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Titelthema: Wenn der Vater mit dem Sohne …: Gespräch mit dem Bandoneonisten Juanjo Mosalini


akkordeon magazin - epaper ⋅ Ausgabe 69/2019 vom 16.08.2019

Juanjo Mosalini trat musikalisch in große Fußstapfen: Die seines Vaters, des aus Argentinien stammenden Bandoneonisten Juan José Mosalini, ein regelrechter Star der Szene. Wir haben mit Juanjo Mosalini darüber gesprochen, wie ihn das Schaffen des Vaters geprägt hat – und auch darüber, warum es notwendig war, sich aus seinem Schatten zu befreien.


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Bildquelle: akkordeon magazin, Ausgabe 69/2019

Juan José (links) und Juanjo (rechts) Mosalini – vor ca. 20 Jahren


■ „Ob es Schwierigkeiten gab? Jede Menge! Schließlich tragen wir sogar den gleichen Vornamen!“

Juanjo Mosalini muss selbst lachen, als er darüber nachdenkt. Der Musiker, mittlerweile 48 Jahre alt, ...

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... telefoniert von seiner Pariser Wohnung aus mit mir. „Juanjo“, der „kleine Juan“ – der Musiker trägt auf der Bühne einen Namen, der von seinem Vater abgrenzen soll, gleichzeitig aber natürlich deutlich macht: Hier gehören zwei zusammen. Der Ältere und der Jüngere. Beide sind gefeierte Bandoneonisten, der eine seit Beginn der 1960er-Jahre, zuerst in seiner argentinischen Heimat, nach der Flucht vor der Militärdiktatur 1976 in seiner Wahlheimat Frankreich – und der ganzen Welt. Der Jüngere lebt in Paris, spielt in ganz Europa, unterrichtet in den USA. Volle Terminpläne erlauben gemeinsames Musizieren nur noch selten. Trotzdem spürt man im Gespräch eine tiefe, liebevolle Verbindung zwischen den Generationen.

„Ich bin seit ich denken kann in der Welt der Musik zu Hause“, erinnert sich Juanjo Mosalini. „Genau genommen wurde ich hineingeboren. Seit frühester Kindheit habe ich meinen Vater auf Tournee begleitet. Das Leben eines Musikers erschien damals einerseits normal für mich – andererseits war mir schnell klar, wie privilegiert man ist, wenn man das tun kann, was man als Kreativer tun möchte. Die verschiedenen Projekte meines Vaters haben mich immer begeistert, und seine Musik hat mich zutiefst berührt, schon als Kind.“ Und wie sah es mit den Träumen von einer eigenen musikalischen Zukunft aus? Juan José förderte das musikalische Talent seines Sohnes, zunächst mit Klavierstunden, als musikalische Basis. „Ich habe das einige Jahre gemacht, aber mit 14 schließlich aufgehört – das Klavierspielen hat mir einfach keine richtige Freude bereitet“, erzählt Juanjo heute. Ein musikalischer Schlummerschlaf setzte ein, bis es in den 1980er Jahren zu einer kleinen, aber entscheidenden Begebenheit kam: „Mein Vater hatte damals damit begonnen, Bandoneon zu unterrichten. Ich kannte dieses unglaubliche Instrument, das auf den ersten Blick so kompliziert erscheint – ich meine, die Diskantseite ist reinstes Chaos! – und habe ihn gefragt: Wie willst Du jemals einem Kind beibringen, das zu spielen? Mein Vater legte mir das Bandoneon auf die Knie und sagte, schau mal – versuche mal das, versuche mal jenes. Ich habe also angefangen, Bandoneon zu spielen, ohne, dass ich wusste, dass ich das jetzt lerne.“ Mosalini lacht. Damals war er 16 Jahre alt. „So ist es dann einfach passiert – eine bestimmte Abfolge von Zufällen, und ich stand auf der Bühne.“ Zuerst spielte Juanjo nur zu Hause, dort wurde ein Radiojournalist, der auf Besuch war, auf ihn aufmerksam. Der erste Radioauftritt folgte. Den wiederum hörte ein Comedian, der Juanjo als Musiker für seine Liveshow einlud. „Man muss wissen: In den späten 1980er Jahren gab es in Paris nicht viele Bandoneonspieler, also hatte ich oft die Möglichkeit, live zu spielen, obwohl ich noch kein ‚Profi‘ war. Es gab einfach genug Bedarf.“ Und, natürlich, Kontakte in die Musikszene, in der Juanjo quasi aufgewachsen war. „Einige Engagements kamen natürlich dadurch zustande, dass ich über meinen Vater die richtigen Leute kannte. Viele ergaben sich aber auch dadurch, dass jemand mich spielen hörte und mich engagierte, einfach deswegen, weil ich gut war.“

Juan José Mosalini


Von 1992 bis 1998 spielte Juanjo im Orchester seines berühmten Vaters. Eine prägende, aber nicht immer leichte Zeit – für beide. „Ich erinnere mich genau an den Zeitpunkt, an dem ich beschloss, ohne meinen Vater spielen zu wollen. Ich war 26 Jahre alt und wollte einfach meinen eigenen Weg gehen. Das war eine harte Entscheidung, sowohl für mich als auch für ihn, persönlich und professionell.“ Man müsse sich, sagt Juanjo, als junger Erwachsener irgendwann abnabeln von den Eltern. „Jeder muss das, nicht nur ich als Musiker. Diese Trennung der Wege ist eine vollkommen normale Entscheidung auf dem Weg zum Erwachsenwerden.“

Das Orchester von Juan José Mosalini existiert seit über einem Vierteljahrhundert


„Ich glaube nicht, dass ich heute der wäre, der ich bin, wenn ich nicht in einer musikalischen Familie aufgewachsen wäre.“


Noch ein paar Wochen danach haben die beiden, so erinnert sich Juanjo heute, es schwer miteinander gehabt. „Es lag eine merkbare Spannung in der Luft, wie es eben ist nach einem Streit. Dazu kam, dass wir ja quasi schlagartig Konkurrenten wurden – wie stehen bis heute mit dem gleichen Instrument auf der Bühne. Mit dem gleichen Namen. Mein Vater tat sich sehr schwer damit, meine Entscheidung zu akzeptieren, er hätte mich gerne länger unter seinen Fittichen behalten. Aber ich wollte eigene Ideen und Projekte verwirklichen, dazu war einfach neben den vielen Konzerten, die wir mit dem Orchester spielten, keine Zeit.“ Und heute? Sind Vater und Sohn wieder bester Dinge. „Wir kriegen das hin. Sogar sehr gut.“ Juanjo lacht. Seine Erzählungen geben das Bild einer Familie wieder, die überall genau so leben könnte, mit den gleichen Sorgen, Problemen, dem gleichen Glück. Vater und Sohn streiten sich – und versöhnen sich wieder. Mit einem Schulterzucken und dem Bewusstsein, dass es eben so ist in Familien. Gerade wenn man sich sehr nahe steht.

Das Mosalini Teruggi Cuarteto, eine Kammermusikformation


„All zwei, drei Jahre schaffen wir es, zusammen auf der Bühne zu stehen. Manchmal lade ich ihn zu meinen Liveshows ein, manchmal er mich zu seinen. Letztes Jahr haben wir zusammen anlässlich des 25jährigen Jubiläums seines Orchesters gespielt. Es gibt also immer wieder Momente, in denen wir uns musikalisch ‚treffen‘.“ Planen die beiden denn auch konkret zusammen? „Nicht bewusst. Die Sache ist die: Wenn ich ein Projekt plane, dann nicht mit dem Ziel, es gemeinsam mit meinem Vater umzusetzen. Ich gehe einfach meinen Ideen nach, und in den meisten Besetzungen braucht man nun mal nur ein Bandoneon. Sollte ich ein Projekt mit zwei Bandoneons planen – nun, dann stehen die Chancen nicht schlecht, dass mein Vater dabei ist.“

Wie ist sie heute, die Bindung zwischen den beiden Musikern? „Ich habe so viele Erinnerungen aus den letzten Jahren, an so viele Situationen – oder eher an bestimmte Stimmungen zwischen uns. Wissen Sie, mein Vater ist ein eher zurückhaltender Mann. Er macht selten große Komplimente. Trotzdem kann ich fühlen, dass er stolz ist auf die Art, wie ich die Dinge angehe, auf den Mann, der ich geworden bin. Ich erinnere mich an eine Situation besonders: Mit 36 habe ich ein Album eingespielt, auf dem ich einige seiner Kompositionen adaptiert habe. Als ich ihm diese Stücke vorgespielt habe, hatte er schon bei der ersten Note Tränen in den Augen. Das war ein sehr emotionaler Moment – ich konnte sehen, dass ihn das genauso berührt, wie mich damals als Achtjähriger seine Musik berührt hat. Knapp fünf Jahre später haben wir uns dann wieder darüber gestritten, dass er sich zu viel in meine Arbeit einmischen möchte. Ich habe ihm gesagt: ‚Ich bin jetzt 40 Jahre alt – erinnere dich daran, was du selbst mit 40 getan hast. Du warst damals erwachsen, ich bin es jetzt, ich brauche keine Zustimmung zu dem, was ich tue.‘ Jeder Tag ist anders, es ist ein hin und her. Trotzdem schätzen wir uns gegenseitig sehr.“

Eine komplexe Situation, die beiden einiges abverlangt, aber auch oft als Inspiration für Vater und Sohn dient. „Einige der wichtigsten, wirklich besonderen musikalischen Erlebnisse haben mit meinem Vater zu tun. Da waren natürlich die Erlebnisse meiner Kindheit, die ersten Begegnungen mit seiner Musik, die mich so tief berührt hat. Aber auch, und daran erinnere ich mich besonders gerne, eine Situation, in der ich gemeinsam mit meinem Vater und meinem Großvater musiziert habe. Mein Großvater lebte in Argentinien, es war also gar nicht so einfach, das zu arrangieren. Er war ein einfacher Mann, der sich das Bandoneon spielen selbst beigebracht hatte. Dazu kamen mein Vater, der damals schon sehr bekannt war, und ich als junger Musiker. Das war ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde, und das mich sehr geprägt hat.“

Heute ist Juanjo Mosalini mit seinem Bandoneon auf der ganzen Welt unterwegs: Mit dem Duo Mosalini Senso (Bandoneon und Kontrabass), dem Duo Bögeholz Mosalini (Gitarre und Bandoneon) und dem Mosalini Teruggi Cuarteto, einer Kammermusikformation. Gerade plant er die Aufnahmen mit einem Bostoner Orchester, Eigenkompositionen und Klassikadaptionen für Bandoneon und Streichquartette. Eine Masterclass in Connecticut im Sommer. Konzertreisen. Ein volles, kreatives Leben. „Ich glaube nicht, dass ich heute der wäre, der ich bin, wenn ich nicht in einer musikalische Familie aufgewachsen wäre. Wenn man schon als Kind täglich mit Musik konfrontiert ist, beeinflusst das die Art, wie man Musik sieht, wie man sie hört. Natürlich gibt es auch andere Wege, sich der Musik zu nähern. Man kann eine enge Verbindung zu einem Lehrer aufbauen, die einen stark prägt. Letztlich geht es im Leben immer um Begegnungen.“ Er überlegt. „Wissen Sie, ich habe eigentlich erst mit 16 Jahren angefangen, Musik zu machen, und selbst da war mir noch nicht klar, dass ich eines Tages Musiker sein würde. Ich habe mir schlichtweg keine Gedanken darüber gemacht. Trotzdem wurde mir auch durch meinen Vater schnell klar, was für eine Chance darin steckt, ein kreatives Leben führen zu können. Natürlich öffnen sich einige Türen, wenn man der Sohn von Mosalini ist. Gleichzeitig zeigen aber auch viele Leute mit dem Finger auf dich. Letztlich kann ich sagen, dass beide Seiten für mich immer eine gewisse Balance hatten. Eine sehr positive Balance. Ich hatte nie das Gefühl, dass es ein Problem wäre, der Sohn von Mosalini zu sein. Und selbst wenn es so gewesen wäre, wäre es mir egal gewesen. Ich bin stolz darauf.“


FOTOS: ASTRID DI CROLLALANZA, JUANJO MOSALINI, PRIVAT