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TITELTHEMA: Bleib dran!


Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 6/2018 vom 04.05.2018

GRIT Ausdauer gepaart mit Leidenschaft ist der entscheidende Faktor für Erfolg. Davon ist die Psychologin Angela Duckworth überzeugt.


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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 6/2018

GETTY IMAGES / WESTEND61

UNSERE AUTORIN

Patricia Thivissen ist Wissenschaftsjournalistin in Berlin. Sie hält hartnäckig daran fest, dass »fünf gerade sein lassen« ebenso wichtig ist wie Grit.

Auf einen Blick: Grit – die Kunst des langen Atems

1 Zu den Eigenschaften, die Menschen in Beruf und Privatleben erfolgreich machen, zählen Forscher Intelligenz, Selbstkontrolle und, seit Neuerem, auch Hartnäckigkeit (englisch: »grit«).

2 Laut der Psychologin Angela Duckworth ist ...

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2 Laut der Psychologin Angela Duckworth ist hartnäckig, wer große Ziele über viele Jahre hinweg verfolgt. Dafür sind beständige Leidenschaft sowie Toleranz gegenüber Rückschlägen wichtig.

3 Anderen Forschern zufolge deckt die Persönlichkeitsdimension Gewissenhaftigkeit einen Großteil dieser Eigenschaften ab. Auch sie fördert die Ausdauer bei der Verfolgung von Zielen.

Es gibt viele Paare von Primzahlen, die sich um den Betrag 2 unterscheiden: 3 und 5, 5 und 7, 11 und 13 und so weiter. Bereits im 19. Jahrhundert vermuteten Mathematiker, dass sogar unendlich viele solcher Primzahlzwillinge existieren, doch niemand konnte es beweisen. Dann kam Yitang Zhang – ein bis dahin unbekannter chinesischer Zahlentheoretiker, der an der University of New Hampshire (USA) Algebra lehrte, aber kein Professor war. Zhang liebte Primzahlen seit seinen Kindertagen und begann eines Tages, sich in das besagte Problem zu vertiefen. Vier Jahre lang brütete er darüber. Seine Frau verstand nicht, was er machte, wenn er einfach dasaß oder spazieren ging und darüber nachdachte. »Das Problem war so kompliziert, dass ich nicht wusste, wie ich es ihr erklären sollte«, gestand Zhang später. Doch er blieb dran, egal wie vertrackt die Sache zu sein schien. Seine 2013 publizierte Lösung war für Mathematiker eine Sensation. Zhang bekam zahlreiche Preise und ist heute Professor an der University of California in Santa Barbara.

Für die Psychologin Angela Duckworth steht hinter solchen Erfolgsgeschichten eine besondere Kombination aus Beharrlichkeit und Leidenschaft, im amerikanischen Englisch auch »grit« genannt. Duckworth ist Professorin an der University of Pennsylvania in Philadelphia und hat selbst eine erstaunliche Karriere hinter sich. Nach dem Studium der Neurowissenschaft in Harvard und Oxford arbeitete sie zunächst als Unternehmensberaterin, wurde mit 27 Jahren dann Lehrerin und promovierte schließlich in Psychologie. Ihre erste große Untersuchung erschien 2007. Darin definiert Duckworth Grit als eine individuell verschieden ausgeprägte Persönlichkeitseigenschaft, die sich durch das hartnäckige Festhalten an langfristigen Zielen auszeichnet.

»Gritty« ist demnach, wer mit konstant hohem Einsatz und Interesse über Jahre hinweg auf etwas hinarbeitet und sich dabei von Widrigkeiten nicht entmutigen lässt. Ein derartiges Stehvermögen stellt laut Duckworth eine wichtige Voraussetzung dafür dar, es auf dem jeweiligen Gebiet zu Expertentum zu bringen. Während andere bei Rückschlägen oder auch einfach aus Langeweile rasch neue Betätigungsfelder suchen, bleiben Menschen mit Grit auf Kurs. Ausdauer zähle oft sogar mehr als Intelligenz und Begabung. Schließlich könnten sich diese nur dann entfalten, wenn man trotz der (unvermeidlichen!) Dämpfer nicht aufgebe.

Auch ihren eigenen Erfolg führt Duckworth mehr auf Beharrlichkeit als auf Talent zurück. Sie erzählt gern, dass ihr Vater stets betont habe, sie sei nicht gerade die Klügste. »Als Mädchen wurde mir ständig vorgehalten, ich sei kein Genie. Und heute lobt man mich für die Entdeckung, dass man mit Ausdauer und Leidenschaft mehr erreichen kann als durch das einem innewohnende Talent.« So viel diese auch erleichtern mögen, ohne Einsatz komme man nicht weiter.

Duckworth testete den von ihr selbst entwickelten Grit-Fragebogen an gut 1500 Teilnehmern (siehe auch »Gritty, gewissenhaft oder kontrolliert?«, rechts). Dieser deckt zwei Komponenten ab, die laut der Forscherin eng zusammenspielen: einerseits die Beständigkeit der eigenen Interessen und andererseits das Durchhaltevermögen. Die erste Komponente beschreibt die Tendenz, sich über lange Zeit für ein und dasselbe Ziel einzusetzen, also eine Art Leidenschaft für die Sache. Dagegen beinhaltet der zweite Faktor, sich von Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen, sondern sie im Gegenteil eher als Ansporn zu betrachten.

CHARACTER LAB


»Als Mädchen wurde mir ständig vorgehalten, ich sei kein Genie. Heute weiß ich, dass man mit Ausdauer und Leidenschaft mehr erreichen kann als durch Talent«
Angela Duckworth, Psychologin an der University of Pennsylvania


In ihrer ersten Studie stellte Duckworth fest, dass Personen mit viel Grit höhere Bildungsgrade erreichten und seltener den Job wechselten. Zudem zeigten ältere Personen im Schnitt mehr Grit als jüngere. Anschließend erprobten die Forscherin und ihre Kollegen den Fragebogen bei verschiedenen Gruppen, etwa bei Studierenden von Eliteuniversitäten sowie bei Kadetten der US-Militärakademie West Point. Die Psychologen setzten den gemessenen Grit der Studierenden mit ihrem Notendurchschnitt sowie mit dem Ergebnis des SAT in Beziehung, eines standardisierten Aufnahmetests fürs College, der als Maß für geistige Fähigkeiten dient. Wie sich zeigte, hatten Studenten mit mehr Grit im Schnitt bessere Noten. Außerdem hingen auch höhere Werte im SAT mit guten Zensuren zusammen. Interessanterweise ging ein hoher SAT-Score umgekehrt jedoch mit eher weniger Grit einher. Wie war das möglich? Duckworth vermutete: Nicht ganz so »helle Köpfe« kompensierten ihre kognitiven Nachteile durch harte Arbeit und Beharrlichkeit; die Begabteren hingegen verdankten ihre guten Noten vor allem ihrer Intelligenz.

In West Point verfolgte Duckworth den Weg von 1200 Kadetten, die im Sommer 2004 ihr Ausbildungsprogramm angetreten hatten. Sie füllten zu Beginn den Grit-Fragebogen aus; zudem erhob Duckworth noch andere Variablen wie die Selbstkontrolle und den so genannten Whole Candidate Score – ein Wert, der sich unter anderem aus dem SAT, den Führungsqualitäten und der körperlichen Eignung der Bewerber zusammensetzt. Wie sah es im Frühjahr 2005 mit den Noten und der militärischen Leistungsbeurteilung nach erfolgreich absolviertem Trainingscamp aus? Und welche Kandidaten brachen die harte Ausbildung vorzeitig ab?

KURZ ERKLÄRT: BIG FIVE

Persönlichkeitsforscher unterscheiden fünf Grunddimensionen unseres Charakters: emotionale Stabilität, Extraversion, Offenheit für neue Erfahrungen, Verträglichkeit sowie Gewissenhaftigkeit. Diese haben sich in vielen empirischen Arbeiten zur Beschreibung der individuellen Züge eines Menschen bewährt.

Ein harter Sommer in West Point

Die statistische Auswertung ergab: Kein anderer Parameter sagte einen Abbruch so gut voraus wie Grit – je hartnäckiger der Kandidat, desto größer war die Chance, den Sommer in West Point durchzustehen. Bei den Noten und den militärischen Leistungen der am Ball Gebliebenen erwies sich indes der Grad an Selbstkontrolle als besserer Prädiktor. Duckworths Interpretation: Um gut abzuschneiden, müssen sich die Rekruten von Moment zu Moment anstrengen und der Versuchung aufzugeben widerstehen. Daher komme der Selbstkontrolle hier eine besonders wichtige Rolle zu. Das erste Sommercamp in West Point zu meistern, das der rauen Gangart wegen auch »beast barracks« genannt wird, erfordere hingegen mehr als das: nämlich das feste Ziel, den Abschluss zu schaffen. Sonst sei es schwer, jenes Training durchzuhalten, das die Soldaten an ihre körperlichen und psychischen Grenzen bringt.

Gritty, gewissenhaft oder kontrolliert?

Der von Angela Duckworth und ihren Kollegen entwickelte Grit-Fragebogen zur Bestimmung der Hartnäckigkeit einer Person umfasst zwölf Aussagen. Sie betreffen zum einen die Konsistenz der eigenen Interessen und zum anderen den Grad der Anstrengung auf einer Skala von 1 bis 5. Grit ist demnach verwandt mit der Persönlichkeitsdimension Gewissenhaftigkeit (»Wenn ich einen Plan habe, tue ich alles, um ihn zu verwirklichen«), setzt jedoch einen etwas anderen Akzent. Während gewissenhafte Menschen durchaus häufig wechselnde Interessen und Ziele aufweisen können, beschreibt Grit vor allem eine besondere Ausdauer in Bezug auf ein oder wenige große Vorhaben, die man über lange Zeit nicht aus dem Blick verliert. Entsprechend enthält die Grit-Skala auch Aussagen wie »Meine Interessen ändern sich von Jahr zu Jahr«. Stimmt ein Proband dem stark zu, so fällt sein Score niedrig aus.

was ich einmal begonnen habe« oder »Von Rückschlägen lasse ich mich nicht entmutigen« sind beispielhafte Aussagen. Die Fähigkeit zur Selbstkontrolle unterscheidet sich davon insofern, als sich diese eher auf kurzfristige Reize bezieht: Menschen mit hoher Selbstkontrolle können zwar Ablenkungen und Verlockungen gut widerstehen; deshalb halten sie aber noch längst nicht an einem übergeordneten Ziel fest.

Kritiker bemängeln, dass die Grit-Skala nicht explizit langfristige Ziele abfragt, obwohl dies zur Definition von Grit gehört. Zudem ist die Stoßrichtung der Aussagen recht gut erkennbar, so dass manche Befragte auf sozial erwünschte Weise antworten könnten. Letzteres aber ist ein allgemeines Problem von Fragebogen, sofern sie wünschenswerte Eigenschaften wie emotionale Stabilität, Extraversion oder Gewissenhaftigkeit betreffen.

In einer Folgeuntersuchung in West Point wurden neben dem Grit auch die fünf wesentlichen Persönlichkeitsdimensionen nach dem Big-Five-Modell erhoben (siehe »Kurz erklärt«, S. 15 oben). Hier zeigte sich erwartungsgemäß, dass Gewissenhaftigkeit und Grit stark miteinander korrelierten. Wieder war es jedoch der Grit, der am sichersten vorhersagte, ob das Programm zu Ende gebracht wurde oder nicht.

In einer weiteren Teilstudie untersuchte Duckworth den Grit von 7 bis 15 Jahre alten Teilnehmern eines Buchstabierwettbewerbs. Und wieder berichtete sie: Hartnäckige Kids erzielten bessere Ergebnisse, weil sie deutlich mehr übten. Dabei hatte Grit nichts mit dem IQ zu tun. Kinder mit besonders großem Sprachtalent bereiteten sich also nicht mehr oder weniger intensiv auf den Wettbewerb vor als weniger begabte Altersgenossen. Duckworth spricht von einer Kluft zwischen Grit und den natürlichen Geistesgaben: »Unser Potenzial ist eine Sache; was wir daraus machen, ist eine andere.«

In den folgenden Jahren zeigten Duckworths Untersuchungen beispielsweise, dass Lehrer mit viel Grit ihre Schüler zu besseren Ergebnissen führen, Verkäufer eher ihren Job behielten und Ehepartner sich seltener scheiden ließen. Insofern sei Grit eine Säule der Lebenszufriedenheit.

Inspiriert durch diese Resultate führten einige Schulen in den USA sogar einen eigenen »Grit-Unterricht« ein. Denn laut Duckworth lässt sich diese Eigenschaft durchaus fördern. Hierfür komme es darauf an, Kindern ein dynamisches Welt- und Selbstbild zu vermitteln. Das bedeutet, daran zu glauben, dass man wachsen und hinzulernen kann und nicht in seinen gegebenen Eigenschaften und Talenten festgelegt ist. Menschen mit dieser Sichtweise sprechen sich selbst in der Regel mehr Mut zu und sind ausdauernder, wenn Hindernisse auftauchen.

Daneben plädiert die Forscherin für »liebevolle Strenge«. Ein Erziehungsstil, der an Disziplin und Konsequenz orientiert sei, nehme die Wünsche des Kindes zwar ernst und basiere auf Verständnis und Wärme – setzte aber ebenso klare Regeln, gegen die zu verstoßen notfalls bestraft wird. So würden Kinder eher ihr Bestes geben, auch wenn es manchmal schwerfällt. Wichtig sei zudem, selbst ein gutes Vorbild in Sachen Grit abzugeben.

Zweifel am Grit-Konzept

Das klingt alles nach einer rundum guten Sache: Auch wenn man nicht hoch begabt ist, kann uns demnach Beharrlichkeit ebenso zum Erfolg, ja sogar zu Höchstleistungen verhelfen. Und mit der richtigen Erziehung lehren wir unsere Kinder mehr Grit. Doch eine neuere Metaanalyse trübt dieses Bild. Ihr Hauptautor, der Psychologieprofessor Marcus Credé von der University of Iowa, kritisiert darin das Grit-Konzept und ihre Erfinderin: »Angela Duckworth hat nie wirklich gezeigt, dass es sinnvoll ist, Beständigkeit und Leidenschaft zu einem neuen psychologischen Konstrukt zu verbinden.« Konzeptionell seien diese beiden Dinge recht unterschiedlich. »Man braucht schon eine Menge gute Belege, um zu beweisen, dass sie zusammengehören. Die fehlen bis heute.«

Credé moniert auch missverständliche Angaben, die Duckworth und ihre Kollegen in der West-Point-Studie gemacht hätten. So sei davon die Rede, dass Kadetten, die auf der Grit-Skala eine Standardabweichung über dem Durchschnitt lagen, mit viel größerer Wahrscheinlichkeit das Sommercamp abschlössen. Dabei beendeten ohnehin 95 Prozent der Kadetten das Training; von denen mit viel Grit schafften es 98 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit stieg also nur um 3 Prozent. Zwar ist auch dieser Unterschied statistisch bedeutsam, die Verbesserung fällt allerdings weit geringer aus, als die ursprünglichen Daten suggerierten.

Quartile der Persönlichkeits-Scores

Hartnäckigkeit schlägt IQ

In einer ihrer Untersuchungen bestimmten Angela Duckworth und ihr Team die Intelligenz, den Grad der Selbstkontrolle sowie den Grit von 175 Finalisten des »Scripps National Spelling Bee«, einem in englischsprachigen Ländern beliebten Lese- und Buchstabierwettbewerb für Kinder und Jugendliche. Für jede der drei Persönlichkeitseigenschaften bildeten die Forscher Prozentquartile des jeweils besten, schlechtesten sowie der beiden mittleren Viertel der Teilnehmer. Wie sich zeigte, waren Höchstwerte in Sachen Grit mit dem erfolgreichsten Abschneiden der 7- bis 15-Jährigen im Wettbewerb assoziiert, noch vor dem IQ und der Selbstkontrolle.

In seiner 2016 erschienenen Analyse bündelte Credé 73 Studien mit insgesamt mehr als 60000 Teilnehmern. Sein Fazit: Insgesamt war der Zusammenhang zwischen Grit und akademischem Erfolg schwach bis moderat ausgeprägt. Die statistische Erfolgsvorhersage verbesserten die Grit-Werte nur wenig. Wenn man Grit in seine zwei Komponenten zerlegt, hängt die »Konsistenz der Interessen« weitaus schwächer mit dem akademischen Erfolg zusammen als das Durchhaltevermögen, das immerhin moderate Korrelationen produziert. Für Credé heißt das: Durch die Kombination beider Facetten zu einem übergeordneten Konstrukt geht sogar Aussagekraft verloren. Besser sei es, nur das Durchhaltevermögen als Prädiktor für Erfolg zu testen oder zu fördern.

Drei Tipps für mehr Ausdauer

Ziele imaginieren!

Karriere oder Familie? Geld oder Freizeit? Prestige oder Zufriedenheit? Bei der Auswahl unserer persönlichen Ziele kommt es darauf an, die eigenen Vorlieben und Begabungen nicht aus dem Blick zu verlieren. Nicht nur Fragebogen und Persönlichkeitstests können dabei helfen, sondern auch Imaginationstechniken: Versuchen Sie sich möglichst lebhaft vorzustellen, wie es wäre, dieses oder jenes Ziel zu erreichen. Was genau wäre dann anders – und würde Sie das glücklich machen?

Hindernisse beachten!

Häufig jagen wir hehren Traumzielen nach, ohne ausreichend zu bedenken, welche Herausforderungen diese mit sich bringen. Die Motivationspsychologin Gabriele Oettingen empfiehlt daher zu beachten, welche Hürden sich einem in den Weg stellen könnten. Das schafft ein realistischeres Bild des Erreichbaren.

Spaß haben!

Um dauerhaft bei der Stange zu bleiben, ist es wichtig, Befriedigung aus dem eigenen Tun zu ziehen und sich auch an kleinen Erfolgen und Etappenzielen zu erfreuen. Dann nimmt man die meist unvermeidlichen Rückschläge nicht so schwer und arbeitet beharrlich weiter – weil man die Anstrengung gar nicht als so anstrengend erlebt.

Alter Wein in neuen Schläuchen?

Auch Angela Duckworth selbst räumt ein, dass Grit durchaus etwas mit der Gewissenhaftigkeit und mit der Fähigkeit zur Selbstkontrolle einer Person zu tun hat. Inwiefern die Konstanz oder Leidenschaft darüber hinausgehe, sei von Fall zu Fall unterschiedlich. »Grit ist mit Gewissenhaftigkeit so eng verwandt, dass es wie ein neues Label für eine alte Idee erscheint«, argumentiert hingegen Credé.

2017 publizierten Forscher der University of Maryland eine Arbeit, in der sie Grit an zwei unterschiedlichen Strichproben untersuchten: an gut 200 Highschool-Schülern sowie mehr als 300 Collegestudenten. Auch hier überlappten sich die beiden Grit-Komponenten mit anderen Konstrukten wie Anstrengungsregulation oder schulischem Engagement. Die Autoren vermuten dahinter, ähnlich wie Credé, eine so genannte »jangle fallacy«. Verschiedene Experten prägten verschiedene Begriffe für mehr oder weniger dieselbe Eigenschaft.

Im Jahr 2016 veröffentlichten Londoner Forscher eine Studie mit je 2300 eineiigen und zweieiigen Zwillingspaaren, die meisten davon im Alter von rund 16 Jahren. Sie sollte klären, wie Persönlichkeitsfaktoren mit der schulischen Leistung zusammenhängen und inwieweit sie vererbt werden. Wieder war Grit, insbesondere die Komponente Durchhaltevermögen, eng mit der Big-Five-Dimension Gewissenhaftigkeit verknüpft. Als die Forscher diesen Faktor herausrechneten, bestimmte der Grit kaum noch über die Performance. »Der Zusammenhang zwischen Leistung und Persönlichkeit wird größtenteils durch die Big Five erklärt. Grit trägt wenig dazu bei«, schließen Kaili Rimfeld vom King’s College London und ihre Kollegen.

Duckworth verteidigt sich: Richtig sei, dass Grit einen moderaten Einfluss auf den schulischen und akademischen Erfolg habe – aber ein Faktor allein könne sowieso nie alles erklären. In einem TED-Talk dagegen verkündete sie selbstbewusst: »In unterschiedlichen Kontexten trat eine Eigenschaft als bedeutender Erfolgs indikator hervor, und das war nicht Intelligenz, nicht gutes Aussehen und nicht Gesundheit. Es war Grit.«

Zudem hält Duckworth gezielte Grit-Trainings für Erfolg versprechend. Hürden und Rückschläge nicht als negative Erfahrungen zu verbuchen, sondern als Ansporn zu weiterer Anstrengung, könne jeder lernen. Viele Höchstleistungen, sei es im Sport, in der Wissenschaft oder auf künstlerischem Gebiet, lassen sich nur mit jahrelanger intensiver Beschäftigung erreichen (siehe »Die 10000-Stunden-Regel«, oben). Diese Energie bringe nur auf, wer sich von Problemen nicht so schnell frustrieren lässt.

Experimentelle Studien haben bestätigt, dass Interventionen vor allem dann etwas bewirken, wenn sie eine »Wachstumsmentalität« fördern, sprich: die Überzeugung, man sei flexibel und lernfähig. Wie Carol Dweck von der Stanford University in zahlreichen Studien belegen konnte, neigen Menschen, die ihre Talente für derart wandelbar erachten, weniger zu Versagensängsten. Und das fördert die Motivation.

Laut Credé fördern viele Dinge den Lebenserfolg: Dazu zählen ein spezifisches Talent, allgemeine Intelligenz, Ehrgeiz, effektive Lernstrategien, die Fähigkeit, sich Unterstützung zu holen, Vorbilder und ein intaktes soziales Umfeld. Auch die so genannte Selbstwirksamkeit, der Glaube also, das eigene Leben in der Hand zu haben, sei bedeutsam. »Bislang hat niemand getestet, ob man dafür sowohl Durchhaltevermögen als auch Leidenschaft haben muss. Ein Jahrzehnt der Grit-Forschung hat dies nicht klären können, das ist enttäuschend.«

Angela Duckworth hat inzwischen bereits neue Projekte in Angriff genommen. Sie gründete die Firma Character Lab und beschäftigt sich auch mit anderen Persönlichkeitsmerkmalen wie Neugierde, Dankbarkeit und Optimismus. Diese seien ebenfalls wichtig für Erfolg und Wohlbefinden. Die zukünftige Forschung muss zeigen, bei welchen Personen und auf welchen Betätigungsfeldern sich das individuelle Beharrungsvermögen als besonders hilfreich erweist.

Die 10000-Stunden-Regel

Vor rund 25 Jahren veröffentlichten Psychologen um Karl Anders Ericson von der Florida State University eine Studie, wonach sich Expertentum erst nach rund 10000-stündiger Beschäftigung mit einer Sache einstellt. Bei einem Pensum von vier Stunden am Tag entspricht das gut sieben bis acht Jahren fast täglichen Übens – egal, ob sportliches Training, Musizieren oder wissenschaftliches Knowhow. Die 10000-Stunden-Regel ist dabei nur ein grober Richtwert, es kommt viel auf die Art der Tätigkeit und auf das bewusste, durch Feedback geleitete Lernen an.

Ohne eine gewisse Grundbegabung macht zudem selbst das eifrigste Training keinen Profiläufer oder Konzertpianisten aus einem. Eine Reihe von Metaanalysen aus der Begabungsforschung bestätigten seither jedoch, dass auch talentierte Menschen ein hohes Leistungsniveau erst nach langer, intensiver Praxis erreichen. Leidenschaft für das eigene Tun ist dabei oft unentbehrlich.
Ericsson, K. A. et al.: The Role of Deliberate Practice in the Acquisition of Expert Performance. In: Psychol. Rev. 100, S. 363–406, 1993

LITERATURTIPP

Duckworth, A. L.: Grit. Die neue Formel zum Erfolg. Mit Begeisterung und Ausdauer ans Ziel.Bertelsmann, München 2017 Die Übersetzung von Duckworths populärem Sachbuch machte das Grit-Konzept auch hier zu Lande einem breiten Publikum bekannt.

QUELLEN

Credé, M. et al.: Much Ado about Grit: A Meta-Analytic Synthesis of the Grit Literature.
In: Journal of Personality and Social Psychology 113, S. 492–511, 2017

Eskreis-Winkler, L. et al.: Grit: Sustained Self-Regulation in the Service of Superordinate Goals.
In: Vohs, K. D., Baumeister, R. (Hg.): Handbook of Self-Regulation: Research, Theory and Applications.
New York, Guilford Press, 3. Auflage 2016

Muenks, K. et al.: How True is Grit? Assessing its Relations to High School and College Students’ Personality Characteristics, Self-Regulation, Engagement, and Achievement.
In: Journal of Educational Psychology 109, S. 599–620, 2017

Rimfeld, K. et al.: True Grit and Genetics: Predicting Academic Achievement from Personality.
In: Journal of Personality and Social Psychology 111, S. 780–789, 2016

Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1557070