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Titel.KRIS LEMSALU: Kris LEMSALU


Monopol - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 18.04.2019

EXZENTRIKERIN, SCHAMANISTIN, VISIONÄRIN: KRIS LEMSALU GILT ALS KÜNSTLERIN DER STUNDE. AUF DER VENEDIG- BIENNALE BESPIELT DIE 34-JÄHRIGE JETZT DEN ESTNISCHEN PAVILLON. HÖCHSTE ZEIT, DEM HYPE AUF DEN GRUND ZU GEHEN


Artikelbild für den Artikel "Titel.KRIS LEMSALU: Kris LEMSALU" aus der Ausgabe 5/2019 von Monopol. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

KRIS LEMSALU „PHANTOM CAMP“, 2015


Fotos: © Stanislav Stepaško. © Johanna Ulfsak


„WHOLE ALONE 2“, 2015


„Die Schildkröte rührte sich noch immer nicht, er befühlte sie, sie war tot. Sie war an eine ruhige Existenz, an ein demütiges Leben, das sie unter ihrer ärmlichen Schale zubrachte, gewöhnt; sie hatte den glänzenden Luxus, den man ihr aufdrang, den goldglänzenden Überzug, mit dem man sie bekleidet ...

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... hatte, die Edelsteine, mit denen man ihr den Rücken gepflastert hatte, nicht vertragen können.“ So endet ein zentrales Kapitel in Joris-Karl Huysmans’ 1884 erschienenem Roman „À rebours“ (Gegen den Strich), ein Hauptwerk der Dekadenzliteratur. Gelangweilt und des Lebens überdrüssig, zieht sich Des Esseintes, ein französischer Adeliger und radikaler Ästhet, in eine Villa am Pariser Stadtrand zurück – um in einem künstlichen Paradies in Schönheit zu vergehen. Er umgibt sich mit exotischen Pflanzen, sammelt mystische Literatur und Gemälde von Odilon Redon und Gustave Moreau. Zum Sinnbild für seinen exzentrischen und lebensfeindlichen Stilwillen wird eine Riesenschildkröte, die er als dekorative Ergänzung zu seinem Teppich anschafft. Um sie farblich abzustimmen und bessere Lichtwirkung zu erzielen, schmückt er ihren Panzer mit Edelsteinen, Gold und Diamanten – bis sie daran verendet.

Die Geschichte des Dandys und des Reptils ist oft zitiert und interpretiert worden – allerdings immer nur aus der Sicht des Adligen und Sammlers. 2015, beinahe 120 Jahre später, taucht auf der New Yorker Kunstmesse Frieze erstmals ein Werk auf, das diese Konstellation umdreht, den Fokus auf das marginalisierte, sterbende Tier, auf das Innenleben des Panzers lenkt. „Whole Alone 2“ heißt die Performance-Installation der estnischen Künstlerin Kris Lemsalu, die sie am S tand ihrer Galerie Temnikova & Kasela zeigt. Mit Kopfhörern im Ohr, rot lackierten Fingernägeln und einer Perücke, die ihr Gesicht verdeckt, liegt sie an jedem Messetag acht Stunden auf einem Wasserbett – begraben unter einem hundert Kilo schweren Porzellanpanzer, in den künstliche Deko-Edelsteine eingelassen sind. Die Arme und Beine kann sie dabei nur ausgestreckt halten. Lemsalu ist unter ihrem Panzer völlig isoliert, abgeschottet vom Messerummel. Immer wieder fragen Besucher, ob sie vielleicht einen Arzt rufen sollen. Neben ihr stehen Türme aus Kartons mit Eiern, auf denen kleine Schildkrötenpanzer ruhen – potenzielles, zartes Leben, zerbrechliche Produktion. Vor dem Bett ein Porzellantiger, der die Schildkröte bewacht. Der prunkvolle Fin-de-Siècle-Salon, das ist in der Gegenwart ein Zelt im Regent’s Park, durch das an den ersten Messetagen Superreiche ziehen, von denen es viele an Überdruss und Dekadenz mit Des Esseintes aufnehmen können. Das Marginalisierte ist hier die Frau, die Künstlerin, die unter der Last ihrer Repräsentation brütet, meditiert, stirbt.

„IMMATERIAL MATERIAL LOVE“, 2008–11


Diese Performance macht Lemsalu schlagartig bekannt. Vier Jahre später ist die „exzentrisch kostümierte Künstlerin“ („Artnet“) der Shootingstar. Die Last ist größer geworden, der Panzer vielleicht auch. Nach einer Einzelausstellung in der renommierten Wiener Secession hat sie Ende 2018 das neu eröffnete Goldsmiths Centre for Contemporary Art in London mit ihrer Soloschau „4LIFE“ bespielt. Jetzt wird ihre mit Spannung erwartete Ausstellung im estnischen Pavillon auf der Venedig-Biennale eröffnet. Dabei hat sie auf Kuratoren aus ihrem Heimatland verzichtet und arbeitet lieber mit ihrem globalen Netzwerk aus Freunden, ihrer „Familie“, zusammen, zu der die britische Künstlerin Sarah Lucas ebenso gehört wie Kuratoren, Kritiker, Autoren, Performer, Musiker und auch Lemsalus Mann Kyp Malone von der Band TV on the Radio. Im Pressetext ist zu lesen, dass sie mit „BIRTH V“ in einem ehemaligen Lagerhaus auf der Insel Giudecca „eine Welt von schamanischer Kraft, visionärer Verrücktheit und kollektiver Wiedergeburt“ erschaffen wird. Das klingt magisch, fantastisch wie eine der rauschhaften Szenerien aus Kenneth Angers legendärem Underground-Film „Inauguration of the Pleasure Dome“.

„STAR“, 2016


In Venedig verzichtet sie auf Kuratoren und arbeitet lieber mit ihrer „FAMILIE“ zusammen, zu der die Künstler in Sarah Lucas gehört und ihr Mann, der Musiker Kyp Malone


Aber an diesem Sonntagnachmittag, an dem wir ein Skype-Interview führen, erscheint Lemsalu Lichtjahre entfernt von den schamanisch-dadaistischen Kunstwesen, die sie bei ihren Performances und öffentlichen Auftritten erschafft. Ungeschminkt, eingehüllt in einen Schal, wirkt sie wie eine Arbeiterin, erschöpft von den Zwölf-Stunden-Tagen, die sie seit neun Monaten im Studio fährt – aber immer noch auf Sendung. Sie sei in den letzten Jahren nur gereist, habe rund um die Uhr gearbeitet, erzählt Lemsalu. „Ich beobachte mich selbst, wie ich denke, in was für einen Roboter ich mich verwandelt habe.“ Sie sei schon halb in der Auszeit, die sie danach einlegen wolle: „Ich träume davon, mich einfach nur zu langweilen und nicht von mir selbst abgestumpft zu sein, so wie ich mich seit einer Weile erlebe. Ich träume davon, etwas ganz Unmittelbares zu machen, etwas wie Musik oder einen Laden vielleicht.“ Zugleich sieht sie Venedig als Chance, ein kollektives Projekt mit den Leuten aus aller Welt zu realisieren, zu denen sie vorher gereist ist, die sie genährt hat, mit denen sie in Verbindung geblieben ist: „So kann ich meine Sicht auf alles zeigen.“ Man spürt, dass sie das mit dem Nähren ernst meint, genauso das mit der Freude, die sie anderen mit ihrem Werk machen will. Doch als wir konkret über ihre Arbeit in Venedig sprechen, wird es holperig. Es werde eine Art Prozession um ein säulenartiges Werk geben. Wir lachen. Beide Seiten wissen: Sie wird, sie darf nichts Konkretes verraten. Und doch will sie in diesem Gespr äch etwas mitteilen. Dann kommt dieser Moment wie von selbst – als die Frage gestellt wird, wie sie ein Werk beginnt. Ist da ein Bild im Kopf ? Eine Vision? Oder geht sie von den Materialien aus, die sie findet und neu zusammensetzt? Schweigen. „Ich kann dir eine Geschichte erzählen, die charakteristisch für fast alle meine Arbeiten ist. Das ist eher wie ein Sammeln.“ Und dann erzählt sie vom Porzellantiger, der die Schildkröte bewacht.

„FULL TIME FRIEND ERIK“ (DETAIL), 2015


„SO LET US MELT AND MAKE NO NOISE“, 2017


„Der Tiger stammt aus meiner Wohnung in Wien. Ich kehrte ein letztes Mal dorthin zurück, um ein paar Sachen mitzunehmen, nachdem mein Partner gestorben war, mit dem ich lange dort gelebt hatte. Da standen diese beiden Plüschtiger auf dem Piano, die wir vor Jahren an seinem Geburtstag auf der Straße gekauft hatten.“ Lemsalu nimmt sie mit, lagert sie bei einem Bekannten ein, da sie ständig reist. Aber sie weiß, dass sie sie nutzen will: „Ich habe da eine Methode: Ich tränke Textilien oder organische Dinge in flüssige Porzellanmasse, die ich dann trockne und im Ofen brenne, wobei die ursprünglichen Materialien verbrennen.“ Eine Einäscherung also. Als sie ihren Bekannten anruft, hat der die Tiger weggeworfen. Lemsalu ist sprachlos angesichts dieser Härte. Ein Jahr später sitzt sie mit einem Russen beim Dinner, „einem fiesen, reichen Oligarchen. Aber wir hatten Spaß, das reichte für die Nacht. Ich fragte ihn nicht nach seinen politischen Ansichten.“ Aber als sie sich am nächsten Tag in einem Café treffen, haben sie sich nichts zu sagen, also nimmt sie ihn mit zum Prater, an dem sie jeden Tag auf dem Weg zur Bildhauerklasse vorbeiging, als sie noch studierte.


Materielle und psychische Zustände ÜBERLAGERN sich, persönliche und kollektive Erinne - run gen, Bezieh ungen und Rituale


„CAR2GO“, 2016


Und plötzlich sieht sie den Tiger am Schießstand. „Ich sagte zu diesem Russen: Ich brauche den größten Tiger, den Hauptgewinn! Normalerweise schafft man das nie. Wir schossen zusammen über eine Stunde, dann hatte ich ihn.“ Lemsalu nimmt den Tiger mit nach Tallinn, weidet ihn aus, tränkt das Fell in flüssiges Porzellan. Sie tränkt die Füllung ebenfalls, stopft sie wieder rein, vernäht das Tier. Sie bringt es in die Sauna eines Freundes, wo es einen Monat trocknet. „Dann nahmen ich und ein paar Leute mit dem Tiger den öffentlichen Bus, der zu dieser Insel fährt, um dort eine Woche zu verbringen: Feuer machen, Holz hacken, immer wieder den Brennofen auf 1300 Grad hochheizen. Schließlich brachten wir ihn wieder zurück, um ihn in einen elektrischen Kiln zu stellen. Das sind nur technische Details. Aber das ist die Geschichte des Tigers. Und jedes Detail in dieser Arbeit hat solch eine Geschichte.“

In diesem Moment wird deutlich, wie alchemistisch Lemsalus künstlerische Praxis tatsächlich ist, wie sich in ihr materielle und psychische Zustände überlagern, welche große Rolle persönliche und kollektive Erinnerungen, Beziehungen und Rituale schon bei der Herstellung ihrer Skulpturen und Installationen spielen. C. G. Jung zog in seinen Schriften der 40er- und 50el-uahre Analogien zwischen Alchemie und Psychologie. Er deutete den Prozess der Vervollkommnung der Stoffe, die Suche nach dem „Stein der Weisen“ als einen spirituellen Aspekt der Selbstvervollkommnung. Die hermetischen Symbole, mit denen die Alchemisten die unterschiedlichen Stoffe und deren Transmutation versinnbildlichten, dienten aus seiner Sicht dem Verständnis von neurotischen und psychotischen Vorgängen, aber auch dem Freisetzen von rätselhaften Ideen, die im individuellen oder kollektiven Unbewussten verborgen sind.

Doch Lemsalu nutzt nicht nur Stoffe und Symbole für ihre Alchemie, sondern vor allem soziale Beziehungen. Man sollte sich allerdings hüten, die Manifestationen und Bilder, die sie schafft, lediglich als Ausdruck einer inneren Reise, als eine Art modernen Schamanismus zu deuten. Ihre Schildkröten-Installation auf der Frieze ist zugleich Trauerarbeit, Kritik am Kunstsystem und philosophische Betrachtung über das Ende der menschlichen Herrschaft über die Natur. So verhält es sich bei all ihren Arbeiten. Immer wieder ist über die Märchenhaftigkeit, den Witz, die Exzentrik von Lemsalus Arbeiten und Performances geschrieben worden. Tatsächlich wirken sie knallbunt und verlockend. Doch Lemsalus Liebe ist hart. Mütterlich berichten ihre Werke von einer posthumanen Welt, aus der die Menschen längst verschwunden sind. Auf dem hipstermäßig angezogenen Porzellankörper von „Full Time Friend Erik“ (2015) thront ein Affenschädel. In der Installation „star“ (2016) landet ein gesichtsloser Fallschirmspringer auf einem See aus spiegelnden CDs, an dem sich Hund-Mensch-Hybride laben – eine neue Rasse, die ihren spirituellen Durst mit ausrangierter Technologie stillt. Der Dämonen-DJ in „So Let Us Melt And Make No Noise“ (2017) spielt sein lautloses Set auf einem Flüchtlingsboot, das in einem Meer blauer Ballons versinkt. Auf dessen Bug sind groß die Buchstaben „UNO“ zu lesen.

„BLANKET“, 2017


Die Arbeit scheint heutig, doch ihr Titel stammt aus „A Valediction: Forbidding Mourning“, einem Gedicht des elisabetha nischen Schriftstellers John Donne von 1611, in dem es um den klaglosen Abschied von dieser Erde geht.

Man kann sich Lemsalus Werk als treibendes Boot vorstellen, das SOS-Signale aussendet, um Freunde, Überlebende, Gleichgesinnte herbeizurufen – aber auch Visionäre aus den unterschiedlichsten Kulturen und Zeiten. Lemsalus Looks sind ebenso von Schamanen und Butoh-Tänzern inspiriert wie von dem Performance-Künstler Leigh Bowery, dem Gott der Londoner Mode- und Clubszene der frühen 90er. Ihre Keramiken erinnern an die mystischen Installationen des Post-Minimal-Künstlers Paul Thek, aber auch an die Palissy-Keramiken der Renaissance, die von Früchten, Schlangen und Seegetier überquellen. Und natürlich sind Louise Bourgeois, Kai Althoff und John Bock Seelenverwandte. Auch ihr Projekt für Venedig wird so eine Art Rettungsboot werden, selbst wenn sie betont, diesmal solle nach all der Beschäftigung mit dem Tod mal das Leben gefeiert werden. Doch wie im Pressetext zu lesen ist: „In Venedig trägt der Tod sowieso eine Karnevalsmaske.“

ESTNISCHER PAVILLON, Giudecca, 58. Venedig-Biennale, 11. Mai bis 24. November

„GOING GOING“, 2017



Foto: © Eleri Ever. © Katharina Reckendorfer, Josef Schauer-Schmidinger and Aadam Kaarma. (vorherige Doppelseite) © S.Stepaško, Courtsey artist Temnikova und Kasela

Fotos: © Courtesy the artist, Koppe Astner, Glasgow, and Temnikova Kasela, Tallinn. © Robert Glowacki, © the artist

Fotos: Julien Gremaud / Les Urbaines, Courtesy the artist; Koppe Astner Glasgow Temnikova and Kasela Tallinn. S.Stepaško, Courtesy the artist, Temnikova and Kaslea. © Paula Court (nachfolgende Doppelseite)