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Titel.CHRISTO »Wir wollten IMMER unabhängig sein«


Monopol - epaper ⋅ Ausgabe 7/2020 vom 02.07.2020

GEMEINSAM MIT JEANNE-CLAUDE SCHUF CHRISTO GRANDIOSE KUNSTEREIGNISSE, DIE DIE MASSEN BEGEISTERTEN. KURZ VOR SEINEM TOD SPRACHEN WIR MIT IHM ÜBER SEIN KOMPROMISSLOSES LEBENSWERK


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Bildquelle: Monopol, Ausgabe 7/2020

Christo und Jeanne-Claude auf der Suche nach einem möglichen Ort für ihr Projekt „The Mastaba“


In den letzten Monaten seines Lebens verlässt Christo Wladimirow Jawaschew sein Haus nicht mehr. Manchmal steht er auf dem Dach seines Studios im New Yorker Stadtteil SoHo, wo er seit 1964 lebt. Er schaut über die Dächer einer gelähmten, surreal stillen Metropole. Die Corona-Pandemie hat die Straßen geleert und die Stadt in den ...

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... Ausnahmezustand versetzt. Keiner schläft richtig gut im Frühjahr 2020, auch Christo nicht. „Es ist eine Menschheitskrise“, sagt er am 20. Mai im Monopol-Gespräch am Telefon. „So was passiert nur einmal in einem Jahrhundert.“ Eigentlich hätte er zur Eröffnung seiner Ausstellung im Palais Populaire in Berlin anreisen wollen, das fiel natürlich aus. Er sei „Risikogruppe von diesem Covid“, arbeite aber „ohne Pause“. Die ersten Juniwochen, als seine Heimatstadt explodiert und Zehntausende Menschen gegen Rassismus und Polizeigewalt auf die Straße gehen, erlebt Christo nicht mehr. Der Künstler stirbt am 31. Mai kurz vor seinem 85. Geburtstag. „Unter natürlichen Umständen“, wie sein Studioteam nüchtern kommentiert.

CHRISTO „Empaquetage“, 1960


Es gibt sicher viele Menschen, die auch Christo und seine 2009 verstorbene Ehefrau Jeanne-Claude für ein Jahrhundertereignis halten. Ihre Verhüllungsprojekte auf der ganzen Welt kann man durchaus als spektakelhafte Muskelkunst abtun. Ein Schneller-Höher-Weiter, das die offen stehenden Münder des Publikums mit einkalkuliert. Aber es ist beinahe unmöglich, sich der Erhabenheit einer verpackten Küstenlandschaft oder der orange leuchtenden „Gates“ im New Yorker Central Park zu entziehen. Kritisch übers Wasser gehen ist ein unmögliches Unterfangen – und so löste sich die Rezeption von Christos „Floating Piers“ im italienischen Lago d’Iseo wie bei den meisten anderen Projekten in Andacht und Ergriffenheit auf. Die Reichstagsverhüllung 1995 in Berlin war so etwas wie die „Loveparade für Studienräte und Taxifahrer“, wie Monopol-Redakteur Sebastian Frenzel 2018 schrieb. Ein Erweckungserlebnis, bei dem sich ein geschichtsträchtiger deutscher Problembau in ein verheißungsvoll silbriges Stoffraumschiff verwandelte.

CHRISTO UND JEANNE-CLAUDE „Verhüllter Reichstag, Berlin“, 1971–95


Um den Reichstag soll es eigentlich auch in jenem Telefongespräch kurz vor Christos Tod gehen – oder besser: um die fünf Millionen Menschen, die das Werk vor 25 Jahren gesehen haben. Die großen Installationen von Christo und Jeanne-Claude im öffentlichen Raum sind nicht ohne Massen denkbar. Und Menschenmassen für die Kunst sind undenkbar in Corona-Zeiten. Die Verhüllung des Arc de Triomphe in Paris, an der Christo bis zuletzt getüftelt hat, wurde wegen der Pandemie auf 2021 verschoben. Sie soll nun posthum stattfinden. In diesem Sommer wäre das Projekt – abgesehen von den Reise- und Logistikschwierigkeiten – auf eine Stadt getroffen, in der man sich nicht versammeln darf.

„Es geht nicht um die Masse“, sagt Christo am Telefon. Er schreit fast, ob aus technischen Gründen oder um mehr Nachdruck zu verleihen, lässt sich nicht genau feststellen. „Uns ging es immer um den Ort, der die Bedeutung schafft.“ Christo, das hört man heraus, wenn man sich mit Weggefährten unterhält, war ein sturer Mann, der immer genau über das sprach, über das er sprechen wollte. Nicht über das, wonach er gefragt wurde. Eigentlich erstaunlich, wenn man bedenkt, wie viel politische Unterstützung er für seine Kunst einsammeln musste. Oder vielleicht gelang es ihm gerade deshalb. Dem Vernehmen nach war Jeanne-Claude für die Diplomatie zuständig – laut Christos Nichte Zornitza Kratchmarova bezirzte sie Anfang der 1970er die Ehefrauen kalifornischer Farmer, damit sie das Land von deren Männern für ihr Projekt „Running Fence“ bespielen durften. Nach Jeanne-Claudes Tod – Christo redete weiterhin im Präsens über sie – war der Witwer schon so berühmt, dass ihm kaum jemand einen Wunsch abschlagen wollte. Christo musste nicht diplomatisch sein. Seine Hartnäckigkeit reichte.

CHRISTO UND JEANNE-CLAUDE 2004 auf dem Dach ihres Hauses in New York


»Es gibt keine Möglichkeit für uns vorauszusehen, wie unsere Werke interpretiert werden«
- CHRISTO


Nach dem Reichstag gefragt, denkt der Künstler nicht nur an den Berliner Sommer und die Besuchermassen, sondern auch an das Vierteljahrhundert, das es gebraucht hat, um das Projekt zu realisieren.

„Nichts geschieht plötzlich in unserer Arbeit. Alle unsere Projekte gehen durch einen extrem komplexen Prozess, genau wie Hochhäuser oder Brücken, man kann sie wie Bücher lesen. Natürlich kommen Menschenmengen bei unseren Werken zusammen – wie soll ich Ihnen das erklären? Sie haben einfach eine Dynamik geschaffen. Es gibt keine Möglichkeit für uns vorauszusehen, wie sie interpretiert werden. Sie stehen den Menschen offen. Die Besucher sind keine Statisten und auch nicht Teil des Werks, sie tun damit, was sie wollen. Das ist die Phase, die wir „Software-Periode“ nennen, nachdem die Hardware aufgebaut ist. Unsere Projekte haben nichts mit Skulptur oder bildender Kunst im klassischen Sinn zu tun. Sie sind sehr nah an Architektur und Ingenieurwesen. Wir arbeiten mit Profis auf ihren Gebieten. Was mich ärgert: wenn die Leute falsch über die Technik oder die Materialien berichten, dabei ist das der Grund dafür, warum die Werke physisch existieren.“

Bei diesem Gespräch im Mai kommt Christo immer wieder auf seine Anfänge im bulgarischen Sofia zu sprechen, wo er an der Kunstakademie alles von Malerei über Bildhauerei und Architektur bis zu Anatomie studierte, bevor er 1957 aus seinem damals kommunistischen Heimatland zuerst nach Wien und dann nach Paris floh. Dort lernte er die in Marokko geborene Philosophiestudentin und Flugbegleiterin Jeanne-Claude Denat de Guillebon kennen. „Haben Sie nicht meine Biografie gelesen?“, fragt Christo ein wenig tadelnd. „Sie ist auch auf Deutsch verfügbar.“


»WIR ERBEN DIE ORTE FÜR UNSERE ARBEITEN. WIR LEIHEN SIE FÜR EINE BESTIMMTE ZEIT« - CHRISTO


CHRISTO UND JEANNE-CLAUDE „Surrounded Islands, Biscayne Bay, Greater Miami, Florida“, 1980–83


CHRISTO UND JEANNE-CLAUDE „Wrapped Coast, One Million Square Feet, Little Bay, Sydney, Australia“, 1968/69


Die verschlungenen Leben des Künstlerpaars wurden oft als Begegnung von Kommunismus und Kapitalismus gelesen. Mit seinen verhüllten Schaufenstern („Store Fronts“) thematisierte Christo ab den 1960er-Jahren in New York die Verführungen des Konsums – die Verpackung wurde zum eigentlichen Inhalt. Doch während Pop-Künstler wie Andy Warhol die schreiende Farbigkeit der Werbung imitierten, kleideten sich Christos Objekte in minimalistisch monochrome Stoffe. Das Produkt zierte sich, nahm sich zurück. Die Kunst aber wurde schnell größer. Bei der 4. Documenta 1968 stiegen nach einigen Fehlversuchen schließlich 5600 Kubikmeter verpackte Luft in den Kasseler Himmel.

Das Künstlerpaar legte stets Wert darauf, keine Auftragsarbeiten anzunehmen – auch wenn sich viele Bürgermeister und Ministerinnen dieser Welt einen Besuchermagnet à la Reichstag gewünscht hätten. Die großen Außenprojekte bezahlten Christo und Jeanne-Claude ohne Sponsorenmittel aus eigener Tasche. Das Geld verdienten sie mit dem Verkauf von Skizzen, Modellen und kleinen Skulpturen. Sie produzierten Kunst für die wenigen, um Kunst für alle zu ermöglichen. Und sorgten dafür, dass niemand von ihren Installationen profitieren konnte – keine kommerziellen Fotoshootings, keine Logos, keine Events. Das geplante VIP-Zelt einer deutschen Firma am Reichstag in Berlin machte das Paar so wütend, dass es erfolgreich dagegen vor Gericht zog. Das kann man autoritär nennen. Aber auch egalitär.

„Wir erben die Orte für unsere Arbeiten. Wir leihen sie für eine bestimmte Zeit und übersetzen das, was schon da ist. Wir wollten immer unabhängig sein. Ich habe keine familiäre Verbindung nach Deutschland und auch keine Ahnung davon. Ich bin aus einem kommunistischen Land entkommen. Als die Berliner Mauer gebaut wurde, hatte ich riesige Angst vor einem dritten Weltkrieg. Ich dachte, dass das einzige bedeutsame Projekt die Verhüllung einer Struktur in Berlin sein könnte, die auf diese Situation hinweist. Ich dachte, dieser Zustand würde nie aufhören, die Welt war geteilt. Der Ort, an dem Ost und West dramatisch aufeinandertrafen, war Berlin. Und der Reichstag stand für alle Sektoren, eine 25 Meter lange Wand gehörte zum sowjetischen Sektor. Also dachte ich, dass es zwingend sei, den Reichstag zu verhüllen. Das Projekt begann 1972 und wurde dreimal abgelehnt. Aber dann kam das Wunder des Mauerfalls, der das Projekt möglich machte. All das können Sie nicht erfinden.“


» Unsere Projekte sind nah an Architektur und Ingenieurwesen. Wir arbeiten mit Profis« - CHRISTO


Von Anfang an folgten die Werke von Christo und Jeanne-Claude einer überraschend modernen Medienlogik. So umfangreich die Planung und so akribisch die Dokumentation, so vergänglich ist ihre Natur. Die Zirkulation von Bildern ist für die Installationen genauso wichtig wie die physische Präsenz. Der verhüllte Reichstag oder die „Umbrellas“ in Kalifornien und Japan existieren als flüchtige Monumente, die als Zeichen menschlicher Gestaltungsmacht, aber eben auch als Demutsgesten gegenüber ihrer Umgebung gelesen werden können. Monumente, die erst im kollektiven Gedächtnis dauerhaft werden.

CHRISTO „Purple Store Front“, 1964


CHRISTO „L’Arc de Triomphe, Wrapped (Project for Paris) Place de l’Etoile – Charles de Gaulle“, 2019, Collage


Christo sagt, dass ihn die Verschiebung der Verhüllung des Arc de Triomphe in Paris nicht besonders stört. Jemand, der jahrzehntelang auf die Realisierung von Ideen hinwirkt und immer an mehreren Werken gleichzeitig arbeitet, kann warten. Nur die Millionen von Dollar, die er nach eigener Aussage bereits investiert hat, möchte er nicht verloren wissen. Der Pariser Triumphbogen habe ihn schon seit seiner Ankunft in Paris fasziniert, sagt er, seitdem spuke ihm das Bild des verhüllten Monuments im Kopf herum. In der Vorbereitung zur großen Ausstellung im Centre Pompidou, die gerade eröffnet hat, äußerte Christo den Vorschlag als Halb-Scherz. Aber der französische Präsident Emmanuel Macron war angetan – und die Bestätigung flatterte einem ungläubigen Künstler innerhalb weniger Monate ins Studio.


» Ich habe mich noch immer nicht entschieden, was ich eigentlich bin« - CHRISTO


Zum Schluss des Gesprächs sagt Christo, es könne keine Missverständnisse über seine Arbeiten geben, weil jede Deutung erlaubt sei. Nur wenn es Unklarheiten über technische Details gebe, solle man unbedingt noch mal anrufen, das müsse präzise sein. Da sei er eher Ingenieur und Architekt als Künstler.

In seinem Selbstbild war Christo immer ein Suchender. „Ich bin aus Sofia von der Kunstakademie geflohen, bevor ich mich spezialisiert habe“, sagt er noch. „Ich habe mich noch immer nicht entschieden, was ich eigentlich bin.“

„CHRISTO AND JEANNE-CLAUDE: PROJECTS 1963–2020“, Palais Populaire, Berlin, bis 17. August. „CHRISTO ET JEANNE-CLAUDE: PARIS!“, Centre Pompidou, Paris, 1. Juli bis 19. Oktober


Fotos: Wolfgang Volz, © 1982 Christo (vorherige Doppelseite). © Didier Guichard, © Christo 1960. Wolfgang Volz, © Christo und Jeanne-Claude

Foto: Wolfgang Volz/laif

Fotos: Wolfgang Volz, © Christo und Jeanne-Claude (vorherige Doppelseite). Shunk-Kender, © Christo und Jeanne-Claude. © Christian Baur, Basel, © Christo 1963

Foto: André Grossmann, © 2019 Christo