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TINY HOUSES: Schnuckeliger wohnen


Das Einfamilienhaus - epaper ⋅ Ausgabe 8/2020 vom 17.06.2020

Günstig, klimafreundlich, nachhaltig, das sollen sie sein, die Tiny Houses, die superkompakten Häuschen. Nicht immer aber können sie all diese Ansprüche erfüllen


Artikelbild für den Artikel "TINY HOUSES: Schnuckeliger wohnen" aus der Ausgabe 8/2020 von Das Einfamilienhaus. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Das Einfamilienhaus, Ausgabe 8/2020

Diese rollenden Minihäuser werden mit Stahlrahmen gefertigt. Ohne ihn wären Tiny Houses nicht straßentauglich, so der Hersteller.


Rolling Tiny House

Sieht nicht nur im Wald gut aus, sondern auch in Baulücken in der Stadt: Tiny House „Snuk“ (Niederländisch für „klein und gemütlich“), mit Glas-Faltwand von Solarlux.


Roos Aldershoff Fotografie

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... gezwungenermaßen auf so vieles verzichten muss. Was aber, wenn sie ein Stück weit Recht haben? Schon vor der COVID-19-Pandemie haben sie sich Gedanken gemacht über unsere Art zu konsumieren, zu wirtschaften, über die fatalen Folgen, die zügelloser Ressourcenverbrauch und CO-Emissionen für das Klima, den Planeten, die kommenden Generationen haben. Also versuchen sie, auf Genügsamkeit, Suffizienz, Nachhaltigkeit in allen Lebensbereichen zu achten. „Live Small, Be More“ steht auf ihren Sweatshirts. Kaum überraschend, wenn einige von ihnen sich mit weniger Wohnraum zufriedengeben als den 46 Quadratmetern, die rein statistisch jedem Bundesbürger zur Verfügung stehen. Kaum überraschend, dass einige von ihnen in einem Tiny House wohnen.

Trend aus den Staaten

Die Tiny-House-Bewegung stammt aus den USA, dort wurde der Begriff in den 1990ern geprägt. Als „tiny“, „winzig“, gilt in den Staaten ein Haus mit nicht mehr als 38 Quadratmetern Wohnfläche (400 Quadratfuß). In Deutschland spricht man unterhalb von 50 Quadratmetern vom Tiny House, eine offizielle Definition gibt es jedoch nicht – die meisten Minihäuser sind kleiner. Die mit Rädern stehen für das Versprechen von Freiheit und Ungebundenheit, Unabhängigkeit, die ohne Räder immerhin für Freiheit von Konsumzwängen. Natürlich haben schon früher Menschen in kleinen und kleinsten Behausungen gelebt, Diogenes in seiner Tonne, die Einsiedler des Mittelalters in ihren Klausen. Berühmt unter Architekten ist das Ferienhäuschen, das sich Le Corbusier 1952 an der Côte d’Azur gebaut hat, „Le Cabanon“, gerade einmal 3,66 mal 3,66 Meter messend, Minimalismus pur. Doch erst vor einigen Jahren wurde die Begeisterung für die Minis zum Massenphänomen. Eine rege Szene hierzulande tauscht sich untereinander aus, über Stellplätze, Ärger mit Behörden, Pläne für den Selbstbau. Allerdings bekommt man die Kleinsthäuser inzwischen auch von Fertighausherstellern oder sogar von spezialisierten Betrieben. Auch Wissenschaftler interessieren sich für diese Wohnform: Geografen, Stadtplaner, Ökonomen wollen herausfinden, wie klimafreundlich, wie nachhaltig sie tatsächlich ist. Sie begleiten beispielsweise Projekte zur Errichtung ganzer Tiny-House-Siedlungen, so in Dortmund (www.kleinehaeuserdortmund.de) oder in Hannover (www.ecovillage-hannover.de).

von oben nach unten: Tiny House „Cabin One“, hier mit Solarstrom-Anlage: Auch für die Aufstellung auf Flachdächern bestehender Gebäude seien die Module geeignet.


Geliefert am Stück: Minihaus, hergestellt in Österreich, in Holzrahmenbauweise. Es lassen sich auf Wunsch Module zu größeren Einheiten zusammenfügen.


Loft bett, mit Blick in den Sternenhimmel


Fotos: Cabin Spacey

Kiste aus purem Holz: Unter Verwendung von Holzdübeln hergestellt – auf Kleber, Leime oder Metallteile werde bei der Herstellung verzichtet.


Nichts verstecken: Innen kann man die Maserung sehen, die Holzdübel, den Duft des Zirbenholzes einatmen und wirken lassen.


Fotos: Freiraum

Leichtbau

Die meisten Minihäuser sind mobil, haben entweder Fahrgestell und Anhängerkupplung oder können wie Container transportiert werden. Ähnlich wie in der Raumfahrt muss jedes überflüssige Gramm vermieden werden. So bestehen die Wände aus mit Dämmstoff gefüllten Holzrahmen, geschlossen mit Holzwerkstoff- oder Sperrholzplatten. Neben Fichte und Kiefer kommt Pappel zum Einsatz, leicht und hochbelastbar. Die Grundrisse der straßentauglichen Minis orientieren sich an denen von Wohnmobilen. Sie bieten auf der ersten Ebene Dusche, WC, Wohn-Ess-Koch-Bereich, auf oberen Ebenen Schlafbereich und Stauraum, aber dennoch genug Luftraum, was ein gewisses Gefühl von Großzügigkeit schaffen kann. Dachfenster tragen ihren Teil dazu bei. „Immobile“, ortsfeste Tiny Houses, oft ausladender, lassen in puncto Materialien und Grundrissgestaltung mehr Möglichkeiten zu.

Wichtig: Wärmeschutz

Selbst die Tinys mit Fahrgestell sind rechtlich gesehen Gebäude, müssen auf erschlossenen Grundstücken im Innenbereich stehen (Straßennetz, Strom, Wasser, Abwasser). Sollen sie nur gelegentlich genutzt werden, kommen noch die baurechtlichen „Sondergebiete“ infrage, für Ferienoder Wochenendhäuser, daneben Campingplätze. So viel zu Freiheit und Ungebundenheit. Und auch die Minihäuser versiegeln den Boden, nehmen der Natur etwas weg, weiß Dipl.-Ing. Anne Söfker-Rieniets vom Institut für Städtebau an der RWTH Aachen. Nicht ohne Berechtigung sei das Bauen im Außenbereich, außerhalb geschlossener Ortschaften, in der Regel verboten. Klein heiße außerdem nicht automatisch sparsam beziehungsweise energieeffizient. Im Gegenteil, je kleiner ein Objekt sei, desto größer sei im Verhältnis zum Rauminhalt seine Oberfläche, über die es Wärme an die Umgebung abstrahlt, desto größer seien folglich die Wärmeverluste. Und die müssten durch Heizen ausgeglichen werden. Die in der Szene bekannte YouTuberin Nessa Elessar, bürgerlich Lisa Maria Koßmann, sagt es ganz offen: bei ihrem nächsten Häuschen würde die Dämmung dicker ausfallen.

Hat alles, was ein Haus braucht: Wohnbereich, Schlafb ereich, WC, Dusche – nur der Keller fehlt. Aber der würde ja zum Sammeln und Horten verführen.


Innenleben eines Tiny Houses, das die aktuelle Energieeinspar-Verordnung (2016) einhält – auch dank eines kleinen Holzpelletofens, der CO2-neutral heizt.


Fotos: Rolling Tiny House

Autarkie? Utopie!

Peter L. Pedersen, Geschäftsführer der Rolling Tiny House GmbH, löst das Problem mit einer Dämmschicht aus Polyurethan-Hartschaum. Es isoliert besser als Holz- oder Hanffasermatten, ideal, wenn die Wandaufbauten aus Platzgründen dünn sein müssen. Seine rollenden Domizile würden als die bisher einzigen auf dem Markt – auch dank kleinem Pelletofen – die Energieeinspar-Verordnung einhalten, die EnEV 2016 (die bei Gebäuden von unter 50 Quadratmetern nicht greift). Pedersen bietet optional auch kleine Solarwärmeanlagen an, hält jedoch insgesamt das energieautarke, ja das autarke Tiny House für schlicht unwirtschaftlich. Für eine komplette Versorgung mit Solarstrom aus eigenen Solarmodulen etwa seien die Dächer zu klein.

Kompakthäuschen „Petit Place“: Laut den Entwicklern ist es stromautark, die Photovoltaikmodule sollen 9.000 Kilowattstunden im Jahr bringen.


Christian Fielden/RoosRos Architecten

Ganzheitlich betrachtet

Generell könnten bescheiden dimensionierte Wohneinheiten durchaus ein Modell für die Zukunft sein, so Anne Söfker-Rieniets. Aber das in Ballungsgebieten, an Stellen, wo konventionelle Gebäude nicht unterzubringen seien. Superkompakte Häuser könnten „… in engen Baulücken, auf Dächern bestehender Häuser … Verwendung finden.“ Draußen im Grünen stellten sie ökologisch betrachtet eher ein Problem dar. Wie im bekannten Tiny House Village im bayerischen Mehlmeisel, im Fichtelgebirge. Weitab von Arbeitsplatz, Ausbildungsstätte, kulturellen Angeboten, Einkaufsmöglichkeiten, sei man auf das Auto oder öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, was zu unnötigen CO2-Emissionen führe. Hier vielleicht ein besserer Ansatz: Wer in der geplanten Tiny-House-Siedlung in Hannover wohnen will, im ecovillage, muss die Genossenschafts-Charta unterschreiben, sich zu einem nachhaltigen Lebensstil verpflichten – und diese Charta schließt zum Beispiel den Bereich der Mobilität ausdrücklich mit ein.

Genügsam – mit Meerblick

Es hilft alles nichts, geht es einem wirklich um Nachhaltigkeit, muss man als Tiny-House-Bewohner über seine 15 oder 25 á la Marie Kondo aufgeräumten Quadratmeter hinausdenken. Der Minimalismus ist eben nur die halbe Miete. Zwar stimmt es, der ach so genügsame Le Corbusier überließ als Gentleman nachts seiner Frau die einzige Bank im spartanisch eingerichteten „Cabanon“, schlief selber auf einer Matratze auf dem Boden. Nicht vergessen allerdings darf man den direkten Zugang der Hütte zum benachbarten Restaurant. Und die Côte d’Azur vor der Tür.

Auf den Namen „FlyingSpaces“ hört dieses Modulhaus. Es kann beispielsweise als Erweiterung dienen, wenn’s im Einfamlienhaus zu eng wird.


SchwörerHaus

Auch Stein auf Stein kann man klein und kompakt bauen: Knapp 80 Quadratmeter bietet dieses Massivhaus.


Roth Massivhaus

Kosten, Vorbereitung, Rechtliches

KOSTEN: je nach Größe, Ausbaustufe, techn. Ausstattung, Komfort usw. – zwischen 35.000 und 120.000 € (Angaben: Tiny House Verband e. V.; Tiny Houses bringen zudem geringere Grundstückskosten mit sich sowie eine niedrigere Grundsteuer.)

VORBEREITUNG, INSPIRATION: Üben, ausprobieren, probewohnen: Wer mit dem Leben im Minihaus liebäugelt, kann z. B. seinen Urlaub in einem Tiny- House-Dorf verbringen. Adressen finden sich unter: tiny-houses.de/minihaus-map/

RECHTLICHES: Wer dauerhaft in seinem Tiny House wohnen will, benötigt ein erschlossenes Grundstück, und zwar im „Innenbereich“ gemäß § 34 Baugesetzbuch (BauGB), d.h. innerhalb eines „im Zusammenhang bebauten“ Ortsteils. Will man sein Minihaus lediglich an den Wochenenden oder in den Ferien nutzen, kann man sich in den Sondergebieten gemäß § 10 Baunutzungsverordnung (BauNVO) umsehen („Sondergebiete, die der Erholung dienen“).

WASSER/ABWASSER: Als Wohngebäude benötigt das Minihaus einen Anschluss an die Wasserver- und die Abwasserentsorgung (Anschluss- und Benutzungszwang). Regenwasser kann zur WC-Spülung eingesetzt werden, seine Nutzung als Trinkwasser ist unzulässig und nicht ungefährlich. Ein Abwassertank müsste regelmäßig geleert werden. Und die Trockenoder Komposttoilette ist nicht jederfraus bzw. jedermanns Sache, außerdem ökologisch bedenklich.

INFO-ADRESSE: www.tiny-house-verband.de – Tiny House Verband e. V., Zusammenschluss von Herstellern, Zuliefererbetrieben, Vereinen von Tiny-House-Besitzern und Interessierten: Adressen von Herstellern, Informationen u. a. zu Bauweisen, Haustechnik, rechtlichen Aspekten

Tiny-Kraftwerk – teuer, aber machbar: Der Sieger des Solar- Decathlons von 2007 deckt den Eigenbedarf mit Solarenergie und erzeugt noch Überschüsse.


Schott AG/TU Darmstadt