

Vielleicht schenkt die Musik dadurch wiederum eine tiefere Verbindung zur Natur.

EHfT: Welche Tiere machen Geräusche, die Musik am nächsten kommen?

Sarah Willis: Für mich sind es vor allem Vögel … und natürlich der Walgesang.

EHfT: Sie haben bzw. hatten schon immer Tiere – zuletzt zwei Kakadus, die nun aus Zeitgründen bei Freunden leben. Wie reagierten sie beim Üben?

Sarah Willis: Musikstücke, die Beat haben, begeistern sie, da wippen sie total verrückt mit! Manche Stücke finden sie wiederum ganz schrecklich. Und die meisten Hornpassagen sind ihnen zu laut. Am liebsten haben sie mich ohne mein Horn gehabt, mit meiner vollen Aufmerksamkeit. Vielleicht haben sie daher so oft mein Mundstück geklaut! Dass mein Horn glitzert, finden die meisten Tiere, insbesondere Vögel, ohnehin ganz spannend! Wenn ich sie heute mit dem Horn besuche, kommen sie sofort angeflogen.

EHfT: Welche Erfahrungen haben Sie bei anderen Tieren gemacht?

Sarah Willis: Einmal haben wir auf der Waldbühne Respighis „Pini di Roma“ gespielt, ein realistisches Werk, bei dem eine Originalaufnahme einer Nachtigall eingespielt wird. Da hat tatsächlich eine echte Nachtigall aus dem Wald geantwortet – ein unglaublicher Moment! Auch das kleine Konzert für die Elefanten war großartig. Rinder haben mir auch schon interessiert zugehört. Tapire mögen Hörner so gar nicht – die sind weggerannt. Auf den Galapagosinseln gab’s ein kleines Privatkonzert für Seehunddamen, als ich am Strand geübt habe. Denen schien es richtig zu gefallen. Da habe ich gemerkt, welche universelle Wirkung Musik hat – auf Mensch und Tier!

EHfT: Was unterscheidet ein tierisches von einem menschlichen Publikum?

Sarah Willis: Erwachsene reißen sich meist zusammen, bleiben und klatschen, auch wenn ihnen das Stück nicht gefällt. Tiere sind ehrlich wie Kinder – sie protestieren laut, ergreifen die Flucht ... oder können die Musik unvoreingenommen richtig genießen!

ALBUM-TIPP „Mozart y Mambo“ von Sarah Willis, Alpha Classics

Unsere tierischen Mitbewohner werden täg- lich mit unseren Vorlieben beschallt. Der Tier- arzt mahnt zu Vorsicht: „Kleintiere und Fische können bei lauter Musik Todesangst bekommen und haben im Gegenatz zu Hund und Katze keine Möglichkeit zur Flucht. Einige Töne können auch an Alarmrufe der Tiere erinnern.“ Forscher der Universität Glasgow sagen: Hunde chillen am besten mit leisem Reggae, Klassik oder Softrock. Bei einem bekannten Streaminganbieter können Tierhalter sogar Playlisten für ihre Vierbeiner anlegen. Und es ist längst keine Zukunftsmusik, dass für Haustiere eigens Werke komponiert werden. Der amerikanische Cellist David Teie produziert „artspezifische Musik“. CDs für Katzen, die sich an deren Hörfrequenzen orientieren, gibt es bereits.

Die Natur und Tierwelt sind Inspiration für etliche Musiker jedes Genres. Vielleicht kennen Sie „Who Let the Dogs Out“ (Baha Men) oder „I love my Dog“ (Cat Stevens)? Auch in der Klassik wimmelt es nur so von Tieren. Schauen Sie doch mal in unsere tierischen Playlist ... hören Sie auf Youtube rein und entdecken Sie die universelle Magie der Musik!