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Titelthema: Sprich mit mir!


Ein Herz für Tiere - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 21.02.2020

Für uns Menschen ist die Stimme der Inbegriff der Sprache - Tiere hingegen tauschen sich über nonverbale Signale aus. Doch mit Tieren reden ist keine Hexerei. Jeder kann es! Mit unseren Tricks klappt die Kommunikation


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Bildquelle: Ein Herz für Tiere, Ausgabe 3/2020

Wenn Beagel Brezi den Dackelblick aufsetzt und herzzerreißend jault, ist Frauchen Marie überzeugt: Er will mir etwas sagen. Auch wenn Hunde befreundete Artgenossen treffen, stimmen sie nach einem ausführlichen Beschnuppern schon mal zum Bellkonzert an, als würden sie sich über ihre neuesten Erlebnisse austauschen. Während manche Zweibeiner noch diskutieren, ob Tiere überhaupt denken können, ...

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... erforschen andere längst ihre Sprache - mit überraschenden Ergebnissen: Papageien äffen Gartenvögel nach, Bienen geben Wegbeschreibungen, Delfine lästern und sogar Bäume tauschen mit Tieren und anderen Pflanzen Botschaften aus. Auch wenn die wenigsten Lebewesen Wörter von sich geben können, ist ihre Kommunikationsfähigkeit erstaunlich. Und spätestens seit dem Film „Der Pferdeflüsterer“ wissen wir, dass es Menschen gibt, die ihre Sprache sprechen - und zwar fernab von Hollywood.

Wie kommunizieren Tiere?

Auch jeder von uns hat sich schon unbewusst oder bewusst mit seinem Haustier verständigt. Laut Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick können wir nämlich gar nicht nicht kommunizieren. Kommunikation ist Verhalten und genauso wie man sich niemals nicht verhalten kann, kann man sich zu keiner Zeit nicht ausdrücken. Aber wie geht das? Beobachten Sie Ihre Katze: Verharrt sie mucksmäuschenstill an Ort und Stelle und würdigt Sie keines Blickes, während Sie sie zu sich rufen, könnte man annehmen, sie würde nicht kommunizieren. Doch sie tut es. Und das sogar sehr deutlich: Über ihren verwehrenden Blick und ihre Körpersprache teilt die Katze eindeutig mit, dass sie gerade keinerlei Kontakt möchte. „Tiere unterhalten sich untereinander vor allem über ihre Mimik und Gestik. Mit ihren Gesichtsausdrücken und ihrer Körperhaltung übermitteln sie Artgenossen ihre Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche“, erklärt Tierärztin Dr. Tina Hölscher.

Ist ein Löwe aggressiv, fletscht er die Zähne. Um seinen Rivalen zu imponieren, stellt er sein Fell an Rücken und Nacken auf, um noch eindrucksvoller auszusehen. Wenn die Raubkatze dagegen Unterwürfigkeit zeigen möchte, macht sie sich klein, legt die Ohren an und zieht den Schwanz ein. Tiere sprechen mit ihrem ganzen Körper - sei es um auszudrücken „Verzieh dich, das ist mein Revier“, „Bleib mir vom Leib“ oder aber auch „Kommt her, hier gibt’s das beste Essen“. Ein solches Verhalten zeigt sich auch bei unseren Stubentigern und Sofawölfen. Ähnlich wie beim Menschen dient die Mimik den Tieren vor allem der Verständigung über kurze Distanzen, während die Gestik auch aus der Ferne wahrzunehmen ist. „Laute wie Bellen, Winseln, Knurren oder Fauchen sind nur Ergänzungen, wenn ihr Gegenüber nicht auf die Körpersprache reagiert“, so die Expertin.

„HÜnDiscH“ VersTeHen

1 Alles bestens. ich bin glücklich und zufrieden.
2 ich bin angespannt, nervös und unsicher.
3 Oben: ich habe Angst und/oder Schmerzen. Unten: ich bin wütend und bereit zum Angriff.

OHNE WORTE „ich bin hier der Chef“ - was sich diese Katzen sagen, versteht man alleine durch ihre Körpersprache


KATZENSPRACHE

1 ich fühle mich wohl.
2 ich bin beunruhigt.
3 Oben: ich bin wütend. Lass mich in ruhe! Unten: ich habe Angst und/oder Schmerzen.

Gesang, Tanz und stille Töne

Andere Tiere wiederum benutzen zur Verständigung häufiger Laute. Sie dienen als Erkennungszeichen bei der Paarung, zur Verteidigung oder zur Orientierung. Ohne zwitschernde Vögel, quakende Frösche oder krähende Hähne wäre unsere Welt ganz schön still. Meister in Sachen Klangsprache sind Federträger. Vor allem Vogelmännchen sind echte Gesangsvirtuosen. Papageien, Wellensittiche und sogar viele Rabenarten können darüber hinaus die Stimmen anderer Tiere und des Menschen nachahmen. Die meisten Tiere jedoch können schon rein anatomisch keine Laute erzeugen, die der menschlichen Sprache ähneln.

Dafür steht den Tieren ein großes Repertoire an weiteren Kommunikationsmitteln zur Verfügung. Einiges von dem, was sie von sich geben, ist für menschliche Augen und Ohren nicht wahrnehmbar. So bleiben uns die Infraschalllaute von Elefanten oder die Unterwassergesänge der Wale ohne technische Hilfe verborgen.

Eine weitere raffinierte Möglichkeit, sich zu verständigen, sind chemische Signale. „Je nach Stimmungslage sondern Tiere, aber auch wir Menschen und Pflanzen spezielle Duftstoffe, sogenannte Pheromone, ab“, so Hölscher. Um ihren Artgenossen den Weg zu einer Futterquelle zu weisen, legen Ameisen eine Duftspur zwischen Nest und neu entdeckter Nahrungsquelle. Verletzte Bäume „rufen“ mit Duftstoffen Notfall- Insekten zuhilfe. Auch Hunde tauschen die meisten Informationen über ihre Nase aus. Sie setzen über ihren Urin Botschaften ab und lesen auf Spaziergängen die verschiedenen Gerüche regelrecht wie eine Tageszeitung. Sie riechen sogar unsere Gefühle.

Eine andere Art der Verständigung ist der Tanz. Wollen sie sagen „Hey, ich finde dich ziemlich heiß!“, entpuppen sich einige Tiere als wahre Show-Talente, die mit ihren Choreografien, Federkleidern und Gesängen locker bei bekannten TV-Formaten die Nase vorn hätten. Bei Bienen dient der Tanz dazu, Artgenossen zu Nahrung zu führen. Die Sprache unserer Haus- und Wildtiere ist ein ausgeklügeltes Zusammenspiel von Duftstoffen, laut- und körpersprachlichen Zeichen. Wenige Tierarten gehen sogar so weit, dass sie sich selbst Namen geben. Delfine etwa sprechen nicht nur über Körperkontakt, Sprünge und Pfeiftöne, sie „taufen“ sich auch selbst mit einer bestimmten Tonfolge. Forscher konnten belegen, dass ein Delfin sofort reagiert, wenn er die Tonkombination, also den Namen eines Verwandten hört. Diese Fähigkeit ermöglicht es den Meeressäugern, nicht nur miteinander, sondern auch über andere zu reden. Und tatsächlich verwenden Delfine die Namen abwesender Dritter in ihren Gesprächen. Denise Herzing und ihr Team von der Florida Atlantic University machten sich diese ausgeprägte Gesprächsfähigkeit zunutze und entwickelten eine Unterwassertastatur, mit der sie sich über Symbole und Klänge mit den Tieren austauschen können.


Tiersprache ist ein ausgeklügeltes Zusammenspiel von Duftstoffen, Laut- und Körpersprache


Dialoge zwischen Mensch und Tier

Ein Vierbeiner hat sich im Laufe der Domestikation zu einem echten Experten für menschliche Kommunikation entwickelt: der Hund. Schon als Welpe hört er auf seinen Namen, begreift mühelos, auf welche Signale er in seinen Korb gehen oder den Ball holen soll. Zudem können Hunde die feinste Mimik ihres zweibeinigen Gegenübers interpretieren, haben ein gutes Ohr für menschliche Stimmen und ein Näschen für Stimmungen. Katie Slocombe von der University of York in Großbritannien und ihr Kollege Alex Benjamin haben getestet, wie die Sofawölfe auf verschiedene Formen der Ansprache reagieren. Das Ergebnis: Die meisten Hunde hatten am liebsten Kontakt mit Menschen, die in einer Art Babysprache mit ihnen redeten. Säuselten sie in übertrieben hoher Tonlage und mit ausgeprägter Sprachmelodie kurze Sätze wie „Du bist ein guter Hund“, „Feiiiiiin gemacht!“ oder „Wollen wir einen Spaziergang machen?“, nahmen die Vierbeiner gerne Kontakt auf. Die gleichen Aussagen in Erwachsenensprache stießen dagegen auf weniger Interesse. Das Gleiche galt, wenn nur die Intonation, nicht aber der Inhalt stimmte, also z. B. gesagt wurde: „Gestern Abend war ich im Kino“. Die Forscher schließen daraus, dass der Tonfall dafür sorgt, dass die Hunde überhaupt auf unsere Worte achten und dann erst erkennen, ob man für sie relevante Dinge sagt oder nicht.

FREMDSPRACHEN Kaninchen & Co. „reden“ am besten mit ihresgleichen. Menschen und artfremde Fellnasen verstehen sie nur schwer


HILFERUF Vögel sprechen meist nur „Menschensprache“, wenn sie sich einsam fühlen und keinen Kontakt zu Artgenossen haben


Dass Hunde aber durchaus auch die Bedeutung einzelner Worte begreifen, haben Attila Andics und Anna Gábor von der Eötvös Loránd Universität in Budapest beobachtet: Ein Lob aktiviert bei Hunden das Belohnungszentrum im Gehirn. Allerdings nur dann, wenn Tonfall und Inhalt des Gesagten zusammenpassen. Beschimpfungen interpretierten die Tiere in den Tests nicht als Lob - selbst wenn sie mit noch so säuselnder Freundlichkeit vor- getragen wurden. Bis auf Ziervögel nutzen unsere Haustiere untereinander aber vor allem die Körpersprache zum Ausdruck ihrer Bedürfnisse. Knurrt oder faucht ein Vierbeiner, hat der Besitzer sehr wahrscheinlich ein vorheriges Zeichen missachtet. Daher sollten wir wortfixierten Menschen unbedingt mehr auf die nonverbalen Ausdrücke achten und uns auch nonverbal mit Tieren verständigen.

Der Ton macht die Musik

Sagen Sie also nicht nur, was Sie von Ihrem Liebling möchten, sondern zeigen Sie es ihm gleichzeitig über Ihre Stimmmelodie, Tonlage, Mimik und Gestik. Damit Sie in jeder Situation den richtigen Ton treffen, hat Tierärztin Dr. Hölscher ein paar Tipps:

Wer ein scheues, vielleicht unbekanntes Tier anlocken möchte, sollte ruhig, leise und mit eintöniger Stimme sprechen. Will man sein vertrautes Haustier zum Spielen auffordern, rät sie zu einer lauteren, hohen Stimme. „Säuseln ist sinnvoll, wenn man Aufmerksamkeit erregen will oder um Freude und Zuneigung auszudrücken“, erklärt sie. Für Aufforderungen seien wenige klare, freundlich-bestimmte Worte am wirkungsvollsten. Stellt ein Vierbeiner etwas an, seien viele Worte, Erklärungen und ausgedehnte Schimpftiraden wenig effektiv. „Besser sind einfache Ansagen in strengem Tonfall - und auch das funktioniert höchstens bei Hunden. Katzen reagieren eher mit Protestverhalten, Kleintiere bekommen Angst“, so Hölscher, „denn sie wissen überhaupt nicht, was Tadel ist.“

Schreien und drohende Gesten sind bei jedem Tier kontraproduktiv und verängstigen gerade sensible Fellnasen und Federträger bloß. „Ein erhobener Zeigefinger und sich groß zu machen, erkennen die meisten Tiere bereits als Tadel“, ergänzt die Tierärztin.

Gemeinsame ursprache

Solche und ähnliche körpersprachlichen Signale, wie z. B. beim Apportieren auf ein Spielzeug deuten oder beim Signal „Platz“ die flache Hand langsam in Richtung Boden zu bewegen und Blickkontakt zu seinem Hund zu halten, funktionieren nach gutem Training wirksam bis ins hohe Alter - ganz ohne Worte. Im Umgang mit unseren Haustieren geben wir darüber hinaus allein durch unser Verhalten sowohl bewusste Signale (z. B. Aufforderungen wie „Hier“, „Sitz“, „Aus“), aber auch intuitive. So signalisiert der Mensch einem Tier unbewusst, dass keine Gefahr von ihm ausgeht, wenn er sich klein macht, sich langsam nähert und ruhig spricht. „Wenn ich dagegen Dominanz ausstrahlen will, beuge ich mich über ein Tier“, sagt Hölscher. So verschieden die Ausdrucksformen unterschiedlicher Lebewesen auch sein mögen: Unsere intuitive Körpersprache ist eine Weltsprache, die selbst Kleintiere und Exoten verstehen - und selbst anwenden. Im Grunde sprechen Mensch und Tier also noch dieselbe Ursprache. Nicht kommunizieren? Unmöglich.


Tiere äußern immer aktuelle Bedürfnisse


unterhaltsam und lebenswichtig

Einen wichtigen Unterschied in der Kommunikation konnte Katja Liebal, Professorin für Evolutionäre Psychologie vom Max-Planck-Institut, zwischen Tier und Mensch jedoch feststellen: Wir Menschenkinder plappern einfach drauflos. Während wir im Kleinkindalter unsere Sprache noch hauptsächlich dazu nutzen, um zu bekommen, was wir brauchen, wird sie später immer mehr auch zum Selbstzweck. Wir lernen über Vergangenheit, Zukunft, Gefühle und Gedanken, über uns selbst und andere zu sprechen. Wir treffen uns manchmal einfach nur, um uns mit Freunden über den neuesten Klatsch und Tratsch auszutauschen oder schauen Talkshows, um uns zu amüsieren. Tiere dagegen kommunizieren auch Dr. Tina Hölscher zufolge immer über das Hier und Jetzt: nicht um des Redens willen, sondern zielgerichtet, um ihre aktuellen lebenswichtigen Bedürfnisse zu erfüllen. Wie beispielsweise ein Stubentiger, der sich an unser Bein schmiegt oder um den Napf kreist und mit einem hungrig-klagenden Miau sein Futter einfordert.

Doch egal ob tiefe Gespräche, Small Talk, Hilferufe, Flirtversuche, Mensch oder Tier: Kommunikation ist notwendig, um in Gemeinschaften zusammenzuleben, zu überleben und die eigene Art zu erhalten. Daher können wir gar nicht anders, als uns auch mit unseren tierischen Familienmitgliedern auszutauschen. Ob uns unsere Lieblinge wirklich verstehen? Diese Frage wird vermutlich jeder Tierbesitzer bejahen. Die Frage ist nur: Wie viel. Und die lästernden Delfine zeigen, dass auch in der Wissenschaft das letzte Wort längst noch nicht gesprochen ist.

Unsere Expertin

Dr. Tina Hölscher absolvierte das Studium der Tiermedizin an der LMU München. Ihre Doktorarbeit verfasste sie im Rahmen einer Stelle im Stuttgarter Zoo „Wilhelma“. Neben einer Tätigkeit bei „aktion tier e.V.“ leitete sie die Tierrettung München. Seit 2001 besitzt Dr. Hölscher eine eigene Praxis in Obermenzing bei München. Infos: www.tierarztpraxishölscher. de