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Titel: »Das ist ökologischer Irrsinn«


natur - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 20.09.2019

Die Stiftung Euronatur hat bereits 2013 gemeinsam mit der Naturschutzorganisation Riverwatch die Kampagne „Rettet das Blaue Herz Europas“ gestartet. Heute ist ihr Engagement für die letzten wilden Flüsse wichtiger denn je


Artikelbild für den Artikel "Titel: »Das ist ökologischer Irrsinn«" aus der Ausgabe 10/2019 von natur. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: natur, Ausgabe 10/2019

Gabriel Schwaderer ist Artenschützer aus Passion. Schon seit der Gründung von Euronatur im Jahr 1987 ist er für die Organisation tätig. In der Frühzeit hat er bereits Jugendliche für Natur und Naturschutz in ganz Europa begeistert. Nach dem Studium an der Freien Universität Berlin übernahm der Geograf die Leitung der Euronatur-Projekte zum Schutz von Bär und Luchs. Bereits ein Jahr ...

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... später wurde er Geschäftsführer der Stiftung. Er ist viel unterwegs im Namen der Natur; auf dem Balkan genauso wie am heimischen Bodensee.

natur : Herr Schwaderer, auf dem Balkan geht es derzeit hauptsächlich um Kleinwasserkraftwerke. Sind die für die Umwelt so schlimm? Man sagt doch, klein und angepasst sei gut …
Schwaderer: Kleine Wasserkraftwerke sind weder smart noch angepasst, weil immer entweder eine Staumauer gebaut oder der Großteil des Wassers in Röhrensysteme abgeleitet und damit die gesamte Flussökologie verändert wird. Mehrere Stauwerke nacheinander summieren die negativen Folgen. Damit werden nicht nur Fische am Wandern gehindert, sondern auch Krebse oder Insektenlarven.

Können nicht Fischtreppen die Durchlässigkeit gewährleisten?
Gut gemachte Fischtreppen können das Problem mildern, so dass Fische weiterhin flussaufwärts vorankommen. Flussabwärts folgen die Fische aber in der Regel dem Hauptstrom und geraten deshalb in die Turbinen. Das ist eine tödliche Falle. Aber es geht ja nicht nur um wandernde Arten. Eine Staumauer blockiert den Transport von Sand und Kies. Die Vjosa bringt jedes Jahr fünf Millionen Tonnen davon an die albanische Adriaküste. Etwas weiter nördlich sehen wir am Fluss Drin, welche Folgen Wasserkraftwerke haben: Dort gehen jedes Jahr mehrere Meter Küste durch Erosion verloren, weil das Geschiebe fehlt, das der Drin in der Vergangenheit an der Küste abgelagert hat. Das Delta der Vjosa ist dagegen noch vollkommen intakt und erfüllt alle Kriterien eines Feuchtgebietes von internationaler Bedeutung. Jedes Jahr überwintern dort 50 000 bis 70 000 Wasservögel.

Euronatur hat gemeinsam mit Riverwatch schon 2013 die Kampagne „Rettet das blaue Herz Europas“ gestartet. Was wollen Sie bewirken?
Überall auf dem Balkan gibt es noch Flussschönheiten, wie wir sie in Mittel -europa längst nicht mehr kennen. In Albanien ist es die Vjosa, in Montenegro die Moraca, in Mazedonien die Mala Reka. Sie alle sind wild und ungezähmt. Und das sind nur drei Beispiele für die Vielzahl von Flüssen, die in ihrer Hydromorpho -logie als naturnah oder kaum verändert eingestuft werden. Mit rasender Geschwindigkeit sollen jetzt aber neue Wasserkraftwerke gebaut werden. Das wollen wir verhindern.

Von wie vielen Anlagen gehen sie aus?
Wir haben eine Studie in Auftrag gegeben und wissen von 2790 geplanten Kraftwerken in Albanien, Bosnien und Herzegowina, Slowenien, Kroatien, Bulgarien, Nordmazedonien, dem Kosovo, Griechenland, Serbien und Montenegro. Über 60 Prozent haben lediglich eine Leistung zwischen 0,1 und einem Megawatt. Wenn man jetzt noch berücksichtigt, dass viele Flüsse auf dem Balkan während der Sommermonate kaum Wasser führen, kann man nur sagen: Das ist ökologischer Irrsinn!

Brauchen wir zur Lösung der Klimakrise denn nicht jede Kilowattstunde Strom, die CO2-frei gewonnen wird?
Es geht darum, auch beim Ausbau der erneuerbaren Energien den Schaden an der Natur so gering wie möglich zu halten. Die Balkanstaaten haben nicht nur Wasserkraft, sondern auch ein enormes Son-nen-und Windpotenzial. Ein modernes Windrad kommt heute auf eine Leistung von fünf Megawatt. Ein einziges Windrad kann also 50 Kleinwasserkraftwerke mit jeweils 0,1 Megawatt ersetzen. Die Kosten für Sonnenstrom fallen rapide, und die Sonneneinstrahlung auf dem Balkan ist deutlich höher als in Deutschland.

Strom aus Wasserkraft ist klimafreundlich und wird deshalb von vielen geschätzt. Grundsätzlich. Doch auf den Balkanstaaten wird aus der ökologischen Alternative ein ökologischer Albtraum


Naturverträglichere Alternativen sind also in den Balkanstaaten vorhanden?
Ja, das sind sie. Anders gesagt: Der Naturschaden, den wir mit jedem einzelnen Kleinwasserkraftwerk anrichten, ist um ein Vielfaches größer als der, den Windräder und Fotovoltaikanlagen an den richtigen Standorten verursachen. Deshalb appellieren wir an alle Beteiligten und vor allem die Menschen in den Balkanstaaten, ihre Flüsse zu erhalten und endlich die Alternativen zu nutzen, vor allem die Sonne.

Haben Sie Partner, die Sie bei diesen Zielen unterstützen?
Die Berner Konvention – das ist ein amtlicher, internationaler Vertrag zwischen europäischen Staaten zum Schutz wildlebender Pflanzen und Tiere in Europa – hat ein Verfahren gegen Albanien eröffnet und die albanische Regierung aufgefordert, die Wasserkraftprojekte an der Vjosa auszusetzen. Sogar die Interessensvertretung der großen Industriebetriebe in Albanien hat einen vergleichbaren Appell an die Regierung gerichtet. Wir hoffen aber auch, dass die Bundesregierung und die EU-Institutionen ihre Möglichkeiten nutzen, sämt -liche Balkanstaaten dazu zu bringen, ihre Wasserkraftpolitik zu überdenken. Diese wunderbaren Flüsse müssen erhalten bleiben. Internationale Finanz -institute und die Weltbank fordern wir auf, in den Tabuzonen keine Projekte durch Kredite zu finanzieren.

Sind diese Tabuzonen klar definiert?
Selbstverständlich! Das sind sämtliche Flüsse, deren ökologische Qualität als blau oder grün eingestuft wird. Blau steht für intakt und natürliche Dynamik – sprich: nicht begradigt, nicht betoniert oder gestaut –, grün für naturnah und nur wenig verändert. Wir haben eine Karte erstellen lassen, die das eindeutig zeigt. Und wir sehen, dass auf dem Balkan noch so viele Flüsse der Kategorie blau zuzuordnen sind wie sonst nirgendwo in Europa. In Albanien sind es 60 Prozent, in Deutschland nicht einmal zehn. Knapp 70 Fischarten kommen nur hier vor und in keinem anderen Gewässer auf der Welt. Deshalb sagen wir: Das blaue Herz Europas schlägt auf dem Balkan.


Foto: Andi Go_tz, picture alliance / Arco Images / F. Scholz