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Titelgeschichte: Natascha Kampusch und das tote Mädchen!


die aktuelle Krimi - epaper ⋅ Ausgabe 12/2021 vom 05.12.2020

Sie war 3 096 Tage gefangen. Als Entführungsopfer überlebte die Österreicherin ein unbeschreibliches Martyrium. Jetzt steht sie vor einem neuen Abgrund …


Der furchtbare Leidensweg der Schülerin Amanda Todd …

Artikelbild für den Artikel "Titelgeschichte: Natascha Kampusch und das tote Mädchen!" aus der Ausgabe 12/2021 von die aktuelle Krimi. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: die aktuelle Krimi, Ausgabe 12/2021

Amanda war ein aufgewecktes Mädchen. Dann trat ein Erpresser in ihr Leben. Das wurde ihr zum Verhängnis …


Am Ende war lähmendes Entsetzen und Fassungslosigkeit …

Nur selten hat ein junges Mädchen derart unvorstellbare Grausamkeiten ertragen müssen wie die Schülerin Amanda Todd. Die 12-Jährige wurde gemobbt, erpresst, gestalkt und auf der Straße zusammengeschlagen. Sie verlor auf einmal alle ihre ...

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... Freunde. Sie wurde öffentlich als Hure beschimpft. Sie musste mehrmals den Wohnort und die Schule wechseln, weil sie Angst vor einem unheimlichen Fremden hatte. Nach drei Jahren war dieses Mädchen ein seelisches Wrack: kraftlos, willenlos, hoffnungslos. Am Ende! Für sie gab es nur noch einen Ausweg, ihren Albtraum zu beenden: den Tod! Die Rekonstruktion dieser Tragödie zeigt auf erschreckende Weise, wie unmenschlich, abweisend und kalt unser Miteinander geworden ist, in der das Mitgefühl mehr und mehr vereist …

„Amandas Schicksal hat mich immer sehr bewegt. Bis heute“, schreibt Natascha Kampusch in ihrem Buch „Cyberneider“ über Diskriminierung und Mobbing im Internet. Ihr Schicksal nehme sie deshalb auch so mit, weil sie nachvollziehen könne, was Amanda habe durchmachen müssen. Auch sie sei ein Opfer von brutalem Mobbing geworden. Amanda ist wie eine Schwester im Leid. Es sei für Außenstehende kaum vorstellbar, wie jemand so in die Enge getrieben, so fertiggemacht werden kann, dass es nur noch diesen furchtbaren Ausweg gibt.

Es beginnt alles ganz harmlos wie meistens, wenn Mädchen und Jungen das Internet entdecken und dort neue Freunde finden wollen, Aufmerksamkeit und Bestätigung.

Auch bei Amanda Todd aus dem kanadischen Vancouver ist das nicht anders. Sie besuchte damals die siebente Klasse. Ihr Vater hat ihr eine Webcam geschenkt, mit der sie Bilder ins Internet stellen kann. Auf einer Video-Plattform lernt sie Männer kennen, die ihr schmeicheln, die ihr Komplimente machen. Sie tanzt, sie scherzt und albert vor ihrer Kamera. Ein lustiges Mädchen voller ansteckender Lebensfreude.

Amanda sieht gut aus. Sie weiß das. Und sie kokettiert mit ihrem Aussehen. Von einem dieser Männer scheint sie besonders angetan zu sein. Er ist witzig, locker und aufgeschlossen. Als er sie fragt, wie ihre Brüste aussehen, ist Amanda eher verlegen als irritiert. Sie sagt, dass die schön seien. Sie glaube es zumindest.

Ob er das entscheiden dürfe, fragt der andere. Er sei schließlich ein Mann. Er lacht. Männer könnten das besser beurteilen. Sie seien objektiver als Frauen.

Wie er das denn herausfinden wolle, will sie wissen …

Er werde sie sich ansehen.

Ansehen?

- „Du zeigst mir deine Brüste. Oder schämst du dich etwa?“

Nach ihrer Flucht aus der Hölle bekam Natascha viele Hass-E-Mails. Es gab nicht wenige, die ihr den Tod wünschten


Natascha Kampusch weiß aus eigenem Erleben, wie verheerend Mobbing ist. In ihrem neuen Buch schrieb sie über das Schicksal von Amanda Todd


Der unheimliche Fremde aus dem Internet: wollte ihr Leben zer stören!

Amanda war naiv und leichtsinnig - und wurde so zum leichten Opfer eines Internet-Verbrechers


Amanda - jung, naiv, aufgeregt - lacht: Schämen? „Ich schäme mich nicht“, sagt sie gespielt selbstbewusst.

- „Dann los, zieh deinen BH aus!“

Sie hebt ihr Top hoch und zieht es schnell wieder nach unten. Es sind nur wenige Sekunden, mehr nicht.

Jetzt habe er etwas Intimes von ihr. Das Foto ihrer schönen Brüste verbinde sie beide.

Er solle das Bild wieder löschen, bittet Amanda ihn.

„Zu spät“, lacht er …

Amanda ahnt nicht, dass dieses Foto der Grund sein wird, weswegen sie sterben muss …

Eines Tages meldet sich der Fremde aus dem Internet wieder. Aber dieses Mal ist er nicht mehr der Nette, als den ihn Amanda kennengelernt hat. Er macht ihr sogar Angst!

Er wolle noch mehr von ihr sehen!

Was er denn sehen wolle?, fragt Amanda verwirrt.

Ob sie etwa glaube, er gebe sich nur mit ihren Brüsten zufrieden? Die seien inzwischen sein Profilbild auf Facebook. Er sehe das Foto jeden Tag viele Male. Sie sei doch ein schönes Mädchen, da gebe es doch Einiges zum Vorzeigen …

Sie habe einmal einen Fehler gemacht, sagt Amanda, den sie bereue. So was mache sie nie mehr wieder!

Wenn sie für ihn keine Show vor der Kamera abziehe und er nicht das zu sehen bekomme, was er sich vorstelle, verschicke er ihre nackten Brüste an ihre Klasse, an die ganze Schule, ihre Freunde und ihre Familie. Er habe alle Adressen, droht er.

Amanda kappt die Verbindung.

Als sie kurz darauf ins Klassenzimmer kommt, schreien ein paar Jungs: „Da ist ja die kleine Schlampe!“ Alle lachen und halten Amanda ihre Handys hin. Auf den Displays sieht sie zu ihrem Entsetzen ihren nackten Busen. Daneben steht ihr Name. Sie schämt sich. Sie wird rot. Ihr Herz rast. „Das sind doch deine Titten?“, ruft das Mädchen, mit dem sie sich manchmal zum Cappuccino bei Starbucks trifft. - „Ich wollte das nicht“, bricht es aus Amanda heraus. „Ich weiß nicht. warum ich es getan habe. Da war dieser Kerl …“

Niemand hört ihr zu. Amanda ist in dem Moment bereits gebrandmarkt.

Sie geht zu ihrem Platz. Sie zittert. Als sie sich setzen will, wird sie weggestoßen: „Neben mir hat so eine wie du keinen Platz mehr!“Als der Klassenlehrer kommt, zeigen die Mitschüler ihm das „Pornofoto“, wie sie es nennen. Amanda würde am liebsten vor Scham im Boden versinken. Von da an beginnt ihre Fahrt in den Abgrund. Eine Fahrt, die immer mehr Tempo aufnimmt. Und schließlich nicht mehr zu stoppen ist …

Der unheimliche Fremde aus dem Internet lässt sie nicht mehr los. Wie ein Gespenst geistert er durch ihr Leben. Die Klassenkameraden mobben Amanda. Keiner spricht mehr mit ihr. Sie wird gemieden, als wäre sie eine Aussätzige. In den Pausen steht sie am Fenster und schaut durch den Schleier ihren Tränen in den Hof, wo ihre Mitschüler lachen und lustig sind.

Der Weg in die Schule und aus der Schule wird zum Spießrutenlauf. Sie wird ausgelacht. Sie wird gehänselt und beschimpft. Manche zeigen mit Fingern auf sie. Andere zischeln: „Nutte!“ Sie verliert alle ihre Freunde.

Selbstvorwürfe, Depressionen Panikattacken. Amanda kommt auch nachts nicht mehr zur Ruhe. Die Bösartigkeiten ihrer Mitschüler verfolgen sie sogar in den Schlaf: „Merkst du denn nicht, dass dich in der Schule keiner mehr mag!“ Das Mädchen wird von Albträumen heimgesucht. Sie weint im Traum. Sie weint auch noch, wenn der Albtraum sie ausgespuckt hat und sie zitternd auf ihrem Bett sitzt.

Natascha Kampusch - die Gefangene im Kellerverlies!

Achteinhalb Jahre war die am 2. März 1998 entführte Österreicherin Natascha Kampusch, heute 32, in diesem Raum (rechts) eines Hauses in Strasshof (bei Wien) wie ein Hund eingesperrt …


… verschleppt von dem arbeitslosen Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil (o.). Er hatte die damals Zehnjährige vor ihrer Schule abgefangen. Nach ihrer Flucht warf er sich vor einen Zug


Endlich wieder in Freiheit (oben)! Am 23. August 2006 gelang es Natascha Kampusch, ihrem Peiniger zu entkommen. Ihr Schicksal bewegte Leser in aller Welt (links) und ging in die Kriminalgeschichte ein


Cyber-Mobbing: Die Schülerin hatte gefleht. Sie hatte geweint.: Aber niemand hatte Mitleid mit ihr !

Der Erpresser hatte Amandas Mitschülern ein Nacktbild von ihr auf deren Handys geschickt. Von da an wurde sie von allen gemobbt (Symbolbild)


Amanda mit ihrem geliebten Kater. Damals war sie noch ein unbeschwertes Mädchen. Sie machte gern Sport und hatte viele Freunde


Auf dieses Bild mit Autogramm von Demi Lovato war Amanda besonders stolz. Als hätte die Sängerin ihre Nöte gespürt, schrieb sie: „Stay strong“ („Bleib stark“)


Nach Amandas Selbstmord sagte ihre Mutter Carol unter Tränen: „Wir haben alles getan, um Amanda zu helfen. Sie hat alles mit uns geteilt. Sie berührte die Herzen der Menschen“


Panikattacken nehmen Amanda die Luft zum Atmen. Sie hat Erstickungsanfälle. Sie nimmt Tabletten, um schlafen zu können. Tabletten, um sich ruhig zu stellen. Tabletten gegen ihr Herzrasen. Um ihrem Elend zu entkommen, betäubt sie sich mit Alkohol. Um ihre dunkle Welt zu erhellen, nimmt sie Drogen.

Ihr Leben besteht nur noch aus Hilflosigkeit, Angst und Verzweiflung. Sie fängt an, sich zu ritzen, weil sie sich mit körperlichen Schmerzen den Druck nehmen will - den Druck ihrer Selbstvorwürfe, den ihrer Furcht, den des Hasses. Ein Hass, dem sie Tag für Tag wehrlos ausgesetzt ist. Vor allem auch, weil der körperliche Schmerz besser zu ertragen ist als die unaufhörliche Folter des seelischen Schmerzes. Amanda hat ihren Eltern alles erzählt. Die sind in Sorge. Sie suchen mit ihrer Tochter einen Arzt nach dem anderen auf. Ihr Kind schluckt Antidepressiva. Aber Facebook & Co. sind unerbittlich. Die sozialen Netzwerke kennen kein Mitleid. Das Mobbing wird immer brutaler.

„Ich kann das Foto nie mehr zurückholen“, wird das verzweifelte Mädchen später in ihrem Abschieds-Video schreiben. „Es ist immer da draußen.“

Auch Natascha Kampusch hat unzählige Hass-E-Mails bekommen: „Und ich habe nicht begreifen können warum“, schreibt sie in ihrem Buch. „Warum ich?“ Sie sei damals doch das Entführungsopfer gewesen. Die Gefangene, die acht Jahre lang mit einem perversen Täter leben musste. Aber man habe ihr unterstellt, dass ihr die Gefangenschaft Spaß gemacht habe. Sie sei böse verleumdet worden. Immer und immer wieder. Und es habe überhaupt keine Möglichkeit gegeben, sich zu wehren. Es sei eine grauenvolle Zeit gewesen. Deshalb hat sie auch das Schicksal Amandas in ihrem Buch aufgegriffen. Weil es so unglaublich sei …

In ihrer Sorge ziehen Amandas Eltern um, suchen eine neue Schule für ihre Tochter. Weil sie glauben, dass sie das Drama so beenden könnten. Aber ein Rückhalt, den ihre Tochter händeringend gebraucht hätte, sind sie trotzdem nicht. Nicht etwa weil sie gefühllos wären, sondern heillos überfordert mit der dramatischen Situation. Daher sind Mutter und Vater auch außerstande zu spüren, dass Amanda auf dem Weg in den Abgrund ist …

Und schon meldet sich auf Facebook der Erpresser wieder: „Ich bin der Typ, wegen dem du die Schule verlassen musstest. Gib mir drei Shows und ich verschwinde für immer. Versprochen! Ich werde sonst nie aufhören, dich zu quälen.“

Sie wechselte die Schule. Sie wechselte die Stadt.: Doch ihr Verfolger kannte kein Erbarmen!

Am Ende hatte Amanda keine Kraft mehr. Sie vergrub sich in ihrem Zimmer (Symbolfoto)


Anfangs sieht es so aus, als ob sie es dennoch schaffen könnte. Amanda trifft in der Schule einen Jungen, mit dem sie sich gleich versteht. „Ich mag dich“, sagt er. Sie geht mit ihm nach Hause. Sie küssen sich. Sie fühlt sich bei ihm geborgen. Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit. Sie haben Sex. Doch was Amanda nicht weiß: Der Junge hat eine Freundin. Als die von dem Verhältnis Wind bekommt, lauert sie Amanda mit 15 Mitschülerinnen auf. Auch ihr Freund ist mit von der Partie. „Schlag sie endlich!“, schreien sie. Dann prügelt seine Freundin mit Fäusten auf Amanda ein. Und als das Mädchen am Boden liegt, tritt sie zu. Sie hält ihr das Handy vors Gesicht: „Deine Titten, steht hier!“ (Ein anderes Mädchen hatte die Szene gedreht. Den Film stellte sie später ins Netz.)

Amandas Vater findet seine völlig aufgelöste und verstörte Tochter an einer Hausecke liegen. Er trägt sie zu seinem Auto. Sie zittert, als hätte sie hohes Fieber.

„Ich dachte, so etwas hat kein Mensch auf dieser Welt verdient“, wird sie später in ihrem Abschieds-Video schreiben. „Ich wollte nur noch sterben …“ Kaum zu Hause schleicht Amanda in die Abstellkammer, greift die Flasche mit dem Bleichmittel und trinkt und trinkt. Bis sie zusammenbricht. Im letzten Augenblick wird sie gerettet. Nach ihrem Selbstmordversuch muss Amanda wieder die Schule wechseln, weil das Mobbing an Brutalität nicht mehr auszuhalten ist. Auf Facebook attackieren Mitschüler sie wüst: „Hoffentlich stirbst du! Du hast es verdient! Du bist zu dumm, dich umzubringen!“ Andere posten ein Grab. Und eine Flasche Bleichmittel: „Die bringt dich sicher um! Versprochen!“

- „Warum machen mich alle fertig. Ich kann einfach mehr! Ich kann nicht mehr!“

Kaum war Amanda wieder umgezogen, ploppte eine Nachricht auf ihrem Handy auf: Egal auf welche Schule du gehst, ich werde dich immer finden, schreibt ihr satanischer Peiniger. Er sei sich sicher, dass ihre neuen Mitschüler sich über ihr Nacktfoto genauso freuen dürften wie die in der vorigen Schule.

Natascha Kampusch kenne solche Posts mit ekelhaften Inhalten aus eigenem Erleben, notiert sie in ihrem Buch „Cyberneider“. Man habe ihr ebenfalls den Tod gewünscht: Sie wäre besser dran, wenn sie tot sei! Sie solle es endlich tun! - Warum sie, das Entführungsopfer, in der Öffentlichkeit auf so heftige Antipathie, auf so viel Hass stieß, das sei ihr bis heute unerklärlich. Wahrscheinlich habe sie das Cyber-Mobbing nur überlebt, weil das Grauen acht Jahre lang ihr Leben war.

„Ich kriege das Foto nie mehr zurück“ (sie meint das Nacktbild). - „Ich weine jede Nacht. Ich habe alle meine Freunde verloren und den Respekt“ (r.)


Amandas verzweifelter Versuch. Sie schrieb all ihre Verletzungen auf Karten und hielt jede vor ihre Videokamera. Sprach dabei kein einziges Wort


„Ich habe niemanden - ich brauche jemanden.“ Noch nie war ein stummer Hilfeschrei so laut wie Amanda Todds Video-Anklage auf YouTube!


Der Erpresser aus dem Internet vor Gericht. 2017 wurde er zu 10 Jahren und 8 Monaten Haft verurteilt


Kein Mensch kann sich die Verheerungen vorstellen, die die Angst und die Verzweiflung im Herzen und in der Seele von Amanda Todd angerichtet haben. Und kein Mensch kann ermessen, wie hilflos, verloren und vereinsamt diese zuletzt 15-Jährige gewesen sein musste. Amanda war dem Tod näher als dem Leben, weil der Tod für sie Erlösung bedeutete. Sie sah keinen anderen Ausweg mehr. Und doch war da noch ein kleiner Funke Hoffnung in ihr, der sie nicht loslassen wollte - Hoffnung, dass es da draußen wenigstens einen einzigen Menschen gebe mit Mitgefühl und Herzenswärme. Einen Menschen, der sie hört. Der sie festhält. Der sie rettet.

Das ergreifende Video war wie ein letzter Hilfeschrei.: Dann kam das Entsetzen …

Ihren Hilfeschrei hat kein Mensch hören wollen. Aber nach ihrem Tod klickten Millionen ihr Video an. Viele weinten


Man mag es kaum glauben: Dieses Foto mit einer Bekannten entstand nur vier Tage vor Amandas Tod


Ruhe in Frieden - die Todesanzeige von Amanda Todd. Am 10. Oktober 2012 nahm sich das verzweifelte Mädchen das Leben


Amanda wollte ihren Schmerz in die Welt hinausschreien!

Das seelisch erschöpfte Mädchen sammelte die letzten Reste seiner Kraft, setzte sich an den Tisch, und schrieb ihren nicht enden wollenden Leidensweg auf. Jede Verletzung hielt sie auf einer Karteikarte fest. Am Ende waren es 74. Und mit dem Bündel Schmerz in der Hand stellte sie sich vor ihre Kamera. Amanda sagte kein einziges Wort. Sie hielt nur die Karten vor sich. Eine nach der anderen. In ihrem Internet-Video sieht man nur ihre Finger und ihre langen Haare. Und eine Idee ihres Gesichts. Alles in Schwarz-Weiß. „Warum machen mich alle fertig?“ - „Ich kann nicht mehr!“ - „Kein Mensch auf der Welt verdient so etwas.“ - „Wann hört das Quälen endlich auf!“ - „Ich habe jede Nacht geweint.“ - „Ich gehe nicht mehr raus, weil ich Angst habe. Ich gehe nicht mehr zur Schule.“ - „Ich ritze mich.“ - „Ich habe keine Freunde mehr.“ - „Ich habe niemanden - ich brauche jemanden.“ - „Mein Name ist Amanda Todd.“

Noch nie war ein stummer Hilfeschrei so laut. So aufwühlend. Und gleichzeitig zum Weinen berührend. Beinahe neun Minuten lang. Aber Amandas Hilferuf sollte zu ihrem Requiem werden. Tag für Tag, vier Wochen lang, starrte der Teenager stundenlang auf das Display ihres Handys und wartete auf ein Zeichen von Menschlichkeit, von Nächstenliebe. Aber mit jedem verrinnenden Tag wuchs ihre Angst. Und mit der ihre Verzweiflung, die am Ende so gewaltig war, dass sie das Mädchen wie ein Tsunami aus dem Leben riss. Am 10. Oktober 2012 war Amanda tot. Sie hatte sich erhängt. Millionen in der ganzen Welt haben danach ihr Video angeklickt. Viele weinten, weil sie erschüttert waren von ihrem Schicksal. Manche weinten aber auch aus Scham, weil sie sich moralisch mitschuldig fühlten am sinnlosen Tod dieses Mädchens.

Nach zwei Jahren spürte die Polizei in Holland den Satan aus dem Internet auf. Er soll insgesamt 34 Mädchen angelockt und jahrelang mit Bildern und Videos erpresst haben. 2017 wurde der 38-jährige Mann wegen Online- Betrugs und Erpressung zu 10 Jahren und 8 Monaten Gefängnis verurteilt.


Fotos: dpa/picture-alliance, Facebook/amandamichelletodd, Getty Images, iStock, laif/Cathrine Stukhard, NVG, Omroep Brabant, Shutterstock, splashnews.com, Youtube