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TITELTHEMA: Beschäftigung Warum das richtige Maß so wichtig ist


Partner Hund - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 05.02.2020

Viele Hundehalter leben mit einem ständigen schlechten Gewissen: Ist mein Hund auch wirklich genug ausgelastet? Dabei kommt es gar nicht so sehr darauf an, wie lange sich ein Hund verausgabt. Manchmal ist weniger mehr, weiß Ines Scheuer-Dinger


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Bildquelle: Partner Hund, Ausgabe 3/2020

Reine körperliche Auslastung wie Ballspielen als Beschäftigung reicht alleine meistens nicht aus, um einen Hund glücklich und zufrieden zu machen


Ines Scheuer-Dinger

Die Hundeexpertin und Buchautorin hilft, wenn Ihr Hund jagt … egal ob mit Seminaren, Einzeltraining in Franken, telefonischer Beratung oder Onlinetraining. Unter dem Namen „Hunting Noses” arbeitet die ...

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... Trainerin seit fast 10 Jahren mit Menschen und ihren jagdlich motivierten Vierbeinern und ist als Referentin in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs. Infos unter: www.hunting-noses.de

D ass Border Collie, Australian Shepherd und viele Jagdhunderassen zu den „Workaholics” gehören, wissen mittlerweile auch viele Nicht-Hundebesitzer.

Herrchen und Frauchen, die einen solchen Hund besitzen, erleben täglich, dass diese Vierbeiner nicht nur enorm schnell lernen – übrigens auch das, was sie vielleicht nicht lernen sollen – sondern auch geistig gefordert werden müssen. Nicht selten entwickelt ein unterforderter Arbeitshund sonst Verhaltensauff älligkeiten, die die Nerven im Zusammenleben sehr strapazieren können. Aber nicht nur Border Collie und Co. möchten gerne beschäftigt werden, auch alle anderen Hundetypen profi tieren von Beschäftigung – wenn Sie richtig gemacht wird und das richtige Maß hat.

Nicht umsonst stehen in vielen Hundeschulen und Hundevereinen neben Erziehungskursen Beschäftigungsangebote auf dem Wochenplan. Neue „Sportarten” boomen. An sich eine schöne Sache, denn Herrchen und Frauchen treffen auf gleichgesinnte Hundefreunde, der Hund kann sich auspowern, hat einen Job, ist geistig gefordert und triff t dort im besten Fall noch auf Artgenossen, die er gerne hat, und kann sich so in hündischer Kommunikation üben.

Hundebesitzer, die „nur” spazieren gehen, haben schnell ein schlechtes Gewissen, ihrem Hund zu wenig zu bieten.

Menschen, die mit eher verhaltensorginellen Hunden zusammenwohnen, bekommen schnell gesagt, dass mit diesem Hund doch nur mal ordentlich „gearbeitet” werden muss, dann würden sich die „Marotten” bestimmt schnell in Luft aufl ösen. Das Th ema Beschäftigung verunsichert verständlicherweise viele Hundehalter. Wie viel sollte man einen Hund beschäftigen, was ist das Richtige für den Hund und was soll ich ihm überhaupt bieten?

Veränderte Lebenssituationen

Um all diese Fragen beantworten zu können, müssen wir überlegen, warum wir unsere Hunde überhaupt beschäftigen sollten. Denn vor 50 Jahren waren Beschäftigungskurse noch kein Th ema und die Hunde doch trotzdem glücklich, oder etwa nicht?! Das stimmt wahrscheinlich sogar, aber vor 50 Jahren gab es auch noch nicht so viele Arbeitshunderassen, Hüte- und Jagdhunde in Familienhand. Diese Hunderassen holte man sich nur, wenn man einen Hund als Arbeitshelfer brauchte, sei es am Vieh, bei der Jagd oder zum Bewachen von Haus oder Herde.

Heutzutage stehen die Arbeitsfähigkeiten dieser Vierbeiner nicht mehr im Vordergrund, es sind optische Gründe oder der Weg aus dem Tierschutz, der sie zu ihren Familien oder Bezugspersonen führt, und nicht zuletzt bringen diese Hunde häufi g ein sehr menschenbezogenes Wesen mit und sind genau deshalb so beliebt.

Dennoch haben sie durch jahrhundertelange, stetige und strenge Selektion auf bestimmte Arbeitsfelder immer noch Bedürfnisse und Fähigkeiten, die als Familienhund nicht ausgelebt werden können oder sogar unerwünscht sind. Gerade wenn die Anforderungen des Alltags mit den Fähigkeiten des Hundes in Konfl ikt stehen und der Jagdhund nicht im Unterholz verschwinden soll oder der Hütehund weder Schafe noch die eigenen Kinder hüten darf, sind gut strukturierte und passend gewählte Beschäftigungen ein adäquates Mittel, um den Hund auszulasten und seine Lebensqualität zu verbessern. An diesem Punkt ist eine passende und maßvolle Beschäftigung eine wichtige Prävention gegen Verhaltensprobleme oder gesundheitliche Probleme.

Die richtige Beschäftigung

Wir sollten aber bei allen Hunden, egal ob Arbeitshundetyp oder nicht – auch immer die Bedürfnisse des Individu- MÄRZ 2020 | PARTNER HUND 17 ums in den Vordergrund stellen und schauen, was der Hund jenseits oder trotz seiner Selektionsgeschichte für Bedürfnisse hat. Es gibt durchaus Retriever, die nicht apportieren möchten, sondern lieber Spuren mit tiefer Nase verfolgen. Genauso gibt es Möpse, die ganz in Border-Collie-Manier gerne Objekte mit den Augen verfolgen. Es sind nicht nur die Mischlinge und Rassehunde, die von Arbeitshunderassen abstammen, die beschäftigt werden wollen, auch viele der sogenannten Begleithunde haben Bedürfnisse, die man im Alltag schwieriger ausleben lassen kann, aber die durch eine passende Beschäftigung gut ein Betätigungsfeld fi nden.

Der Hund muss erst lernen, sich bei Ausflügen zu entspannen, sonst können Unternehmungen sehr stressig für ihn sein


Apportieren kann für viele Hunde eine gute Beschäftigung sein, wenn die Rahmenbedingungen und das Setting passen


Um eine passende Beschäftigung für seinen Vierbeiner zu finden, ist es deshalb von großer Bedeutung, diesen genau zu beobachten und zu schauen, was seine Bedürfnisse und versteckten oder verbotenen Fähigkeiten sind. Schauen Sie, wie sich Ihr Hund gerne bewegt, wie er sucht und auch was er für unerwünschte Verhaltensweisen zeigt, denn all das gibt Aufschluss darüber, was ihn artgerecht auslasten könnte. Das Feld der Beschäftigung ist riesig, es muss nicht immer Beschäftigung im ortsansässigen Verein sein, Bücher und Onlinekurse können ihnen ebenso helfen, ihren Hund auf dem Spaziergang passend auszulasten. Das Angebot ist überaus groß, es geht aber nicht darum, möglichst viel zu machen oder den Hund damit müde zu machen, sondern dem Hund die Gelegenheit zu geben, die Fähigkeiten, die im Alltag unerwünscht sind, zu kompensieren. Für einen Hund, wie beispielsweise einen Setter, der gerne mit hoher Nase sucht – sei es aufgrund seiner Rassegeschichte oder aus individuellem Interesse – ist Mantrailing nicht die passende Beschäftigung. Hingegen wird sich ein Beagle sicherlich über diese Form der Nasenarbeit freuen, beim Dummytraining allerdings eher nicht seine Fähigkeiten in diesem Maße ausleben können.

Neben Beschäftigung und Erregung sind ausreichend Ruhezeiten, in denen der Hund wirklich entspannen kann, wichtig für ein glückliches Hundeleben


Soll ein Hund apportieren, muss erst in den Aufbau eines Apports investiert werden. Natürlich fair, freundlich und kleinschrittig


Erkundet ein Hund gerne seine Umwelt mit tiefer Nase, sollten wir dies auch bei der Wahl der Beschäftigung aufgreifen


Qualität geht in Sachen Beschäftigung auf jeden Fall vor Quantität! Wenn das Passende gefunden ist, ist weniger mehr.

Beschäftigung ist also für viele Arbeitshundetypen unabdingbar, aber auch alle anderen Hunde freuen sich über nette Beschäftigung und geistige „Anregungen” mit ihrem Menschen. Denn richtig gemacht stärkt eine maßvolle Beschäftigung die Bindung und Beziehung zwischen Hund und Herrchen.

Maßvoll ist hier das Stichwort – denn in den letzten Jahren ist ein deutlicher Trend zu beobachten: Das schlechte Gewissen vieler engagierter Hundehalter, vielleicht doch zu wenig mit ihrem Hund zu unternehmen, beschert vielen Vierbeinern ein strenges Programm: Montags Agility, dienstags Junghundegruppe, Mittwoch Mantrailing, Donnerstag Training in der Innenstadt, am Freitag Raufergruppe und am Wochenende ein Kurzurlaub mit Dummytrainingseinheiten im Hundehotel … Der Hundebesitzer hat sofort ein schlechtes Gewissen, wenn er einmal einen Tag gar nichts mit dem Hund unternimmt oder „nur” Gassi geht – dabei werden keine Gedanken darauf verschwendet, ob solche Aktivitäten für den Hund überhaupt passen.

Der Hund ist nicht selten überfordert von seinem Programm und den damit verbundenen Ansprüchen. Mal so richtig „Hund sein” und „hündische Bedürfnisse” ausleben zu dürfen, steht nur noch selten auf der Tagesordnung.

Falsche Beschäftigung ist Stress

Betrachten wir die Vergangenheit einmal ganz überspitzt: Vor 60 Jahren hatten die wenigsten Arbeitshunderassen ein Leben wie unsere Hunde heute.

Jagdhunde lebten im Zwinger und durften nur zum Arbeiten raus. Nur selten wurden sie täglich mehrere Stunden lang eingesetzt. Die wenigsten Jäger nahmen zu dieser Zeit ihre Hund mit zu Freunden, ins Restaurant oder zum Shoppen in die Innenstadt.

Viele Nachkommen dieser Hunde unterliegen heute einem strammen Programm an Ausfl ügen und Unternehmungen, mit dem sie erst einmal zurechtkommen müssen.

Häufig ist es die Angst motivierter Hundebesitzer, dem Hund zu wenig zu bieten, sowie der Irrglaube, nur ein erschöpfter Hund sei ein gehorsamer Hund, die zu einem Beschäftigungsdilemma führen. Gerade eine falsch gewählte Beschäftigung, die nichts mit den Bedürfnissen des Hundes zu tun hat, kann sogar Verhaltensprobleme fördern. Dauerstress bei Hund und Herrchen ist vorprogrammiert.

Weniger ist da oft mehr.

Ein Irrglaube ist, dass Hunde nach einem vollbeschäftigten Tag sofort auf ihre Plätze verschwinden und bis zum nächsten Tag erschöpft schlafen. Im Gegenteil, falsche Beschäftigung und Bewegung können durchaus anregend wirken und den Hund nervös machen.

Viele Hunde – insbesondere Junghunde und Welpen – haben nach einem anstrengenden Tag das „Nach müd kommt blöd”-Phänomen, das Eltern kleiner Kinder nur zu gut kennen, und drehen dann erst richtig auf.

Häufi g wird dies dann fälschlicherweise so interpretiert: Der Hund ist immer noch nicht müde und braucht wohl das nächste Mal noch mehr Beschäftigung.

Dabei ist er schlicht überreizt.

Entspannungszeiten sind ebenso wichtig, wie das Passende zu fi nden, damit der Hund zufrieden und ausgeglichen ist. Im Kontext Beschäftigung, die wir ja vor allem machen, um dem Hund etwas „Gutes zu tun”, wird häufi g nicht ausreichend auf die Rahmenbedingungen der Beschäftigungseinheiten geachtet, dabei sind sie fast genauso wichtig wie die Aktivität an sich. Das „Setting” muss für den Hund passen, ansonsten wird aus gut gemeint schnell schlecht gemacht und neue Verhaltensbaustellen entwickeln sich.

Konfliktsignale beachten

Zunächst ist es enorm wichtig, dass der Hund sich dort, wo die Beschäftigung stattfi ndet, auch wohlfühlt. Heißt, er sollte natürlich keine Angst haben, nicht zu abgelenkt sein und auch nicht in Konfl ikte geraten. Gerade wenn die Beschäftigung mit anderen Hunden stattfi ndet, ist es wichtig, dass der Hundehalter ein Auge darauf hat, dass der Hund gelöst arbeiten kann. Achten Sie auf Konfl iktsignale.

Ein Hund, der bei der Arbeit in der Linie nicht schnell mit dem Apportel oder Dummy zurückkommt, ist vielleicht auch deshalb langsamer, weil er sich höfl ich gegenüber den anderen in der Linie wartenden Hunden verhalten will und seine „Beute” eben nicht frontal- provozierend auf seine Artgenossen zutragen möchte. Leider werden solche Situationen, in denen der Hund im Konfl ikt ist, immer wieder übergangen und der Hund wird im schlimmsten Fall sogar für sein höfl iches Verhalten bestraft. Auch Wartezeiten – sei es in Anwesenheit anderer Hunde oder im Auto – sollten so gestaltet sein, dass der Hund sich einigermaßen entspannen kann und nicht frustriert ist.

Beim Arbeiten in der Gruppe wird viel Impulskontrolle strapaziert. Warten und Zusehen sollten hier immer gut belohnt werden


Qualität statt Quantität

• Passende Beschäftigungsumgebung: Der Hund sollte sich wohlfühlen, nicht zu abgelenkt und nicht zu frustriert sein, wenn er warten muss.
• Beschäftigung sollte Bedürfnisse des Hundes erfüllen, die im Alltag nicht zum Tragen kommen.
• Die Bezugsperson sollte ein Auge auf Frust und Impulskontrolle werfen.
• Innerhalb der Beschäftigungseinheit sollte es ein mentales und körperliches Warm-up und Cool-down geben sowie eine Entspannungseinheit am Ende.

Woran merke ich, dass die Balance passt:

• Der Hund kommt nach der Aktivität zu Hause schnell zur Ruhe, fällt aber nicht komatös um.
• Der Hund kann auch mal ein bis zwei Tage, z.B. weil der Mensch krank ist, mit einem Minimalprogramm an Bespaßung und Gassi auskommen, ohne die Wohnung umzudekorieren oder anderes aufmerksamkeitsforderndes Verhalten zu zeigen.
• Der Hund zeigt im Alltag kaum oder wenig unerwünschtes Verhalten und ist auch draußen gut ansprechbar.

Woran merke ich, dass es vielleicht zu viel ist …

• Der Hund kommt nach Hause und fällt erschöpft in sein Körbchen.
• Der Hund kommt nach Hause und möchte noch spielen oder ist sehr aufgedreht.
• Der Hund ist am nächsten Tag impulsiver oder kann sich nur schwer zurücknehmen.
• Der Hund zeigt mehr unerwünschtes Verhalten.

Ein Hund, der vor dem Mantrailen eine Stunde nervös und voll Erwartung im Auto sitzt, wird bei der darauff olgenden Suchaufgabe zum einen keine guten Leistungen erzielen, zum anderen ist dies ein weiterer Stressor für ihn, der unerwünschtes Verhalten insgesamt begünstigt.

Mit passendem Management ließe sich das gut umgehen. Unseren Ehrgeiz sollen wir im Th emenfeld Beschäftigung nach hinten stellen, Bestrafungen und Ungerechtigkeit sollten selbstredend keinen Platz im modernen Hundetraining haben. Hunde sind gute Beobachter, nehmen Stimmungen und Schwingungen schnell auf, deshalb spielt die Atmosphäre, in der die Beschäftigungseinheit stattfi ndet, auch eine große Rolle für die Qualität. Nur wenn hier alles passt, gibt es keine „Nebenwirkungen” auf Verhaltensebene.

Hunde müssen sich in unserem Alltag immer wieder zurücknehmen. Sei es einen Radfahrer passieren zu lassen oder aber, wenn sie eine Katze Katze sein lassen sollen. Manchen fällt der Alltag weniger schwer, manche müssen sich in ihrem Lebensumfeld richtig oft beherrschen.

Dies hat häufi g wieder etwas mit der Selektionsgeschichte des jeweiligen Vierbeiners zu tun.

Selbstbeherrschung lernen Viele Hunderassen sind auf Impulsivität selektiert und sollen ohne aufwendiges Training auf bestimmte Auslösereize wie z.B. Wildspuren schnell reagieren.

Diese Hunde tun sich häufi g schwer, sich zu beherrschen, da ihre Genetik ihnen einen anderen Handlungsrahmen vorgibt. Nimmt sich ein Hund über den Tag sehr brav immer wieder zurück, kann es gut sein, dass er irgendwann nicht mehr genug Impulskontrolle aufbringen kann, um sich ein weiteres Mal zu beherrschen. Impulskontrolle, also die Fähigkeit, sich zurückzunehmen, ist eine endliche Ressource und diese Regulationsfunktion im Gehirn ist irgendwann erschöpft.

Gerade leicht erregbare, hibbelige Hunde haben ein eher kleines „Impulskontrolltöpfchen”, das schnell erschöpft ist. Das Resultat ist meist ein unerwünschtes, sehr impulsives Verhalten – sei es eine heftige Reaktion auf Artgenossen, fremde Menschen oder übersteigertes Jagdverhalten. Wir können dem nur entgegenwirken, indem wir bei der Ausübung von Impulskontrolle Prioritäten setzen und schauen, in welchen Situationen wir einen Hund brauchen, der sich beherrscht. Einen Hund drei Minuten vor einem leckeren, vollen Futternapf warten zu lassen, erfordert viel Impulskontrolle – übt aber nicht die abstrakte Fähigkeit, sich generell z.B. auch an Wild zurückzunehmen. Ganz im Gegenteil – ein Hund, der mehrere Minuten brav am Futternapf gewartet hat, dem fehlt eventuell die Impulskontrolle auf dem nachfolgenden Spaziergang und er zwitschert auf der zweiten oder dritten Wildspur ab, obwohl er sich sonst vielleicht ganz gut beherrschen kann.

Wir Hundehalter sollten, gerade wenn der Hund vielleicht ab und an unerwünschtes Verhalten in seinem Repertoire hat, also immer ein Auge darauf haben, wann und wo sich unsere Hunde vielleicht schon gut benommen haben und Impulskontrolle bewiesen haben, damit wir nicht überrascht sind, wenn sie sich plötzlich nicht mehr regulieren können. Aber was hat dies nun mit dem Th ema Beschäftigung zu tun? Wenn Ihr Hund sich in seinem Alltag immer wieder deutlich zurücknehmen muss, sollten Sie darauf achten, dass bei der Beschäftigung nicht zu viel Impulskontrolle strapaziert wird. Ansonsten fördert eine Beschäftigungseinheit am Ende sogar unerwünschtes Verhalten und der Hund zeigt nach einer Einheit oder am nächsten Tag vielleicht sogar mehr davon oder ist impulsiver oder auch schlechter ansprechbar.

Ist Ihr Hund ein echter „Workaholic” und muss beim Training warten und zusehen (weil Sie etwas ausbringen oder weil die anderen Hunde dran sind) kann dies sehr anstrengend sein. Sie können hier Ihrem Hund wirklich etwas Gutes tun, indem Sie ihm während des Wartens eine andere Aufgabe geben (z.B.

Leckerchen suchen) oder ihn aus der Situation nehmen. Manchmal lassen sich durch Kleinigkeiten schon riesige Veränderungen erzielen. Ein Hund, dessen Regulationsfunktion im Gehirn noch nicht überstrapaziert ist, sucht zudem auch besser und ist konzentrierter bei der Arbeit. Es liegt in Ihrer Hand, die Impulskontrolle im Tagesablauf Ihres Hundes so zu verteilen, dass sie da zur Stelle ist, wo sie wirklich gebraucht wird, wie zum Beispiel im Kontext Jagd- oder Aggressionsverhalten, und wir nicht von einem „Das hat er ja noch nie gemacht” überrascht werden.

Aktiv die Bindung stärken

Beschäftigung als Heilmittel gegen unerwünschtes Jagd- und Aggressionsverhalten ist nur sinnvoll, wenn es Bedürfnisse befriedigt und kein Frust dadurch entsteht. Wie und was Ihr Hund gerne macht, ohne zu überdrehen, sollten Sie genau beobachten und immer wieder überprüfen.

Qualität statt Quantität ist die Devise und passende Rahmenbedingungen und ein gutes Setting die Grundlage, dann werden Sie und Ihr Hund auch langfristig Freude haben und sich diese Einheiten sogar positiv auf die Bindung und Beziehung auswirken. INES SCHEUER-DINGER


FOTOS: KILIAN REIL (3), SHUTTERSTOCK (4)