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TITELSTORY ”DANKE STEFFI


tennisMAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 60/2019 vom 17.05.2019

Wie tickt Steffi Graf? Der Brief eines „Fans“ – exklusiv für tennis MAGAZIN


Artikelbild für den Artikel "TITELSTORY ”DANKE STEFFI" aus der Ausgabe 60/2019 von tennisMAGAZIN. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: tennisMAGAZIN, Ausgabe 60/2019

TREFFEN IN LAS VEGAS: Als Andrea Petkovic (re.) mit ihrem damaligen Trainer Petar Popovic (li.) 2015 mit Graf trainierte, war sie begeistert.


Die einzige Sache, die ich bereue, wenn es um Steffi Graf geht, ist, dass ich nicht etwas älter und weiser war. Älter und weiser, als Steffi auf dem Zenit ihrer Karriere stand. Ich war jung und fasziniert von Venus und Serena Williams, die mit Perlen in den Haaren, bis dato nicht gekannter Athletik und frechen Kommentaren in Pressekonferenzen bei Mini-Andrea punkteten, die es zu diesem ...

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... Zeitpunkt nicht besser wusste.

Eine Sterilität umwehte Steffi, eine Kaltschnäuzigkeit, mit der sie ihren Sport betrieb, bis ins Detail geplant, professionell, präzise wie ein Schweizer Uhrwerk. Das Schweizer Uhrwerk, ein langweiliges Klischee, das Steffi nicht gerecht wird und deswegen wünschte ich nur älter gewesen zu sein, um es zu verstehen.


SIE IST BESCHEIDEN, STILL & FREUNDLICH


Als ich Steffi das erste Mal traf, machte sie nicht direkt einen einschüchternden Eindruck auf mich; dazu ist sie zu bescheiden, zu still, zu freundlich. Im Rahmen eines Adidas-Trainingsprogramms durfte ich einige Tage in Las Vegas mit meinem Trainer verbringen. An unserer Seite Gil Reyes, Andre Agassis berüchtigter Fitnesstrainer und Patenonkel der Kinder, und Steffi Graf als Begleiterin, die mit Rat und Tat an unserer Seite standen. Ich war nach 20 Minuten auf dem Trainingsplatz mit Steffi zunächst fasziniert und am Ende der Einheit komplett besessen von ihrem Anblick. Ich sah kaum einen Ball, weil ich meinen Blick nicht von Steffis Beinarbeit abwenden konnte. Ihre Füße flogen in rapiden, präzisen Trippelschritten über den amerikanischen Hartplatz wie eine barfüßige Tänzerin auf heißem Boden. Wie die Gezeiten selbst wogte sie auf und ab, in eleganten, flüssigen Bewegungen kam sie in den Platz hinein, nahm den Ball im Steigen um sich kurz darauf hinter die Linie fallenzulassen, von Seite zur Seite, vor und zurück – sie war überall. Ich war nervös und einfach bei Weitem nicht so gut. Sicher, ich konnte auf den Ball draufkloppen und ich stand zu diesem Zeitpunkt in den Top Ten der Welt, aber ich wusste sofort, dass ich eine so viel schlechtere Tennisspielerin als Steffi war, dass ich innerlich lachen musste, über die zahlreichen Fragen der Journalisten, die mich immer wieder nach Steffi fragten und ob ich mich als ihre Nachfolgerin sah, als jemanden, der möglicherweise in ihre Fußstapfen treten könnte. Steffi hatte mir innerhalb der ersten 20 Minuten meine Grenzen in vernichtender Art und Weise aufgezeigt und das war auch gut so. Ich begann zu begreifen.

Kurz nach dieser Trainingseinheit begab ich mich in mein Hotelzimmer, öffnete meinen Laptop, klickte auf YouTube: Steffi Graf-Videos gucken. Es war wie ein schwarzes Loch. Ich konnte nicht mehr aufhören. Immer tiefer zog es mich hinein in ihre Rivalität mit Martina Navratilova, ihre Rivalität mit Martina Hingis, ihre Rivalität mit Monica Seles. Die Bildqualität war schlecht und meistens fragte ich mich, welcher Toaster das Match aufgenommen hatte und wo eigentlich der Ball auf dem Bildschirm zu finden war, aber es änderte nichts an der Tatsache, dass Steffi eine moderne Tennisspielerin war. Eine der ersten modernen Tennisspielerinnen. Sicher, sie hatte diesen Rückhandslice, der ans Tennis aus einem anderen Jahrzehnt erinnerte. Aber je mehr ich guckte, desto mehr sah ich. Die Vorhand war eine Rakete, schneller als Schläge vieler Mädels heutzutage trotz schlechteren Materials, ihr erster Aufschlag nagte jedes Mal an den 180 km/h herum und in Sachen Fitness konnte ihr niemand das Wasser reichen. Wenn man es als Tennisfan betrachtete, konnte man all dies bewundern, respektieren, aber richtig verstehen konnte man es nicht. Nun war ich seit einigen Jahren selbst im Profigeschäft unterwegs gewesen und sah es auf einmal glasklar vor mir. Alles, was auf dem Platz geschah, war in ungezählten, niemals enden wollenden, zumeist langweiligen Trainingstagen vorbereitet worden. Alles, was so leicht aussah, barg in seiner Essenz eine Schwere, die Steffi auf den Center Courts dieser Welt vergessen ließ.

Die Athletik, die die Williams-Schwestern in all ihrer Kraft auf den Ball hinausschrien und -schmetterten, war bei Steffi verborgen in ihrer Fußarbeit, die, nun ja, präzise wie ein Schweizer Uhrwerk war. Die Emotionen, mit deren Hilfe Boris Becker jedes Match in eine Art Krieg um Leben und Tod verwandelte, waren bei Steffi im Tagesgeschäft versteckt, das die Welt nicht zu sehen bekam. Denn Hingabe brauchte es allemal und wenn Hingabe nicht Emotionalität ist, vielleicht sogar Liebe, was ist es dann? Ich bin mir ziemlich sicher, dass Steffi es niemals so nennen würde. Aber wenn man genau hinguckt – durch den Toaster hinweg, am verpixelten Ball vorbei, zwischen erahnten Linien eines Tennisplatzes –, wenn man den Ausdruck absoluter Konzentration auf Steffis Gesicht sieht, das Stirnband, das akkurat gebunden ist, die Gleichmütigkeit in Momenten höchsten sportlichen Drucks, dann verzeiht Steffi mir hoffentlich, wenn ich es Liebe nenne. Und die Journalisten verzeihen mir hoffentlich, dass ich damals hinter ihrem Rücken über sie gelacht habe. Denn eine Steffi gab es vorher nicht und gab es nachher nicht. Nicht kopierbar. Einzigartig.

Deswegen ist die einzige Sache, die ich bereue, wenn es um Steffi geht, dass ich nicht älter und weiser war, um zu verstehen. Und dass ich nicht bessere Ausdrücke kenne als „präzise wie ein Schweizer Uhrwerk“ und „einzigartig“. Denn diese stereotyp besetzten Ausdrücke werden ihr nicht gerecht.

Herzlichen Glückwunsch zu deinem 50. Geburtstag, Steffi, und danke für alles.


FOTO: DATENBANK