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TITELSTORY: Fairway Jordan: 23


Golfpunk - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 10.07.2020

Sein Status auf dem Basketball-Court wird niemals infrage gestellt werden, doch auch auf dem Golfplatz ist Michael Jordan längst einflussreicher als so manch gestandener PGA-Pro. Kein Wunder, schließlich spielt Nummer 23 nicht nur mehr Golf als Tiger Woods, sondern verkauft auch mehr Schuhe. Millionenfach…


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Bildquelle: Golfpunk, Ausgabe 2/2020

MICHAEL JORDAN


Mehr als neun Stunden lang zementiert die grandiose Dokumentation „The Last Dance” das überlebensgroße Denkmal des vielleicht größten Popstar-Athleten aller Zeiten, erzählt Geschich- ten von Buzzer-Beatern, Olympiagold und NBA-Meisterschaften. Keine Szene lässt je- doch tiefer blicken als ...

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... ein scheinbar harmloses Zeittotschlagen im März 1988. Jordan und sein Bodyguard Michael Wozniak vertreiben sich in den Katakomben des United Center mit einem Spielchen, das auf deutschen Schulhöfen als Fuchsen bekannt ist, die Langeweile und messen sich darin, wer Vierteldollarmünzen dichter an einer Wand zum Liegen bekommt. Eigentlich unspektakulär, würde Wozniak nicht die Frechheit be- sitzen, Jordan zu schlagen – in einem Wett- kampf! Nicht nur das, der Security-Mann traut sich sogar, seinem Arbeitgeber eine Dosis dessen eigener Medizin, kaltblütig verab- reichter Trash Talk, in die offenen Egowunden zu reiben, während er grinsend das gewonnene Geld einsackt. Jordans Körpersprache ist eindeutig; in „Space Jam” würde ihm in einer vergleichbaren Situation Dampf aus den Ohren schießen. Nur für wenige Sekun-den gelingt es ihm, die Fassung zu wahren, ehe mit einem gebellten „Security! Musst du nicht das verdammte United Center bewachen?” das Mächteverhältnis wieder gera-degerückt wird.

Wettkampf endet für Michael Jordan nicht nach vier Vierteln und wird nicht von den Auslinien eines Basketball-Courts begrenzt. Gewinnen ist die einzig relevante Größe in der Mentalität eines Athleten, dem es gelungen ist, die höchsten Höhen des Profisports zu erklimmen, und es spielt keine Rolle, ob sich ein Sieg im siebten Spiel der NBA-Finals, bei einem High-Stakes-Poker-Match mit Berufszockern oder beim Fuchsen mit Buddys zuträgt.

Niederlagen, die auf die Kappe unter ihren Möglichkeiten spielender Teamkollegen gingen, müssen für ein kompromissloses Sportalphatier wie Jordan die Hölle gewesen sein. Dem langjährigen Bulls-Center Horace Grant verweigerte No. 23 während eines Heimflugs nach einem verlorenen Spiel sogar das Essen und wies die Stewardess an: „Geben Sie ihm nichts. Er hat es nicht verdient.”

Da es jedoch das Schicksal eines jeden Mannschaftssportlers ist, und sei er auch der beste aller Zeiten, von Mitspielern abhängig zu sein, verwundert es nicht, dass Michael Jordan bereits im Studentenalter einen Narren an Golf gefressen hatte. Schließlich bietet kein anderer Sport derartig unendliche Mög- lichkeiten für Wettkämpfe und Zockereien, liefert unantastbar objektive Ergebnisse und lässt jeden Spieler so auf sich allein gestellt wie Golf. Kein schlechter Pass eines Mitspielers und kein fragwürdiger Pfiff eines Schiedsrichters können sich auf dem Golfplatz zwischen Michael Jordan und den Sieg stellen.

Vielleicht ist die Liebesbeziehung zwischen „Air” Jordan und dem Golfspiel auch viel simpler mit den Worten Scottie Pippens erklärt: „Während meiner Rookie-Saison schenkte Michael mir einen Satz Golfschläger.” Eine nette Geste, doch Pippen vermutet Eigennutz: „Er wollte mich ködern, um mir später all mein Geld abknöpfen zu können.”

ERSATZWETTKAMPF

Ende März 1984 – die University of North Carolina Tar Heels hatten gerade überraschend das regionale Halbfinale gegen die University of Indiana verloren und die Saison war damit vorüber. Jordan hatte mit 13 Punkten eine unterdurchschnittliche Partie in seinem letzten Collegespiel, wie sich später herausstellen sollte, abgeliefert. Sein Teamkollege Buzz Peterson hatte kurz zuvor die Bekanntschaft eines gewissen Davis Love III gemacht, der zu dieser Zeit für die UNC im Golfteam spielte. Love hatte sich bereit erklärt, Peterson, der noch nie einen Golfschläger in der Hand gehalten hatte, mit auf den Golfplatz zu nehmen, und da die Saison beendet war und Langweile in der Luft lag, fragte Jordan kurz entschlossen: „Was dagegen, wenn ich mitkomme?”

„Er fuhr mehr Golfcart, als dass er spielte”, erinnerte sich Love Jahre später, „aber ab und an griff er sich einen Putter oder einen Driver und versuchte, den Ball zu schlagen. Man konnte sehen, wie sein Interesse wuchs.” Noch im gleichen Frühjahr spielte M.J. seine erste richtige Golfrunde gemeinsam mit einem Mannschaftskollegen aus dem Tar-Heels- Basketballteam und Davis Love III. 17 Löcher lang gelangen ihm nur einige Bogeys und weitaus schlechtere Scores, doch das erste Par löste etwas in Michael aus: „Von dem Moment an war ich angefixt”, erklärte er im März in einem Interview mit pgatour.com.

Zwar war die Medienaufmerksamkeit, die dem Ausnahmespieler damals zuteilwurde, längst nicht mit dem Hype seiner erfolgreichsten Tage in der NBA zu vergleichen, doch auch Collegespieler stehen unter immensem Druck und Golf taugte daher schon früh als Ventil. „Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich einen Platz gefunden, der es mir erlaubte, all der Hektik um mich herum zu entkommen. Wenn man ständig von Chaos umgeben ist, muss man sich von Zeit zu Zeit allem entziehen. Ich denke, wer Golf wirklich versteht, der schätzt die Abgeschiedenheit und die Ruhe. Nicht jedem gefällt diese Art der Flucht, für mich war es jedoch von Beginn an das Coolste überhaupt.”

Die Rolle des ersten Mentors und Golf- Coachs übernahm jedoch nicht Davis Love, sondern der damalige Head Pro des universitätseigenen Finley Golf Club Ed Ibarguen. Jordan verbrachte während seines letzten Jahres am College beinahe jede freie Minu- te dort. „Der Golfvirus hatte ihn wirklich erwischt”, erinnert sich Ibarguen. „Wir standen morgens auf, besorgten uns auf dem Weg zum Golfplatz Egg McMuffins bei McDonald’s, spielten Golf, aßen Hot Dogs im Clubhaus und gingen danach wieder spielen.”

Ed Ibarguens Frage, ob Jordan es wirk- lich ernst meinte mit dem Golftraining und er nachhaltig an seinem Schwung arbeiten wollte, war zu jenem Zeitpunkt mehr rhetorischer Natur und der Pro wurde zum ersten Golflehrer von Michael Jordan. Mehr noch, die beiden spielen bis heute gemeinsame Golfrunden, sind regelmäßig gemeinsam bei Ryder Cups und Presidents Cups anzutreffen und unternehmen Buddy-Trips ins Home of Golf nach St. Andrews.

BRÜDER IM GEISTE

1990 behauptete ein gerade mal 14 Jahre al- ter Tiger Woods, dass er beim Ausmalen der vor ihm liegenden Karriere sich keineswegs am größten Golfer aller Zeiten Jack Nicklaus orientierte, sondern am dominierenden Athleten seiner Zeit. „Ich könnte vielleicht einmal so etwas werden wie Michael Jordan für Basketball”, verriet Woods damals „Trans World Sport” und sollte recht behalten. Über den Weg gelaufen waren sich die beiden maß-geblichen globalen Sportstars der vergangenen 30 Jahre da allerdings noch lange nicht. Doch als Woods sechs Jahre später ins Profi- lager wechselte und umgehend einen astronomisch dotierten Sponsorendeal mit Nike unterzeichnete, war die Verbindung zwischen den beiden Markenkollegen hergestellt. Der frisch gebackene Golfpro hatte eine gesunde Vorstellung von dem, was ihn erwarten und wie sich sein Leben verändern würde, einen besseren Ratgeber als Michael Jordan gab es auf dem gesamten Planeten nicht. „Mike ist in einer Position, in der sich mein Leben auch entwickelt”, verriet Woods 1997 Oprah Winfrey in einem Interview. „Ich hatte eini- ge Probleme und wusste nicht, wie ich mit bestimmten Situationen umgehen soll. Zum Beispiel, dass ich nun erkannt werde, der Ver-lust meiner Privatsphäre, Artikel, die über mich geschrieben werden, einfach der Umgang mit Menschen – Mike hat mir dabei sehr geholfen, denn er hat das alles bereits erlebt. Mike ist beinahe wie ein großer Bruder für mich.” Ein großer Bruder, der bereits früh jede Menge Respekt für die Leistungen des kleinen zeigte. Jordan hatte zu dieser Zeit bereits vier seiner insgesamt sechs Meisterschaften gewonnen und trotzdem bezeichnete er den 13 Jahre jüngeren Golf-Shootingstar als „meinen persönlichen Helden”. Wenige Wochen später gewann Tiger in Augusta sein erstes Major und schoss seine Karriere damit endgültig auf dieselbe Umlaufbahn.

Die Parallelen der beiden Übersportler gehen weit über vergleichbare Karriereverläufe hinaus. Vor allem die buchstäbliche Besessenheit auf Siege und persönliche Rekorde, aber auch der bedingungslose Wettkampfgedanke, den sich sowohl Woods als auch Jordan zuschreiben, separiert die beiden von anderen Seriensiegern der vergangenen Jahrzehnte. 2001 schrieb Jordan im einem Artikel für das „ESPN Magazine”: „Wenn er in Führung ist, gibt er sie nicht mehr ab. Wenn ein großartiger Schlag gefordert wird, dann spielt er ihn. Und je öfter ihm das gelingt, desto selbstbewusster wird er, dass er diese Leistung wiederholen kann. Tigers Selbstbewusstsein wird durch seine Arbeitsmoral und seine errungene Erfolge gespeist. Wenn er seinen Ball um einen verdammten Baum hooken möchte, dann tut er das einfach. Wenn wir den dämlichen Ball hooken, dann trifft er den Baum.”

Mit all der gegenseitigen Hochachtung ist es jedoch vorbei, sehen sich die beiden auf dem Golfplatz oder als Wettgegner konfrontiert. Als sich Woods einst in aller Öffentlichkeit sicher war, dass Jordan Bethpage Black im US-Open-Set-up nicht unter 92 Schlägen absolvieren könnte, hob dieser den Fehdehandschuh auf und nahm die Gratis-Motivation dankend an. Trotz Triple-Bogey auf Bahn 1 brachte „His Airness” eine 86 ins Clubhaus. Gefragt, ob er seinem Kumpel Woods etwas sagen möchte, antwortete Jordan trocken: „Ich akzeptiere keine Schecks!”

Äußerst schwierige Lage: brusthohes Rough


Typisch Ami: Die besten Plätze im Freibad werden mit der Fahne reserviert


„Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich einen Platz gefunden, der es mir erlaubte, all der Hektik um mich herum zu entkommen. Wenn man ständig von Chaos umgeben ist, muss man sich von Zeit zu Zeit allem entziehen.”


HIGH ROLLER

Jordans Wettgeschichten auf dem Fairway sind legendär. Und wie jeder guten Heldensage sollte man ihnen mit einem gewissen Maß an Misstrauen gegenübertreten. Denn so wie die Minnesänger am Lagerfeuer ihre Geschichten jedes Mal größer und spektakulärer erschienen lassen, plustern sich natürlich auch Jordans Mitspieler im Clubhaus vor ihren Freunden auf. Aus einem gelochten Putt aus drei Metern wird so irgendwann ein Putt aus 20 Metern und aus einer Wette um 5.000 Dollar ein Spiel um 50.000 Dollar.

Eines ist klar: Wenn Jordan Golf spielt, braucht er den Kick, um Geld zu spielen. Und für jemanden mit einem geschätzten Vermögen von zwei Milliarden Dollar ist dieser Kick nicht einfach zu finden. Die Legenden, die sich um ihn herum entwickelt haben, sollte man dennoch mit Vorsicht genießen. Dass NBA-Commissioner David Stern 1994 Jordan gesperrt haben soll, weil der angeblich gegen Richard Esquinas 1,25 Millionen Dollar auf dem Golfplatz verloren hatte, hält sich bis heute hartnäckig als Gerücht. Aber kein Unternehmer der Welt würde ernsthaft seine Cashcow freiwillig vom Hof jagen.

Im Vorfeld der Olympischen Spiele 1992 trainierte das Dream Team in Monte Carlo und natürlich gehörte auch Golf zum Trainingsprogramm. Jordan forderte Nationaltrainer Chuck Daly zum Match – und verlor. Am nächsten Morgen wurde Daly von einem dumpfen Donnern geweckt. Es war #23, der wie verrückt an der Hoteltür hämmerte, bis Daly sich zu einem Rematch bereit erklärte. Der Ausgang dieses Matchs muss nicht wei-ter erläutert werden. „Ich habe kein Spielproblem”, räumt Jordan in den „The Last Dance”-Interviews mit diesen Vorurteilen auf, „ich habe ein Wettkampfproblem.” Das ist der Grund, warum er nicht einfach eine Runde Golf spielen oder auf Trash Talk verzichten kann. Der Gegner ist dabei irrelevant. Bill Clinton teete seinen Ball während einer Runde mit Jordan einst bei den weißen Abschlägen auf. „Du willst doch wohl nicht von den Abschlägen für kleine Mädchen spielen”, frotzelte Jordan und zwang Clinton, von den Championship-Tees abzuschlagen.

MEHR ALS SCHUHE

Fashion-Statement, Kultobjekt, Wertanlage – Jordan-Basketballschuhe sind seit 1984 Kulturgut. Unter allen Modellen, die es auf den Golfplatz geschafft haben, sind diese vier unsere Favoriten.

2015

JORDAN FLIGHT RUNNER GOLF

Inspiriert vom populären Trainingsschuh Flight Runner 2, präsentierte Jordan vor fünf Jahren den ersten echten Golfschuh der Marke. Gleich dreimal kam der ikonische Jumpman auf diesem Modell zum Einsatz, damit auch ja keine Missverständnisse aufkommen konnten, welche coolen Sneaker hier auf dem Grün unterwegs sind.

2017

AIR JORDAN 1

Missverständnisse über den Kultstatus des Schuhwerks konnten beim Golf- Revival der Air Jordan 1 nicht aufkommen, schließlich handelte es sich beim Original von 1984 um nichts Geringeres als den berühmtesten Sneaker aller Zeiten. Die limitierten Modelle wurden am 10. Februar 2017 online angeboten und waren in Minuten ausverkauft.

2019

AIR JORDAN XI LOW GOLF

Der von Tinker Hatfield designte Air Jordan XI wurde entworfen, während sich Jordan als Baseballprofi versuchte. Als im März 1995 dann „I’m back!” verkündet wurde, kam der XI umgehend in der NBA zum Einsatz. Die Golfversion des populären Modells war 2019 erhältlich – dieses Mal nicht limitiert und in zwei Farbvarianten in den Shops.

2020

JORDAN ADG 2

Die zweite Version des ersten spike-losen Jordan-Golfschuhs ist seit Mai 2020 zu haben und orientiert sich designtechnisch am Jordan 3 High-Tops von 1988. Auf diesen Klassikern kam das legendäre Jumpman-Logo zum ersten Mal zum Einsatz. M. J. hätte damals Nike um ein Haar verlassen – dank dieses Schuhs änderte er seine Meinung.

Auch Fußball-Legende Gary Lineker hat eine Jordan-Golfanekdote parat. Gemeinsam mit Samuel L. Jackson und weiteren Freunden wollte Jordan eine Runde in Sunningdale drehen. Doch am Wochenende kommt dort niemand, nicht einmal der bekannteste Sportler der Welt, ohne ein Mitglied auf die Anlage. Und so durfte Lineker gemeinsam mit dem ehemaligen Ryder-Cup-Spieler Michael King die Gastgeberrolle übernehmen. Klar, dass King die Chance nicht ungenutzt lassen wollte, Jordan ein paar Dollar aus der Tasche zu ziehen. Als es darum ging, die Höhe des Wetteinsatzes festzulegen, sagte Jor- dan trocken: „Nimm eine Summe, bei der du dich unwohl fühlst.” Denn das ist das wahre Geheimnis von Jordans Stärke auf dem Golfplatz. Er hat vielleicht nicht den schönsten und stabilsten Schwung, aber wenn es um Nervenstärke geht, macht dem sechsfachen NBA Champion keiner was vor. Diese Erfahrung musste auch Bulls-Mannschaftskollege Will Perdue machen.

Der 2,13-Meter-Hüne wollte es Paul Newman in „Die Farbe des Geldes” nachmachen und durch eine clevere Abzocke an Geld kommen. Perdue hatte in seinem Freundeskreis einen PGA-Tour-Gewinner, mit dessen Hilfe er Jordan wie eine Weihnachtsgans ausnehmen wollte. In einer Radioshow verriet der ehemalige Center, dass es um 100.000 Dollar gehen sollte und dass er überzeugt war, sein Freund könne Jordan um mindestens zehn Schläge unterbieten. „Jordan ist gar kein so guter Golfer”, erläuterte Perdue seinen Plan. „Er weiß nur ganz genau, welche Knöpfe er bei dem anderen drücken muss.” Für Perdues Freund brauchte es nicht mal das. Allein bei der Summe bekam der gestandene Profi weiche Knie und Perdue sagte das Match ab.

Noch weniger Aussicht auf Erfolg gegen M.J. auf dem Golfplatz verspricht die Methode Trash Talk, wie Brooks Koepka lernen musste. Der vierfache Major-Sieger ging mit 1up auf die 17 und begann, übermütig zu werden. „Ich habe dich genau da, wo ich dich haben wollte”, prahlte Koepka. Jordan konterte kühl: „Ich verliere nie das letzte Viertel”, hämmerte seinen Drive aufs Fairway und gewann die letzten beiden Löcher.


„Ich habe jeden Psychotrick versucht, der mir zur Verfügung stand. Ian ist ein wirklich starker Charakter, und als ich ihn ein wenig angestachelt habe, hat ihn das kein bisschen aus dem Konzept gebracht – im Gegenteil.”


GOLFFAN NO. 1

Von dieser Mentalität wollte auch das amerikanische Ryder-Cup-Team profitieren. Seit 1997 war Michael Jordan ständiger Gast bei dem Kontinentalwettstreit – aus Liebe zum Golf, aus Bewunderung für Tiger Woods und aus Freundschaft zu Fred Couples. 1997 fuhr er im Buggy von Kapitän Tom Kite über den Platz von Valderrama, 1999 trieb er Team USA mit Stars-and-Stripes-Flagge zum Sieg in Brookline. Jordans Rolle als Team-Maskottchen wurde 2009 auf eine neue Ebene geho- ben, als Couples ihn zum Vizekapitän beim Presidents Cup in San Francisco berief. „Als ich davon hörte, schrieb ich ihm eine SMS. Ich meinte: ‚Freddy, was erwartest du von mir? Soll das ein Witz sein?’ Er erwiderte: ‚Nein, ich möchte, dass du Teil meines Stabs bist und uns allen dabei hilfst zu verstehen, wie Teamsport wirklich funktioniert.’” Das Experiment lief so gut, dass Davis Love III es 2012 beim Ryder Cup in Medinah vor den Toren Chicagos wiederholte. Tatsächlich war Jordan überall. Egal, wohin die TV-Kameras schalteten, wie in der Fabel von Hase und Igel war Jordan schon da.

Nachdem die Amerikaner kurz vor Ende des zweiten Tages meilenweit in Führung lagen, schien Jordan das Amt des Vizekapitäns auf Lebenszeit sicher. Doch am Sonntag traf er auf die Golf-Version der Bad Boys Pistons, die ihm die ersten Jahre seiner Basketballkarriere versaut hatten: Ian James Poulter. Der Engländer war von der Präsenz Jordans so aufgeputscht und motiviert, dass er den Lauf seines Lebens hatte. „Ich bin Jordan-Fan”, er- klärte Poulter anschließend den Journalisten. „Aber je mehr das Match sich dem Ende nä- herte, desto mehr drängte er sich in den Vordergrund. Und als ich an der 16 den langen Putt lochte und vom Grün ging, versetzte er mir mit seiner riesigen Pranke von einer Hand einen Hieb auf den Brustkorb, der mich fast zurück aufs Grün befördert hat. Ich dachte mir: ,Okay! Wenn du so spielen willst, dann schau mal gut zu!’” Poulter und McIlroy spielten die letzten beiden Löcher nur Birdies und damit begann eines der größten Comebacks in der Ryder-Cup-Geschichte. Den „Mailman” Karl Malone mag Jordan im Griff gehabt haben, aber der „Postman” Ian Poulter war eine Nummer zu groß für ihn. „Ich habe jeden Psychotrick versucht, der mir zur Verfügung stand. Ian ist ein wirk-lich starker Charakter, und als ich ihn ein wenig angestachelt habe, hat ihn das kein bisschen aus dem Konzept gebracht – im Gegenteil.” Und so endete das US-Experiment mit Jordan als Vizekapitän nach nur einem Auftritt.

Medinah 2012 war nicht der einzige Rückschlag, den der erfolgsverwöhnte Superstar im Golfsport hinnehmen musste. 1991 trug er zwar alle Erwartungen der Bulls-Fans, ja, ganz Chicagos auf seinen Schultern. Das be-deutete allerdings nicht, dass er überall gern gesehen war. Zwar freute sich jeder Country Club darüber, wenn Jordan seine Aufwartung machte, zum Mitglied wollten sie ihn jedoch nicht machen. Insbesondere die Ablehnung zweier jüdischer Clubs traf ihn hart. Dass Hautfarbe eine Rolle spielte, wurde nie als Argument aufgeführt, lag aber unausgesprochen in der Luft.

Für ihn war damals bereits klar: „Wenn ich genug Geld habe, eröffne ich meinen eigenen Country Club und lasse nur rein, wer mir gefällt.” Dreißig Jahre später ist es jetzt tatsächlich so weit. Im Herbst 2019 eröffnete Jordan in Hope Sound/Florida „The Grove XXIII”. Der Grund: die Spielgeschwindigkeit in seinem bisherigen Heimatclub „The Bear’s Club” war so langsam geworden, dass M.J. Probleme hatte, seine obligatorischen 36 Löcher am Tag zu spielen. In „The Grove” wird er dieses Problem nicht haben, zumal das von Architekt Bobby Weed als Doppelhelix angelegte Routing viele verschiedene Schleifen ermöglicht, um mögliche Staubildungen im Keim zu ersticken. Doch wie soll Jordan in einem Club, der weniger als 100 Mitglieder haben wird, seinen unstillbaren Durst nach Wettkampf befriedigen? Auch dafür hat „Air” Jordan bereits eine Lösung gefunden. Einer der Mitglieder wird Phil Mickelson sein – und der ist schließlich dafür bekannt, auf Golfrunden ebenso hemmungslos zu wetten wie Jordan selbst.


FOTO: GETTY IMAGES

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