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TITELTHEMA: FESTUNG BRESLAU, 1945: Biszumbitteren Ende


Militär & Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 07.01.2020

Die Rote Armee schließt Breslau Mitte Februar 1945 ein. Obwohl die Stadt auf eine Belagerung kaum vorbereitet ist, hält sie unter einer gnadenlosen Führung bis kurz vor Kriegsende aus – unter schrecklichen Verlusten


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Bildquelle: Militär & Geschichte, Ausgabe 2/2020

Häuserkampf: Schon Ende Februar 1945 können sowjetische Soldaten (hier mit einer Panzerbüchse) in die südlichen Randbezirke Breslaus eindringen. Doch je weiter sie vorankommen, desto energischer wird der deutsche Widerstand


Abb.: p-a/akg-images

Bis zum Sommer 1944 zieht der Krieg an Breslau vorbei. Weil die Stadt in Niederschlesien lange Jahre außerhalb der Reichweite alliierter Bomberflotten ...

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... liegt, bleibt sie von Luftangriffen verschont, trotz ihrer Bedeutung als Verkehrsknotenpunkt und Rüstungsstandort. Diese relative Sicherheit verschafft Breslau den Spitznamen „Reichsluftschutzkeller“ und lässt die Bevölkerung von 620.000 Bewohnern auf zuletzt rund eine Million anschwellen.

Während der sowjetischen Sommeroffensive 1944 wird Breslau im August von Hitler zur Festung erklärt, obwohl Befestigungsanlagen, abge - sehen von vier veralteten Infanteriewerken, fehlen. Von diesem neuen Status bekommen die Bewohner freilich kaum etwas mit; Breslau scheint nach wie vor in tiefstem Frieden zu liegen. Das liegt auch an der Gleich - gültigkeit des zuständigen Reichs - verteidigungskommissars, Gauleiter Karl Hanke: „Der Krieg an der Ostfront interessiert mich erst, wenn der Russe vor Namslau auftaucht“, prahlt er – und meint damit einen Ort, der nur 50 Kilometer weiter östlich liegt. Kein Wunder, dass die ersten Feldbefestigungen unter widersprüchlichen Befehlen und unrealistischer Kräfte - annahme entstehen, und das auch noch weit im Vorfeld der Stadt.


Breslau gilt lange als „Reichsluftschutzkeller“ – eine trügerische Sicherheit.


Ein erster Festungskommandant, Generalmajor Johannes Krause, erreicht Breslau erst am 25. September. Er hat den Großteil des Krieges in Griechenland verbracht, an der Ostfront war er nur wenige Monate. Seinem Rumpfstab fehlen besonders Spezialisten, die den Stellungsbau leiten und die Luftversorgung vorbereiten könnten. Selbst ein Quartiermeister wird erst im November zugewiesen. Während militärische Güter deshalb knapp bleiben, kann die Festungsmannschaft während der kommenden Notzeit immerhin auf üppige Nahrungsmittelvorräte zurückgreifen, darunter 32.000 Schweinshälften, 150.000 tiefgefrorene Kaninchen und fünf Millionen Eier.

Ungenügend vorbereitet

Unterdessen versucht Krause Gauleiter Hanke davon zu überzeugen, dass man der Realität ins Auge blicken und sich entsprechend auf den Feind vorbereiten müsse. Doch erst im Dezember 1944 kann er sich damit durchsetzen. Vier Monate Arbeitszeit sind verschwendet, und weil es jetzt vieles nachzuholen gilt, kann der Ausbau der neuen Stellung erst im Januar 1945 beginnen und bleibt Stückwerk. Sie liegt zwar viel dichter an der Stadt, aber auch jetzt bekommt man nur einfache Feldbefestigungen zustande: (Panzer-)Gräben und kleine Waffennester, teilweise mit Drahthindernissen, alles ausschließlich aus Holz und Erde errichtet.

Noch weniger erfolgreich ist Krause mit seiner Forderung, 200.000 Zivilisten frühzeitig zu evakuieren. Zwar gibt es dafür detaillierte Pläne, aber er zweifelt, dass sich diese im Ernstfall unter Zeitdruck umsetzen lassen, und will daher lieber vorher beginnen. Hanke aber lehnt rundweg ab: „Wo soll ich mit den Leuten hin, und außerdem lässt mich der Führer erschießen, wenn ich ihm, jetzt, im tiefsten Frieden, mit solchen Dingen komme!“

Helmmodell 40 mit weißem Tarnanstrich. Viele Verteidiger von Breslau müssen sich ohne diesen Schutz, nur in Mützen und Kappen, dem Feind entgegenstellen


Neben geeigneten Offizieren und Befestigungen fehlt der „Festung Breslau“ aber auch eine kampfkräftige Besatzung. Krause verfügt im Oktober 1944 über zwei schwache Bataillone, sechs Artilleriebatterien und je eine Pionier- und Nachrichtenkompanie – viel zu wenig, um auch nur einen sowjetischen Handstreich zu verhindern. Über die weiteren Truppen des Heeres, der Luftwaffe und der Waffen-SS in Breslau bekommt Krause erst im Alarmfall die Befehlsgewalt. Das gilt auch für den Volkssturm, der sich in Niederschlesien ab dem 20. Oktober 1944 formiert.

Die Führung wird nervös

Als die sowjetische Winteroffensive am 12. Januar 1945 die wenigen deutschen Truppen an der Weichsel hinwegfegt, wird auch die politische und militärische Führung in Breslau nervös. Hastig will sie jetzt nachholen, was man bisher verpasst hat. Am 17. Januar versetzt sie die „Festung Breslau“ in den Alarmzustand, und aus Urlaubern, Versprengten und Ausbildungseinheiten werden ins - gesamt sieben Regimenter formiert. Diese Einheiten besitzen nur wenig inneren Zusammenhalt und sind sehr unterschiedlich ausgerüstet.

Für den 19. Januar befiehlt Hanke den Beginn der Evakuierung, um nun doch möglichst viele Zivilisten herauszuschaffen. Die ohnehin schon stark belastete Reichsbahn bricht unter dem Andrang völlig zusammen. Pfarrer Paul Peikert beschreibt das Chaos jener Tage: „Mütter mit kleinen Kindern, Mütter in gesegnetem Zustand, alte abgehärmte Menschen, sich notdürftig fortbewegend an einem Stock“, hätten stundenlang in der Winterkälte warten müssen, bis sie einsteigen konnten. „Eine Frau mit vier kleinen Kindern, das älteste 8 Jahre, das jüngste 8 Tage, lag 36 Stunden auf dem Freiburger Bahnhof“, bis sie unverrich teter Dinge wieder nach Hause gegangen sei. Im Gedränge hätten Mütter ihre Kinder verloren und „auf dem Hauptbahnhof alleine [wurden] 60–70 Kinder zu Tode erdrückt oder zertreten“.

Im Herbst 1944 wird in Schlesien der Volkssturm aufgestellt. Neben wenigen regulären Kampfverbänden bildet er einen Grundpfeiler der „Festung Breslau“


Vater und Sohn, beide Träger des Eisernen Kreuzes und mit einem Sturmgewehr 44 bewaffnet, in einer Stellung am Rande Breslaus; der Sohn ist als Angehöriger der Luftwaffe zu erkennen. Die NS-Propaganda hat das Motiv dankbar aufgegriffen


Um die Stadt dennoch planmäßig zu entleeren, befehlen die NS-Behörden den Fußmarsch in Richtung Kanth, das etwa 20 Kilometer von Breslau entfernt ist. Bei Temperaturen von minus 20 Grad schleppen sich Alte, Frauen und Kinder mit ihren Hab seligkeiten Richtung Südwesten. „Viele Kinder und Erwachsene sind in der strengen Winterkälte erfroren und blieben im Straßengraben liegen. Suchkommandos für solche Toten konnten auf ihren Lastwagen die Zahl der Toten nicht bergen, soviele fanden sie.“ Tatsächlich sterben beim „Kanther Todesmarsch“ rund 18.000 der etwa 60.000 losgezogenen Menschen.

Unterdessen wird der Vorstoß von Iwan Konews 1. Ukrainischer Front in Richtung Breslau durch die eilig aus dem Elsass herangeführte 269. Infanterie- Division verzögert. Während die Kämpfe im Vorfeld toben, statuiert Hanke am 28. Januar 1945 ein erstes Exempel, um den Durchhaltewillen durch Terror zu stärken. Er lässt den stellvertretenden Bürgermeister Wolf gang Spielhagen, der sich nach Berlin absetzen wollte, öffentlich vorführen und dann wegen Feigheit erschießen. „Wer den Tod in Ehren fürchtet, stirbt in Schande!“, lautet von nun an die Parole, die sich im weiteren Kampfverlauf auch die militärische Festungsführung zu eigen macht.


Die Rote Armee ist nicht mehr weit entfernt, doch Hanke ignoriert die tödliche Gefahr.


Der Ring schließt sich

Spielhagen folgen viele weitere. Selbst dringend benötigte Stabsoffiziere werden nicht ausgespart. Major Hans Meyer, Ic im Festungsstab, wird nach „wehrkraftzersetzenden Be - merkungen“ ebenfalls füsiliert – und das gegen den Willen von Krause. Dessen Tage als Festungskommandant sind ohnehin gezählt. Er erkrankt Ende Januar an einer Lungenentzündung und wird von Generaloberst Ferdinand Schörner gegen den jüngeren und entschlosseneren Generalmajor Hans von Ahlfen ausgetauscht.

Konews Kräfte umgehen den deutschen Widerstand im Vorfeld Breslaus mit der 6. Armee westlich und der 5. Garde-Armee südöstlich der Stadt. Die beiden Zangenarme treffen am Morgen des 13. Februar bei Domslau zusammen, in der folgenden Nacht brechen die letzten deutschen Ein - heiten durch den noch dünnen Ring aus. Damit ist Breslau endgültig eingeschlossen.

Die verbliebene Festungsbesatzung besteht aus 37.000 Mann, aber kaum kampfkräftigen Einheiten. Auch Hankes Volkssturm hat nur sehr begrenzten Kampfwert. „Beutegewehre verschiedener Nationalität mit 5 bis 10 Patronen je Waffe, keine Uniformen, Halbschuhe“, beschreibt Ahlfen diese Formationen. Das Rückgrat der Verteidigung bildet eine starke Artillerie, ergänzt um viele Flakgeschütze. Dagegen fehlt es an Panzerabwehr, Panzern und Sturm - geschützen – und bei allen Waffen an Munition. Mit diesen Mitteln kann die „Festung Breslau“ ihr Vorfeld kaum verteidigen, was sich sehr schnell auch dem Laien Peikert offenbart: „Der Leutnant erzählte, dass [bei Brockau] 160 Soldaten eingesetzt waren gegen die Russen. Da die Russen mit 12 Panzern anrückten und sie selbst keine schweren Waffen hatten, wurden von den 160 Mann der größte Teil getötet oder verwundet.“ Ahlfen ent- schließt sich deshalb, hauptsächlich den lebensnotwendigen Flugplatz Gandau am westlichen Stadtrand zu verteidigen, ansonsten aber das Vorfeld nötigenfalls aufzugeben.

Schwere sowjetische Artillerie im Einsatz; auf dem Schild steht „Übergebt Breslau“. Zwar binden die Kämpfe erhebliche Kräfte, das Gros der Roten Armee strömt aber einfach an der Stadt vorbei


Pfarrer Paul Peikert ist erschüttert vom Elend der Zivilbevölkerung und findet für die skrupellose Festungsführung deutliche Worte (Zitat unten). Seine Erlebnisse hält er in Tage - bü-chern fest, die nach seinem Tod (1949) veröffentlicht Warden


ZITAT


Aus aller Lippen kann man fast hören, dass unsere Feinde nicht die Russen sind, sondern dass unser größter Feind die Partei sei.
Pfarrer Paul Peikert am 13. März 1945


Viel zu spät lässt Hanke die Bewohner von Breslau evakuieren. Bei eisigen Temperaturen fallen Tausende Menschen den Märschen gen Westen zum Opfer. Das Foto oben soll später, im März 1945, westlich der Stadt entstanden sein


Überlebenswichtig: Wohl dem, der warme Bekleidung wie diese Tarnjacke tragen kann. Gerade der Winter 1944/45 zeichnet sich in Schlesien durch extreme Kälte aus


Notgemeinschaft:Auch die Breslauer sind Anfang 1945 aufgerufen, Kleidung für die Wehrmacht zu spenden. Später werden sämtliche Einwohner, selbst Kinder, zum Arbeitsdienst verpflichtet


Die sowjetischen Belagerer Breslaus sind zahlenmäßig nur leicht stärker als die Verteidiger, können aber auf umfangreiche Luft- und Artillerieunterstützung bauen, sind mit gepanzerten Selbstfahrlafetten ausgestattet, und: Sie müssen sich keine Sorgen um den Nachschub machen. Ihr Kommandeur ist der erfahrene und zähe 41-jährige Generalleutnant Wladimir Gluzdowski. Sein 22. Schützenkorps greift am 17. Februar nach starker Artillerievorbereitung von Süden her an. Das Vorgelände fällt rasch, aber sobald die Sowjets stärker bebautes Gebiet erreichen, wachsen ihre Verluste, während der Gelände - gewinn abnimmt. Dennoch dringen sie bis zum 24. Februar zur Kürassierkaserne und dem Hindenburgplatz vor, und bis der Angriff am 7. März eingestellt wird können sie noch einige Straßenzüge weiter nordwärts einnehmen.


Die Stadt ist eingeschlossen: Jetzt beginnt ein monatelanger Kampf ums Überleben.


Ohne Rücksicht auf Verluste

Weder die Verteidiger noch die An - greifer nehmen Rücksicht auf die jahrhundertealte Kulturstadt und ihre Bewohner. Die Sowjets überziehen Breslau mit einem fortlaufenden Granatenhagel, der keinen Stein auf dem anderen lässt. Ihre Schützendivisionen greifen mit Flammenwerfern, Selbstfahrlafetten und Panzerabwehrgeschützen an, die Häuser in Brand schießen, um deutsche Soldaten aus ihnen herauszutreiben. Auf beiden Seiten greift man ausgiebig zu Handgranaten, die vielfach auf Verdacht hin und ohne Rücksicht auf Zivilisten in Keller geworfen werden.

Um die Rote Armee zu bremsen, behelfen sich die Deutschen mit der „Breslauer Methode“. In bedrohten Straßenzügen wird die ansässige Bevölkerung von den NS-Behörden teils rüde ausquartiert. Es folgen Kommandos aus HJ und Volkssturm, die Möbel, Bücher, Kleidung und dergleichen mehr auf die Straße werfen und anzünden. Danach werden die Häuser gesprengt. Die Trümmer dienen dann als Zerschellerschicht und schützen die darunter liegenden Stellungen gegen sowjetischen Beschuss. Wo die Verteidiger sich zurückziehen, präparieren sie die Häuser mit Minen, Blindgängern oder auch elektronisch zündbaren Gasflaschen.

Gegenwehr: Deutsche Soldaten untersuchen einen zerstörten T-34. Eventuell wurde für diesen Erfolg sogar noch das Panzervernichtungsabzeichen verliehen (unten). Rechts: ein Trupp nahe der Frontlinie


Auf Posten: Aus einem Kellerloch heraus versuchen diese Männer, mit ihrer Panzerabwehrwaffe (ein 8,8-cm-Raketenwerfer 43 „Puppchen“) den Feind aufzuhalten. Hier ist alles improvisiert, von der Siegeszuversicht vergangener Tage keine Spur


Die „Breslauer Methode“ führt allerdings auch zu Verwilderungs - erscheinungen, wie der Pfarrer Ernst Hornig beobachtet: „Der Unterschied zwischen mein und dein geriet ins Wanken. […] Wenn ganze Straßen - züge in Flammen aufgingen, wan - derten Betten, Möbel, oft auch Wert - sachen in andere Hände, auch in Wehrmachtsunterkünfte.“

Bedrückte Stimmung

„Das Leben in der Stadt macht einen fieberhaften Eindruck. Alles ist aufs Höchste erregt und bedrückt“, beschreibt Paul Peikert die Stimmung in Breslau im März 1945. Die permanente Todesangst, der Terror der Festungsführung sowie Arbeit bis zur Erschöpfung bei gleichzeitiger Perspektiv - losigkeit lässt Soldaten und Zivilisten abstumpfen und jegliche Moral ver - fallen. „Die Stimmung ‚Nach uns die Sinflut‘ griff hier und da um sich […]. Soldaten in Ruhestellung feierten halbe oder ganze Nächte, mitunter in einem Trubel mit jungen Mädchen, die tagsüber in lebensgefährlicher Arbeit standen“, beschreibt Hornig die Zustände.

Dass selbst junge Frauen nicht verschont bleiben, ist die Folge der vom letzten Festungskommandanten Hermann Niehoff eingeführten Arbeitspflicht. „Der immer härter werdende Kampf unserer Soldaten und Volkssturmmänner für die Verteidigung der Festung Breslau macht mehr als bisher den rückhaltlosen Arbeitseinsatz der gesamten Bevölkerung notwendig.“ Das betrifft tatsächlich „alle männlichen und weiblichen Einwohner der Festung (einschließlich der Knaben vom 10. Lebensjahr und der Mädchen vom 12. Lebensjahr an)“. Ei- ne obere Altersgrenze gibt es nicht mehr. Auch bei der Durchsetzung des Erlasses sei „keine falsche Rücksichtnahme mehr angebracht“, denn wie ein Fahnenflüchtiger zum Tode ver - urteilt wird, so „muss die gleiche Strafe auch den treffen, der sich seiner Arbeitspflicht in der Festung entzieht“, nämlich die Todesstrafe. Bereits am 13. März 1945 wird aus diesem Grund ein erstes Todesurteil vollstreckt.

Zwischen Ruinen müssen sich die Sowjets einen Weg bahnen, kommen aber nur zäh voran. Geländegewinne gelingen ihnen zuerst im Süden, dann im Westen


Die Sowjets versuchen alles, können die „Festung“ aber nicht zu Fall bringen.


Arbeiten unter Lebensgefahr

Allerdings sind jene, die klaglos ihren Dienst verrichten, keineswegs sicherer. Viele der arbeitsverpflichteten Frauen und Kinder müssen nämlich beim Bau einer Ersatzpiste östlich der Altstadt schuften. Dafür werden Häuser und auch die bekannte Lutherkirche weggesprengt, deren Trümmer die rund 3.000 Zivilisten wegräumen. „Es erinnerte an ägyptische Fron - arbeit, wie die Zehn- bis Sechzehnjährigen von den grün gekleideten Bonzen […] auf diesem, dem russischen Beschuss ungehindert ausgesetzten Arbeitsplatz angetrieben wurden“, beobachtet der letzte Stadtdekan von Breslau, Joachim Konrad. Auch sow - jetische Tieffliegerangriffe verletzen und töten viele der Arbeitenden. Bei einem Angriff werden sechs junge Frauen, alle unter 18 Jahren, verschüttet. Suchtrupps graben 16 Stunden fieberhaft nach den Jugendlichen. „Wir erreichten sie zu spät. Alle waren erstickt“, berichtet eine Augenzeugin. Letztlich sind alle Opfer vergebens: Auf der Piste, hauptsächlich für die Luftversorgung gebaut, landen nur wenige Lastensegler. (Pikanterweise nutzt aber Hanke das Flugfeld, als er kurz vor der Kapitulation feige aus der Stadt flieht.)

Die sowohl von deutscher wie sowjetischer Seite ausgehende Zerstörung ihrer Heimat macht vielen Breslauern, auch dem langjährigen Pfarrer der St. Mauritius Pfarrei, zu schaffen: „Ein trostloses Bild verwüsteter und ausgebrannter Häuser. […] Aus den Fensterhöhlen starrt das Grauen von zertrümmertem Hausrat, Balken und Mauerstücken. Die zerrissenen Gardinen flattern im zugigen Winde wie Fahnen des Elends.“

Sowjetische Bomber vom Typ Petljakow Pe-2 über der „Festung Breslau“; eventuell handelt es sich hier um eine Collage. Bis Anfang 1945 nahezu unzerstört, fällt die Stadt jetzt unter wochenlangen Artillerie- und Luftangriffen weitgehend in Trümmer


CHRONIK: Die Schlacht um Breslau 1945

12. Jan.–3. Feb. Sowjetische Weichseloffensive: Vorstoß bis an die Oder, die Einnahme Breslaus aus der Bewegung misslingt
1. Feb.: Generalmajor Hans von Ahlfen übernimmt das Kommando über die Festung Breslau
8.–24. Feb.: Niederschlesische Operation der 1. Ukrainischen Front
15. Feb.: Einschließung Breslaus
17. Feb.: Beginn des ersten sowjetischen Großangriffes auf die „Festung Breslau“ von Süden her
5. März: Generalleutnant Hermann Niehoff übernimmt das Kommando über die „Festung Breslau“
1. April: Sowjetischer Großangriff auf Breslau von Westen her. Der Flugplatz Gandau geht verloren
1. Mai: Letzte Luftversorgung Breslaus
6. Mai: Breslau kapituliert

Letzte Reserven: Am Ende werden selbst 14-jährige Hitlerjungen an die Front geschickt. Straßensperren aus Bahnwaggons und Gerümpel sollen den Feind aufhalten


Viele sind so verzweifelt, dass sie aus der hoffnungslosen Lage nur noch einen Ausweg sehen. Schätzungen gehen von über 2.000 Selbstmorden während der 82-tägigen Belagerung aus.

Angriff am Ostersonntag

Unter diesen Umständen droht auch der Kampfgeist der Besatzung zu er - löschen, allen Orden und Zusatzra - tionen zum Trotz. Deshalb steigert die Festungsführung nochmals die antisowjetische Gräuelpropaganda: „Erinnert Euch jederzeit, wie der Bolschewik unsere Frauen vergewaltigt, unsere Kinder und Brüder ermordet oder sie in die Zwangsarbeit geführt hat.“ Und wo das nicht hilft, greifen Standgerichte durch: Soldaten, die ihre Posten verlassen oder sich ohne Befehl zurückziehen, werden erschossen.

Der 55-jährige Volkssturmmann Martin Mayer wird nach einer Reihe abfälliger Bemerkungen über das Regime wegen Defätismus zum Tode verurteilt. Indirekt das gleiche Schicksal ereilt einen betrunkenen Reserveoffizier, der einen Befehl eine halbe Stunde zu spät befolgt hat – er wird degradiert und als einfacher Soldat einer Fronteinheit zugeteilt.

Nach einer fast dreiwöchigen Phase mit nur wenigen Kämpfen (aber ständigem Störfeuer und Luftangriffen) hat die sowjetische 6. Armee ihre Kräfte aufgefrischt. Am Ostersonntag, dem 1. April 1945, greift sie von Westen her mit drei Divisionen an. Schweres Artilleriefeuer und laufende Bombardements auf die deutschen Stellungen bereiten den Angriff vor, treffen aber das gesamte Stadtgebiet. Was bisher noch vom alten Breslau übrig geblieben ist, wird in zwei Tagen regelrecht pulverisiert. Am Ende dieser Luftangriffe ist der Breslauer Dom ausgebrannt, die Sandinsel völlig verwüstet, der gesamte Neumarkt ebenso wie die mondäne Schweidnitzer Straße mit all ihren Geschäften ein Ruinenfeld. Dass es auch Hankes Hauptsitz und das SS-Hauptquartier schwer trifft, ist wohl nur ein schwacher Trost für die Breslauer.


Unter Einsatz sämtlicher Mittel schaffen es die Verteidiger, ihre Stadt zu halten.


Der sowjetische Angriff überrennt die deutsche Abwehrfront im Westen der Stadt. Bei Mochbern überschreiten sowjetische Truppen den Eisenbahndamm und drohen dadurch die stabilisierte Südfront von der Flanke her aufzurollen. Nur mithilfe zweier Volkssturmbataillone gelingt es, diesen Abschnitt zu halten. Eines davon, das Volksturmbataillon 55 aus HJ-Angehörigen, ist nach den Kämpfen in der Südstadt mit 14- und 15-Jährigen aufgefüllt worden – auch das eine moralische Bankrotterklärung einer fanatisierten Festungsführung. Am 4. April fällt nach neunstündigem Artilleriebeschuss der Flugplatz Gandau endgültig, und der Brennpunkt der Kämpfe verlagert sich zunächst auf die vierstöckige Blindenschule, dann auf die Schießstände, beides Orte am Westrand Breslaus.

Langsam, aber sicher fressen sich die sowjetischen Sturmspitzen in die Stadt hinein, wenngleich sie – wie schon im Februar – mit Erreichen des urbanen Geländes immer langsamer vorankommen. Auf der anderen Seite sind die deutschen Kräfte jetzt aber schon zum Zerreißen angespannt. Noch immer hoffen sie auf den von Schörner mehrfach angekündigten, total illusionären Entsatzangriff, er - geben sich gleichzeitig ihrem Fatalismus, ducken sich unter dem Terror der örtlichen NS-Führung – und harren weiterhin auf dem Schlachtfeld aus. Anders als befürchtet setzen die Sowjets in diesen Tagen aber nicht zum Todesstoß an. „Wir hatten an - dere Pläne“, erfuhr Niehoff später in der Gefangenschaft von sowjetischer Seite. Konew wollte seine Kräfte für das Wettrennen um Berlin schonen.


Am Ende schweigen die Waffen – doch den Breslauern stehen neue Schrecken bevor.


Widerstand bis zum Schluss

Nachschub für die „Festung Breslau“ kann nach dem Verlust von Gandau nur noch aus der Luft abgeworfen werden. Dadurch bricht die Menge an Versorgungsgütern ein, sei es, weil sie beim Abwurf Schäden erleiden, sei es, weil sie auf sowjetischer Seite landen. Insgesamt gelangen über die Bres - lauer Luftbrücke rund 6.600 Personen nach draußen, zumeist verwundete Soldaten. Eingeflogen werden über 2.000 Tonnen Nachschub, überwiegend Munition, sowie 400 Fallschirmjäger und einige Spezialisten. Der letzte Lastensegler landet in der Nacht vom 29. auf den 30. April 1945, endet allerdings als Totalverlust.

Aber noch setzen Hanke und Niehoff den Widerstand fort, nahezu völlig abgeschnitten von Nachrichten über die katastrophale Lage des Deutschen Reiches. Die Rote Armee eröffnet am 16. April ihre letzte Offensive gegen Berlin. Noch während diese Schlacht tobt, hält Hanke eine fana - tische Geburtstagsrede auf Hitler. Dieser erschießt sich zehn Tage später, was der Festungsführung aber erst am 2. Mai bekannt wird.

Allem Terror zum Trotz kippt in diesen Tagen vollends die Stimmung in der Stadt. Die verbliebenen kirchlichen Würdeträger bestimmen am 3. Mai eine Delegation, die den Festungskommandanten dazu bewegen soll, die Kämpfe einzustellen. Diese trifft sich am nächsten Morgen zuerst mit Niehoff. Am Nachmittag plädiert der bereits erwähnte Pfarrer Ernst Hornig vor dem höheren Offizierskorps der Festung für die Kapitulation.

Nachdem sich mit Ausnahme des SA-Führers Otto Herzog alle dafür aussprechen, die Waffen zu strecken, werden Verhandlungen mit der Roten Armee aufgenommen. Am 6. Mai tritt die Waffenruhe ein, die kurz vor der Gesamtkapitulation der Wehrmacht das Ende der „Festung Breslau“ einläutet. Doch endet damit nur die Zerstörung, nicht aber das Leiden der Zivilisten. Denn der NS-Terror geht nahtlos in massive Übergriffe der Roten Armee über, mit Vergewaltigungen von Frauen jeden Alters (und längst nicht nur deutscher Herkunft), aber auch Morden und Raub. Diesem sowjetischen Gewaltintermezzo folgt die polnische Übernahme der Stadt, die schließlich in der Vertreibung der deutschen Bevölkerung mündet.

Dr. Adrian Wettstein ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Militärakademie der ETH Zürich. Er arbeitet derzeit an einem Buch zu Stadtkämpfen in der zweiten Hälfte des Zweiten Weltkriegs.

Der Einpeitscher: Gauleiter Hanke bei der Vereidigung von Volkssturm- Bataillonen im Februar 1945. Kurz vor der Kapitulation setzt er sich heimlich aus Breslau ab


ZUR PERSON: Gauleiter Karl Hanke

Geboren am 24. August 1903, tritt Karl Hanke 1928 der NSDAP bei und gehört damit zu den „Alten Kämpfern“. Nach seiner Ernennung zum persönlichen Adjutanten des Berliner Gauleiters Joseph Goebbels 1932 steigt er in dessen Schatten rasch auf und wird 1938 Staatssekretär im Minis - terium für Propaganda und Volksaufklärung. Er ist – typisch für das NS-System – Reichstagsabgeordneter, Angehöriger der SA-Reserve und der Allgemeinen SS, wo er zuletzt den Rang eines SS-Obergruppenführers (zweithöchster Generalsrang) innehat. Hanke, häufig in der Nähe der Familie Goebbels, interessiert sich für Magda Goebbels, die ihrerseits durch die Affären ihres Mannes enttäuscht ist. Hitler selbst unterbindet aber eine Scheidung des Ehepaars Goebbels ebenso wie die Beziehung Hankes zu Magda Goebbels.
Die Affäre allerdings bremst Hankes Aufstieg. Er meldet sich bei Kriegsbeginn an die Front und dient unter anderem als Ordonnanzoffizier von Rommel im Westfeldzug. Am 9. Februar 1941 wird er Gauleiter von Niederschlesien, was er bis zur Kapitulation Breslaus bleibt. Hitler, beeindruckt von Hankes Härte und Durchhaltewillen, ernennt ihn noch am 29. April 1945 in seinem Testament zum Reichsführer SS. Kurz bevor Breslau kapituliert, flieht Hanke mit einem Fieseler Storch, schließt sich der 18. SS-Panzergrenadier-Division „Horst Wessel“ als einfacher Sturmmann an, um seine Identität zu verheimlichen, und gerät in Gefangenschaft. Vermutlich bei einem Ausbruchsversuch im Juni 1945 wird Karl Hanke von tschechischen Wachmännern erschossen.

TECHNIK: Sowjetischer Granatwerfertrupp

1 Soldat (vermutlich Trupp- oder Halbzugführer) mit Mosin-Nagant-Karabiner M.1944 (mit abklappbarem Dreikantbajonett)
2 82-mm-Granatwerfer BM-37 mit Richtaufsatz
3 Richtschütze mit Mosin-Nagant-Karabiner M.1938
4 Ladeschütze
5 Flügelstabilisierte Wurfgranate (Splittergefechtskopf 3,1 kg, davon 0,49 Sprengstoff)
6 Zweiter Ladeschütze, er bereitet Munition vor und trägt wattierte Winterjacke (Fufaika)

Anmerkung: Die steil aufgerichteten Rohre weisen darauf hin, dass hier auf kurze Distanz über eine oder mehrere Häuserzeilen hinweg geschossen wird. Falls es sich nicht um eine Propagandaaufnahme handelt, wurde das Bild kurz vor einem Feuerüberfall aufgenommen. Die bereitgelegten Granaten werden dann in rascher Schussfolge abgefeuert, und weil dabei kein Abschussgeräusch entsteht, ist die Überraschung und Feuerkonzentration maximal. Solche Feuerüberfälle verursachen abseits großer Kampfhandlungen laufend Verluste und sind bei den Deutschen gefürchtet.

HINTERGRUND: Die Vertreibung der Deutschen aus Breslau

Schwerer Gang: Nach der Kapitulation sind die Tage der Deutschen in Breslau gezählt. Zunächst stehen sie unter sowjetischer Aufsicht und müssen auf Nahrungsrationen hoffen (Foto unten)


Ein erheblicher Teil der Bevölkerung ist bereits im Zuge der Evakuierung aus der Stadt gebracht worden. Nach Ende der Kämpfe leben aber immer noch rund 100.000 Zivilisten in Breslau, die deutsche Bevölkerung wächst durch Heim - kehrer sogar auf zeitweise 300.000 an. Am 30. Juni 1945 sperren die polnischen Behörden die Oder-Neisse-Linie als neue Grenze und beginnen mit der systematischen Umsiedelung der verbliebenen Deutschen. Aufgrund der noch rudimentären Verwaltungsstrukturen geht das nur schleppend voran, und noch immer kann die Rück - kehr Deutscher nicht völlig unterbunden werden. Die Vertreibung geht mit Gewalt und Enteignung deutscher Vermögenswerte einher.
Bis 1947 ist die deutsche Bevölkerung weitgehend aus Breslau vertrieben oder von Hunger und Krankheit dahin - gerafft. Auch die Selbstmordrate bleibt in diesen Jahren sehr hoch. Einzig deutsche Fachkräfte und Personen mit einer nicht eindeutigen Identität („schwebendes Volkstum“ im Jargon der Zeit) sind von der Vertreibung ausgenommen. So leben 1948 noch 7.000 deutsche Bürger in Breslau, während die polnische Bevölkerung auf rund 300.000 Menschen angewachsen ist, die meisten davon ebenfalls Ver triebene aus den nunmehr sowjetischen Gebieten um Lemberg und Wilna oder aus Wolhynien.


Abb.: ullstein bild, p-a/akg, BArch Plak 003-029-025, MIREHO

Abb.: p-a/akg-images, BArch 183-1989-1120-502, Archiv M&G, Grafik: Anneli Nau

Abb.: p-a/akg, BArch 003-029-011 und 003-029-063, MIREHO, SZ Photo, Grafik: Anneli Nau

Abb.: ullstein bild (2), ullstein bild – Heinrich Hoffmann, MIREHO

Abb.: p-a/akg-images

Abb.: ullstein bild – Sputnik, p-a/akg-images, Archiv M&G, BArch 183-H26447

Abb.: p-a/akg-images