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Titel.DER SINN DER KUNST: No BULLSHIT


Monopol - epaper ⋅ Ausgabe 11/2018 vom 18.10.2018

Über den wahren Sinn der Arbeit und über die KUNST als sinnvollste sinnlose Sache der Welt


Artikelbild für den Artikel "Titel.DER SINN DER KUNST: No BULLSHIT" aus der Ausgabe 11/2018 von Monopol. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Monopol, Ausgabe 11/2018

YAYOI KUSAMA „INFINITY MIRRORED ROOM – MY HEART IS DANCING INTO THE UNIVERSE“, 2018


WIM DELVOYE „MOSAIC (90-400-DOC)“, 1990


In diesem Herbst wird das Buch eines Anthropologen durch die deutschen Feuilletons gereicht: „BullshitJobs. Vom wahren Sinn der Arbeit“ von David Graeber. Darin argumentiert der USAmerikaner, der an der London School of Economics and Political Science lehrt, dass bis zu 40 Prozent der Arbeit, die heute in den westlichen Industriegesellschaften getan wird, Bullshit seien, also: überflüssig. ...

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Hinter der Theorie der BullshitJobs steckt eines der größten Rätsel der postindustriellen Gesellschaften. Schon in den 30erJahren hatten Ökonomen vorhergesagt, dass wegen des technologischen Fortschritts und der Automatisierung die Menschen in der Zukunft – also unserer Gegenwart – nicht länger als drei oder vier Stunden täglich würden arbeiten müssen. Doch das Gegenteil ist eingetreten. Arbeiter wurden zwar entlassen, aber gleichzeitig die Verwaltungen, der Finanzsektor, das Marketing aufgebläht. So arbeiten die Menschen heute weiterhin 40 Stunden oder mehr in der Woche, nur eben in anderen Berufen: als Personalberater, Kommunikationskoordinatoren, PRWissenschaftler, Finanzstrategen, Anwälte für Gesellschaftsrecht, im mittleren Management, als Verwaltungsfachangestellte. Sie produzieren: nichts, was irgendjemand braucht.

Nicht nur der linke Anthropologe Graeber findet diese Tätigkeiten überflüssig, sondern offenbar auch die Menschen selbst. In Studien in Großbritannien und den Niederlanden gaben 37 bis 40 Prozent der teilnehmenden Arbeitnehmer an, nicht zu glauben, dass ihre Arbeit einen sinnvollen Beitrag zur Welt leiste. Graeber unterstützt das mit einem Gedankenexperiment: Was würde passieren, wenn alle Leute mit BullshitJobs von heute auf morgen aufhören würden zu arbeiten? Es würde, so Graeber, den Alltag ihrer Mitmenschen nicht im Geringsten beeinträchtigen – ganz anders als bei Müllmännern oder Krankenschwestern.

BullshitJobs gibt es unter anderem deshalb, weil der Kapitalismus längst nicht so effizient ist, wie er von sich selbst behauptet. Manager und CEOs lassen sich zwar feiern, wenn sie Personal in der Produktion reduzieren. Gleichzeitig aber verschaffen sie sich reihenweise Untergebene im mittleren Management, um ihre eigene Wichtigkeit zu steigern, so wie früher ein König einen Hofstaat hatte – Graeber nennt das ManagerFeudalismus.

Trotz ihrer offensichtlichen Überflüssigkeit werden Bull shitJobs viel besser bezahlt als die meisten Tätigkeiten, die für die Gesellschaft nützlich sind, wie das Erziehen von Kindern, die Krankenpflege oder das Schneiden von Haaren. Inhaber von BullshitJobs haben es auf den ersten Blick viel besser als diejenigen, die eine Stelle in der sorgfältig davon abzugrenzenden Kategorie „Scheißjob“ haben, anstrengend, schmutzig und schlecht bezahlt. Und doch sind die Leute, die BullshitJobs haben, nur selten glücklich damit. Der Mensch, so folgert Graeber, braucht einfach das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun.

Womit wir bei der Kunst angekommen wären – dem Betätigungsfeld, das von der BullshitPerspektive aus schwierig zu beschreiben scheint, ist es doch gleichzeitig absolut sinnlos und so sinnvoll wie nur irgend etwas.

Für den Anthropologen Graeber ist die Sinnhaftigkeit der Kunst gar keine Frage: Das Bedürfnis, sich künstlerisch auszudrücken, gehört in allen Gesellschaften zum Menschsein dazu. Zwar würde der Alltag der Menschen nicht gleich zusammenbrechen, wenn alle Künstler ihre Arbeit einstellen würden. Aber Kreativität folgt einem tiefen Bedürfnis des Menschen und kann sowohl den Künstler glücklich machen als auch seine Mitmenschen, die sich von den Musikern, Malern, Comiczeichnern und Performern unterhalten, anregen, berühren oder aufwühlen lassen. Für Graeber ist künstlerische Betätigung an sich also bereits ein Wert, egal wie sie aussieht und was sie erreicht – was für Menschen, die im Kunstbetrieb ihr Auskommen suchen, eine erfrischende Perspektive sein könnte, finden sie sich doch täglich im Zangengriff wieder zwischen den kunstinternen Qualitätsansprüchen und dem Unverständnis der durchökonomisierten Restwelt, die Kunst nicht selten als weniger nützlich einschätzt als beispielsweise das Bankenwesen.

In der ästhetischen Theorie wird die sinnhafte Sinnlosigkeit der Kunst mit etwas übersetzt, das man die Autonomie der Kunst nennt: eine Idee, die sich erstmals während der Romantik im 18. Jahrhundert durchsetzte, als sich im Diskurs über die Künste die überlieferten Kategorien des Schönen, Guten und Wahren voneinander abkoppelten, ganz im Sinne von Kants Definition von Schönheit als „interesselosem Wohlgefallen“. Seit der Antike war das Gute gleichzeitig schön, das Böse hässlich gewesen. Aber in der Moderne versteht sich die Kunst als unabhängig von Politik oder Moral, und sie soll niemandem nützen als sich selbst.

Die Forderung nach Kunstautonomie entspricht der Ausdifferenzierung der Gesellschaft in verschiedene Kommunikationssysteme, die Soziologen in diese Zeit datieren, und sie gehört auch heute noch zu den bei jeder Gelegenheit leidenschaftlich verteidigten Grundpfeilern des Kunstdiskurses. Die Freiheit der Kunst hat heute Verfassungsrang, sie soll keinen Parteien dienen müssen und auch keiner religiösen oder moralischen Agenda.

Es wäre allerdings ein Missverständnis zu denken, das Kunstsystem sei deshalb vom Rest der Gesellschaft völlig unabhängig. Natürlich gibt es Wechselwirkungen aller Art mit der Politik oder der Ökonomie. Keine Künstlerin ist eine Insel und jedes Kunstwerk ein Zeitgenosse, Kunst muss finanziert werden, sie spiegelt die gesellschaftlichen Verhältnisse und wird von ihnen beeinflusst. Wenn heute Kritiker reihenweise aufschreien, weil aktuelle gesellschaftliche Debatten wie die über die Emanzipation von Minderheiten sich auch in den Museen niederschlagen, dann verkennen sie, dass die Kunstgeschichte immer schon mit politischer Geschichte verknüpft ist.

WIM DELVOYE „CLOACA N° 5“, 2006 (DETAIL)


BULLSHIT-JOBS:Bis zu 40 Prozent der Arbeit, die in den westlichen Industriegesellschaften getan wird, ist überflüssig, sagt David Graeber


Es wäre ein weiteres Missverständnis zu glauben, die Autonomie der Kunst verpflichte sie dazu, sich nur mit sich selbst zu beschäftigen. Seit ihrer Emanzipation aus feudalen Zusammenhängen hat die westeuropäische Kunst vielmehr regelmäßige Pendelbewegungen ausgeführt: Auf den Ästhetizismus des Fin de Siècle folgte der Realismus der Gründerzeit, auf L’art pour l’art das leidenschaftliche Politisieren. Mal machten Künstler das Leben selbst zum Material für ihre Kunst und malten das Leid der Unterschichten oder das perfekte Porträt, mal widmeten sie sich vor allem der Verfeinerung der Sinne und wendeten den Blick zurück auf die Kunst selbst, auf ihre Materialien, auf Fragen der Form. Beides fand statt unter dem Dach einer autonomen Kunst. Das Einzige, was niemals geklappt hat, war, die Systemgrenzen wieder aufzuheben und Kunst und Leben wieder zu einem ununterscheidbaren Ganzen zu machen: Die historischen Avantgarden wie der Futurismus oder der russische Konstruktivismus landeten mit ihren entsprechenden Versuchen im Museum, nicht im Alltag der Menschen.

Seit dem Ende der historischen Avantgarden im frühen 20. Jahrhundert ist buchstäblich alles möglich in der Kunst. Malerei wurde abstrakt und emanzipierte sich von den Wänden, Ideen gelten als Kunstwerke, und wenn ein Künstler ein Stück Scheiße in eine Dose steckt und es „Merda d’artista“ nennt wie Piero Manzoni 1961, dann wird das nicht als Bullshit bewertet, im Gegen teil: Er geht damit in die Kunstgeschichte ein. Warum kann man solche Werke genießen? Weil auch Denken als ästhetische Betätigung wertgeschätzt wird.

Wie stabil das System der Kunst heute ist, zeigt sich bei jedem Besuch einer Biennale oder eines Museums. Kochen, politisch aufgeladene investigative Recherchen, durch Klang zum Leuchten animierte Algen, 3DFilme: All das kann das Publikum heute mühelos als Kunst goutieren. Auch wenn viele Kritiker heute meinen, die Kunst autonomie gegen eine neue Politisierung der Kunst verteidigen zu müssen: Die sinnhafte Sinnlosigkeit der Kunst ist nicht im Geringsten in Gefahr. Leidenschaftliches gesellschaftliches Engagement oder totaler Rückzug in den Ästhetizismus, beides ist in der Gegenwartskunst möglich und kommt ständig vor. Und beides bereichert das Leben auf jeweils andere Weise.

Und doch ist etwas ganz Besonderes an dieser ganz bestim mten Sorte von Künstlerinnen und Künstlern, die nichts anders wollen als Kunst um der Kunst willen. Sie beeindrucken uns, die unabhängigsten unter den unabhängigen Geistern, die stur festhalten an ihrem Projekt. Weniger wie große Genies – ein Konzept, das mit dem letzten Malerfürsten hoff entlich aussterben wird. Eher wie bewundernswerte Nagetiere, die sich in eine Nuss, vulgo ihr Werk, verbeißen und niemals, wirklich niemals, ihre Kiefermuskeln entspannen und loslassen. Die jüngere Kunstgeschichte ist voll von diesen Freaks, man trifft sie auf Vernissagen und in Ausstellungen, allein im Wald oder in der kalifornischen Wüste. Und auch wenn eines ihrer PosterGirls, die Japanerin Yayoi Kusama, seit Jahrzehnten in einer psychiatrischen Klinik residiert und von dort aus die ganze Welt mit Punkten überzieht: Sie sind nicht verrückt. Sie geben einfach alles für die Kunst.


KÜNSTLERISCHES SCHAFFENund selbst schon das Betrachten von Kunst können das Leben zu einem täglichen Meisterwerk machen


PIERO MANZONI „MERDA D’ARTISTA“, 1961


David Graeber schreibt, dass unter den kreativen Berufen wie Journalist, Regisseur oder auch Künstler es einige wenige gibt, die interessant und erfüllend sind und trotzdem gut bezahlt. Allerdings werden sie zumindest in den USA fast ausschließlich von einer Kaste gut situierter bildungsbürgerlicher Leute ausgeführt, die ihren Kindern die nötige Geschmacksverfeinerung, aber auch das nötige Kleingeld für die vielen unbezahlten Praktika mitgeben können, die man braucht, um es in einem kreativen Beruf zu schaff en. Deswegen, so Graebers deprimierender Schluss, wird diese kreative Elite von allen gehasst: von denen mit den Scheißjobs und von denen mit den BullshitJobs.

Für den Kulturbetrieb als Ganzes mag das richtig sein. In der Kunst aber finden sich genug Beispiele von Menschen der verschiedensten Herkünfte, die ihrem Talent und ihren Obsessionen gefolgt sind, auch ohne Geld im Hintergrund. Die Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt haben, weil sie ein Werk schaff en wollten, unbedingt. Manche von ihnen sind irgendwann reich und berühmt geworden. Andere aber auch nicht – und haben trotzdem immer weitergemacht.

Künstlerisches Schaff en, das Sammeln von Kunstwerken und selbst schon das Betrachten von Kunst können das Leben zu einem täglichen Meisterwerk machen, schrieb der Kunstkritiker Michael Kimmelman in seinem 2009 auf Deutsch erschienenen Buch „Alles für die Kunst“. Selbst die gewöhnlichsten Alltagsdinge können „eine Bereicherung erfahren durch die Erkenntnisse, die uns die Kunst lehrt: dass Schönheit oft dort zu finden ist, wo man sie nicht vermutet; dass wir sie selbst entdecken und auch erfinden oder wiedererfinden können; dass die wichtigsten Dinge niemals so einfach sind, wie sie scheinen, aber dass die Welt auch dann reicher ist, wenn sie sich tröstlichen Formen nicht fügen will. Und dass es gut ist, die Augen weit off en zu halten, weil man nie weiß, was man entdecken wird.“

Um das Phänomen der BullshitJobs zu bekämpfen, plädiert David Graeber für die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Es könnte die Menschen davor bewahren, sinnlose Jobs anzunehmen. Wie auch immer man diese Idee politisch und ökonomisch bewerten mag: Auch vielen Künstlern würde so ein Grundeinkommen das Leben erleichtern. Sie könnten bauen, malen, erschaffen, was sie wollen – ganz ohne Grund, einfach weil sie es können. Und uns allen damit das Leben lebenswerter machen.


Fotos: © YAYOI KUSAMA, Courtesy Ota Fine Arts, Tokyo/Singapore/Shanghai and Victoria Miro, London/Venice (vorherige Doppelseite). © Studio Wim Delvoye, Belgium (2)

Foto: Agostino Osio, © Fondazione Piero Manzoni, © Piero Manzoni, VG BildKunst, Bonn 2018