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TITELTHEMA: DRÜCKJAGD-STRATEGIE: GEWUSST WIE!


JÄGER - epaper ⋅ Ausgabe 120/2018 vom 16.11.2018

Drückjagd! Der Stand ist bezogen. Sauen kommen. Verdammt sind die schnell. Und verschachtelt zudem. Jetzt gilt’s. Doch wo ansprechen, wann aufstehen, welches Stück beschießen? Sauen- und DrückjagdexperteDr. Christian Holmklärt auf.


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So ein Stand ist ein Traum. Heranwechselnde Sauen können durch das Altholz frühzeitig gesehen und angesprochen werden, bevor sie die Schneise überfallen.

FOTO: ARCHIV JÄGER

AUGENBLICK DER WAHRHEIT

Guter Überblick, eine nicht zu enge Schneise und zwei Sauen von rechts – die Großchance. Der Schütze steht perfekt ausgerichtet für den Flüchtigschuss auf der Schneise. Regungslos ...

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... beobachtet er zunächst die anwechselnden Sauen und spricht an. Erst als das erste Stück am letzten Baum am rechten Schneisenrand vorbei ist, wird er anschlagen. Sein Ziel besteht darin, den ersten Frischling zu erlegen. Er wird im Schuss an der Wange repetieren und – wenn nötig – dasselbe Stück ein zweites Mal beschießen oder, wenn dieses gut getroffen ist, den zweiten Frischling erlegen. Wenige Sekunden später ist schon alles wieder vorbei. Hoffentlich kann er sich dann über seinen Erfolg freuen, statt über die passende Ausrede nachdenken zu müssen.

ENTGEGEN-KOMMEND

Drückjagdfreude pur! Die flotte Steirische Rauhaarbracke hatte die beiden abgesprengten Frischlinge über die ganze Fläche spitz auf seinen Stand zugedrückt. Der Schütze ist ruhig sitzengeblieben und hat abgewartet, bis sie auf etwa 25 Meter heran waren. Dann ist er aufgestanden, hat laut gerufen und dabei gleichzeitig angeschlagen. Das hat die Frischlinge zum Abdrehen veranlasst, und er hat die nun quer zu ihm fliehenden Wutze auf 20 Meter problemlos erlegen können. Mit diesem Trick hat der Schütze erstens den Hund aus der Gefahrenlinie bekommen und zweitens den riskanten und meistens auch wildbretzerstörenden Schuss auf eine Sau spitzt von vorne vermieden. Um ganz sicher zu gehen, dass einer der beiden nicht doch nur gekrellt ist und noch mal auf die Läufe kommt, behält er die Stücke im Auge, bis sie sich wirklich nicht mehr bewegen. Dann muss er erst mal tief durchatmen – Waidmannsheil!

Drückjagden auf Schwarzwild sind spannend – sauspannend! Vor allem der Moment, wenn eine Rotte vor den lauten Hunden flüchtig über die Schneise kommt – der Augenblick der Wahrheit! Alles ist auf diesen Moment ausgerichtet, alles hängt an ihm: die Vorbereitungen, der Jagdtag, die Strecke – Ihr Jagderlebnis! Und in diesem Augenblick der Wahrheit entscheidet oft nur ein Wimpernschlag: zwischen Beute machen und Schneider bleiben, ein Haarbüschel unter der Bauchlinie zwischen Keiler sowie Bache und, jedoch am schlimmsten, nur Zentimeter zwischen Blattschuss und Gebrechschuss. All das und noch viel mehr gilt es, in Sekundenbruchteilen richtig zu erkennen, zu bewerten und darauf aufbauend auch noch ein bewegtes Ziel sicher und damit tödlich zu treffen. Ein Treiben auf Hochwild ist eine große Herausforderung, der jagdliche Grand Prix! Schnell und ohne große Zeit zum Nachdenken. Aber am Ende ist nicht die absolute Strecke entscheidend, sondern vor allem, was man aus seinem Stand machen konnte und ob man fehlerfrei aus der Prüfung kommt. All dies hängt in erster Linie von unserem Verhalten ab, nicht von der Ausrüstung. Die erfolgreichsten Drückjagdschützen sind vor allem viel geübter als wir Durchschnittsjäger, und es sind nicht ihre eigentlichen Schießkünste, sondern ihr gesamtes Standverhalten, das sie auszeichnet. Durch die Erfahrung geprägt, wird halt immer das jeweilig Richtige gemacht. Aber wie kann man das als Normaljäger ohne 30 gute Drückjagden pro Jahr? Ich möchte hier einige Hauptpunkte vorstellen, die dabei helfen können.

SEI IMMER BEREIT

Nicht umsonst sagt der Jagdleiter meist bei der Einweisung an, dass nach Bezug des Standes geschossen werden darf, sobald die Sicherheit es erlaubt. Die Logik dahinter ist einfach – da man zu jedem Zeitpunkt des Treibens nur schießen darf, wenn man einen absolut zweifelsfreien Kugelfang hat und somit den Verbleib der Kugel sicherstellen kann, ist dies ebenso gut zu Anfang möglich. Und die Chancen auf Erfolg stehen gleich am Anfang ausgesprochen günstig! Immer wieder sieht man jedoch einen Fehler zu Beginn der Jagd, der so hilfreich ist, wie eine falsche Patrone im Lauf: Bitte die Autotür leise zudrücken, denn wie oft befindet sich Wild in unserer direkten Umgebung! Während der Wagen davonrumpelt, äugt es diesem meistens nach, und die Ablenkung kann uns helfen, unbemerkt auf den Stand zu kommen. Im nächsten Moment wird der Nachbar seinen Stand beziehen, auch dabei kann Wild in unsere Richtung angestoßen werden. Wenn man bereits zu Hause alles in der richtigen Reihenfolge parat gelegt hat, kann man nun in wenigen Augenblicken bereit sein: Gehörschutz überziehen, Mikro anschalten, Waffe laden, Riemen mit Schnellverschluss abnehmen, Zielfernrohr überprüfen auf Vergrößerung und Leuchtpunkt, und fertig ist man für die erste Chance!

SICHERHEIT GEHT VOR!

Der erste Blick auf dem Stand gilt immer der Sicherheit. Sie muss zwingend vor dem Augenblick der Wahrheit geklärt werden, denn nur vorher hat man Zeit dafür. Bei der Sicherheit gibt es nur zwei Kategorien: sicher und unsicher. Dazwischen ist nichts! Es muss ein ausreichender Kugelfang gegeben sein. Dies kann nur der natürliche Boden sein. Wasserflächen, Forstwege sowie Bäume zum Beispiel sind ungeeignet. Leider kann die Kugel auch vom weichen Boden abprallen, wenn sie in einem zu flachen Winkel auf diesen trifft! Hauptfaktor für den Auftreffwinkel ist natürlich die Geländeform, und im ebenen Gelände vor allem die Entfernung vom Schützen zum Kugelfang. Mit zunehmender Entfernung wird der Winkel zwangsläufig immer flacher und somit gefährlicher. Legen Sie sich genaue Sektoren fest: sicher/nicht sicher. Wenn Sie sich die sicheren Sektoren eingeprägt haben, können Sie sich später vollständig auf das Ansprechen und Schießen konzentrieren. Es wird neben der Sicherheit auch Ihre Ergebnisse verbessern – denn Schüsse mit Restzweifeln, gleich welcher Art, gehen häufig fehl.

ÜBERBLICK

Je genauer Sie das Revier kennen, desto besser werden Sie auf Ihrem Stand wissen, von wo das Wild am wahrscheinlichsten anwechselt, und umso besser können Sie sich darauf ausrichten. Aber auch in einem fremden Revier kann man schon auf dem Weg zum Stand viele wichtige Infos aufnehmen. Wo sind offensichtliche Tageseinstände und Zufluchtsorte? Wo sind Freiflächen, Siedlungen und andere weniger attraktive Bereiche, die die Sauen auf der Flucht wohl nicht ansteuern werden? Direkt am Stand halten Sie die Augen offen – sieht man deutliche Wechsel? Gibt es mehr oder weniger zwingende Zwangswechsel wie Forstgatterzäune, Wasserflächen oder Freiflächen? Bietet sich den Sauen womöglich ein Schleichweg, wo sie besonders gut gedeckt von A nach B kommen? Dies können zum Beispiel Naturverjüngungen in einem sonst lichten Altholz sein oder ein Graben – Sauen nehmen gerne tiefe Punkte im Gelände an.

SICHER IST SICHER
Es gibt nur sicher oder nicht sicher, dazwischen ist nichts! Sofort nach Beziehen seines Standes hat der Schütze sich zuerst sorgfältig umgeschaut. Der Nachbar sitzt gut erkennbar auf der anderen Seite neben der großen Eiche. Hier gibt es also eine breite Linie, in die er auf keinen Fall schießen darf. Wegen der Gefahr von Querschlägern muss er rechts und links von dieser Linie noch mal großzügig Platz lassen. Die anwechselnden Sauen werden auf diese Entfernung jedoch auch weiter links nicht sicher zu beschießen sein, weil durch die große Entfernung der Auftreffwinkel der Kugel auf dem Boden zu flach wird. Weicher Acker im Winter nimmt die Kugel sehr viel schlechter auf als man meinen könnte. Sofern die Sauen nicht die Richtung ändern und in den vorher definierten sicheren Bereich wechseln, bleibt die Kugel im Lauf. Der Schütze kann sich an dem schönen Anblick erfreuen, und der Puls geht wieder runter. Bei Ständen wie diesem ist es eine sehr große Hilfe, wenn der Jagdleiter vorher den gefährlichen Sektor zum Nachbarn hin mit zwei farbigen Stecken markiert hat.


UMGEBUNG MERKEN

So wie ein Formel-1-Fahrer seine Rennstrecke im Kopf fahren kann, so sollte man sich auch auf dem Drückjagdstand seine Umgebung verinnerlichen. Man gewinnt dadurch viel Zeit. Programmieren Sie den „Autopiloten“, denn wenn der Augenblick der Wahrheit gekommen ist, ist am Ende nur dieser wirklich schnell genug, um alle nötigen Schritte für einen erfolgreichen Flüchtigschuss im Kopf abzurufen. Dafür muss er die Koordinaten kennen, in denen sich unsere Ziele bewegen, und Szenarien schon durchgespielt haben. Praktisch gesprochen: „Wenn die Sauen rechts hinten aus der Dickung kommen, kann ich sie im nicht-sicheren Sektor ansprechen, werde dann dort am Anfang des sicheren Sektors in den Anschlag gehen und habe zwischen der krum men Buche und der Birke auf der anderen Seite der Blöße Schussfeld für ein oder sogar mehrere Schüsse. Etwas weiter links ist noch mal eine gute Lücke im Bestand.“ Weil Sie dies im Gedanken durchgehen, bemerken Sie im voraus einen Graben, der bei einem Schussversuch an der Stelle sicher einen Fehlschuss produziert hätte, und ebenso die trockenen Fichtenäste, die in eine weitere vorhergehende Lücke ragen. Die meisten Fehler und Erfolge lassen sich in der Theorie schon durchspielen. Seien Sie unbesorgt, am Ende kommt die Sau vielleicht doch noch anders als erwartet, aber umso besser Sie Ihr Spielfeld sowie Ihre Möglichkeiten schon kennen, desto weniger kann Sie dies aus der Bahn werfen.

PLATZMANGEL
Nun aber hurtig! Auf Drückjagdständen wie diesem heißt es, schnell zu sein. Ist es sonst oft klug, das Wild im Sitzen zu erwarten, so sollte man auf derartigen Ständen durchgehend stehen. Die Sauen sind meist mit wenigen Sätzen über die Lücke! Die Büchse kann dabei zur Entlastung auf der Brüstung aufgestützt werden, aber der Lauf sollte schon in die vermutlich richtige Richtung zeigen, und die ganze Körperhaltung sollte so sein, dass man sofort anschlagen und schießen kann. Dank des Mikrofons im Gehörschutz hat der Schütze die Wutz anwechseln hören und hat sie nun genau im Zielfernrohr. Das Ansprechen ist in solchen Momenten natürlich schwer, gerade bei dunklen Einzelstücken. In diesem Fall aber sieht der Schütze den Pinsel, und der Überläuferkeiler geht mit dem Schuss über Kopf und bleibt schlegelnd liegen. Zum Glück hat der Jäger sich nicht von den Bäumen irritieren lassen, sondern trotzdem beherzt mit- und durchgeschwungen. Die Vergrößerung im Zielfernrohr sollte man auf solchen Ständen natürlich gering wählen, auf keinen Fall über dreifach.


ZWANGSLÄUFIG ODER OFFENSICHTLICH?
Ein Drückjagdstand in einem fremden Revier gibt einem viele Rätsel auf. Kann man erraten, aus welcher Richtung die Sauen kommen werden, und die Wechsel schon wissen? Schließlich sind wir kein Uhu und können nicht permanent 360 Grad rundumschauen. Der Schütze auf diesem Stand kann einen Zwangswechsel deutlich ausmachen – den entlang des Teichufers. Hinter dem Teich ist eine große Brachfläche mit Schilf und Brombeerinseln – auf jeden Fall ein guter Tageseinstand und ein Fluchtort, wenn es später rund geht. Die Tatsache, dass der Wind von ihm auf diese Deckung steht, erhöht noch mal den Optimismus des Schützen. Wenn möglich, verlassen Sauen ihre Deckung gerne gegen den Wind. Im Rücken hat er ein lichtes Altholz, was immer von dort kommt, wird er länger sehen können und genug Zeit haben, darauf zu reagieren. Aufgrund all dieser Überlegungen entscheidet er sich, Richtung Teich zu stehen, obwohl er damit, nach der Leiter zu urteilen, eigentlich nach hinten schaut.


SCHUSSFELD EINTEILEN

Die sicheren sowie erfolgsversprechenden Schusszonen sind also festgelegt. Nun fehlt zum Blattschuss noch der richtige Haltepunkt – wie weit muss ich in jeweiliger Situation vorhalten? Mein Schussfeld teile ich mir in drei Entfernungsklassen ein. Dazu benutze ich einen Entfernungsmesser und merke mir markante Punkte im Schussfeld. So stufe ich die Entfernung in „nah, 0–30 Meter“, „mittel, 30–60 Meter“ und „weit, 60–90 Meter“ ein. Ab etwa zehn Meter bis 30 Meter liegt der Idealbereich für den flüchtigen Schuss. Man muss nicht aus dem Stück hinausschwingen, selbst wenn dieses hochflüchtig kommt, und es sind auch keine extremen Laufbewegungen nötig wie bei flüchtigen Stücken unter zehn Meter. Im mittleren Bereich bis 60 Meter muss man schon genauer auf seinen Haltepunkt achten, und spätestens ab 60 Meter wird es dann sehr anspruchsvoll. Nun hängt’s stark von der Geschwindigkeit der Sau und dem Gelände ab, ob man überhaupt noch schießen kann. Eine hochflüchtige Rotte in den Brombeeren zwischen Fichtenstämmen kann auf 50 Meter schon zu weit sein, aber ein müde trollender Überläufer auf dem offenen Acker ist auf 80 Meter für einen geübten Schützen noch sicher zu treffen. Es ist wichtig, sich über das Machbare und das Nichtmachbare im Klaren zu sein. Das hängt sehr vom einzelnen Schützen, seinen Schießfähigkeiten und der Situation ab. Die Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Treffers sollte auf keinen Fall unter 50 Prozent rutschen. Und der erste Schuss ist immer der wichtigste! Also lieber ein guter Blattschuss als hastig einmal hinten drauf und zweimal vorbei. Dies sollte man nicht nur bei Halbautomaten im Hinterkopf behalten.

DIE BÜHNE
Je besser der Schütze das Gelände gedanklich erfasst hat, desto sicherer wird er beim Erscheinen des Wildes sein. Die meisten erfolgreichen Drückjagdschützen teilen sich ihr Schussfeld in Entfernungszonen ein, wie hier auf dem Bild dargestellt. Der Schütze hat sich mithilfe eines Entfernungsmessers markante Punkte ausgemessen. Somit weiß er nun, wo er ideale Bedingungen hat, ungefähr bis 30 Meter. Von 30 bis 60 Meter wird es anspruchsvoller, und von 60 bis etwa 90 Meter wird er nur noch auf langsame Stücke schießen. Im Hochwald dahinter nimmt er sich vor, nur auf stehende Stücke zu schießen. Er hat sich auch den Graben als Nicht-Schießzone gemerkt, wegen der Höhenprobleme. Links vom Graben kann er bei von rechts durchwechselnden Stücken eventuell noch mal nachschießen. Kommen die Sauen von links, wird er sie in dem Bereich ansprechen, aber erst rechts vom Graben im freien Schussfeld den ersten Schuss abgeben.


ES IST IM KOPF

Glauben Sie an Ihren Erfolg! Nur wenn Sie mit Überzeugung bei der Sache sind, werden Sie das Wild auch hören und sehen, ja sogar fühlen. Manchmal nehmen wir unterbewusste Signale zuerst wahr. Wenn Sie die Sauen tatsächlich erwarten, ist Ihr ganzes System „voll da“. Wenn Sie Zweifel haben und nicht an den Erfolg glauben, ist es das nicht. Es kann für den Jagdleiter und seine Helfer frustrierend sein, wenn sie beobachten, wie Schützen auf dem Stand pennen. Alle geben ihr Bestes in den wenigen Stunden der großen Drückjagd, und so sollte man auch als Schütze vollen Einsatz bringen. Es ist gar nicht so einfach, die Motivation und nötige Konzentration über ein langes Treiben aufrechtzuhalten, aber Fakt ist: Wenn Sie aufgeben, hat das Wild schon halb gewonnen! Ihre Überzeugung ist nach dem Schuss übrigens genauso wichtig wie vor dem Schuss. Gehen Sie fest davon aus, dass Sie getroffen haben. Als Schütze haben Sie die besten Chancen, den Anschuss zu finden – und hoffentlich nach wenigen Metern auch die verendete Sau. Dann war der Augenblick der Wahrheit ein Erfolg – Waidmannsheil!


FOTOS: PAULINE V. HARDENBERG

FOTOS: PAULINE V. HARDENBERG