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Titelthema: Interview mit den Organisatoren der Akkordeonale: Servais Haanen und Kristine Talamo-Spiegel


akkordeon magazin - epaper ⋅ Ausgabe 69/2019 vom 16.08.2019

„Welcher Wind bläst kräftiger als El Niño? Der Wind aus 5 Akkordeon-Bälgen!“ Unter diesem Motto begaben sich zu Ostern 2019 fünf Akkordeons auf Tournee, begleitet von einem Flügelhorn und einem Cello, zu einem ganz besonderen Ereignis: der Akkordeonale 2019. Jedes Mal neu, spannend und anders, ist die Akkordeonale längst so etwas wie eine Institution geworden. Schließlich findet sie bereits seit elf Jahren in jährlicher Folge statt.


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Bildquelle: akkordeon magazin, Ausgabe 69/2019

Kristine Talamo-Spiegel und Servais Haanen im Skype-Interview


© Peter M. Haas

■ Erfinder und Organisator dieses Ereignisses ist der Musiker Servais Haanen. Jahr für Jahr lädt ...

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... er eine Auswahl von Musikerinnen und Musikern ein, komponiert eine Reihe von Ensemblestücken, die den Rahmen des Programmes bilden, und führt dann mit genial-charmanter Moderation durch das gemeinsame Programm, das anderthalb Monate lang durch Deutschland, Österreich und die Schweiz tourt. Allerdings zieht Servais Haanen die Drähte nicht alleine. Die immense Organisationsarbeit ist zu großen Teilen in den Händen „seiner“ Kristine, der bildenden Künstlerin Kristine Talamo-Spiegel.

Zum Interview setzen wir uns jetzt mit beiden gemeinsam an einen Tisch. Wobei die Interviewpartner nur virtuell anwesend waren: Wir unterhielten uns via Skype.

—— Servais, wie fing bei dir das Musik machen an?
Servais : Ich wollte als Kind schon gerne Akkordeon spielen. Ich komme aus Maastricht und bei uns nebenan, an der Maas, war eine Schifferkneipe, da wurde Akkordeon gespielt. Ich wollte das dann natürlich auch, aber meine Eltern fanden das Instrument nicht seriös genug. Also musste ich klassische Gitarre lernen.
Kristine: …und tausend andere Instrumente!
Servais : Ja, und allerhand andere Instrumente, zum Beispiel Posaune, Trompete, Tuba, Schlagzeug, Gambe, Kontrabass, Klavier, Bombarde, und so weiter. Als ich dann mit meinem klassischen Gitarrenstudium fertig war, habe ich am nächsten Tag meine klassische Gitarre verkauft und mein erstes Akkordeon geholt.

—— Du bist sofort beim diatonischen Akkordeon gelandet?
Servais : Ich habe beides ausprobiert, chromatisch und diatonisch, und den meisten Spaß hatte ich am diatonischen Akkordeon. Es ist so schön klein, und weil es bitonal ist, ist es für mich ein richtiger Sport, trotzdem alles darauf zu spielen. Was nicht geht, das denke ich mir einfach dazu, dann geht eigentlich alles. Außerdem liebe ich den Klang.

—— Deinen Kompositionen merkt man, wie ich finde, etwas an, dass sie auf dem diatonischen Akkordeon entstanden sind. Es gibt so einen bestimmten Akkordvorrat, ähnlich der Renaissancemusik, eine gewisse Weichheit, die sich durch die ganze Tanzmusik Europas zieht, die ich auch in deinen Ensemblestücken heraushöre.
Servais : Das mag stimmen, aber ich mache keine Volksmusik. Das Spielen im traditionellen Sinn, Balg auf – Balg zu, das kann ich zwar, das passt aber nicht zu meiner Musik. Mein jetziges Instrument ist übrigens voll chromatisch ausgestattet auf Diskant-und Bassseite, allerdings natürlich bitonal.

—— Also keine Nähe zur Bal-F olk-Szene in deinen Kompositionen?
Kristine : Sicher gibt es viele Berührungspunkte, über Workshops und so, aber das was die Musik von Servais ausmacht, das ist nicht Bal-Folk-Musik.

Servais Haanen


Rolf Weingarten

—— Ich dachte an Kompositionen wie die der Gruppe Parasol, mit der Gérard Godon begonnen hatte, „schräge“ Walzer mit ungeradem Metrum zu spielen und tanzen zu lassen…
Servais : Die Musik von Parasol ist sehr, sehr „diatonisch“, also genau das, was ich eigentlich nicht mache. Aber kennst du den französischen Musiker Serge Desaunay? Der war mein großes Vorbild. Er hat bei den Akkordknöpfen am diatonischen Instrument die Terzen weggelassen, so dass man Moll und Dur spielen kann. Mein diatonisches Akkordeon damals war ein Club 2B von Hohner. Ich habe mir die Terzen selbst abgeklebt, dann konnte ich genauso spielen wie er.
Kristine: Serge Desaunay war übrigens auch 2010 im zweiten Jahr der Akkordeonale dabei.

—— Servais, du bist in den Niederlanden aufgewachsen, und dann nach Deutschland gekommen, der Liebe wegen?
Servais : Ja, sie sitzt hier neben mir! Ich habe auf dem Sommermusikfest von Rüdiger Oppermann Workshops gegeben und bin dort Kristine über den Weg gelaufen – und dann war’s das!

—— Kristine, du bist selbst auch Musikerin?
Kristine : Ich habe auch Musik gemacht, aber ich bin vor allem bildende Künstlerin und Theaterpädagogin. Zwischen den 500 Leuten auf diesem Festival ist mir Servais direkt aufgefallen, schon nach zwanzig Minuten. Ich dachte: „Oh, der Typ wirkt so introvertiert, mit dem werde ich keine zwei Worte reden.“ Es kam dann aber anders.

—— Findet ihr auch die Musiker für die Akkordeonale auf Festivals, die ihr besucht?
Servais : Nein, eigentlich nicht. Die suche ich vor allem im Internet, weil ich kann nicht immer um die Welt reisen. Meistens habe ich eine Idee, was ich unbedingt im Programm haben will. Für 2021 soll Chile zum Beispiel im Fokus stehen. Jetzt habe ich eine chilenische Musikerin gefunden, die Akkordeon spielt und auch sehr schön singt. Darum herum baue ich dann, was nach meiner Meinung dazu passt, also einen möglichst großen Spannungsbogen im Konzert ermöglicht.
Kristine : Es sind auch schon persönliche Bekannte von uns bei der Akkordeonale dabei gewesen. Manche Musiker bewerben sich direkt bei uns, alle paar Tage kommen Bewerbungen herein. Es ist ein vielfältiger, komplexer Prozess. Die Akkordeonale will die ganze Bandbreite des Akkordeons weltweit abbilden. Das heißt auch: Wir versuchen, nie zu doppeln. Manche Länder waren vielleicht schon zwei oder drei Mal dabei, aber jedes Mal mit unterschiedlichen Aspekten und Spielweisen.
Servais : Es gibt auch so viele Stile und Länder, die noch gar nicht vertreten waren. Zum Beispiel Aserbaidschan. Dort wird auch Akkordeon gespielt, Garmon heißt das Instrument dort, und das hätte ich gern 2021 dabei.

—— Moment mal: Du meinst doch das kommende Jahr, also 2020?
Kristine : Nein, nein. Die Planung für 2020 ist schon seit einem Jahr abgeschlossen. Wir brauchen so viel Vorlauf wegen der Veranstalter, aber auch, damit die mitreisenden Musiker zuverlässig vorausplanen können. Jetzt sind wir in der Planung für 2021.

—— Wie ist eure Arbeitsteilung bei der Planung?
Servais : Ich bin der, der die künstlerische Vorarbeit macht, wochenlang am Computer sitzt und die richtigen Leute zusammensucht. Wenn es dann zum Beispiel um Pressetexte geht, dann kritzele ich ein paar Schlagworte zusammen und Kristine macht dann den Pressetext. Die Visaanträge formulieren, die Finanzen, das Tourmanagement, die Flüge, Webseite und Plakate vorbereiten, der organisatorische Kontakt mit unserem Bookingbüro, das sind alles Dinge, um die sich Kristine kümmert.

—— Der Anfang muss ziemlich schwer gewesen sein. Wie verlief die erste Akkordeonale?
Servais : Von unserem letzten Geld haben wir die Flüge für die Musiker bezahlt und den Bus gemietet. Da war noch völlig unklar: Läuft es oder läuft es nicht? Wir hatten dreizehn Konzerte im ersten Jahr.
Kristine : Wir hatten vorher einigen Veranstaltern das Konzept geschildert und sie gefragt: „Könnt ihr euch vorstellen, so etwas zu buchen?“ Die meinten: „Also wenn ihr das macht, dann auf jeden Fall! Das überzeugte auch unseren Booking-Agenten, die Sache mit uns zusammen zu riskieren. Am Anfang war das schwierig. Manche Veranstalter hatten Angst, das Akkordeon hatte ja nicht gerade den besten Ruf, Bierzelt und Rumstata… Aber die Konzerte der ersten Tournee haben viele weitere Veranstalter überzeugt. Tatatata, im zweiten Jahr hatten wir dann schon 24 Konzerte.
Servais : Jetzt sind wir bei 36, das reicht auch, weil wir jeden Tag spielen, jeden Tag in einer anderen Stadt und auf einer anderen Bühne.

Das Ensemble der ersten Akkordeonale 2009


—— Das war damals wirklich eine Pioniertat von Euch…
Kristine : Ich bin immer wieder berührt, wie die Akkordeonale beim Publikum ankommt, wie sich die Leute einlassen und mitreißen lassen! Aber es ist ja auch eine unglaubliche Vielfalt, verschiedene Länder, verschiedene Stile, studierte Musiker – wir hatten schon einen Akkordeonweltmeister dabei –, und der nächste kann überhaupt keine Noten, ist aber brillant in seiner Musik. Das alles mischt sich dann in den Ensemblestücken, und alle, alle Musiker lernen etwas Neues hinzu. Dazu kommen dann noch die Sprachen. In diesem Jahr hatten wir ein wildes Gemisch aus sieben verschiedene Sprachen, und irgendwie funktioniert es immer. Wenn dann alle auf der Bühne sind, ist es sowieso überhaupt kein Problem. Dass alle so offen füreinander sind, ist wie ein Wunder, aber es liegt natürlich auch an der Auswahl der Leute, die mitreisen.
Servais : Worauf ich sehr bei der Auswahl achte, wenn ich die Videos der Musiker ansehe, wie sie gucken, wie sie auf mich wirken. Ich muss ja sechs Wochen mit denen im Bus sitzen, da muss ich ganz sicher sein, dass es offene und soziale Menschen sind. Wenn ich im Video Musiker sehe, die ihre Mitmusiker überhaupt nicht wahrnehmen oder nicht auf sie reagieren, die brauchen nicht zu kommen, die fliegen bei der Auswahl gleich raus.
Kristine : Bei der Programm-Vorbereitung läuft alles bei Servais zusammen. Er komponiert die Ensemblestücke, wählt die Solostücke der Musiker aus. Er ist der einzige der genau weiß, wie das Programm aussehen wird. Das Ganze geht wie ein Hausaufgabenpaket mit Noten und Tonbeispielen Ende Januar, Anfang Februar an die Musiker. Ostermontag kommen dann alle bei uns an, beim Abendessen lernen wir uns persönlich kennen. Dienstag ist Probe, aber nur die Ensemblestücke, am Mittwoch Vormittag noch einmal, am Mittwoch Nachmittag ist langer Soundcheck mit dem gesamten Programmdurchlauf. Da hören wir dann auch die Solostücke der Musiker…
Servais: Vielleicht gibt es dann noch kleine Änderungen, zum Beispiel sage ich „Dieses Stück ist etwas kurz, setze doch noch ein Intro davor“, und am Abend ist Premiere. Das muss alles in diesen zwei Tagen stehen, denn danach geht es direkt und ohne Pause quer durch die Republik.

Das Ensemble von 2019 im Porträt


—— So kurz ist die gemeinsame Vorbereitungszeit? Das ist ja rasant.
Kristine : Das stimmt. Und keiner der Musiker kann sich vorher vorstellen, was die Akkordeonale eigentlich wirklich ist.

—— Wo findet die Premiere statt?
Kristine : Immer in Karlsruhe im Tollhaus. Ein großartiger Veranstalter, der von Anfang an uns geglaubt hat.

—— Servais, neben den Akkordeons hast du immer noch zwei weitere Instrumente auf der Bühne.
Servais : Ja, weil ich es nicht schön finde, nur Akkordeons auf der Bühne zu haben. Ich brauche Begleitmusiker, und zwar solche, die eigentlich alles spielen können. Normalerweise spielt jemand nur Jazz oder nur Klassik, aber wir brauchen Leute, die zu allen Schandtaten bereit sind. Zum Beispiel die Cellistin, die 2019 dabei war, ich kenne sie schon seit Jahren. Die spielt alles, und was sie nicht kann, das lernt sie schnell.

—— Von einigen der Akkordeonale-Konzerte gibt es Mitschnitte auf DVD. Werdet ihr das jetzt immer machen?
Servais : Nein, das ist richtig teuer, das zu machen. Es ist unser Service für das Publikum. Wenn Geld dafür da ist, stecken wir es in den Film. Wenn nicht, dann gibt es halt keinen Film.

—— Aktuell sind es also die Jahre 2016 und 2018, die als DVD-Mitschnitt vorliegen. Die DVDs sind auf der Akkordeonale-Website im Shop erhältlich.
Kristine : Es gibt aber einige Filme auf YouTube. Im Jahr 2014 und 2015 haben wir eine Art Roadmovie und eine Doku gedreht, von zirka 15 bis 20 Minuten, auch mit Statements der Musiker über die Akkordeonale. Es ist spannend, sich das mal anzusehen.

… und beim Konzert


—— Gibt es eigentlich irgendwo auf der Welt vergleichbare Unternehmungen wie das Akkordeonale-Festival?
Servais : Ich kann immer noch ganz stolz sagen, dass die Akkordeonale das weltweit einzige tourende internationale Akkordeonfestival ist. Es gibt sonst einfach niemanden, der so eine verrückte Arbeit auf sich nimmt. Das machen nur wir beide.

—— Kristine und Servais, wir danken euch für das Gespräch, und wünschen schon jetzt viel Erfolg für alle Akkordeonale-Jahre, die noch kommen werden!

www.akkordeonale.de

Akkordeonale 2014 Roadmovie:
https://www.youtube.com/watch?v=VAaIvvi8WwA&t=1s

Akkordeonale 2015 Documentary:
https://www.youtube.com/watch?v=UC4wy5bxMBU


© Fotos(3): Kristine Talamo-Spiegel