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Titel: Nichts sehen, nichts forschen, nichts tun


natur - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 21.02.2020

Wie Behörden und Bieneninstitute in Deutschland über Jahrzehnte hinweg die Gefahren durch Neonicotinoide heruntergespielt und totgeschwiegen haben


Artikelbild für den Artikel "Titel: Nichts sehen, nichts forschen, nichts tun" aus der Ausgabe 3/2020 von natur. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: natur, Ausgabe 3/2020

Wer Gift sät…Neonicotinoide gelangen meist schon gemeinsam mit dem Saatgut in den Boden


»Das Ministerium hat mehr oder weniger bei Bayer um Erlaubnis gefragt«
Walter Haefeker, Europäischer Berufsimker-Verband

Es gibt eine Anekdote, die bezeichnend ist für die Beziehung des Bundeslandwirtschaftsministeriums und seiner untergeordneten Behörden zu Agro- Konzernen wie der Bayer AG. Im Jahr 2013 hatte die EU-Kommission ein Teilverbot von drei Neonicotinoiden ...

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... vorgeschlagen. Dieses Verbot bedurfte der Zustimmung der Mitgliedsstaaten. Kurz vor der entscheidenden Abstimmung rief ein Mitarbeiter des deutschen Bundeslandwirtschaftsministeriums (BMEL) Helmut Schramm an, den damaligen Geschäftsführer von Bayer Crop Science, jener Konzernsparte also, die für Pflanzenschutzmittel zuständig ist. Der Mann vom Ministerium erklärte dem Bayer- Chef, dass die Bundesregierung beabsichtige, in Brüssel für das Verbot zu stimmen. Trotz intensiver Bemühungen war es nicht gelungen, eine Mehrheit dagegen zu organisieren.

Der Inhalt dieses Telefonats wurde Walter Haefeker, dem Präsidenten des Verbandes der europäischen Berufsimker, von Quellen sowohl aus dem Chemieunternehmen als auch aus dem BMEL zugetragen. Haefeker ist bis heute verwundert darüber, dass sich das Ministerium bei dem Dax-Konzern derart angebiedert hat: „Es hat mehr oder weniger bei Bayer um Erlaubnis gefragt, mit Ja stimmen zu dürfen, da man mit einem Nein oder einer Enthaltung dem Konzern ohnehin nicht mehr helfen könnte – und man die damalige Ministerin, Ilse Aigner, im bevorstehenden bayerischen Landtagswahlkampf aus der Schusslinie halten wollte.“

Der Anruf unterstreicht den Eindruck, dass deutsche Behörden seit der Zulassung der Neonicotinoide Anfang der 90er Jahre ziemlich bereitwillig die Position der Hersteller vertreten, anstatt, durch weltweit veröffentlichte kritische Studien aufgeschreckt, die Zulassungen nochmals gründlich zu hinterfragen. Das änderte sich auch nicht, als 2013, nach der Analyse von rund 1500 Studien, die drei Neonicotinoide wegen der von ihnen ausgehenden Gefahren für Bienen EU-weit verboten wurden. Neonicotinoide als Bienenkiller? Das dem BMEL unterstehende Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hält bis heute an einem Standpunkt fest, der direkt von der Bayer-Pressestelle stammen könnte: „Ein Zusammenhang ist wissenschaftlich nicht nachgewiesen“, schreibt die Behörde auf Nachfrage. Vielmehr sei der Schwund der Lebensräume durch die Zunahme an Agrarflächen schuld. Das BVL ist in Deutschland für die Zulassung von Pestiziden verantwortlich, zusammen mit dem für den Bienenschutz zuständigen Julius-Kühn- Institut (JKI). Letzteres sieht nach wie vor keine grundsätzliche Gefahr durch die Insektizide. Auf Nachfrage schreibt das JKI: „Es gibt Anwendungen bestimmter Neonicotinoide, von denen bei sachlich richtiger Anwendung keine unvertretbaren Effekte auf Bienen unter Praxisbedingungen ausgehen.“

Hinweise, dass die Neonicotinoide viel mehr als andere Insektizide in ganze Ökosysteme eingreifen, gibt es schon lange. Aber die deutschen Behörden sahen weg. Auch schon im Jahr 1999, als der Toxikologe Jean-Marc Bonmatin die enorme Gefahr von Imidacloprid, des ersten auf dem Markt verfügbaren Neonicotinoids, für Bienen nachwies und dessen Anwendung daraufhin in Frankreich für den Sonnenblumenanbau verboten wurde. Eine japanische Studie drei Jahre später (vgl. S. 18), wonach die gegen Insekten gerichteten Gifte auch Fische und Krebse – und das schon in geringen Mengen – töten, weckte die Be- hörden ebenfalls nicht auf. „Die Studie wurde (…) geprüft und fand Eingang in die Bewertung. In der Gesamtbetrachtung der Faktenlage bot die Studie keinen Anlass, die Einstufung zu widerrufen“, teilt das JKI mit.

Steht nicht im Ruf, der industriellen Landwirtschaft mit allzu kritischer Distanz zu begegnen: das Bundeslandwirtschaftsministerium


Auffällige Zurückhaltung in Deutschland
Während sich weltweit die Hinweise auf die Gefahr durch die Nervengifte für Bienen, Insekten und andere Tiere verdichteten, hielten sich die Behörden hierzulande auffällig zurück. Jens Pistorius, der beim JKI für den Bienenschutz zuständig ist, stellte in einem Interview sogar fest: „Es gibt kein Bienensterben, wie es oft in den Medien verbreitet wird.“ Pistorius müsste es besser wissen. Mehr als die Hälfte der Wildbienen in Deutschland steht auf der Roten Liste. Mehr als 30 Arten sind sogar vom Aussterben bedroht. Und die Bestände der Europäischen Honigbiene (Apis mellifera) sind nur deswegen konstant, weil die Imker durch Teilungen von Völkern und Zukauf von Bienenköniginnen die hohen Verluste ausgleichen, die seit der Einführung der Neonicotinide zur neuen Normalität geworden waren.

Doch die Behörden sind nicht die einzigen, die wegsehen. Auch was wirklich unabhängige Studien zur Wirkung dieser Insektizide betrifft, war Deutschland, das Stammland der Bayer AG, lange ein weißer Fleck. Die Mehrzahl der Arbeiten zu den Neonicotinoiden stammte lange Zeit von den Herstellern selbst und mit der Untersuchung von Bienenkrankheiten beschäftigten sich wissenschaftlich fast ausschließlich die Bieneninstitute – spezialisierte Forschungsanstalten, die aber auch für die Industrie arbeiten. Dazu kommt die erhebliche wirtschaftliche Bedeutung eines Unternehmens wie der Bayer AG als Arbeitgeber und Steuerzahler. Der Konzern beschäftigt hierzulande rund 32 000 Menschen. Weltweit betrug der Umsatz im Jahr 2018 fast 40 Milliarden Euro. Mit Insektiziden verdient Bayer rund 1,4 Milliarden Euro. Die erfolgreichsten sind die Neonicotinoide. Schätzungsweise 25 Prozent aller Insektizide weltweit stammen aus dieser Wirkstoffgruppe. Und Pestizide wie die von Bayer sind auch einer der Grundpfeiler, ohne die die industrielle Landwirtschaft nicht bestehen könnte. An ihr hängt die Existenz von mehr als 90 Prozent der deutschen Landwirte.

Auf der anderen Seite geht es um die Existenz der Honigbiene – und um viel mehr. Denn die fleißige Sammlerin gilt, obwohl sie domestiziert ist, als der direkte Draht in die wilde Natur: Stimmt mit ihr etwas nicht, geht es vielen anderen Insekten und Krabbeltieren sehr wahrscheinlich auch schlecht. Zudem ist die Honigbiene für den Menschen unverzichtbar, gilt sie doch nach Schwein und Rind als das dritt- wichtigste Nutztier. Ihre Bestäubungsleistung – und daneben natürlich auch die von Wildbienen, Hummeln oder Schwebfliegen – ist für viele Kulturpflanzen unersetzlich.

Die Imker waren die ersten, die auch in Deutschland bemerkten, dass mit ihren Bienen etwas nicht stimmte. Um zu bestimmen, wie gesund Bienenvölker sind, vergleicht man den Bestand vor und nach dem Winter. In der kalten Jahreszeit rücken die Stockbienen zusammen. Frost und andere Faktoren setzen ihnen zu. Hat ein Volk ein starkes Immunsystem, kann es diese Zeit durchhalten. „Mein Lehrmeister sagte zu mir: Wenn mehr als drei Prozent deiner Bienenvölker den Winter nicht überleben, dann bist du ein schlechter Imker“, erklärt Christoph Koch, einer der wenigen professionellen Bienenzüchter Deutschlands. Er und seine Kollegen beobachteten, dass mit der Einführung der Neonicotinoide in den 90er Jahren viel mehr Bienenvölker den Winter nicht überlebten, Imker plötzlich 20 bis 30 Prozent der Völker verloren. „Stellen Sie sich mal vor, 30 Prozent aller Rinder auf den Weiden würden plötzlich tot da liegen. Dann wäre hier der Teufel los. Aber die Bienen sind so klein.“ Koch und andere Imker baten die staatlichen Bieneninstitute, etwa in Hohenheim und in Celle, um Hilfe. „Dort sagte man uns nur, dass wir mehr gegen die Varroamilbe tun sollten“, erinnert sich Koch. „Man gab uns die Schuld.“ Doch vor allem die Profi- Imker misstrauen den Bieneninstituten bis heute.

»Es gibt kein Bienensterben, wie es oft in den Medien verbreitet wird«
Jens Pistorius, Julius-Kühn-Institut

Parasitenplage: Von Pestiziden geschwächte Bienenlarven werden häufiger durch Varroamilbenbefall dahingerafft


Hierzulande konzentriert man sich seit Jahrzehnten eher erfolglos auf Rezepte zur Ausrottung der Varroa- milbe. Der Parasit wurde in den 70er Jahren aus Asien eingeschleppt, von deutschen Wissenschaftlern. Er lebt vom Blut der Bienen und überträgt beim Saugen Krankheiten. Nichtsdestotrotz konnte ein starkes Bienenvolk lange Zeit eine hohe Anzahl an Milben aushalten. Plötzlich aber starben die Bienen bei einem vergleichsweise geringen Befall. Ende der 90er Jahre fanden französische Wissenschaftler den Grund: Die Neonicotinoide schwächten das Immunsystem der Bienen und machten sie anfälliger für Parasiten.

Die deutschen Bieneninstitute allerdings kamen zu anderen Ergebnissen. Bei einem Treffen von deutschen und französischen Forschern im Januar 2004 in Straßburg kam es zum Eklat. In einem internen Protokoll, das natur vorliegt, werden die deutschen Bieneninstitute bloßgestellt: „Da die Quelle der angesprochenen deutschen Labordaten nicht vorliegt und die deutschen Institute nicht in der Lage sind, diese Analysen durchzuführen, lassen sich wahrscheinlich die Unterschiede dadurch erklären, dass diese Daten vom Hersteller stammen.“ Den deutschen Instituten wurde schlichtweg die Kompetenz abgesprochen. Und noch schlimmer: Sie hatten ihre „Erkenntnisse“ offenbar direkt von Bayer und Co. kopiert.

Für den französischen Toxikologen Jean-Marc Bonmatin vom unabhängigen Forschungsinstitut CNRS ist die Tatsache, dass sich die deutschen Bieneninstitute auch durch Industriegelder finanzieren, für eine unabhängige Forschung verheerend: „In Frankreich sind die Leute skeptischer. Diese Haltung bringt die Labore, zumindest die mit öffentlichen Geldern geförderten (…), dazu, investigativer zu forschen und dementsprechend auch andere Entdeckungen zu machen. Entdeckungen, die die Deutschen eben nicht machen.“

Fragwürdiges Bienenmonitoring
Im Herbst 2004, also erst fünf Jahre nach dem Verbot des ersten Neonicotinoids in Frankeich, wurde das „Deutsche Bienenmonitoring“ ins Leben gerufen. Es sollte nun auch hierzulande die hohen Winterverluste bei den Bienenvölkern untersuchen. Federführend allerdings waren ausgerechnet diejenigen Bienen - institute, die unter anderem von Aufträgen der Pestizidhersteller leben. Und auch die Hersteller selbst saßen im Projektrat – in den ersten Jahren wurde das Monitoring sogar komplett von Bayer, Syngenta und BASF finanziert. Auch das staatliche BVL und der industriefreundliche Deutsche Bauernverband waren daran beteiligt. Zunächst waren auch die Berufsimker mit von der Partie; doch schnell wurde ihnen klar, dass es hier nicht um eine objektive Aufklärung ging. „Jedes Jahr gab es einen Jahresbericht und jedes Jahr gingen wieder die Meldungen durch die Presse: Die Varroamilbe ist ganz furchtbar. Bei den Pflanzenschutzmitteln können wir leider nichts finden“, sagt Imkerpräsident Walter Haefeker. „Wir haben natürlich zunehmend kritisiert, wie das ganze Bienenmonitoring aufgebaut ist. Dass man mit der zugrunde - liegenden Methodik einen Zusammenhang gar nicht finden könnte, selbst wenn er da wäre.“

Einige Leidtragende der Chemiekeulen von Bayer und Co: Wespenbiene, Erdhummel und Honigbiene (von oben links im Uhrzeigersinn)


Bayer und die Bieneninstitute schlugen dennoch Kapital aus der Studie. Bis heute fließen gut dotierte staatliche Forschungsmittel für die Varroabekämpfung an die Bieneninstitute. Und Bayer verkauft mit Bayvarol und Polyvar zwei Mittel gegen die Milbe. Das Bienenmonitoring ließ sich auch öffentlichkeitswirksam gut ausschlachten. Noch im Jahr 2011 titelte Spiegel Online: „Tödliche Milben: Hauptschuldige für Bienensterben sind gefunden.“

Das massenhafte Bienensterben im April 2008 indes, als im Rheingraben 12 000 Bienenvölker an den Folgen einer Neonicotinoidvergiftung starben (vgl. S. 15), könnte in der Bayer-Chefetage zumindest zeitweilig für Panik gesorgt haben. Es war die weltweit größte Vergiftung von Bienen aus legaler Anwendung. Auch hier war aber der Schuldige schnell gefunden. Nicht die Bayer-Gifte, sondern fehlerhafte Saatgutmaschinen und eine schlechte Beizmethode waren der Auslöser – sagten unisono Bayer und das badenwürttembergische Landwirtschaftsministerium. Letzteres bot den Imkern später unbürokratisch – im Namen von Bayer, auf ministeriumseigenem Briefpapier – eine Entschädigung für den Verlust der Bienenvölker an. Insgesamt zwei Millionen Euro wurden ausgezahlt. Der Haken dieser Gönnerhaftigkeit: Im Gegenzug sollten die Imker auf jegliche zukünftige Schadensersatzforderung gegen Bayer verzichten. Für Imker Christoph Koch war das nichts anderes als ein moderner Ablasshandel. „Das Land Baden-Württemberg und Bayer wollten sich freikaufen“, sagt Koch.

Auch unter Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner wird Bienenschutz eher zaghaft betrieben. Eine von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit entwickelte Richtlinie, die strengere Zulassungstests für Pestizide in der EU vorsieht, liegt seit sechs Jahren auf Eis. Diese „Bee Guidance“ würde das Risiko, dass ähnliche Wirkstoffe wie die Neonicotinoide auf den Markt kommen, verringern.

Franziska Achtberger, die für Greenpeace die Zulassungsverfahren von Pestiziden seit Jahren beobachtet, sieht den großen Einfluss der Chemiekonzerne noch immer ungebrochen: „Die Hersteller sagen: Ihr bekommt die Pestizide oder ihr bekommt die Insekten. Ihr könnt nicht beides haben. Die EU ist eingeknickt. Die einzelnen Mitgliedsländer sind eingeknickt. Auch die deutsche Bundesregierung ist eingeknickt.“


Foto: Berndt Welz, Hans Blossey / imageBROKER / ddp, Schoening / Bildagentur-online / dpa

Foto: Peter Sierigk / epd-bild, ANAND VARMA / National Geographic, Stefanie Mösch / naturimdetail.de / BUND (2), Michel Rauch / BIOSPHOTO / Flora Press