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TIERISCHE KOLLEGEN: Blindes Vertrauen


daheim - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 07.12.2018

Blindenführhündin Sunny hilft ihrem Frauchen, leichter durchs Leben zu gehen


Artikelbild für den Artikel "TIERISCHE KOLLEGEN: Blindes Vertrauen" aus der Ausgabe 1/2019 von daheim. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: daheim, Ausgabe 1/2019

Um den Alltag zu meistern, muss das Gespann sich vertrauen und gut zusammenarbeiten


Sunnys Arbeitstag beginnt, wenn Cornelia Stiglmayr ihre Jacke anzieht. Sobald die Hündin das Rascheln der Daunenjacke hört, kommt sie mit fliegenden Ohren in den Flur gesprungen, wo ihr Frauchen mit dem Führgeschirr wartet: eine Leine um Brust und Rücken, von der ein Bügel abgeht. Stiglmayrs verlängerter Arm. Es ist sieben Uhr morgens. Cornelia Stiglmayr, 49 Jahre alt und vollständig erblindet, muss zur Apotheke, die ihrem Mann gehört und in der ...

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... sie arbeitet. Eine halbe Stunde zu Fuß. Nebel liegt auf den Hopfenfeldern vor ihrem Haus am Ortsrand des oberbayerischen Pfaffenhofen. Die Straße fällt ab, auf den ersten Metern zieht Sunny noch etwas ungestüm. Stiglmayr kennt das. Sunny ist ein junger Hund, zweieinhalb Jahre alt, und erst vor sechs Monaten von einer Hundetrainerin und Züchterin zu ihr gekommen. Der Labra doodle, eine Kreuzung aus Labrador und Pudel, ist die perfekte Mischung für den Job als Blindenführhund, weil Labradore so lieb sind und Pudel so klug. Außerdem bellen Labradoodles nur selten. Jedes Geräusch würde beim Führen stören.

Bei Hindernissen denkt Sunny immer für ihr Frauchen mit

An einem gelben Postkasten bleibt Sunny stehen. „Fein“, sagt Stiglmayr und gibt ihr ein Leckerli. Einen Brief hat sie nicht dabei, aber der Kasten ist ein wichtiger Orientierungspunkt. Sie kann Sunny nicht einfach auffordern: „Geh zur Apotheke!“ Das sind zwei Kilometer. Also laufen sie in Etappen, zu Wegmarken, die sie in der Einschulungszeit mit der Hundetrainerin gesetzt haben: zum Briefkasten, zum Zebrastreifen, zur Ampel und so weiter. An diesen Fixpunkten kann sich Stiglmayr orientieren und Sunny einfache Kommandos geben: Links! Rechts! Weiter geradeaus!

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1. Dienstantritt: Wenn die Blindenführhündin ihr Geschirr angelegt bekommt, weiß sie, dass ihr Job beginnt.
2. Einsatz: Beim Einkaufen wird der Labradoodle gefordert. Es lauern Stufen, Passanten – oder Schneiderpuppen.
3. Freizeit: Gemeinsam mit ihrer Vorgängerin tollt Sunny zu Hause herum wie jeder andere Hund auch

Das Gespann kommt zu einer Umgehungsstraße, Lkws donnern vorbei. Sunny zieht nun nicht mehr, konzentriert führt sie ihr Frauchen zu einem Ampelpfosten. Sie stupst mit der Nase dran. Stiglmayr muss nur noch mit der rechten Hand über die linke, mit der sie den Bügel hält, greifen, um den Summer zu finden. Wann sie die Straße überquert, entscheidet sie selbst. Hunde haben eine Rot-Grün-Schwäche, aber auch an Straßen ohne Ampeln sind sie hilflos: Sie können die Geschwindigkeit von Autos kaum einschätzen. Stiglmayr wird von Sunny immer nur zur Bordsteinkante geführt; über die Straße läuft sie nach Gehör. Schwierig ist das nur in lärmenden Menschenmengen – oder bei Elektroautos.

Es summt, grün. „Voran!“, sagt Stiglmayr. Sie passieren Autohäuser, Lagerhallen, einen verwilderten Garten. Äste hängen in Stiglmayrs Kopfhöhe über den Fußweg. Obwohl Sunny locker darunter durchpassen würde, weicht sie ihnen aus. Sie denkt für ihr Frauchen mit. Plötzlich beginnt sie, unruhig am Bügel zu ziehen. Cornelia Stiglmayr bleibt stehen. Sie kennt ihren Hund und kann verschiedene Arten von Ziehen auseinanderhalten. Sie weiß, was Sache ist: Gegenüber läuft ein Hund. Es handelt sich um einen Neufundländer. Andere Vierbeiner sind die größte Ablenkung für Blindenführhunde – und die einzige, auf die Sunny manchmal noch anspringt.

Im Dienst will die Hündin bei Laune gehalten werden

Sunny ist nicht Lassie, der perfekte Hund aus dem Fernsehen. Stiglmayr kann ihr nicht einfach sorglos hinterherlaufen. Sie muss wachsam bleiben, sich immer wieder vergewissern, dass sie auf dem richtigen Weg ist, mit den Füßen die Untergründe abtasten, mit der Hand an der Hecke entlangstreichen, und wenn nötig, immer wieder korrigieren. Das Gespann funktioniert nur, wenn beide zusammenarbeiten. Dabei muss Stiglmayr Sunny bei Laune halten, sie motivieren, mit Leckerlis, Lob und viel Zuneigung. Wenn Sunny in der Aufgabe keinen Nutzen für sich selbst sähe, würde sie irgendwann ihr Ding machen, in Beeten herumschnüffeln, auf den Marktplatz laufen, Tauben jagen.

Im Hinterzimmer der Apotheke werden die beiden von einer Labrador-Hündin bestürmt. „Hallo, Luna!“, ruft Stiglmayr, die beiden Hunde balgen sich. Luna ist Sunnys Vorgängerin, ein Blindenführhund in Ruhestand. Nachdem Stiglmayr ihre Sehkraft verlor, eine Abstoßungsreaktion nach einer Knochenmarkspende, wurden Luna und sie ein eingespieltes Team, acht Jahre lang. Aber irgendwann hatte Luna keine Lust mehr. Sprang nicht mehr auf, wenn Stiglmayr zur Tür ging und die Jacke anzog. Blieb unterwegs einfach stehen. So ist das oft: Mit neun oder zehn Jahren haben Blindenführhunde ausgedient. Sie bekommen die typischen Alterserscheinungen: Gelenkschmerzen, Arthrose, Grauen Star. Ein Blindenführhund mit Sehschwäche – das wäre schlecht.

Die Tiere müssen lernen, auch mal ungehorsam zu sein

Manchmal begegnen Stiglmayr Menschen, die Mitleid mit Blindenführhunden haben und sagen: „Immer im Einsatz, ständig dieses Geschirr tragen, das ist doch kein Leben für einen Hund!“ Doch Sunny arbeitet täglich nur zwei, höchstens drei Stunden. Den Rest der Zeit fetzt sie mit Luna durch den Garten oder über die Felder, lungert auf ihrer Decke, klebt an ihrem Frauchen und lässt sich kraulen. Eine Zweckbeziehung? Alles andere! „Die Hunde sind wie meine Kinder“, sagt Stiglmayr.

Mittags, nach der Arbeit in der Apotheke, geht Stiglmayr einkaufen. Im Zentrum von Pfaffenhofen läuft das Gespann um provisorische Bushaltestellen und mobile Parkverbotsschilder, weicht vor einem Supermarkt einem Rollwagen aus – unvorhersehbare Hindernisse, die Stiglmayr dank Sunny gar nicht wahrnimmt. Dann wird es eng auf dem Bürgersteig: links ein Falschparker, rechts ein Postfahrrad. Stiglmayr läuft auf das Auto zu, Sunny stellt sich ihr in den Weg. Stiglmayr weiß, da ist ein Hindernis, will nach rechts ausweichen – doch dort hat der Briefträger sein Postfahrrad geparkt. Es gibt kein Durchkommen.

„Voran!“, sagt Stiglmayr, doch Sunny bleibt stehen. „Voran!“, sagt Stiglmayr noch einmal. Als Sunny sich noch immer nicht rührt, weiß ihr Frauchen: Hier stimmt was nicht. Die sogenannte intelligente Gehorsamsverweigerung gehört zu dem wichtigsten, was ein Blindenführhund lernen muss. Sie kann Menschenleben retten, wenn sich ein Blinder einer Bahnsteigkante nähert. Oder Hundepfoten, wenn er auf eine Rolltreppe zusteuert. „Man muss lernen, seinem Hund zu vertrauen“, sagt Stiglmayr.

Als der Briefträger wegfährt, läuft Sunny von allein weiter. Zu vielen Geschäften in der kleinen Innenstadt findet sie von selbst: zum Damenausstatter, zum Schuhladen, zum Bäcker. Anders als andere Hunde darf sie sogar mit zum Metzger, eine Sonderregelung der Lebensmittelverordnung. Dort reiht sich Sunny brav hinter den War- tenden in die Schlange ein. Kein Betteln, kein Hecheln, kein Sabbern. Als Stiglmayr die Bestellung aufgibt, liegt Sunny teilnahmslos auf dem Boden. Natürlich riecht sie die Schinken und Leberwürste, aber der Geruch hat für sie an dieser Stelle keine Bedeutung – weil sie hier nie eine Scheibe Wurst bekommen hat. Bei Blindenführhunden muss man konsequent sein. So darf Sunny auch niemals etwas von Fremden nehmen, sonst würde bald jeder Passant auf der Straße zur gefährlichen Ablenkung.

Dass die Metzgerin wie immer ein Wienerle für sie einpackt, ahnt Sunny nicht. Sie bekommt es erst nach Feierabend, zu Hause, als Belohnung von ihrem Frauchen, dem sie Tag für Tag hilft, leichter durchs Leben zu gehen.

1. Ganz eng: Wenn sich links und rechts unvorhersehbare Hindernisse auftun, gibt Sunny Stiglmayr zu verstehen, wo sie laufen kann.


BLINDENFÜHRHUNDE

Angehende Blindenführhunde unterzieht man mit einem Jahr einem großen Gesundheitscheck. Die Krankenkassen bestehen darauf, da sie später die Kosten von etwa 26000 Euro für Ankauf oder Zucht, Tierarzt und Futter, Training und Einschulung übernehmen. Der Grundausbildung im ersten Lebensjahr folgt die neunmonatige Ausbildung durch den Hundetrainer. Bei der dreiwöchigen Einschulung lernen sich Hund und Halter kennen, studieren mit dem Trainer alltägliche Wege ein und legen schließlich eine Gespannprüfung ab.JS

2. Ganz nah: Auf dem Sofa muss das Team nicht zusammenarbeiten – hier wird einfach nur gekuschelt