Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 7 Min.

Titel: Energiewende an der Kette


neue energie - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 09.02.2019

Derschleppende Netzausbau in Deutschland bremst die Errichtung neuer Windparks aus. Ob das neue Netzausbaubeschleunigungsgesetz kurzfristig wirken kann, wird von Experten stark bezweifelt.


Mit beachtlicher Beharrlichkeit betont Peter Altmaier die Bedeutung neuer Stromtrassen. Bereits in seiner Zeit als Bundesumweltminister verwies er vor Jahren auf den Zusammenhang zwischen Erneuerbaren- und Netzausbau. Daraus wurde eine gefährliche Formel: Die Errichtung neuer Windparks soll sich nach dem Fortschritt beim Leitungsbau richten. So steht es im Koalitionsvertrag vom März 2018.

Das Thema ist bestens ...

Artikelbild für den Artikel "Titel: Energiewende an der Kette" aus der Ausgabe 2/2019 von neue energie. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: neue energie, Ausgabe 2/2019

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von neue energie. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 2/2019 von Bild des Monats. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Bild des Monats
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von News. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
News
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von Deutschland: Bezahlbar bauen, aber öko. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Deutschland: Bezahlbar bauen, aber öko
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von Deutschland: Wie bewerten Sie den Abschlussbericht der Kohlekommission?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Deutschland: Wie bewerten Sie den Abschlussbericht der Kohlekommission?
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von Deutschland: Das Monstrum kommt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Deutschland: Das Monstrum kommt
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von Interview des Monats: Deutschland „Es gibt für uns keinen chinesischen Weg“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Interview des Monats: Deutschland „Es gibt für uns keinen chinesischen Weg“
Vorheriger Artikel
News
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Titel: Interview „Für die Windbranche sehe ich keine E…
aus dieser Ausgabe

... geeignet, die gesamte Energiewende an die Kette zu legen. Bekanntlich geht es mit Neubau und Optimierung der Netze kaum voran (neue energie 05/2018; siehe Seite 42). So könnte der Erneuerbaren-Branche eine jahrelange Hängepartie bevorstehen. Denn mit den aktuell entstehenden neuen Gesetzen und Verordnungen dürfte es kurzfristig kaum zu einer Beschleunigung der Prozesse kommen. Zumal noch völlig im Dunkeln liegt, wie die dringend benötigten innovativen Technologien finanziert werden sollen.

Netzbooster – technologisch interessant, aber noch nicht einsatzreif

Große Batterien könnten im Stromnetz künftig als sogenannte Netzbooster fungieren: Mit ihrer Hilfe wäre es möglich, überschüssigen Strom aus Hochphasen der Energieproduktion zwischenzuspeichern und in einer Engpassphase zeitlich verschoben wieder ins Netz einzuspeisen. Das würde Redispatch- Maßnahmen drastisch reduzieren, ein Rückgang bis auf ein Drittel wäre nach Expertenanalysen denkbar. Das Problem dabei: Batterien auf der Basis von Lithium-Ionen-, Natrium- Schwefel- oder Redox-Flow-Systemen stehen zwar prinzipiell schon zur Verfügung. Nach welchen Regeln sie als Puffer im Stromnetz betrieben werden können, muss jedoch erst noch geklärt werden. Zudem ist ihr Betrieb bislang unwirtschaftlich. Die Speicherkosten je Kilowattstunde liegen selbst bei intensiver Nutzung mindestens bei zehn bis 30 Cent. Werden die Batterie-Netzbooster nur einige Male pro Jahr genutzt, erhöhen sich die Kosten noch weiter.

Günstiger, in den Schaltzeiten allerdings deutlich träger, wären Powerto- Heat-Anlagen. Sie bestehen im Kern aus Stahl- oder Betonblöcken, die sich aufheizen lassen und mit ihrer Wärme später zur Stromproduktion beitragen können. In Pilotprojekten funktionieren erste Anlagen dieser Art bereits, auch für sie fehlen jedoch noch verbindliche Konzepte zur Einbindung in die Stromnetze. (jol)

Klar ist aber: Schon oft haben juristische Streitigkeiten um Infrastrukturprojekte Jahre gedauert – gerade auch beim Netzausbau.

Das neue Nabeg bietet über die Änderung der Genehmigungsverfahren hinaus noch etliche andere neue Instrumente. Felix Matthes, Forschungskoordinator Energie- und Klimapolitik am Öko-Institut, ist überzeugt, dass die in der Novelle enthaltenevorausschauende Planung tatsächlich zu mehr Tempo führen kann. So soll künftig die Verlegung von Leerrohren entlang neuer Stromtrassen durch die BNetzA genehmigungsfähig sein. „Die neue Qualität ist an dieser Stelle, dass man künftige Planungen sehr viel schlanker gestalten kann. Zudem wird die Zuständigkeit bei dem Thema den Übertragungsnetzbetreibern teilweise aus der Hand genommen und der Politik mehr Spielraum zugewiesen. Man kann dann viel einfacher die Diskussion über das Zielnetz führen, die wir ja brauchen.“

Auch die jetzt vorgesehenenbundeseinheitlichen Entschädigungszahlungen für betroffene Landwirte sieht Matthes positiv. „Wenn damit weniger Widerstände zu überwinden sein werden, kann das viel Zeit sparen. Hinsichtlich des Wunsches nach wiederkehrenden Zahlungen denke ich, dass auch das irgendwann kommen und die sogenannte Hochspannungsmaut Realität werden wird“, erklärt der Energieexperte. Schnelle Effekte seien jedoch nicht zu erwarten. „Es wird ein bisschen geliefert. Mittel- und langfristig in jedem Fall, kurzfristig eher nicht.“

Zudem weist Felix Matthes auf kritische Punkte hin – dieNeuregelung des sogenannten Engpassmanagements etwa. Im Nabeg 2.0 ist vorgesehen, zwei Systeme zusammenzuführen, mit denen die Netzbetreiber auf Engpässe im Netz reagieren: das Einspeisemanagement für Erneuerbaren-Anlagen und den Redispatch für konventionelle Kraftwerke. Matthes kennt die Stimmungslage in der Erneuerbaren-Branche – dort machen sich Sorgen breit, dass mit „einem einheitlichen Regime“, wie es im Nabeg heißt, künftig Windkraftanlagen noch öfter gedrosselt werden könnten, als das bislang schon der Fall ist. „Das könnte geschehen, wenn es zu einer ungeeigneten Ausgestaltung der neuen Regelung kommt. Was also nicht sein darf, ist eine Abregelung allein aus der Perspektive der Redispatch-Kosten. Denn die Erneuerbaren haben kurzfristige Grenzkosten von Null. Es muss dafür gesorgt werden, dass der Einspeisevorrang, der nach wie vor gilt, auch weiterhin tatsächlich umgesetzt wird“, betont Matthes. Es gelte, das Optimum für die Transformation des Systems zu wählen, nicht das Optimum aus der Kostenperspektive des Engpassmanagements.

Um die Kostenfrage geht es ganz generell beim Netzausbau, wie auch bei der dringend nötigenEntwicklung innovativer Technologien zur Optimierung des Bestandsnetzes und des Netzbetriebs (siehe Seite 44) – darunter fallen etwa sogenannteNetzbooster (siehe links) oder die automatisierte Netzführung. Geregelt wird das über die Anreizregulierungsverordnung. Mit ihr setzt die BNetzA die Erlösobergrenzen für Netzbetreiber fest. Im „Aktionsplan Stromnetze“ räumt das BMWi freimütig ein, dass „die Anreizregulierung und insgesamt der rechtliche Rahmen noch nicht die notwendigen Anreize für eine Optimierung der Netze und einen zügigen Netzausbau“ setze.

Viele Experten stimmen dieser Einsicht zu. Die beiden Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Consentec, Christoph Maurer und Wolfgang Fritz, sind Kenner der Materie. „Wenn heute ein Netzausbauprojekt beschlossen ist, im Netzentwicklungsplan steht und von der BNetzA bestätigt wurde, dann ist praktisch gesichert, dass es über die Anreizregulierung als Investitionsmaßnahme behandelt wird und die Kosten zunächst ohne Kürzungen über die Netzentgelte refinanziert werden können“, erklärt Fritz. Es könne Jahre dauern, bevor ein relativ geringes Risiko besteht, dass die Gelder mangels Effizienz gekürzt werden. „An dieser Stelle darf man durchaus die Frage stellen, ob es einen Anreiz dafür gibt, die Projekte so kostengünstig und zügig wie möglich voranzutreiben“, merkt Fritz an. Einen Lösungsansatz sieht er etwa darin, künftig zu belohnen, wenn der Bau einer Trasse kostengünstiger ausfällt oder schneller abgeschlossen wird, als ursprünglich veranschlagt worden war.

Schwer aufzulösen ist jedoch, dass die Regulierung kaum zur Entwicklung ganz neuer Technologien passt. „Innovation hat mit Risikoübernahme zu tun. Netzbooster beispielsweise bieten große Chancen. Meines Wissens nach werden sie aber bislang nirgends auf der Welt angewendet. Es gibt also ein gewisses unternehmerisches Risiko, falls diese Technologie nicht sofort reibungslos funk- tioniert. Es stellt sich die Frage, wer dieses Risiko trägt, egal wie klein es sein mag“, sagt Christoph Maurer. Als grundsätzliches Problem sieht er, dass ein Übertragungsnetzbetreiber nicht wie ein herkömmliches Unternehmen am Markt investieren und auf höhere Renditen hoffen kann. Das führe zu einer Abneigung gegenüber Risiken.

Doch die Zeit drängt. Das Winterpaket der EU, mit dem die weitere Öffnung des europäischen Stromhandels beschlossen wurde, wie auch der Erneuerbaren-Ausbau, der in Deutschland bis 2030 65 Prozent erreichen soll, machen schnelle Fortschritte nötig. Das gilt gerade auch für den digitalisierten Netzbetrieb. Deutlich weniger Risiken bei Entwicklung und Einsatz von neuen Technologien sieht Maurer bei einer schrittweisen Einführung. „Man würde erst ein paar Grundsatzstudien erstellen, dann kleine Pilotprojekte starten und auswerten, Begleitforschung dazu machen und danach den nächstgrößeren Schritt unternehmen. Aber auf diese Weise ist man ganz schnell im Jahr 2030 oder 2035. Und das ist ein Zielkonflikt“, betont der Energieexperte.

Eine Lösung könnte darin bestehen, den Auftrag der BNetzA zu ändern und ihr die Rolle des Unternehmers zuzuweisen. „Neben der bestehenden Aufgabe, die Netzkosten möglichst zu minimieren, müsste die BNetzA auch Innovationen voranbringen dürfen. Damit hätte sie einen besseren Stand gegenüber dem Bundesrechnungshof, falls bei einer Technologie vielleicht mal höhere Kosten entstehen“, so Maurer. Dafür müsste allerdings wiederum jemand die politische Verantwortung übernehmen.

Ob man darauf hoffen darf? Felix Matthes klingt wenig zuversichtlich: „Die gesamte Netzregulierung kommt aus einer anderen Zeit und muss dringend überarbeitet werden, denn sie hat letztlich keine richtige Antwort auf die durch die Energiewende bedingten Investitionen. Der dringend nötige Prozess, die Anreizregulierungsverordnung neu zu fassen, ist derzeit jedoch nicht in Sicht.“ Dies könnte auch noch eine ganze Weile so bleiben. Ganz grundsätzlich stellt Matthes fest, dass die Materie auf der einen Seite hochkomplex ist und auf der anderen Seite im politischen System ein Unwille vorherrscht, sich vertieft damit zu beschäftigen.

Matthes hätte sich deshalb gewünscht, dass der Bundestag in der letzten Legislaturperiode eine Enquete-Kommission eingesetzt hätte. „Dann hätten sich Abgeordnete und Wissenschaftler auf der Fachebene über einen längeren Zeitraum hin- weg sowie in der notwendigen Zusammenschau der unterschiedlichen Themen wirklich intensiv mit den Fragen der Systemtransformation beschäftigen können“, erklärt er. „So haben wir im Moment einerseits die Übermacht der Administration und auf der anderen Seite politische Entscheidungsträger, die immer nur an komplexen und schwer überschaubaren Einzelfragen mit der Materie konfrontiert werden.“

Dass solche Einsichten noch Eingang ins Nabeg 2.0 finden, ist höchst unwahrscheinlich. Der Entwurf soll am 14. März in zweiter und dritter Lesung durch den Bundestag gebracht werden. Schon jetzt scheint festzustehen, dass das neue Netzausbaubeschleunigungsgesetz das in seinem Namen enthaltene Versprechen auf kurze Sicht nicht einlösen kann.


Illustration: Pascal Thomas