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TITEL: JACK NICHOLSON: DIE MACHT DES ES


arte Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 7/2019 vom 27.06.2019

PORTRÄT Teufel, Joker, Psychopath: Wann immer Hollywood den Wahnsinn suchte, war Jack Nicholson zur Stelle. Kaum einer verkörperte den Typus des widerspenstigen Mannes überzeugender – voll Triebhaftigkeit und Freiheitsliebe.


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Bildquelle: arte Magazin, Ausgabe 7/2019

Es ist, einerseits, eine Szene, wie sie jedem passieren kann: Man sitzt im Restaurant, bestellt, möchte aber andere Beilagen. Doch die Kellnerin weigert sich strikt: „Nicht vorgesehen.“ Es ist, andererseits, eine Szene mit filmhistorischer Bedeutung. In dem Charakterdrama „Five Easy Pieces – Ein Mann sucht sich selbst“ (1971) wird Jack Nicholson in der Rolle eines frustrierten ...

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... Außenseiters auf diese Weise von der Bedienung abgekanzelt. Statt klein beizugeben, reagiert er mit Trotz: Er wischt, mit nur einer Armbewegung, sämtliche Gläser vom Tisch.

Damals, Anfang der 1970er Jahre, befand sich Jack Nicholsons Karriere noch in ihrer Anfangsphase. Der Film brachte ihm seine erste Oscarnominierung für die beste Hauptrolle ein – die zwei Sekunden dauernde Tischszene allerdings legte den Grundstein für das Image, das der Schauspieler in den folgenden Jahrzehnten genüsslich ausbauen sollte.

Nicholson hatte offenbar schon früh eine klare Vorstellung von seiner Wunschidentität als Schauspieler. Konsequent arbeitete er sich an einem ganz bestimmten Typus Mann ab: dem Widerspenstigen, der mit seiner überschäumenden Emotionalität die Regeln der Gesellschaft durchbricht und dabei zu einem – teils fragwürdigen – Symbol urtümlicher Freiheit wird. Im Nonkonformisten-Epos „Easy Rider“ (1969) saß Nicholson marihuanarauchend am Lagerfeuer. Später wurde er zum hormongetriebenen Vagabunden in „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ (1981), zum Teufel, der die „Hexen von Eastwick“ (1987) verführte, zum Joker, der „Batman“ (1989) auf der Nase herumtanzte, zum menschlichen „Wolf “ (1994) oder zum Militärkommandeur, der in „Eine Frage der Ehre“ (1993) über Recht und Gesetz zu stehen glaubte. Im mit fünf Oscars ausgezeichneten „Einer flog über das Kuckucksnest“ (1976) sprengte Nicholson die menschenverachtende Ordnung einer Psychiatrie. Und wenn er wie in „Besser geht’s nicht“ (1998) in seinen eigenen Zwangsvorstellungen gefangen war, dann bezog der Film seine Spannung daraus, dass er lernt, diese zu überwinden. Eine bitterböse Variation seines widerspenstigen Grundcharakters zeigte Nicholson in „Shining“ (1980), in dem er die Zwänge von Familien- und Berufsleben mit der Axt kleinzuhacken versucht.

„Alles Autobiografie“

Doch wie viel seiner Persönlichkeit steckt in dem konstant verkörperten Rollentypus? War er es selbst, den er da immer und immer wieder verkörperte? „Es ist alles Autobiografie“, stellte Jack Nicholson dazu klar. Bei einem Interview zu einem seiner Spätwerke war davon jedoch zunächst wenig zu spüren. Da wirkte der mittlerweile 82-jährige Hollywood-Star wie ein friedfertiger Rentner, der es gemütlich angehen lässt – zumindest solange, bis er sich in der Nichtraucher-Hotelsuite eine Zigarette ansteckte. Und dann noch eine. Ein Akt der Rebellion. Noch immer.

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FOTOS: PROD DB / ALLPIX PRESS, DDP / INTERTOPICS, CPT HOLDINGS, INC/ARTE, SUKI DHANDA / THE GUARDIAN / EYEVINE / LAIF

Karriere als Macho:
In „Die Hexen von Eastwick“ (1987) verführte Jack Nicholson gleich drei Frauen (1). Seine damalige Partnerin Anjelica Huston (2) war davon sicherlich nicht begeistert. Auch in der Zusammenarbeit mit Männern zeigte sich Nicholson als Macker, so zum Beispiel in „Easy Rider“ (1969) mit Peter Fonda (3)

Freie Liebe – ein Leben lang

Womöglich machte das Alter seinen Charakter etwas milder. Auch der Umstand, dass Nicholson unausgesprochen den Ruhestand antrat – vergangenes Jahr stieg er aus dem geplanten US-Remake von „Toni Erdmann“ (2016) aus –, deutet an, dass das Feuer erloschen ist. Es heißt, er leide unter Gedächtnisverlust. Indes: Der wahre Jack Nicholson ließ sich sowieso nicht unbedingt im Rahmen offizieller PR-Auftritte erleben. Bezeichnend war eher der Dreh zu „Departed – Unter Feinden“ (2006), wo er Martin Scorsese explizite Vorschläge zur Sexualität seiner Figur, einem exzentrischen Gangsterboss, machte. Der Regisseur nahm dankend an. Deshalb ist Nicholson in einer Szene mit einem übergestülpten Dildo zu sehen.

Dieses Beispiel ist nicht zufällig gewählt. Denn wer das Phänomen Nicholson erklären will, der muss auch seine, vorsichtig formuliert, äußerst starke Libido miteinbeziehen. Die Tatsache, dass er auf zahllose Beziehungen und Affären zurückblicken kann – eine seiner prominentesten Partnerinnen war Anjelica Huston –, ist dabei zweitrangig. Entscheidend ist, dass er, klassisch für Männer seiner Generation, die Sexualisierung des Lebens als etwas Selbstverständliches betrachtete. Und zwar seit Beginn seiner Zeit in Hollywood. Mit 17 bekam er einen Bürojob beim Studio Metro-Goldwyn-Mayer. Am prägendsten empfand er dabei, das hat er oft erzählt, die Situation, wie er der Schauspielerin Lana Turner bei Dreharbeiten unter den Rock schauen konnte. „Ich war an der technischen Seite des Filmemachens nicht interessiert“, bekannte er sich offen zum Chauvinismus. Zu den Hochzeiten der sexuellen Revolution, in den späten 1960ern, spazierte Nicholson zu Hause auch schon mal mehrere Monate lang ausschließlich nackt herum. Von Protesten seiner ältesten Tochter, die damals neun Jahre alt war, ließ er sich dabei nicht beirren. In seiner Regiearbeit „Drive, He Said“ (1971) setzte er in mehreren Szenen eine nackte Darstellerin ins Bild – ohne dramaturgische Notwendigkeit, nur um die Freigabebehörde zu irritieren.

Mit der Sensibilität von heute betrachtet, wirken viele von Jack Nicholsons Aktionen fragwürdig und sexistisch.


FOTOS: JACK ROBINSON / HULTON ARCHIVE / GETTY IMAGES