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TITELTHEMA: Endstation „Teufelsgarten“


Militär & Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 02.09.2019

Wer hier zurückwich, würde möglicherweise alles verlieren. Vor El Alamein spielten sowohl die Achsenmächte als auch die Briten um einen hohen Einsatz. Erfolg versprach eine verlustreiche Strategie, die man zu dieser Zeit schon längst für begraben hielt


ZWEITE SCHLACHT VON EL ALAMEIN, 1942

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Bildquelle: Militär & Geschichte, Ausgabe 6/2019

Der Vormarsch der deutsch-italienischen Truppen führte 1942 bis tief nach Ägypten. Bei El Alamein kam es im Herbst zur Entscheidungsschlacht des Nordafrikafeldzuges


Verlustreiche Kämpfe: Das Afrikakorps schwankte zwischen Erfolgen und Niederlagen; links eine aufgegebene 18-t-Zugmaschine, rechts ein 21-cm-Langrohrgeschütz ...

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... direkt nach dem Feuern


Dezimierte Verbände: Im Verlauf des Jahres 1942 hatte die Panzerarmee Afrika hohe Verluste erlitten, während der Nachschub ins Stocken geriet. Im Herbst standen Rommel vor El Alamein nur halb so viele Panzer zur Verfügung (hier ein Panzer III) wie seinem Kontrahenten Montgomery


Manchmal, lautet die Theo-rie, gebe es Plätze, die für einen Verteidiger so wich-tig sind, dass er für ihre Behauptunggezwungen sei, noch den letzten Mann einzusetzen. Ist der Angreiferaber an Zahl stark überlegen und for-ciert immer wieder entschlossen die Attacke, sei es im Grunde gleich, obihm der Durchbruch gelinge. Der Ver-teidiger würde sicher in jedem Fallals Erster verbluten.

Mit diesen Worten rechtfertigteder deutsche Generalstabschef Erichvon Falkenhayn nach dem Ersten Weltkrieg den beispiellosen Blutzollseiner fortgesetzten Offensiven auf Verdun. Den Ruf mindestens eines Zynikers hatte er damit weg, dochwas Falkenhayn beschrieb, war im Grunde nichts anderes als der Plan jeder Abnutzungsschlacht. Im Zwei-ten Weltkrieg galt das anhaltende Zermürben feindlicher Stellungen alsveraltet, doch in Vergessenheit gerietdiese Strategie nie, insbesondere beidenen nicht, die sie in Flandern oderder Champagne noch am eigenen Leib erfahren hatten.

Zu diesen Männern gehörte auchder spätere britische Befehlshaber bei El Alamein, Bernard Montgomery,und ausgerechnet im Kampf gegenden Bewegungskrieger schlechthin,den „Wüstenfuchs“ Erwin Rommel,sollte er sie ein Vierteljahrhundertspäter aus der Mottenkiste holen.

Energischer Antreiber

Dabei deutete im Sommer 1942 zu-nächst wenig darauf hin, dass sich dievon dem schwäbischen General ge-führte Panzerarmee Afrika (beste-hend aus dem Afrikakorps, italieni-schen und weiteren deutschen Ver-bänden) überhaupt würde stoppen,geschweige denn in eine kräftezeh-rende Abwehrschlacht zwingen las-sen. Nach den Kämpfen um die Gaza-la-Linie und Tobruk, in deren Verlaufdie britische 8. Armee fast ihre ge -samten Panzerbestände verlor, trieb Rommel seine Männer energisch wei-ter nach Osten. Noch Jahre nach dem Krieg malte Montgomery die dama -lige Lage in den düstersten Farben. Inseinen Memoiren sprach er von einer kaum noch bestreitbaren Vorherr-schaft der Achsenmächte in der Wüs-te. Doch war das bei näherer Betrach-tung kaum mehr als die Arbeit am eigenen Mythos.


Rommel war weit nach Osten vorgestoßen, trotz der Überlegenheit seines Gegners.


Denn obwohl die 8. Armee bei den Kämpfen im Mai und Juni in der Tatschwerste Verluste erlitten hatte, ver-fügte sie vor der ersten Schlacht um El Alamein (1. bis 31. Juli 1942) noch im-mer über mehr Personal und knappdreimal so viele Panzer wie Rommel. Dem waren nach der Eroberung von Tobruk nur rund 50 einsatzbereite Kampfwagen verblieben, zudemkonnten manche seiner Divisionennicht mehr als 1.200 Kämpfer auf -bieten. Das britische Empire würde er damit selbst im günstigsten Fallkaum aus den Angeln heben – unddem damaligen britischen Oberbe-fehlshaber in Kairo, General Claude Auchinleck, war dies natürlich be-wusst. Sobald der erste Schock der Niederlage überwunden war, stellteer sich mit seinen Truppen bei der kleinen Bahnstation El Alamein, etwa100 Kilometer westlich von Alexan-dria, zum Kampf und stoppte dendeutschen General ohne große Mühe.

Diese erste Schlacht bei dem später so berühmten Wüstenort war im Wesent lichen sogar schon nach zwei Tagen entschieden. Rommels schwache Kräfte genügten schlicht nicht mehr, selbst diese nur dünn besetzte Verteidigungslinie zu durchbrechen. Auch umfahren konnte er sie nicht; dies verhinderte die sich südlich ausdehnende, von feinem Sahara-Sand bedeckte Kattara-Senke.

Erstarkende Briten

Als eine besonders böse Überraschung hatte sich zudem die neue britische 6-Pfünder-Pak erwiesen. Deren 57-mm-Kanone war erstmalig in der Lage, die besten deutschen Panzertypen auf Distanzen von 1.500 Metern effektiv zu bekämpfen – dreimal so weit wie ihr Vorgänger. Ein Übriges taten die immer effektiver werdenden Luftangriffe der Desert Air Force auf Rommels Logistik im Hinterland; und mit jedem Tag wuchs Auchinlecks Überlegenheit weiter an.

Unangefochtener Befehlshaber: Erwin Rommel bespricht mit Offizieren einen Angriff. Sein Sieg bei Tobruk hatte seinen Ruf als hervorragender Feldherr nochmals bekräftigt


ZEITTAFEL

Kämpfe in Nordafrika – die Hintergründe

9. September 1940: Um das bestehende italienische Kolonialreich in Libyen und Ostafrika zu erweitern, beginnt Mussolini eine Offensive gegen die britische Armee in Ägypten. Die Offensive wird bald abgeschlagen, die Italiener müssen sich zurückziehen. Die Cyrenaika, die Osthälfte Libyens, geht verloren. Im Dezember 1940 bittet Rom um deutsche Unterstützung.

11. Februar 1941: Die ersten deutschen Truppen landen in Tripolis. Rommel tritt bald darauf zum Angriff an und stößt bis Mitte April an die ägyptische Grenze vor. Tobruk wird eingeschlossen, danach erstarrt die Front.

18. November 1941: Britische Großoffensive „Crusader“: Die 8. Armee kann die Gebietsverluste des Frühjahrs binnen weniger Wochen beinahe vollständig wettmachen und Rommel fast 500 Kilometer nach Westen zurücktreiben.

21. Januar 1942: Mithilfe frischer Verstärkungen tritt Rommel zum raschen Gegenschlag an und erobert bis Anfang Februar seinerseits ein zweites Mal die Cyrenaika. Die britische Armee verschanzt sich bei Ain el Gazala, westlich von Tobruk.

Frühjahr 1942: Deutsch-italienische Planungen, Malta zu erobern, bleiben ergebnislos. Stattdessen Konzentration auf Nordafrika.

26. Mai 1942: Unternehmen „Theseus“: Die Panzerarmee Afrika durchbricht die Gazala-Linie und erobert am 20. Juni Tobruk. Die britische 8. Armee verliert 50.000 Mann und über 1.000 Panzer. Rommel stößt mit dem Ziel Suez-Kanal weiter nach Osten vor.

Nur zwei Wochen nach dem Fallvon Tobruk war die britische Front in Afrika also bereits wieder stabilisiert. Doch Churchill genügte das nicht. Gerade weil er Morgenluft im großen Maßstab witterte, forderte er einen Erfolg mit Signalwirkung: Er trug Auchinleck auf, den berüchtigten„Wüstenfuchs“ spätestens Mitte Sep-tember anzugreifen und entschei-dend zu schlagen.

Montgomery übernimmt

Der Oberbefehlshaber in Kairo ver-langte aber mehr Zeit, um seine Trup-pen neu auszurüsten und auszubil-den – was Churchill viel zu lange dau-erte. Er enthob Auchinleck sämtlicher Kommandos und setzte ihm geneh-me Offiziere auf die vakanten Posten. Im Falle der 8. Armee war dies zu-nächst Lieutenant-General William Gott; doch nachdem dieser bereits am7. August 1942 beim Abschuss seines Flugzeugs ums Leben kam, trat Ber-nard Montgomery an seine Stelle. Die-ser war bis dahin mit der Verteidigung Südostenglands betraut gewesen. Viel Zeit, sich einzuleben, bekam derneue Chef nicht. In einer letzten An-strengung, die Initiative auf dem Kriegsschauplatz zurückzugewin-nen, trat Rommel in der Nacht zum31. August wieder zur Offensive an. Doch diesmal hatten sich nicht nurdie deutschen Planer bei der Stärkeder 8. Armee arg verschätzt – deren Panzerkräfte waren bereits wiederfast doppelt so umfangreich wie an-genommen –, sondern Montgomerywusste durch die eigene Funkaufklä-rung auch bereits lange im Vorausvon den deutschen Plänen.

Der ewige „Zweite“: Obwohl Bernard Montgomery in Afrika letztlich als Sieger vom Platz ging, konnte er niemals an Rommels Popularität heranreichen


Der Versuch, die britischen Stellungen südlich des Alam-Halfa-Rückens mit starken Panzerkräften zu umfahren, scheiterte deshalb ebenso rasch wie der Angriff zwei Monate zuvor. Und obwohl Rommels Kräfte trotz des Verlustes von fast 3.000 Mann und 50 Panzern für einen zweiten Ansatz sogar noch hingereicht hätten, fehlte es an Kraftstoff, diesen auch tatsächlich zu versuchen. Bei El Alamein war nun definitiv kein Durchkommen mehr – und Montgomery allein diktierte die weiteren Schritte.

Italienische Soldaten mit einer Panzerbüchse vor El Alamein. Die Italiener stellten mehr Divisionen als die Deutschen, erreichten aber nicht deren Kampfkraft


Ersehnte Verschnaufpause

Doch zunächst kam die Front für einige Wochen zur Ruhe. Die deutschen Offiziere vertrieben sich die Zeit mit Gazellenjagd, die Landser verspielten ihren Sold beim Siebzehn und Vier. „Eine umheimliche Hitze herrscht hier“, beklagte der zur 21. Panzer-Division gehörende Albert Stuppy den Alltag in dieser Zeit, „kaum weht ein kühler Wind. Man kann kaum japsen, aber dafür umso mehr Wasser saufen. Kaum getrunken, tritt der Schweiß aus allen Poren. Und die Fliegen machen einen vollkommen zur Hure. Es ist nicht mehr schön in diesem ‚gelobten‘ Lande.“

Die britische 8. Armee erhielt ab Mitte 1942 zahlreiche Sherman-Panzer, die den deutschen Kampfwagen endlich gewachsen waren. Es oblag aber der Infanterie, in die gegnerischen „Teufelsgärten“ hineinzustoßen und den Panzern eine Bresche zu schlagen


ZAHLEN, DATEN, FAKTEN:

Die Kontrahenten vor der zweiten Alamein-Schlacht

Panzerarmee Afrika (ab 25.10.1942: Deutsch-Italienische Panzerarmee/ Armata Corazzata Italo-Tedesco) – General Georg Stumme (ab 24.10.1942: Generalfeldmarschall Erwin Rommel)
• 14 Divisionen (4 deutsche, 10 italienische)
• insgesamt ca. 110.000 Soldaten
• ca. 550 Panzer
• ca. 1.100 Geschütze

Eighth Army – Lieutenant-General Bernard Montgomery
• 11 Divisionen
• insgesamt ca. 195.000 Soldaten
• ca. 1.000 Panzer
• ca. 2.300 Geschütze

Die Signal pistole 42 der Wehrmacht eignete sich gerade im flachen, baumlosen Gelände Nordafrikas hervorragend zur Kommunikation zwischen verstreuten Stellungen


Eingraben an der Front

Vorwärts: Gegen die deutschen Panzer IV konnten die Briten lange Zeit wenig ausrichten, doch Mitte 1942 wendete sich das Blatt


‚Gelobt‘, das war Nordafrika vor allem im Gegensatz zur Ostfront, doch auch dieser vermeintlich lebenswertere Landstrich verwandelte sich in jenen Tagen immer mehr in ein unwirtliches Kriegsgebiet. Entlang der erstarrten Front gruben sich die Gegner ein. Allein Rommels Truppe verlegte bis Ende Oktober eine halbe Million Minen auf dem knapp 65 Kilometer breiten Streifen zwischen der Küste und der Kattara-Senke. Dabei wurden die Minenfelder so angelegt, dass sie ein feindseitig offenes „U“ bildeten. Geriet der Angreifer in einen dieser sogenannten „Teufelsgärten“ hinein, konnte er nach vorne nur langwierig räumen oder aber zurück gehen. Nach den Seiten hin war kein Durchkommen. Für Pak und Artillerie boten sich so leichte Ziele.

Zwischen diesen Hindernissen lagen schachbrettartig verteilt, zur Rundumverteidigung eingerichtet, die deutschen und italienischen Stellungen. Sie waren bis zu vier Kilometer tief gestaffelt; eine durchlaufende Linie gab es nicht – Zugeständnisse an die offenen Räume Nordafrikas, in denen jeder feind liche Durchbruch zur Katastrophe werden konnte.

Dieselbe Offenheit sorgte auch da-für, dass sich eingrub, wer konnte, umnur nicht von den allgegenwärtigen Jagdbombern gesehen zu werden. Das galt für Fahrzeuge wie für Menschen, wie der Fallschirmjäger-General Bernhard Ramcke berichtet:„Aus den umherliegenden unzähligen harten Kalksteinbrocken bautsich der Schütze eine Steinkiste, solang und breit, daß er mit seinen Waffen darin liegen kann. Die mit Kalksand bestreute Zeltbahn dientals Sonnendach. In diesen Stein -särgen lebt und kämpft der Mann.“

Furcht vor dem Durchbruch

Rommel bereitete dieser Stellungskrieg große Bauchschmerzen. Er fürchtete, dass in einer kommenden Durchbruchsschlacht der Vorteil bei den Briten läge, gerade weil sie aus dem Ersten Weltkrieg keine hinreichenden Lehren gezogen hätten und sich nicht auf die bewegliche Kriegführung mit verbundenen Waffen verstanden. „Die ganze britische Ausbildung beruhte auf den Erfahrungen des ersten Weltkrieges“, schrieb er einige Zeit nach der Schlacht. „Die Errungenschaften der Technik waren hier eingeordnet worden, hatten aber keine Revolution zustande gebracht.“


Als die Gegenseite stärkere Panzer bekam, geriet das Afrikakorps in arge Bedrängnis.


Es sei dahingestellt, ob ein schneller Vorstoß durch die deutscherseits hervorragend ausgebaute Alamein-Front überhaupt möglich gewesen wäre, aber tatsächlich war Montgomery kein General, der sich gegen ein frontales Anrennen grundsätzlich sträubte. Sein Plan für die kommende Schlacht (Operation „Lightfoot“) erinnerte stark an das, was im vergangenen Krieg an der Westfront versucht worden war, sowohl operativ als auch strategisch. Im Schutze einer artilleristischen Feuerwalze sollte zunächst die Infanterie eine Gasse für nachrückende Panzer freikämpfen. Diese sollten dann im feindlichen Hinterland gegen die erwarteten Angriffe der Reserven absichern.

Gerade im Vergleich zu den „Blitzkriegen“ der Wehrmacht war das eine konservative Taktik. Doch Montgomery hatte zusätzlich noch die Falkenhayn’sche Ausblutungsstrategie im Hinterkopf. Er war sich über Rommels Ressourcenknappheit voll im Klaren und entschied sich auch deshalb dafür, gerade an der stärksten Stelle der Abwehrfront, relativ in deren Zentrum, zuzuschlagen. Der Überraschungseffekt und die Möglichkeit, danach sowohl nach Süden als auch nach Norden abschwenken zu können, sollte die höheren Verluste rechtfertigen. Und diese wiederum würden nicht allzu schwer wiegen, da man ja schließlich genügend große Reserven hatte.

Der Tropenhelm des Afrikakorps half nicht gegen Splitterwirkung und wurde nach Möglichkeit durch den herkömmlichen Stahlhelm oder einfache Feldmützen ersetzt


Gefahr im Sand: Weil natürliche Hindernisse fehlten, legten beide Seiten Minenfelder an. Hier räumt ein deutscher Soldat einen britischen Sprengkörper


In den „Teufelsgärten“: Die Briten versuchten, mit Metalldetektoren die deutschen Minen aufzuspüren und so den Sperrgürtel zu öffnen


Die zweifelhafte Ehre, diesen Planumzusetzen, fiel den Männern desvon Lieutenant-General Oliver Leesegeführten britischen XXX. Korps zu. Dessen fünf Infanteriedivisionen be-gannen am späten Abend des 23. Ok-tober 1942 nach intensiver Artillerie -vor bereitung ihren Vormarsch in diedeutschen „Teufelsgärten“. Bis zumnächsten Morgen sollten sie diesenach dem Operationsplan überwun-den haben und anschließend das Feldden Panzern des hinter ihnen warten-den X. Korps überlassen. Doch daswar leichter gesagt als getan.


Die Briten hingen in den Minenfeldern fest und wurden mit schwerem Feuer belegt.


Der Sperrgürtel hält

Zwar wurden die vordersten deutschen und italienischen Divisionen durch den Artilleriebeschuss stark dezimiert und General Georg Stumme, der Rommel zu jener Zeit in Abwesenheit vertrat, erlag am Morgen nach dem Angriff einem Herzinfarkt, doch gelang es den Angreifern nicht, den Sperrgürtel zu überwinden. Als es hell wurde, hingen sie immer noch in den Minenfeldern fest und wurden von den Verteidigern zusammen geschossen. Ein Gegenangriff der deutschen 15. Panzer-Division und der italienischen „Littorio“ stellte die alte Front dann im Wesentlichen sogar wieder her.

Montgomery suchte einen Schul digen für diesen herben Dämpfer und fand ihn auch bald. Er kanzelte den Kommandeur seines X. Korps, Herbert Lumsden, dafür ab, dass er die Infan terie nicht hinreichend unterstützt habe: „Bei den Panzerverbänden seines Korps machte sich allgemein ein starker Mangel an Offensivgeist bemerkbar. Anscheinend waren sie der Ansicht, diese Art Schlacht sei nichts für sie.“

Sinnloser Opfergang

Lumsden konterte damit, dass er die Attacke, wie Montgomery sie fordere, für reinen Selbstmord halte, allerdings blieb ihm keine Wahl als zu gehorchen,und so ließ er in der folgenden Nacht den ungeliebten Angriff fahren. Außer dem Verlust von mehr als 100 Panzern brachte allerdings auch dieser Opfergang nichts ein. Ähnlich erfolglos verliefen die Diversionsangriffe des britischen XIII. Korps im Südabschnitt der Front. Rommels Plan, seinen Gegner in die „Teufelsgärten“ laufen und sich darin stauen zu lassen, ging voll auf. In den ersten beiden Kampftagen büßte die 8. Armee 6.000 Mann und ein Viertel ihrer Panzerstärke ein.

Feind im Visier: Ein deutscher MG-Vorposten. Das deckungslose Gelände eignete sich perfekt für den Einsatz von Maschinengewehren


Uniformjacke eines Obergefreiten des Afrikakorps mit gewebtem Reichsadler und Kragenspiegeln


Angriff auf Angriff

In London schrie Churchill seinen Generalstabschef an, ob dieser „denn keinen General hätte, der wenigstens eine einzige Schlacht gewinnen könne“? Doch Montgomery, obwohl er mit dem Fortgang der Kämpfe sicher nicht zufrieden war, konnte sich die hohen Verluste leisten. Er ließ immer weiter angreifen, und letztlich kam ihm auch das Glück zu Hilfe: Am Abend des 25. Oktober fiel der ganz im Norden der Front stehenden australischen 9. Division eine deutsche Patrouille in die Hände, die detaillierte Karten der Minengürtel mit sich führte. Die Australier zögerten nicht lange, durchfuhren binnen weniger Minuten das Niemandsland der Front und nahmen auf der anderen Seite die wichtige Höhe 28 ein.

Montgomery erkannte seine Chance und beschloss, seinen Schwer-punkt an eben diesen australischen Abschnitt zu verlagern. Er wollte al-le seine Panzerkräfte dort sammelnund damit den endgültigen Front-durchbruch erzwingen (Operation„Supercharge“). Dieses Umdisponieren würde jedoch einige Tage in Anspruch nehmen. Unterdessen solltedas XXX. Korps den „Brückenkopf“ bei Höhe 28 gegen die erwarteten Gegen-angriffe Rommels sichern.


Rommels Männer konnten sich sehr gut verteidigen – aber kaum zurückschlagen.


Der war indessen nach einem zwischenzeitlichen Kuraufenthalt wieder bei seiner Armee eingetroffen und befahl wie erwartet sofort die Begradigung der nördlichen Frontlinie. Dafür zog auch er seine gepanzerten Kräfte zusammen. Doch es wiederholte sich, was in der ersten Alamein-Schlacht und bei Alam Halfa geschehen war: Rommels Truppen, so gut sie in der Verteidigung waren, erwiesen sich als zu schwach, die von den Briten sofort mit Pak und Panzern gesicherten Positionen zurückzuerobern.

Ein ungleiches Duell

Wie die Kämpfe verliefen, schildert der zur Division „Littorio“ gehörende Hauptmann Davide Beretta: „Plötzlich tauchten am Horizont überwäl tigende Formationen schwerer bri tischer Panzer, ‚Shermans‘ und ‚Grants‘, auf, die mit ihren 75-mm-Kanonen wie Jäger zielten. (…) Unsere winzigen M14/41 fuhren auf sie zu, um die Distanz zu verkürzen. Wir beobachteten diesen Kampf mit Schrecken, denn die 47-mm-Granaten der M14 prallten von der schweren Panzerung ihrer Panzer ab.“ Zum Glück für Beretta saß er selbst nicht in einem dieser leichten Tanks, sondern in einem der wenigen, besser armierten Sturmgeschütze, über die die Italiener verfügten. Seine „Semovente“ überstand den Kampf. Höhe 28 blieb jedoch in britischer Hand.

Die Schlacht trat nun in ihre entscheidenden Phase ein. In der Nacht zum 2. November sollte „Superchar ge“ anlaufen – und noch einmal traf Montgomery eine kontroverse Entscheidung. Nach acht Kampftagen fehlte es seiner Armee nämlich mittlerweile an Infanterie, um die angreifenden Panzer adäquat zu unterstützen. Doch er wollte nun alles in die Bresche werfen, um Rommel endgültig zu zermürben. „Es muss getan werden“, vertraute er einem seiner Divisionsgeneräle an. „Falls notwendig, bin ich bereit, 100 Prozent Ver luste sowohl in personeller als auch materieller Hinsicht zu akzeptieren.“

Im Gefecht: Eine 8,8-cm-Flak 36 der

Wehrmacht versucht einen Panzerangriff abzuwehren. Doch Rommels Truppen mussten sich der Übermacht der Briten am Ende geschlagen geben


Abgekämpft rücken deutsche Landser auf El Alamein en geben vor; sie schleppen u. a. Munitionskästen, Spaten und eine Panzerbüchse. Wenige Tage später werden sich die Männer fluchtartig zurückziehen müssen


Die sandfarbene Feldmütze war luftig und bot die beste Tarnung


Kampf um Höhe 28

Und tatsächlich entbrannte am Morgen des 2. November die gewaltigste Panzerschlacht in allen bisherigen Kämpfen um El Alamein. Mehr als 1.000 Kettenfahrzeuge beider Seiten, jeweils unterstützt von Pak und schwerer Flak, prallten im Gebiet um die Höhe 28 auf einander. Wie von Montgomery ein kalkuliert, waren die britischen Verluste überaus schwer – allein bei der als erste angreifenden 9. Panzer-Brigade, die 70 von 94 Tanks einbüßte – doch dieses Mal waren die horrenden Opfer nicht vergeblich. Zwar blieb Rommels Front bis zum Ende des Tages einigermaßen intakt, doch hatten sich die beiden wichtigen deutschen Panzerdivisionen völlig verausgabt. Sie mussten drei Viertel ihrer verbliebenen 192 Kampfwagen abschreiben.

Ähnlich schlimm sah es bei den italienischen Verbänden und der Artillerie aus. Zu allem Überfluss waren britische Spähtrupps während der Kämpfe an mehreren Stellen durch die dünn besetzte Front gesickert und hatten einige der ohnehin nur spärlich gefüllten Depots der Panzerarmee in Brand gesetzt. Unter diesen Umständen ließ sich der Widerstand nicht mehr sinnvoll fortsetzen. Am Abend des 2. November leitete Rommel den Rückzug seiner Truppe nach Westen ein.

Hitlers strikter Halte-Befehl

Als Hitler am nächsten Tag davon erfuhr, tobte er. In einem eilig abgesetzten Funkspruch befahl er seinem Feldmarschall, die Absetzbewegung zu stoppen. Der strikte Halte-Befehl, der im Winter zuvor an der Ostfront noch wirksam gewesen war, sollte nun auch in Nordafrika die Rettung bringen. „Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte“, hieß es in Hitlers Text, „daß der stärkere Wille über die stärkeren Bataillone triumphiert.“ Rommel war fassungslos, doch er beorderte seine Soldaten schließlich doch zurück in ihre Stellungen. Und erst dieses Hin und Her sollte die schwere Niederlage in eine Katastrophe verwandeln.

El Alamein heute: 1959 wurde ein deutscher Soldatenfriedhof samt burgartiger Gedenkstätte angelegt, in der das Afrikakorps und Rommel in Ehren gehalten werden – an einem anderen Kriegsschauplatz wäre so etwas undenkbar


Denn es geschah, was Rommel befürchtet hatte: Mitten in dieses Chaos hinein setzte Montgomery am Morgen des 4. November seinen finalen Schlag – und ließ seine gesamte Armee attackieren. Wirksamer Widerstand dagegen war nicht mehr möglich. Bis zum Nachmittag hatten die britischen Panzer an mehreren Stellen die Front durchbrochen und ergossen sich ins Hinterland. Weder bei Deutschen noch Italienern gab es nun noch ein Halten. Alles, was sich retten konnte, flutete unkontrolliert nach Westen.


Nach zähem Kampf mussten Deutsche und Italiener ihr Heil in der Flucht suchen.


Die schnellen britischen Verbände hatten insbesondere bei den kaum motorisierten Italienern im Südabschnitt wenig Mühe, sie einzuholen: Von den acht Divisionen der Regia Esercito, die in El Alamein kämpften, blieb nur eine einzige als Formation erhalten, der Rest existierte nach der Schlacht nicht einmal mehr auf dem Papier. Rommels übrige Divisionen konnten in den nachfolgenden Tagen wenig mehr tun als auf der Flucht gelegentlich zurückzuschießen. Erst drei Wochen später errichteten sie bei El Agheila in Libyen wieder eine Art Verteidigungslinie – fast 1.000 Kilometer Luftlinie westlich von ihrem Startpunkt!

Das Chaos dieses übereilten Rückzugs erhöhte die ohnehin schmerzlichen Verluste der Panzerarmee Afrika noch einmal beträchtlich. Allein in der zweiten Alamein-Schlacht fanden etwa 2.100 Deutsche und Italiener den Tod, weitere 20.000 gerieten in Gefangenschaft; der Tumult nach Hitlers verhängnisvollem Halte-Befehl steigerte diese Zahlen noch einmal um knapp die Hälfte. Die glorreichen Tage des Deutschen Afrikakorps waren damit endgültig vorbei. Ein halbes Jahr später mussten auch seine Reste in Tunis die Waffen strecken und statt Rommel durfte sich Montgomery die Lorbeeren des Siegers in Afrika anheften.

Ein deutliches Signal

Dass der Engländer sich dennoch jahrzehntelang für seine rücksichtslose Art der Kriegführung zu rechtfertigen hatte, war wohl seine ganz persönliche Zermürbungsschlacht. Chronisten und alte Weggefährten nahmen Montgomery diese ebenso übel wie seine spätere Selbststilisierung als alleiniger Retter Ägyptens. In der Tat sollte der Sieger von Alamein an den militärischen Ruf seines geschlagenen Kontrahenten Rommel niemals heranreichen.

Doch war er dafür auch nicht auf seinen Posten gesetzt worden. Bernard Montgomery sollte ein wegweisendes Signal senden und das hat er getan. Der lange Vormarsch, den die Briten unter seiner Ägide in El Alamein antraten, kam erst in Deutschland wieder zum Stehen.

Christian Kättlitz ist Historiker und arbeitet zu Themen der Neueren Geschichte und Zeitgeschichte.

In Bereitschaftsstellung: Britische „Crusader“-Panzer erwarten im Oktober 1942 vor El Alamein den Feind. Die hier gezeigte Variante mit der 40-mm-Kanone war zu dieser Zeit jedoch nur noch für nachrangige Aufgaben verwendbar


HINTERGRUND: Panzer-Wettrüsten in der Wüste

Bis ins Frühjahr 1942 konnte kaum eine britische Kampfwagenkanone die Panzerung der deutschen Panzer III und IV auf größere Entfernung durchschlagen. Hinzu kam mit dem Eintreffen des Panzers IV Ausf. F2 und dessen langrohriger 7,5-cm-Kanone ab April 1942 eine erhebliche waffentechnische Überlegenheit auf deutscher Seite. Etwa zur gleichen Zeit erhielt die 8. Armee die ersten Exemplare des amerikanischen M3 „Lee“ (bei den Briten „Grant“ genannt). Dieser war zwar adäquat geschützt und bewaffnet, doch mit seinem in einer Kasematte eingebauten Hauptgeschütz im direkten Panzerkampf zu unbeweglich. Während der ersten Gefechte um El Alamein ruhte die Hauptlast der Panzerbekämpfung in der britischen Armee deshalb auf der Artillerie, insbesondere der 6-Pfünder-Pak (Kaliber 57 Millimeter).

Erst der Zulauf des amerikanischen „Sherman“-Panzers sollte die operativen Nachteile von Montgomerys Panzerbrigaden ausgleichen. Mit seiner voll schwenkbaren 7,5-cm-Kanone und einer den deutschen Modellen überlegenen Panzerung stellte er Rommels Männer vor große Probleme. Doch auch die britischen Ingenieure waren in der Zwischenzeit nicht untätig geblieben. Es war ihnen gelungen, die hervorragende 6-Pfünder-Pak mobil zu machen: Das Geschütz bildete ab der Variante Mark III die Hauptbewaffnung des Cruiser-Panzers „Crusader“ sowie des neuen Infanteriepanzers „Churchill“. Beide Typen gehörten ebenfalls ab dem Herbst 1942 zum Arsenal der 8. Armee und halfen mit, den Sieg gegen Rommels gefürchtete Panzer zu sichern.

Das Ärmelband Afrika wurde im Januar 1943 gestiftet; Heeressoldaten erhielten es in der Regel für sechs Einsatzmonate auf dem Kontinent


Abb.: Sammlung Bernd Peitz (3), Grafik: Anneli Nau

Abb.: SZ Photo, Scherl/SZ Photo

Abb.: Scherl/SZ Photo, U. A./Top Foto/SZ Photo (3), MIREHO, Grafik: Anneli Nau

Abb.: Scherl/SZ Photo, Interfoto/Daniel D, MIREHO (2)

Abb.: Scherl/SZ Photo, U. A./Top Foto/SZ Photo

Abb.: p-a/akg-images, Interfoto/Hermann Historica

Abb.: Scherl/SZ Photo (2), p-a/ZB (2), MIREHO