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Titel.BAUHAUS-JAHR: 100 JAHRE BAUHAUS


Monopol - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 20.12.2018

1919 • Gründung des Bauhauses in Weimar als Kunstschule unter der Leitung von Walter Gropius mit Lehrern wie Lyonel Feininger, Johannes Itten, Paul Klee

1921 • Oskar Schlemmer und Wassily Kandinsky kommen ans Bauhaus

1923 • László Moholy-Nagy löst Johannes Itten als Leiter des Vorkurses ab, Josef Albers beginnt mit dem Lehren am Bauhaus
• Oskar Schlemmers „Triadisches Ballett“ wird bei der Bauhauswoche aufgeführt

1924 • Die Regierung in Thüringen kürzt dem Bauhaus die Mittel um 50 Prozent

1925 • Der Meisterrat beschließt den Umzug nach Dessau

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1928 • Hannes Meyer übernimmt die Leitung

1930 • Ludwig Mies van der Rohe wird nach Meyers Entlassung neuer Leiter

1932 • Die Dessauer Stadtversammlung beschließt die Schließung des Bauhauses
• Ludwig Mies van der Rohe führt das Bauhaus noch für ein weiteres Semester in Berlin-Steglitz als Privatinstitut weiter

1933 • Auflösung des Bauhauses auf Druck der Nationalsozialisten

• Emigration vieler Bauhäusler in die USA • Emigrierte jüdische Bauhaus-Architekten errichten in Tel Aviv die „Weiße Stadt“
• Gründung des Black Mountain College in North Carolina, Lyonel Feininger, Anni Albers und Josef Albers werden Dozenten

1937 • László Moholy-Nagy gründet in Chicago das New Bauhaus

An was genau soll man sich eigentlich erinnern, wenn 2019 das Bauhaus-Jubiläum gefeiert wird? An einen bestimmten ästhetischen Geschmack der Schnörkellosigkeit? Ließe sich das Bauhaus auf eine Designformel herunterbrechen, wäre es weiß, funktional, von allem Überflüssigen befreit, überbaut vom Versprechen eines guten Lebens für jeden. Das belegen die sogenannten Bauhaus-Klassiker wie die Wagenfeld-Lampe, die Stahlrohrmöbel von Marcel Breuer oder die Schwarz-Weiß-Fotografien von Studenten, die fröhlich von den kleinen Balkons ihrer Studentenzimmer herabwinken. Ginge es also um Stil, müsste die Bauhaus-Verehrung stehen bleiben in der Huldigung einer hochpreisigen Produktlinie, die weltweit in Museen gesammelt wird und vom besseren Leben für alle weiter nicht entfernt sein könnte.

Aber wo weht der lebendige Bauhaus-Geist? Durch die zu besichtigende Architektur, denkmalgeschützte Zeugnisse des damals revolutionären Neuen Bauens? In dessen Nukleus, der von Walter Gropius entworfenen Bauhaus-Schule in Dessau, heute Sitz der Stiftung, hatte es schon vor den Feierlichkeiten Ärger gegeben: Die Stiftungsdirektorin verbot den Auftritt einer Punkband – aus Angst, protestierende Neonazis könnten vor dem Bauhaus aufmarschieren. Damit verhinderte die Bewahrkultur vielleicht eine eingeschmissene Glasfassade und hässliche Aufmarschbilder, man übernahm erklärtermaßen „Verantwortung für das Gebäude“. Die Verantwortung als Ort für gesellschaftliche Reibung oder eine eigene Haltung gab man allerdings ab, doch genau solch ein Ort war das Bauhaus vor 100 Jahren.

Wenn dieses Gedenkjahr gelingt, dann wird 2019 nicht nur der Erhalt all der schönen Bauten, Möbel und Kunstwerke gefeiert, werden nicht nur Theaterstücke als Virtual-Reality-Spektakel wiederaufgeführt und neue Museen für all das eröffnet. Wenn „100 Jahre Bauhaus“ etwas für das Heute bereithalten soll, dann muss man sich diese kurze, überbordende Epoche genauer ansehen. Dann wird klar, dass sie sich nicht in weiße Kisten verpacken lässt.

Das Bauhaus ist mehr als Lampe, Stuhl oder Haus. Als Schule war es ein Experiment, ein Labor für gesellschaftliche Erneuerung. Körnerküche, Rhythmusübungen und exzentrische zarathustrische Mystik fanden hier genauso Platz wie Kooperationen mit den Junkers-Flugzeugwerken, die nicht nur Weltkriegsbomber bauten, sondern zuvor Marcel Breuers Stahlrohrmöbel mit konstruiert hatten. Die große Suche nach dem Neuen fand auch damals schon zwischen Barfußtanz und dem Traum von der Mensch-Maschine statt, und daran hat sich in 100 Jahren nicht viel geändert.

Es ist also zu kurz gegriffen, im Bauhaus nur die programmatische Entkitschung und Versachlichung von allem zu sehen, mit der die bessere deutsche Geschichte geschrieben worden wäre. Es gab am Bauhaus Verwirrte und Extremisten, Liaisons zwischen Professoren und Studentinnen, die meist den Frauen zum Nachteil wurden, es gab Zerwürfnisse und tagelange Gelage in waghalsigen Kostümen, weil Gropius herausgefunden hatte, dass man die meisten Probleme zwischen widerstreitenden Parteien wegfeiern kann, dann aber richtig wild.

Daran könnte man sich ein Beispiel nehmen für dieses Jubiläumsjahr. Außerdem könnten fantastische Geschichten erzählt werden über die wenig bekannten, aufregenden Biografien jenseits der Großmeister Klee, Kandinsky, Breuer, Feininger, Moholy-Nagy, Schlemmer und Gropius. Am Bauhaus studierten Frauen wie Lotte Stam-Beese, die später Städte in der Ukraine plante und 1948 den Wiederaufbau von Rotterdam leitete. Oder Ré Soupault, die in ihrem flamboyanten Leben zwischen Sportjournalismus und Modedesign auch eine Boutique in Paris führte, für die Mies van der Rohe die Möbel entwarf.

Dass wir uns am liebsten an jene Dinge erinnern wollen, die gerade in unser aktuelles Weltbild passen, erklärt auch, warum jeder über Walter Gropius Bescheid weiß, aber kaum jemand über Hannes Meyer, seinen Nachfolger. Dabei war Meyer der Erste, der Architektur im Kollektiv dachte, eine Praxis, die heute von jungen Büros wiederentdeckt wird. Der Marxist Meyer wurde hinausgeworfen und baute in der Sowjetunion weiter. Für eine Wiederentdeckung in Deutschland ist man vielleicht erst jetzt bereit, wo der Begriff des Kollektivs nicht mehr DDR-konnotiert ist. Auch die DDR-Rezeption des Bauhauses ist ein spannendes, nicht immer nur glamouröses und wenig bearbeitetes Forschungsfeld.

Würde beim Bauhaus-Geburtstag in diesem Jahr nur das Allgemeinverträgliche, Abgesicherte, hundertprozentig zu Verkraftende gefeiert werden, würde man den interessantesten, relevantesten Teil verpassen. Einen Freiraum mit ungewissem Ausgang, in dem nicht ängstlich abgesagt, sondern mutig erst mal alles zugelassen wird, damit das entstehen kann, worauf der Weltruhm des Bauhauses seit 100 Jahren beruht: etwas wirklich Neues.