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Titelthema:Kinder sind kei ne Arbeitskräfte


Made in Germany - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 31.05.2019

Auf dem Human Development Index der Vereinten Nationen belegtDeutschland den fünften Platz. In einem derart hoch entwickelten Land ist der Einsatz von Kinderarbeit undenkbar, auf die billigen Produkte wird deshalb aber noch lange nicht verzichtet. Dabei waren auch deutsche Kinder über lange Zeit in einem ausbeuterischen System gefangen.


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Foto: kross13 / shutterstock.com

Laut Unicef sind weltweit rund 152 Millionen Kinder zwischen 5 und 17 Jahren gezwungen, einer Arbeit nachzugehen die gefährlich, ausbeuterisch oder körperlich beziehungsweise seelisch schädigend ist. Auch wenn die Tätigkeit vom Schulbesuch ...

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... abhält, zählt sie als Kinderarbeit. Unter gefährlichen und ausbeuterischen Arbeitsbedingungen leidet mit 73 Millionen fast die Hälfte der Kinder. Berüchtigte Beispiele sind die Goldminen von Burkina Faso, die Textilindustrie in Bangladesch oder die Kakaoplantagen der Elfenbeinküste.

Knapp 71 Prozent der Kinder werden zu landwirtschaftlicher Arbeit genötigt, auch von Farmen in Lateinamerika. Hier leisten Kinder eine Arbeitszeit von bis zu siebzig Stunden pro Woche ab. Der Besuch einer Schule ist dabei nicht denkbar. In der für sie feindlichen Umgebung stehen die verängstigten Kinder ständig unter Stress und erhalten keine ausreichende Menge an Schlaf. Körperliche und seelische Entwicklungsstörungen sind die Folge. Von der Statistik nicht erfasst werden geschätzte

15 Millionen Kinder und Jugendliche, die unentgeltlich in privaten Haushalten arbeiten. Überwiegend Mädchen sind hier extremen Arbeitszeiten ausgesetzt. Die Abhängigkeit vom Arbeitgeber ist groß, Schutz vor Gewalt oder sexuellen Übergriffen gibt es nicht.

Kinderrechte in Deutschland

Auch in Deutschland waren die „kleinen Erwachsenen“ lange Zeit den hier beschriebenen schlechten Bedingungen ausgesetzt. Nach 1815 stieg das Bevölkerungswachstum rasant an. Zusätzlich sorgten wiederkehrende Missernten und der Untergang des Heimgewerbes dafür, dass die landwirtschaftlichen Erträge nicht mehr dem Bedarf entsprachen. Obwohl industrielle Produktionsformen im Keim bereits vorhanden waren, konnten sie noch keinen nennenswerten Beitrag zur Versorgung leisten. Mit der Armut breitete sich auch der Einsatz von Kindern als Arbeitskräfte aus.

Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte sich die allgemeine Auffassung von der Existenz einer Kindheit als Entwicklungsphase durch. Die damit einhergehende, erstmals veränderte Sichtweise auf Kinder räumte der Bildung einen neuen Stellenwert ein. Die rechtliche Situation war hiervon jedoch nicht betroffen. Schutzmechanismen in Form neuer Gesetze mussten zunächst durchgesetzt und in vielen Teilen des gesellschaftlichen Lebens hart erkämpft werden.

Inflation der Lebensmittelpreise

In Uganda ist Kinderarbeit gesetzlich verboten und dennoch bis heute weit verbreitet. Obwohl laut Gesetz körperliche Schwerstarbeit erst ab 16 Jahren erlaubt ist, sind elf Prozent aller 15- bis 17-jährigen Uganderinnen und Ugander davon betroffen. Wirtschaftswissenschaftler der Uni Bayreuth werteten statistische Daten des afrikanischen Landes aus und ermittelten einen hohen Anstieg der Kinderarbeit zwischen 2009 und 2012.

Zu dieser Zeit sorgten weltweite Faktoren wie schlechte Ernten für eine Steigerung der Lebensmittelpreise. Die Auswirkungen waren in Uganda, einem der ärmsten Länder der Welt, besonders groß. Ausgleichende Mechanismen existieren nicht. Die Menschen haben weder Lohnanpassungen noch staatliche Unterstützung zu erwarten. Haushalte ohne den Besitz von Ackerland oder einem landwirtschaftlichen Betrieb sahen sich in großer Zahl mit existenziellen Nöten konfrontiert und setzten ihre Kinder daher in vielen Fällen als Arbeitskräfte ein.

Die Steinbrüche in Uganda

In einem Steinbruch am Rande der Hauptstadt Kampala sind diese Zustände Alltag. Kinder tragen mit bloßen Händen und selbst konstruierten Werkzeugen Steine ab. Die Monotonie der Arbeitsschritte ist bedrückend. Für einen ganzen Tag Arbeit erhält eine Familie knapp fünf Euro. Die Steine werden von Bauunternehmen gekauft, um sie für die Zementproduktion zu verwenden.

Bis zum Herbst 2016 bezog der Schweizer Zementkonzern

LafargeHolcim Ltd den Hilfsstoff Poccolan aus einem Steinbruch mit ähnlichen Verhältnissen. Als die französische Tageszeitung „Le Monde“ den Skandal an die Öffentlichkeit brachte, entbrannte eine Diskussion über die Verantwortung von Unternehmen. Zu Konsequenzen kam es aber nicht und der Zementriese weigert sich noch immer, eine Wiedergutmachung an die ugandischen Opfer zu bezahlen. Bereits im Folgejahr waren die Bilanzen von LafargeHolcim wieder im positiven Bereich. Zuletzt konnte das Unternehmen von überproportionalen Ertragssteigerungen und starkem Umsatzwachstum profitieren, selbst Ermittlungen wegen IS-Terror-Finanzierungen können den Erfolg scheinbar nicht aufhalten.

Reiner Profitgedanke

Das Zeichen an die Wirtschaft ist eindeutig und zugleich desaströs. Hersteller können sich die Not von Kindern zu Nutze machen, um ihre Produkte auf den globalen Märkten möglichst kostengünstig abzusetzen. In der Textilbranche führte dies bereits zu immer kürzeren Lebenszyklen der Produkte. Durch das Überangebot von billiger Kleidung wird der Trend zur Wegwerf-Mode weiter gefördert. Selbst große Label mit hohen Gewinnmargen produzieren zum Teil unter fragwürdigen Bedingungen.

Wenn wohlhabende Menschen von der systematischen Ausbeutung schutzloser Kinder profitieren, können disesem Treiben nur durch eine gesetzliche Handhabe und einen unmissverständlich artikulierten politischen Willen Grenzen gesetzt werden. Auch klare Voraussetzungen für den Marktzugang von Produkten können die illegale Beschäftigung von Kindern eindämmen, das zugrundeliegende Problem der Armut aber nicht lösen. Dennoch sollte sich der Verantwortungsbereich von Unternehmen erweitern, und zwar auf die gesamte Wertschöpfungskette ihrer Produkte.

Trotz Fortschritt keine Besserung

Die Entstehung von Industrie und Gewerbe bedeutete in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine erhebliche Verschlechterung für die Kinder. Auf der Suche nach Arbeit zogen zehntausende Landarbeiter und verarmte Kleinbauern in die Industriemetropolen, die weitgehend unvorbereitet auf den Ansturm waren. Das sogenannte Fabrikproletariat lebte unter katastrophalen Bedingungen. Kinder wurden im Bergbau als Grubenpferdeführer, Kohlenschlepper oder Lorenzieher eingesetzt. Auch im maschinellen Bereich übernahmen sie verschiedenste Aufgaben, wie beispielsweise das „Raddrehen“. Über Generationen hinweg galt die Kinderarbeit als notwendig. War beispielsweise der Platz unter den Maschinen gering, gab es für anfallende Arbeiten keine Alternative zu den kleinen Heranwachsenden. Erst mit der allmählichen Durchsetzung des Verbots von Kinderarbeit in den Fabriken zeigten sich zunehmend die Möglichkeiten des technischen Fortschritts. Demnach war nicht die Alternativlosigkeit der Mittel ausschlaggebend für die massenhafte Ausbeutung von Kindern während der Industrialisierung, sondern deren geringer Preis. Die wirtschaftlichen Interessen von Einzelpersonen nehmen bis heute großen Einfluss auf die Lebensbedingungen breiter Bevölkerungsschichten. Kinder als schwächste Mitglieder der Gesellschaft gehören dabei stets zu den ersten Verlierern. Deshalb benötigen sie besonderen Schutz.

Nachhaltige Hilfen

Als globale strategische Partnerschaft ruft die Alliance 8.7 zu sofortigen und wirksamen Maßnahmen auf, um moderne Sklaverei und Menschenhandel zu beenden. Sie fordert die Beseitigung der schlimmsten Formen von Kinderarbeit, einschließlich des Einsatzes von Kindersoldaten. Bis 2025 soll nach dem Willen der Initiatoren jeder Form von Kinderarbeit ein Ende gesetzt sein. Vergangene Initiativen haben bereits viel Gutes erreicht: Seit 2000 ist die Zahl der betroffenen Kinder um 94 Millionen gesunken. Allerdings hat sich der rückläufige Trend in den letzten Jahren verlangsamt. Entwickelt sich der Fortschritt weiterhin im aktuellen Tempo, sind im Jahr 2025 noch 121 Millionen Mädchen und Jungen dem Elend der Profitgier ausgesetzt.


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