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Titelgeschichte | Danzig 1939: VOR 80 JAHREN: Sturm auf die Westerplatte: STARTSCHUSS ZUM INFERNO


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Clausewitz - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 05.08.2019

SEPTEMBER 1939: Die Welt hält den Atem an, als die Schleswig-Holstein das Feuer auf die Westerplatte eröffnet. Um die befestigte Halbinsel bei Danzig entbrennen erbitterte Kämpfe – sie bilden den Auftakt zum Zweiten Weltkrieg


Bis zuletzt S. 24

Die polnischen Verteidiger konnten zuletzt ehrenvoll kapitulieren.

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Bildquelle: Clausewitz, Ausgabe 5/2019

Schweres Gerät S. 28

Mit Geschützen und Stukas brechen die Angreifer den Widerstand.

FEUERÜBERFALL:Die Schleswig- Holstein nimmt die Westerplatte bei Danzig unter Beschuss und leitet damit die heftigen Kämpfe um das dort gelegene polnische Militärdepot ein. Anders als von den Deutschen geplant, ...

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FAKTEN

Polen

Befehlshaber

Major Henryk Sucharski (Kommandant der polnischen Truppen auf der Westerplatte)Hauptmann Franciszek Dabrowski (Stellvertretender Kommandant auf der Westerplatte)

Polnische Zielsetzungen:

Verteidigung des befestigten Außenpostens und Munitionsdepots Westerplatte im Falle eines deutschen Angriffs; Behauptung der Anlagen für anfangs möglichst sechs, später (ab 31. August 1939) zwölf Stunden gegen die zu erwartende feindliche Übermacht

Foto: picture-alliance/©dpa

Vershanzt

Das polnische Militär- und Munitionsdepot und seine Besatzung auf der Westerplatte sind den Nationalsozialisten seit langer Zeit ein Dorn im Auge. Die NS-Propaganda bezeichnet es als „schwere Gefahr, die es zu vernichten gilt.“ Doch vorrangig geht es um den Angriff auf Polen als Ganzes

Foto: picture-alliance/©dpa-Report

Schwere k ä mfe

Der Beschuss der Westerplatte verwüstet weite Teile der Anlagen und umliegenden Gebiete. Trotz der schweren Bombardements in der ersten Septemberwoche 1939 wehrt sich die mehr als 200 Mann starke polnische Besatzung hartnäckig gegen die wütenden Attacken der Angreifer

Massiver Feuersturm

FAKTEN

Deutsches Reich

Befehlshaber
Kapitän zur See Gustav Kleikamp (Kommandant der Schleswig-Holstein – Kadettenschulschiff der Kriegsmarine)Generalmajor Friedrich-Georg Eberhardt (Befehlshaber der Polizeigruppe Danzig, auch Brigade Danzig oder Brigade Eberhardt)Oberleutnant Wilhelm Henningsen (Führer der Marinestoßtruppkompanie/MSK)

Deutsche Zielsetzungen:
Einnahme des befestigten polnischen Munitionsdepots auf der Westerplatte am Danziger Hafenrand im Rahmen des deutschen Angriffs auf Polen; Sicherung und Kontrolle des Hafengeländes von Danzig/Neufahrwasser im Hinblick auf weitere Kampfhandlungen gegen Polen seit dem 1. September 1939

WIDERRECHTLICH BEFESTIGT: Das polnische Militärdepot auf der Westerplatte wurde bis 1939 entgegen der Vorgaben des Völkerbundes laufend verstärkt


Foto: ullstein bild - ullstein bild

Die SCHLESWIGHOLSTEIN ist Teil eines tückischen Plans

TÖDLICHE GEFAHR: Als die Schleswig-Holstein am 1. September 1939 gegen 4:47 Uhr das Feuer auf die Westerplatte eröffnet, bricht ein Inferno über die polnischen Verteidiger auf der Halbinsel herein


Foto: ullstein bild - Süddeutsche Zeitung/Scherl

TEIL DES ANGRIFFSPLANS: Das Kadettenschulschiff Schleswig-Holstein läuft am 25. August 1939 in den Danziger Hafen ein, die deutsche Bevölkerung jubelt der Besatzung zu. Doch diese hat einen streng geheimen Auftrag


Ohrenbetäubender Lärm und das heftige Donnern schwerer Schiffsartillerie reißt viele Bewohner Danzigs aus dem Schlaf! Noch ahnen sie nicht, dass dies der Auftakt zu einem grausamen Inferno sein wird. Es ist der frühe Morgen des 1. September 1939, als dieSchleswig-Holstein mit ihren 28-Zentimeter-Geschützen das Feuer auf die Halbinsel Westerplatte eröffnet.

Das als Kadettenschulschiff der Kriegsmarine genutzte Schiff lief Tage zuvor zu einem angeblich friedlichen Besuch in den Danziger Hafen ein. Offizieller Anlass ist der 25. Jahrestag des Untergangs des 1914 während eines Seegefechtes auf Grund gelaufenen und selbst versenkten Kleinen KreuzersSMS Magdeburg . Mehrere Tote der Besatzung hat man damals in Danzig beigesetzt, derer man nun gedenken wolle.

Westerplatte im Visier
Doch die am 25. August 1939 in den Danziger Außenhafen Neufahrwasser eingelaufeneSchleswig-Holstein kommt in ganz anderen Absichten. Sie ist wichtiger Bestandteil eines perfiden Plans der deutschen Militärführung. Sie soll eine zentrale Rolle beim Angriff auf die Westerplatte spielen. Ein Befehl des Kommandanten Kapitän zur See Gustav Kleikamp definiert die Aufgaben des bereits 1908 in Dienst gestellten Schiffs und seiner Besatzung.

Es soll die innerhalb der Reichweite seiner Schiffsartillerie liegenden polnischen Landbatterien niederkämpfen, etwa bei Oxhöft westlich von Danzig und auf der Halbinsel Hela nördlich davon. Das Schiff soll zudem den Kriegshafen von Gdingen (polnisch: Gdynia) unter Feuer nehmen. Damit will man diesen als Stützpunkt für die polnischen Seestreitkräfte ausschalten. Eine weitere Aufgabe ist der Schutz des Hafens von Danzig und Neufahrwasser. Der taktische Befehl stellt jedoch klar heraus: „Die Fortnahme der Westerplatte ist Vorbedingung zur Lösung der Aufgaben (…).“


„Am 1. September war die große geschichtliche Befreiungsstunde der alten deutschen Hansastadt [sic!] Danzig gekommen.“


Aus: Der große deutsche Feldzug gegen Polen – Eine Chronik des Krieges in Wort und Bild, Wien 1939, Seite 81

DEN GEGNER IM BLICK: Ein Beobachtungsposten der Heimwehr Danzig im August 1939. NS-Gauleiter Albert Forster ordnete wenige Monate zuvor an, diese SS-Einheit aufzustellen, die auch an den Kämpfen um die Westerplatte beteiligt ist


Die vom polnischen Militär genutzte Westerplatte ist den Nationalsozialisten schon lange ein Dorn im Auge. In den 1920er-Jahren sprach der Völkerbund die etwa zwei Kilometer lange und 600 Meter breite Halbinsel am Danziger Hafenrand der polnischen Seite zu – als „Platz zum Löschen, Lagern und Transport von Sprengstoffen und Kriegsgerät.“

In den frühen 1930er-Jahren baute Polen das Munitionsdepot widerrechtlich aus und befestigte es mit MG-Ständen und Bunkern. Gegen Ende des Jahrzehnts ließ man das Verteidigungssystem weiter verstärken. Zudem stockte man die Depotbesatzung bis zum Sommer 1939 von ursprünglich knapp 90 auf etwa 210 bis 220 Mann auf. Ein 7,62-cm-Feldgeschütz, zwei 3,7-cm-Panzerabwehrkanonen sowie Maschinengewehre und Handgranaten stehen den Männern als Bewaffnung zur Verfügung.

Die von den Nationalsozialisten als Propagandainstrument genutzteDeutsche Wochenschau beschrieb die befestigte Westerplatte in einem Beitrag mit den Worten: „Sie war von den Polen festungsmäßig auf das Äußerste gesichert, mit Waffen aller Art gespickt, eine Zwingburg der Polen mitten auf Danziger Gebiet.“

Brisante Besprechung
Danzig mit seiner mehrheitlich deutschen Bevölkerung wurde nach dem Ersten Weltkrieg zur Freien Stadt unter dem Schutz des Völkerbundes erklärt und liegt seitdem umgeben von polnischem Gebiet zwischen dendeutschen Provinzen Pommern und Ostpreußen.

GEFÜRCHTET: 60 Sturzkampfbomber Ju 87 der Luftwaffe greifen am 2. Angriffstag ins Geschehen ein. Ihre Bomben verursachen schwere Schäden auf der Westerplatte und demoralisieren den Gegner


Foto: picture-alliance/Süddeutsche Zeitung Photo

Sondereinheiten sollen die STURMREIF GESCHOSSENE Westerplatte erobern

IN BRAND GESCHOSSEN: Die Holzgebäude der Hafenwerkstätten auf der Westerplatte gehen unmittelbar nach dem Feuerüberfall der Schleswig-Holstein in Flammen auf


Foto: picture-alliance/WZ-Bilddienst

Diese Tatsache ist für die Führung des „Dritten Reiches“ ein unhaltbarer Zustand. Sie fordert daher vehement, man müsse Danzig „heim ins Reich“ holen. Dass diese Forderung nur als Vorwand für einen Großangriff auf Polen dient, stellte Hitler gegenüber führenden Militärs bereits am 23. Mai 1939 klar: „Danzig ist nicht das Objekt, um das es geht. Es handelt sich um die Erweiterung des Lebensraumes im Osten“, so der „Führer“ in der geheimen Besprechung, an der auch Hermann Göring als Oberbefehlshaber der Luftwaffe und Erich Raeder als Oberbefehlshaber der Kriegsmarine teilnahmen.

Angespannte Lage
Als dieSchleswig-Holstein Ende August 1939 im Danziger Hafenkanal zwischen Neufahrwasser und der Westerplatte festmacht, ist die Lage an Bord äußerst angespannt. Dies liegt einerseits am zugewiesenen Liegeplatz, der dem Kommandanten missfällt. Er befürchtet, dort könnte sein Schiff besonders anfällig bei möglichen polnischen Angriffen sein. Andererseits will Kleikamp unter allen Umständen vermeiden, dass die brisante „Ladung“derSchleswig-Holstein entdeckt wird. Denn es befindet sich eine Marinestoßtruppkompanie in einer Stärke von etwa 230 Soldaten an Bord, darunter vier Offiziere. Diese Einheit unter Führung von Oberleutnant Wilhelm Henningsen ist spezialisiert auf Landeunternehmungen. Be- waffnet sind sie vor allem mit Maschinengewehren und Granatwerfern.

Mehrere Boote der 1. Minensuchflottille trafen bereits am 24. August 1939 in Höhe Stolpmünde auf hoher See mit derSchleswig- Holstein zusammen und brachten die Männer und ihre Ausrüstung an Bord.

Auf dem mit nunmehr 1.200 Mann voll besetzten Schiff ist die Anspannung mittlerweile groß, soll der Sturm auf die Westerplatte doch am 26. August beginnen. Doch dann verschiebt man am 25. August auf Befehl Hitlers den ursprünglich vorgesehenen Angriffstermin. Einer der Gründe ist die Unterzeichnung des britisch-polnischen „Beistandspaktes“ am 25. August 1939.

An diesem Tag trifft der Befehlshaber der Danziger Landstreitkräfte, Generalmajor Friedrich-Georg Eberhardt, auf dem Schiff ein. Ihm unterstehen unter anderem zwei Polizeiregimenter und ein SS-Heimwehrregiment, das aus etwa 1.000 aus dem Deutschen Reich stammenden SS-Männern sowie 500 Danziger Freiwilligen besteht. Hinzu kommen eine Artillerieabteilung und ein Reservebataillon. Auch der Küstenschutz der Danziger Landespolizei unter Korvettenkapitän Wilhelm Hornack steht bereit.

Polen werden misstrauisch
Eberhardt sieht die Aufgabe seiner Truppen vor allem darin, die Besatzung des polnischen Munitionsdepots in Schach zu halten. Schließlich verständigen sich Eberhardt und Kleikamp darauf, dass der Sturm auf die Westerplatte nach Beschuss durch dieSchleswig- Holstein losbrechen solle. Die Marinestoßtruppkompanie von Oberleutnant Henningsen soll den Angriff auf das Depot übernehmen, während Eberhardts Verbände Artillerieunterstützung leisten sollen. Auf polnischer Seite beobachtet man die Entwicklung argwöhnisch. Der Besatzung der Westerplatte bleibt nicht verborgen, dass dieSchleswig-Holstein ihren Liegeplatz im Hafenkanal verließ und weiter Richtung Danzig in die Tote Weichsel steuerte. Der neue Liegeplatz liegt somit südöstlich der Westerplatte und ist nach Ansicht Kleikamps dort besser gegen mögliche polnische Attacken geschützt. Zudem würde man dort die Marinestoßtruppkompanie von den Polen unbeobachtet ausschiffen können.

ABSEITS DES HAFENS: Angehörige der SSHeimwehr Danzig greifen auch polnische Dienststellen im Stadtinneren an. Es entbrennen blutige Nahkämpfe, etwa um die Post


Foto: picture-alliance/(c)dp

Am 28. August 1939 lässt Gauleiter Albert Forster Luftaufnahmen bereitstellen, um das Gelände und die Verteidigungsanlagen besser einschätzen zu können. Die Zahl der Verteidiger schätzt man auf 150 bis 200 Mann. Eine Zahl, die etwas unterhalb der tatsächlichen Stärke von etwa 210 bis 220 Mann liegt.

Aus allen Rohren
Am 31. August 1939 gegen 18:35 Uhr trifft dann der folgenschwere Befehl zum Angriff per Funkspruch auf derSchleswig-Holstein ein. Demnach soll der Feuerüberfall auf die Westerplatte am 1. September um 4:45 Uhr einsetzen. Nun geht alles sehr schnell. In den späten Abendstunden beginnt man damit, die Stoßtruppkompanie auszuschiffen. Diese Aktion ist gegen 1:45 Uhr abgeschlossen. Parallel dazu macht dieSchleswig-Holstein klar zum Gefecht.

STRASSEN- UND HÄUSERKAMPF: Auch in der Danziger Innenstadt und in Gdingen (Danziger Bucht) kommt es zu blutigen Gefechten


Foto: picture-allaince/©dpa

SCHNEISE DER VERWÜSTUNG: Während der heftigen Kämpfe um die Westerplatte werden auch benachbarte zivile Gebäude zerstört. Heftige Detonationen erschüttern das Hafengebiet


Foto: picture-alliance/©dpa

Die polnischen Verteidiger fügen DEN ANGREIFERN schwere Verluste zu

TRÜMMERWÜSTE: Deutsche Soldaten durchsuchen Teile der verwüsteten Westerplatte. Der massive Artilleriebeschuss und die Stuka-Bomben hinterlassen tiefe Spuren


Der erste Schuss des Weltkriegs
Das Schiff verlässt seinen Liegeplatz und verholt näher an die Westerplatte, um eine bessere Schussposition zu erlangen. Auch der Marinestoßtrupp bringt sich in Position. Um 4:47 Uhr ergeht dann der Feuerbefehl. Sekunden später feuern die Geschü̈tztü̈rme derSchleswig-Holstein ihre Salven auf den südöstlichen Teil der Mauer, die das Munitionsdepot umgibt.

Auch die Flugabwehrkanonen des Schiffes feuern aus allen Rohren. Vorgelagerte Holzbauten der Werkstätten im Hafen brennen kurz darauf lichterloh. Die in Stellung gegangenen Maschinengewehrschützen nehmen das Depot ebenfalls unter Feuer. Sie liegen in höherer Position als die polnischen Verteidiger, die hartnäckigen Widerstand leisten. Als Kapitän zur See Kleikamp erste Breschen in der Depotmauer bemerkt, lässt er das Feuer der Schiffsartillerie gegen 4:55 Uhr einstellen.

Nur eine Minute später greift die Marinestoßtruppkompanie unter Oberleutnant Henningsen mit zwei Infanteriezügen und einem Pionierzug das Depot an. Während die Infanteriezüge durch die von der Schiffsartillerie in die Mauern geschlagenen Breschen vorstoßen sollen, haben die Pioniere den Auftrag, das Eisenbahntor zu sprengen. Sie sollen von dort aus in die Westerplatte eindringen.

Als sie das Tor sprengen, dringt der Pionierzug in das Depotgelände ein. Doch die polnischen Verteidiger wehren sich unter Einsatz eines schweren Geschützes verbissen und fügen den Angreifern schwere Verluste an Gefallenen und vor allem Verwundeten zu.

Dies gilt auch für einen der beiden Infanteriezüge, der zumindest teilweise durch die Mauerbreschen auf das Depotgelände vordringen kann. Auch ihm schlägt mörderisches Abwehrfeuer entgegen.

Kein Handstreich
Schnell zeichnet sich am Morgen des 1. September ab, dass der von deutscher Seite erhoffte Handstreich ausbleiben wird. Denn trotz des massiven Artilleriebeschusses können die Polen die Infanteriezüge der Marinestoßtruppkompanie und die eingedrungenen Pioniere stoppen. Der erste deutsche Angriff scheitert, die Kompanie teilt Kleikamp gegen 6:22 Uhr per Funk mit: „Verluste zu groß, gehen zurück.“ Man schätzt die Ausfälle beim ersten Angriff auf deutscher Seite auf insgesamt 40 bis 50 Mann. Auf polnischer Seite ist diese Zahl weitaus geringer. Kleikamp will sich nicht mit diesem Rückschlag abfinden und befiehlt einen weiteren Beschuss der Westerplatte durch die Schiffsartillerie. Vor allem die polnischen Baumschützen der stark bewaldeten Halbinsel machen den Angriffstruppen schwer zu schaffen.

SYMBOL DES WIDERSTANDES: Schriftzug auf dem 1966 eingeweihten Denkmal für die Verteidiger der Westerplatte, die noch heute von vielen Polen verehrt werden


VOR ORT: Hitler besichtigt zusammen mit dem Kommandanten der Schleswig-Holstein, Kapitän zur See Gustav Kleikamp, die eroberte Westerplatte. Dort leisteten die Polen unerwartet heftige Gegenwehr


Foto: picture-alliance/©dpa

ZERSCHOSSEN: Die bewaldete Westerplatte nach der Eroberung durch die deutschen Verbände. Bei den Bodenkämpfen um das polnische Militärdepot stellten Baumschützen eine große Gefahr für die Angreifer dar


Foto: ullstein bild - ullstein bild

Nach einem infernalischen Feuerschlag lässt Kleikamp das Feuer kurz vor 9:00 Uhr einstellen. Nun sollen die mit einem Zug der SS-Heimwehr um etwa 60 Mann verstärkten Bodentruppen erneut angreifen. Sie kommen nur langsam voran. Stacheldrahtverhaue, Minen und zerschossene Bäume erschweren ihren Vormarsch.

Unterdessen nimmt das Abwehrfeuer der Verteidiger wieder zu. Die Deutschen müssen viele Ausfälle durch Tod oder Verwundung verkraften. Gegen 12:30 Uhr wird der Führer der Marinestoßtruppkompanie Henningsen schwer verwundet und stirbt kurz darauf. Oberleutnant Schug führt nun die Kompanie. Dieser teilt Kleikamp gegen 13 Uhr mit, dass eine Einnahme der Westerplatte mit seinem Stoßtrupp nicht möglich sei.

Stukas im Anflug
In den Stäben des Oberkommandos der Kriegsmarine und des Oberkommandos der Wehrmacht herrscht nun hektische Betriebsamkeit. Man entwirft immer neue Angriffspläne, doch verwirft man diese anschließend wieder. Kleikamp teilt seinem Vorgesetzten Generaladmiral Conrad Albrecht mit, dass die Schiffsartillerie derSchleswig-Holstein die polnischen Bunker nicht direkt beschießen könne. Er fordert daher Unterstützung durch die Luftwaffe, um diese auszuschalten.

Als Hitler sich einschaltet und am 2. September 1939 mittags fordert, die Westerplatte mit Rücksicht auf den Propagandaeffekt noch am selben Tag zu erobern, geht alles plötzlich sehr schnell. Nur wenige Stunden später greifen Stukas des Sturzkampfgeschwaders 2 „Immelmann“ mit rund 60 Maschinen die Westerplatte an. Ihre Sprengbomben zerstören zahlreiche Anlagen des Depots. Der rund 40-minütige Einsatz der Sturzkampfbomber mit ihrem infernalischen Sirenengeheul richtet schwere Schä- den an den Gebäuden und Bunkern an und demoralisiert große Teile der polnischen Depotbesatzung.

SONDERFORMATION: Der Küstenschutz Danzig unterstützt die Angreifer bei ihrem Sturm auf die Westerplatte und den Kämpfen um den polnischen Kriegshafen Gdingen


Foto: picture-alliance/dpa-Zentralbild

DOKUMENT: Propagandabericht

„Am 1. September schlug Danzig die Stunde der Heimkehr ins große deutsche Vaterland. (…) Das in Neufahrwasser liegende Schulschiff Schleswig- Holstein nahm das auf einer durch einen Weichselarm östlich von Danzig gebildeten Halbinsel, die sogenannte Westerplatte, befindliche polnische Munitionsdepot unter Feuer.

Deutsche Fliegerverbände belegten die militärischen Anlagen mit Bomben. In den nächsten Tagen beschossen aufs Neue deutsche Seestreitkräfte von der Danziger Bucht aus die Westerplatte und die polnischen Befestigungsanlagen auf der Halbinsel Hela und den Kriegshafen Hela. (…) Hervorragenden Anteil an der Brechung des polnischen Widerstandes in Danzig selbst hatte die SS-Heimwehr, die im Schutze von Panzerwagen das von den Polen schwer befestigte Postgebäude erstürmte. Die (…) Danziger Selbstschutzformation hatte die Grenzen des Gebietes der Freien deutschen Stadt Danzig besetzt und Stellungen bezogen.“

Aus:Der große deutsche Feldzug gegen Polen – Eine Chronik des Krieges in Wort und Bild , Wien 1939, Seite 93 und 97

NACH HARTEM KAMPF: Die polnische Besatzung der Westerplatte wird nach der Kapitulation in die Gefangenschaft geführt, insgesamt fast 200 Mann


Foto: ullstein bild - ullstein bild

Immer neue Feuerschläge sollen DIE VERTEIDGER zur Aufgabe zwingen

MANGELNDE WIRKUNG: Die Schiffsartillerie der Schleswig-Holstein greift mehrfach in die Kämpfe ein, doch viele Bunker der Westerplatte trotzen dem Beschuss


Foto: picture-alliance/WZ-Bilddienst

STURMREIF GESCHOSSEN: Auf den Verteidigungsanlagen der Westerplatte weht nach Abschluss der schweren Kämpfe am 7. September 1939 die Reichskriegsflagge


Foto: ullstein bild - ullstein bild

Vorsichtiger „Führer”
Zudem zerstören die Bomben wichtige Kommunikationswege der Verteidiger. Diese hätten nach Einschätzung ihres Kommandanten Henryk Sucharski einem direkt nach dem Luftangriff durchgeführten Angriff der Deutschen nicht standhalten können. Dieser Stoß bleibt jedoch aus, da die deutsche Seite einen weiteren militärischen Rückschlag unter allen Umständen vermeiden will. Stattdessen setzt man darauf, einen weiteren Sturm auf die Westerplatte gründlich vorzubereiten. Dieser Ansicht ist mittlerweile auch der „Führer“, der eine weitere überstürzte Attacke ablehnt. Die Angreifer erhalten zudem immer neue Verstärkungen, darunter eine aus Roßlau bei Dessau eilig herangeführte Pioniereinheit unter Oberstleutnant Carl Henke. Auch er spricht sich für eine ausgiebige Aufklärungsarbeit vor einem weiteren Versuch aus.

In den folgenden Tagen nach dem 3. September 1939 geht der Beschuss der Westerplatte weiter. Von der Seeseite her nehmen nun auch das Torpedoboot T 196 und das Begleitboot der 3. MinenräumflottilleVon der Groeben die Westerplatte unter Feuer. Doch auch sie können keine entscheidenden Treffer erzielen.

HINTERGRUND: Freie Stadt Danzig

Am 10. Januar 1920 scheidet Danzig mit Inkrafttreten der nach dem Ersten Weltkrieg in Versailles festgelegten Friedensbestimmungen aus dem Reichsverband aus. Das vom Deutschen Reich abgetrennte Gebiet von Danzig nebst Umland geht an die alliierten und assoziierten Mächte über. Diese errichten Ende 1920 die Freie Stadt Danzig unter Schutz und Garantie des Völkerbundes. Durch die Umsetzung der Versailler Bestimmungen entsteht schließlich der sogenannte Korridor, der Ostpreußen und den neu errichteten Danziger Staat vom übrigen Reich trennt und in der Folgezeit die deutsch-polnischen Beziehungen schwer belastet.

Als die Wehrmacht am 1. September 1939 in Polen einmarschiert, hofft ein großer Teil der überwiegend deutschen Bevölkerung Danzigs auf eine Wiedereingliederung ihrer Stadt in das Deutsche Reich. Diese wird bereits am ersten Angriffstag von der NS-Propaganda verkündet. So titelt eine Extraausgabe der von der NSDAP herausgegebenen Zeitung Der Danziger Vorposten am 1. September 1939 mit der Überschrift: „Die Freie Stadt Danzig ist ab heute Teil des Reiches.“

KAPITULATION: Major Henryk Sucharski übergibt das Depot auf der Westerplatte; am rechten Bildrand Friedrich-Georg Eberhardt, Befehlshaber der Danziger Landstreitkräfte


Foto: ullstein bild - ullstein bild

SYMBOL DES WIDERSTANDS: Das rund 23 Meter hohe Denkmal auf der Westerplatte erinnert an die polnischen Verteidiger vom September 1939


Foto: picture-alliance

Der Erfolg bleibt vorerst aus Dies gilt auch für eine Haubitzenbatterie, die am Vormittag des 5. September das polnische Depot beschießt. Darüber hinaus versucht man, den Wald auf der Westerplatte mithilfe eines mit Benzol gefüllten Eisenbahnwaggons in Brand zu setzen. Doch auch diese Aktion bringt nicht den gewünschten Erfolg für die Belagerer.

Polnische Kapitulation
Daher entschließt man sich nach einem neuerlichen Feuerüberfall derSchleswig-Holstein zu einer Aufklärungsaktion mit bewaffneten Einheiten. Diese beginnt am 7. September in den frühen Morgenstunden und endet gegen 7:15 Uhr. Die Polen halten diese Aufklärungsaktion für einen weiteren Sturmangriff und können die Eindringlinge erneut abwehren. Aber eine nochmalige Attacke der zahlenmäßig massiv überlegenen Angreifer will man aus Rücksicht auf die Verwundeten nicht über sich ergehen lassen. Kurz nach Abschluss der gewaltsamen Aufklärung hissen die polnischen Verteidiger der Westerplatte am 7. September 1939 nach einer Woche erbitterten Widerstandes die weiße Fahne und kapitulieren vor den Deutschen.

Noch heute, viele Jahre später, gilt das 1966 eingeweihte Denkmal für die Verteidiger der Westerplatte in Polen als Symbol des Widerstandes gegen das nationalsozialistische Deutschland.

Dr. Tammo Luther, Jg. 1972, Verantwortlicher Redakteur vonClausewitz und Freier Autor & Lektor in Schwerin mit Schwerpunkt „Deutsche Militärgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“.

PER HANDSCHLAG: Gauleiter Albert Forster begrüßt den Kommandanten der Schleswig- Holstein, Gustav Kleikamp, nach der Kapitulation der Westerplatte. Forster verkündete bereits zuvor die „Heimkehr Danzigs in das Reich“ Foto: picture-alliance/(c)dpa-Bildarchiv


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