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Titel.TOP 100


Monopol - epaper ⋅ Ausgabe 12/2018 vom 22.11.2018

Das sind die 100 wichtigsten Künstlerinnen und Künstler, die Museumsleute, Protagonisten des Kunstmarkts und Netzwerker des Kunstbetriebs 2018


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Bildquelle: Monopol, Ausgabe 12/2018

AND THE WINNER IS …


Einmal im Jahr ziehen wir Bilanz: Wer hat das zu Ende gehende Kunstjahr geprägt? Keine Documenta, keine Venedig-Biennale hat 2018 einen Stempel aufgedrückt. Und doch gab es wichtige Debatten: um Identitätspolitik und die Freiheit der Kunst, um #MeToo und einen neuen Feminismus, um eine neue Politisierung und die Rolle der Kunst in der Ära des politischen Populismus. Für unsere Liste der 100 wichtigsten Akteure der Kunstwelt haben wir diese ...

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... Diskussionen Revue passieren lassen, haben viel beachtete Ausstellungen ausgewertet und Karrieren verfolgt.

Unsere Top 100 ist als Momentaufnahme gedacht. Wir bewerten kein Lebenswerk, sondern schauen, wer genau jetzt, in diesem Jahr, aktiv war und öffentlich gewirkt hat. Nicht weniger als 44 Namen aus dem Ranking 2018 waren im vergangenen Jahr nicht verzeichnet. Genauso viele sind herausgefallen. Das soll nicht bedeuten, dass wir denjenigen, die sich nicht mehr in der Liste finden, einen Karriereknick attestieren möchten. Vielleicht arbeiten sie gerade in diesem Moment an etwas, das im kommenden Jahr wieder die Debatte prägen wird.

Die Top-100-Liste ist im Austausch mit vielen Informanten aus dem Kunstbetrieb und aufgrund einer umfassenden Recherche entstanden, aber sie bleibt subjektiv. Die einzige objektiv messbare Größe für ein Künstlerranking wären die Preise, die ihre Werke auf Auktionen erzielen – aber solch eine Zahl kann niemals wiedergeben, welche Bedeutung ein Künstler oder eine Künstlerin gerade für die Entwicklung der Kunst hat. Subjektiv ist die Liste auch insofern, als sie von einer ganz bestimmten geografischen und kulturellen Perspektive aus erstellt wird: von der Redaktion eines international berichtenden Kunstmagazins mit Sitz in Deutschland. Die Liste ist nicht deutsch, nicht europäisch, nicht ausschließlich westlich – aber sie beschränkt sich zwangsläufig auf diejenigen Akteure des Kunstbetriebs, die von Deutschland aus in den Blick geraten.

Bewusst haben wir die Namen in unserem Ranking nicht mit den Vorjahresplatzierungen oder mit Pfeilen nach oben oder unten versehen. Es geht uns nicht darum, Leute zum Ab- oder auch Aufsteiger zu stempeln. Stattdessen wollen wir alle 100, deren Namen Sie auf den folgenden Seiten lesen, auf ein Podest heben. Denn sie alle haben in diesem Jahr gute Kunst geschaffen und ermöglicht.

WOLFGANG TILLMANS
„ELEANOR / LUTZ, PORTRAIT“, 2016

Rechts: „EVELENE (POST SOLAR ECLIPSE)“, 2017, und „SHAYNE WITH PLUMS“, 2016

Wolfgang TILLMANS

1 Es beginnt mit durchgemachten Clubnächten, und schwups, 25 Jahre später ist man in allen großen Sammlungen vertreten und hat nicht nur den Goslarer Kaiserring für seine Verdienste um die Kunst, sondern auch noch das Bundesverdienstkreuz in der Tasche. So wie die Nerven, beides anzunehmen, ohne dazustehen wie ein Spießer. Tillmans hat sich früh gegen Brexit und AfD engagiert und die Initiative „Die Vielen“ unterstützt, in der sich bereits über 140 Kulturinstitutionen zum Bündnis gegen rechts vereint haben. Mit seiner politischen Dringlichkeit, seiner Weigerung, zynisch zu werden, und seiner ästhetischen Durchdringung der Welt ist der 50-jährige Fotograf dasrole model der Gegenwart.

Sonia BOYCE (NEU)

2 Zensurvorwürfe. NS-Vergleiche. Sonderseiten in den Feuilletons. Im Januar ließ die Künstlerin Sonia Boyce in der Manchester Art Gallery John William Waterhouse’ Gemälde „Hylas and the Nymphs“ abhängen – und löste damit den Proteststurm des Kunstjahres aus. Boyce wollte mit ihrer temporären Aktion Diskussionen über Fragen der Repräsentationen und die Macht der Museen aufwerfen: Wer wird wie von wem dargestellt? Was ist sichtbar, was sind die unsichtbaren Mechanismen der Institutionen? Nachdem sich die Schnappatmung gelegt hat, bleibt zu konstatieren: Das ist der Britin auf eindrucksvolle Weise gelungen. (Interwiew auf Seite 40)

Max HOLLEIN (NEU)

3 Der Preis für die steilste Karriere in der Museumswelt geht unangefochten an den Mann mit dem freundlichen österreichischen Zungenschlag und den perfekten Management Skills. Nach nur zwei Jahren an den Fine Arts Museums of San Francisco wurde der ehemalige Frankfurter Schirnund Städelchef nach New York geholt, wo er jetzt mit dem Metropolitan Museum das größte Museum der USA leitet.

BEYONCÉ & Jay-Z (NEU)

4 Die berühmtesten Museumsbesucher des Jahres haben für ihr Video „Apeshit“ mal eben den Louvre gemietet und Leonardos „Mona Lisa“ gnädig einen Gastauftritt gewährt. Vielleicht brauchte es das Herrscherpaar des amerikanischen Hip- Hops, um die weiße Männlichkeit des europäischen Kunstkanons endgültigunfresh aussehen zu lassen.

Kerry James MARSHALL

5 Seit Jahren steigt sein Stern, und nach gefeierten Retrospektiven haben auch die Sammler die Qualitäten des Chicagoer Malers erkannt: Sein Werk „Past Times“ von 1997 wurde im Mai bei Sotheby’s für 21,1 Millionen Dollar versteigert, was ihn zum teuersten lebenden afroamerikanischen Künstler macht. Und wer hat’s gekauft? Rapper P. Diddy.

KERRY JAMES MARSHALL ist die Nummer fünf. Sein Gemälde „PAST TIMES“ von 1997 fuhr im Mai einen Auktionsrekord ein


Nan GOLDIN (NEU)

6 Die Sacklers gehören zu den wichtigsten Kunstmäzenen der Gegenwart, ganze Museumsflügel sind nach der USamerikanischen Unternehmerfamilie benannt. Reich wurden die Sacklers durch ihren Pharmakonzern Purdue, der das stark abhängig machende Schmerzmittel Oxycontin erfunden und über Jahrzehnte aggressiv vertrieben hat. Mit ihrem massiven Protest gegen die Sacklers lenkte die Fotografin Nan Goldin die Aufmerksamkeit auf die grassierende Opiat-Epidemie, der in den USA täglich mehr als 100 Menschen zum Opfer fallen. Und sie nahm die Kunst in die Pflicht: Mäzenatentum darf kein Ablasshandel sein.

Maja HOFFMANN

7 Das gigantische Kulturzentrum der Schweizer Milliardärin im südfranzösischen Arles nimmt immer weiter Fahrt auf. Zuletzt gab es herausragende Ausstellungen (von Arthur Jafa über Pipilotti Rist bis Amar Kanwar), eröffnete ein von Jorge Pardo gestaltetes Künstlerhotel, erweiterten Konferenzen und Workshops das Spektrum auf Bildungs- oder Umweltfragen: Die Luma Foundation steuert als experimenteller Thinktank in die Zukunft.

Bruce NAUMAN (NEU)

8 Der weise alte Cowboy der Konzeptkunst ist immer irgendwo im Hintergrund, von seinen Ideen haben Generationen gezehrt. 2018 trat er mit der ersten Retrospektive seit zwei Jahrzehnten wieder ins volle Rampenlicht, erst im Schaulager Basel, dann im New Yorker Museum of Modern Art. Standbein, Spielbein, so durchmisst er mit unverändertem Sphinx-Gesicht sein Atelier, auf direktem Weg in die Kunstgeschichte – oder auch zu seinen Pferden.

Marina ABRAMOVIĆ (NEU)

9 „Aus den Leiden entspringt das beste Werk“, schrieb die Königin der Schmerzen 2014 in ihrem Manifest. Man muss ihr recht geben – wenn man zum Beispiel die Retrospektive der großen serbischen Performancekünstlerin in der Bundeskunsthalle erlebt hat. Oder erlitten. Denn Abramović führt wie sich selbst auch ihr Publikum an Grenzen, sogar wenn ihre Werke wie in Bonn nur dokumentiert sind oder als Re-Performances von jüngeren Künstlern wiederaufgeführt werden. 2020 will sie sich in der Royal Academy of Arts in London mit einer Million Volt unter Strom setzen lassen, um mit ihren Fingerspitzen eine Kerze zu löschen. Alles für die Kunst.

Marc SPIEGLER

10 Dem stets bestens informierten Direktor der Art Basel ist nicht entgangen, dass die Umsatzschere zwischen großen und kleinen Galerien auch das Messegeschäft gefährdet. Durch die 2018 beschlossene Einführung eines Gleitpreismodells für die Messestände steuert die Art Basel gegen – im Eigeninteresse und hoffentlich auch zum Wohl des gesamten Kunstsystems.

Philippe PARRENO (NEU)

11 Wie der Franzose den Berliner Gropius Bau in seiner Ausstellung im Mai in ein leben - diges, atmendes, träumendes Wesen verwandelt hat, war meisterhaft. Für die fliegenden Fische gibt es einen Extrapunkt.

Maria BALSHAW

12 Seit Juni 2017 ist die 48-jährige britische Kunsthistorikerin Chefin der Tate und ganz weit vorn darin, den britischen Kunsttanker für eine globalisierte Perspektive zu öffnen: Selbstverständlich und undidaktisch durchbricht die Sammlungspräsentation in der Tate Modern den westlichen Kanon. Nebenbei hat die Tate auch noch den erfolgreichsten Instagram-Account in der Welt der Kunst.

Tomás SARACENO (NEU)

13 Der Physikersohn aus Argentinien lässt neueste Erkenntnisse aus Biologie oder Ingenieurskunst in seine Projekte einfließen. Gut 300 Spinnen hält Saraceno in seinem Berliner Atelier – und konstruiert nach ihrem Vorbild überdimensionale Skulpturen. Bis Anfang Januar läuft sein Solo „On Air“ im Pariser Palais de Tokyo – der Visionär glaubt fest an ein „Luftzeitalter“, in dem fossile Brennstoffe abgeschafft sind und sich der Mensch durch die Kraft der Thermik fortbewegt. Saraceno hellt die Zukunft auf.

Susanne PFEFFER

14 Von außen sieht alles so selbstverständlich aus: das Künstlerhaus Bremen und die Berliner Kunst- Werke leiten, dann das Museum Fridericianum in Kassel nach vorn bringen. Die Documenta- Pause nutzen, um mal eben mit Anne Imhof den Goldenen Löwen bei der Venedig-Biennale zu gewinnen. Und dann nicht nach Kassel zurückkehren, sondern Anfang 2018 das wunderbare Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main übernehmen. Dass all das so klappt für die Kuratorin Susanne Pfeffer, ist allerdings nur ihrer absoluten Entschlossenheit, ihrem perfekten Sinn für die Kunst der Stunde und, ja, ihrer Arbeitswut zu verdanken. In Frankfurt erwarten wir viel von ihr.

Gerhard RICHTER

15 In der vorherigen Liste lag er auf Platz 100 – in der „Too big to fail“-Liga. In diesem Jahr steigt er deutlich auf. Seine Retrospektive im Potsdamer Museum Barberini überzeugte mit wichtigen Bildzyklen des gefeierten Malers und trumpfte mit diversen bisher nicht ausgestellten Werken auf. Außerdem bewies Richter, der die Nummer eins auf dem Kunstmarkt bleibt, dass er sich nicht vereinnahmen lässt. Florian Henckel von Donnersmarck, der in „Werk ohne Autor“ Richters Biografie zum Hollywood-Epos aufblies, bekam von Richter die kalte Schulter gezeigt.

PUSSY RIOT (NEU)

16 Die vielleicht mutigsten Aktivistinnen der Welt in einem Ranking? Pussy Riot selbst würden wahrscheinlich mit den Schultern zucken. Sie verabscheuen Personenkult und Hierarchien, vor Repressalien schrecken die Feministinnen ohnehin nicht zurück. Seit ihrem „Punk-Gebet“ 2012 in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale sind sie weltberühmt. Diesen Juli stürmten vier Pussy-Riot-Aktivisten das Spielfeld des Fußball-WM-Finales, um auf Menschenrechtsverletzungen in Russland aufmerksam zu machen. Tapferkeitsmedaille!

Miuccia PRADA

17 Andere Privatsammler beneiden sie um ihr Hirn, öffentliche Institutionen um ihr Geld: Miuccia Prada hat ihre Fondazione in Mailand und Venedig zur Plattform für die herausragenden Künstler, Kuratoren und Denker der Gegenwart gemacht. Ob eine Ausstellung zur Kunst aus Mussolinis Zeiten, eine Schau, die sich von Adornos kalifornischem Exil über Heideggers Schwarzwaldhütte zu Wittgensteins norwegischem Haus bewegt, oder ein Rechercheprojekt zu einem afroamerikanischen Fotoarchiv: Auch 2018 erkundete die Fondazione Prada neues Terrain.

Glenn D. LOWRY

18 Sein Zahnpastalächeln ist unfassbar amerikanisch, seine Position als mit Millionengehalt überhäufter Direktor des New Yorker Museum of Modern Art unangefochten – und anlässlich einer neuen Erweiterung, die 2019 abgeschlossen sein soll, bringt er sogar das Ausstellungskonzept des ehrwürdigen Museums in Bewegung: „Wir behaupten nicht mehr, dass man die Geschichte der Moderne linear erzählen kann“, sagte Lowry im Interview im Februarheft von Monopol. So sieht Fortschritt aus.

Jerry SALTZ

19 Von wegen Kunstkritik ist tot: Im Frühjahr erhielt Jerry Saltz, Kritiker beim „New York Magazine“, einen Pulitzer Prize für seinen Essay „My Life As a Failed Artist“. In dem autobiografischen Text schildert Saltz, wie er in jungen Jahren als Künstler scheiterte. Er kommt damit dem Wesen der Kunst so nah, dass man ihm sofort eine Ausstellung geben möchte. Oder zumindest manche Blödelei auf seinem Instagram-Account verzeiht.

BRUCE NAUMAN, unsere Nummer acht, begeisterte mit seiner großen Retrospektive in Basel und New York. Hier: „MAKE ME THINK ME“, 1993


FRANK GEHRY entwarf für die Sammlerin MAJA HOFFMANN (Platz sieben) das Gebäude der LUMA FOUNDATION in Arles


BANKSY (NEU)

20 Die zunehmende Absurdität des Kunstmarkts ist ein Witz, den sich mancher Sammler allzu gern selbst erzählt: Nur wer von allen guten Geistern verlassen agiert, erweist sich als wahrer dionysischer Machtmensch. Mit seinem auf einer Auktion sich selbst schreddernden Kunstwerk hat der britische Street-Art-Künstler Banksy die wohl bitterste Pointe des Kunstjahres geliefert. Man mag Banksy Populismus vorwerfen, aber die anhaltenden Diskussionen um seine Aktion zeigen, dass er einen Nerv getroffen hat. Der Todestrieb unserer Gesellschaften hat ein bedrohliches Maß erreicht.

Loïc GOUZER (NEU)

21 In seiner Freizeit ist er Speerfischer, hauptberuflich jagt er als Co-Chairman of Post-War and Contemporary Art beim Auktionshaus Christie’s nach den großen Fischen des Kunstmarkts. 2015 fädelte der 38-jährige Schweizer den Verkauf von Picassos „Les Femmes d’Alger“ für 180 Millionen Dollar ein – die höchste je bei einer Auktion gebotenen Summe. Ende 2017 dann entfachte Gouzer um Leonardo da Vincis „Salvator Mundi“ trotz umstrittener Provenienz und Qualität einen solchen Hype, dass das Werk für unfassbare 450 Millionen Dollar zugeschlagen wurde. Gouzer hat eine neue Form der Versteigerung eingeführt, die „kuratierte Auktion“, zusammengestellt nach Themen und Geschmack statt nach Epochen und Stilen. Damit trifft er den Nerv einer neuen Klientel, die sich kaum um kunstgeschichtliche Kategorien schert, aber alles für das Gefühl der Einzigartigkeit gibt. Der nächste Coup soll für Gouzer in diesem Spätherbst folgen – mit einem „Pool“-Bild von David Hockney.

David ZWIRNER

22 25 Jahre ist es her, dass der Kölner David Zwirner in New York seine erste Galerie eröffnete. Heute hat er fünf Standorte, ist Platzhirsch auf den Kunstmessen der Welt und hat nur noch Larry Gagosian über sich – allerdings strahlt Zwirner nicht nur Geld und Macht aus, sondern überraschenderweise immer noch Geschmack.

Kehinde WILEY

23 Sein im Februar vorgestelltes Porträt von Barack Obama markierte einen Höhepunkt in der Laufbahn von Kehinde Wiley. Für seine im Oktober eröffnete Soloschau im Saint Louis Art Museum porträtierte der 1977 in Los Angeles geborene Maler dann Menschen, die er auf Streifzügen durch St. Louis oder das benachbarte Ferguson kennenlernte. Repräsentation, Macht, Identität – Wiley geht Fragen nach, die weit über die Kunstwelt hinaus Bedeutung haben.


CANDICE BREITZ engagierte sich für Sexarbeiterinnen und zeigte: Man kann auch mal eine große Klappe haben
CANDICE BREITZ „TLDR“, 2017, FILMSTILL, FEATURING ZOE BLACK


Hito STEYERL

24 Hito Steyerl, 1966 in München geboren, wurde mit ihrer kapitalismuskritischen und doch hedonistischen „Factory of the Sun“ im deutschen Venedig-Pavillon 2015 international berühmt. In ihren Werken lichtet sie das Gestrüpp von Politik, Finanzen und Krieg in der digitalen Ära. Ende 2017 war sie die erste Künstlerin, die die „Power 100“- Liste des britischen „ArtReview“-Magazins anführte. Und im kommenden Februar wird Steyerl der Käthe-Kollwitz-Preis der Berliner Akademie der Künste verliehen.

Candice BREITZ

25 Vielleicht ist es die jahrelange künstlerische Beschäftigung mit Celebritys, die Candice Breitz gelehrt hat: Man kann auch ruhig mal eine große Klappe haben. Sie war eine der Wortführerinnen der Unterschriftenkampagne für mehr Diversität in den Museen, die sich an einer Schau im NRW-Forum entzündete. Und mit ihrer eigenen Videoarbeit über Sexarbeit in ihrem Geburtsland Südafrika, die auf der Messe in Basel beeindruckte, setzte die Videokünstlerin den politischen Aktivismus auch ästhetisch treffend um.

Manuela & Iwan WIRTH

26 Auch 2018 wieder platzieren die Schweizer Galeristen ihre Künstler in den Top-Museen der Welt. Sie eröffneten eine neue Galerie in Sankt Moritz (die 9. Dependance weltweit), und seit Dezember haben sie auch ein eigenes Magazin, es heißt „Ursula“. Gerüchte, nach denen die Galerie Hauser & Wirth 2019 ein eigenes Auktionshaus aufmacht, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz übernimmt und die kommende Venedig-Biennale in „Iwans Wohnzimmer“ umbenennen lässt, wurden nicht bestätigt. Bislang.

Hans Ulrich OBRIST

27 Die ganze Kunstwelt kennt Hans Ulrich Obrist, und so hat der Co-Direktor der Serpentine Gallery ein besonderes Begrüßungsritual entwickelt. „Oh, hello, how are you?“, fragt der Schweizer Kurator in melodischem Englisch und reicht den Neuankömmling schon an einen Umstehenden weiter: „Do you know each other?“ So bleibt der Small Talk kurz, entstehen möglicherweise interessante Verbindungen. Denn Obrist ist Netzwerker aus Überzeugung: Die Welt ist zu aufregend, ihre Probleme zu groß, um sie nicht auch durch die Brille eines Jazzmusikers, Architekten oder App-Entwicklers zu betrachten. So zweifeln wir nur leise an seinem exzentrischen Kleidungsstil – vermutlich ist der wichtigste Impulsgeber der zeitgenössischen Kunst auch modisch einfach einen Schritt voraus.

Monika SPRÜTH & Philomene MAGERS

28 Ein Imperium war nie der Plan, aber die Galerie Sprüth Magers wächst und wächst, über Berlin und London bis nach Los Angeles. Und zwar nicht, weil Monika Sprüth und Philomene Magers die Welt beherrschen wollen. Sie wollen Künstlern und vor allem Künstlerinnen, die sie gut finden, ein optimales Forum bieten – von Cindy Sherman bis Barbara Kruger, von Reinhard Mucha bis Ryan Trecartin. Und das merkt man, bei jedem Messeauftritt und bei jeder Galerieausstellung.

Isa GENZKEN & Albert OEHLEN

29 Wer 23 ist und Künstler werden will, orientiert sich an ihr. Oder an ihm. Die deutsche Bildhauerin und der deutsche Maler haben durch die Konsequenz ihres Schaffens das Stadium größtmöglicher Autonomie erreicht.

Gabi NGCOBO (NEU)

30 Man kann nicht gerade behaupten, dass sich die Kuratorin der Berlin Biennale allzu sehr eingeschmeichelt hat bei der Öffentlichkeit. Aber niemand hat gesagt, dass man die Welt umarmen muss, um sie zu ändern. Ngcobos Biennale war ein konsequentes Statement in politisch prekären Zeiten.

Klaus BIESENBACH

31 Kreative Energie zieht ihn an, und er weiß sie zu bündeln – das hat der deutsche Kurator als Gründer des Ausstellungsortes Kunst-Werke in Berlin und später als Chefkurator am Museum of Modern Art in New York bewiesen. Der Wechsel in die aufstrebende Kunstmetropole Los Angeles, wo Biesenbach künftig den Direktorenposten am Museum of Contemporary Art übernimmt, ist da nur schlüssig.

Julia STOSCHEK

32 Die Screen Queen zeigt weder beim Clubben noch bei der Wahl ihres Outfits jemals Schwäche, sie schnappt den großen Häusern die besten Ausstellungen weg, und in den Dependancen ihrer Sammlung demonstriert sie souverän, was ein Museum der Medienkunst leisten kann.

Susanne GAENSHEIMER

33 Die Kunstsammlung NRW ist ein schwerfälliges Schiff, das man erst mal in Bewegung setzen muss – was Susanne Gaensheimer, die das Haus seit September 2017 leitet, in diesem Jahr mit ihren Ausstellungen zu Anni Albers, Lutz Bacher oder Cao Fei und der großen „museum global“- Präsentation absolut gelungen ist.

Wu TSANG

34 Ihre Filme mit der Performerin Boychild oder auch mit der Sängerin Kelela übersetzen fluide Identitäten in flirrende Zukunftsbilder. Jetzt hat die Transgender- Filmemacherin, die 2018 als ersteartist in residency den Berliner Gropius Bau vitalisierte, auch noch den offiziellen Genialitätsstempel: Sie bekam den Genius Grant der amerikanischen MacArthur Foundation.

Hedwig FIJEN (NEU)

35 Viel ist von der Krise der Biennalen die Rede – Hedwig Fijen zeigt, wie es besser geht. Die von der Niederländerin 1996 initiierte Wanderbiennale Manifesta legte 2018 in Palermo einen überzeugenden Auftritt hin, weil sich das Kuratorenteam (bestehend zur Hälfte aus Städteplanern) schon im Vorfeld intensiv mit der Situation vor Ort auseinandergesetzt hatte. Urbanistische Studien, Workshops mit Anwohnern, Kooperationen mit Wissenschaftlern, kombiniert mit relevanter Kunst an fantastischen Orten – dieser Mix könnte Schule machen.

Patrizia Sandretto RE REBAUDENGO

36 Wenn Patrizia Sandretto Re Rebaudengo über die Kunstmesse Artissima in ihrer Heimatstadt Turin geht, hat sie nur ein Problem: Sie kommt nicht vorwärts, denn jeder will ein paar Worte mit der immer eleganten Dame mit dem Seitenscheitel wechseln. So ist das eben, wenn man einer der einflussreichsten und bekanntesten Sammlerinnen für zeitgenössische Kunst Italiens ist.

Thelma GOLDEN (NEU)

37 Die Direktorin des Studio Museum in Harlem ist eine der wichtigsten Stimmen afroamerikanischer Kunst, ihr Programm dynamisch, mutig, visionär. „Verteidigen und kämpfen“ – so umreißt Golden die aktuellen Herausforderungen der Kunstinstitutionen. 2018 wurde die Kämpferin mit der J. Paul Getty Medal geehrt.

Daniel BUCHHOLZ

38 Simon Denny. Isa Genzken. Anne Imhof. Wolfgang Tillmans. Danh Vo. Die Künstlerfamilie des Galeristen Daniel Buchholz ist generationsübergreifend unschlagbar. Und trotz neuer Filiale in New York ist seine Erscheinung immer noch so entspannt wie sein kölnischer Zungenschlag.

Njideka Akunyili CROSBY (NEU)

Es ist nicht immer angenehm, für einen Markttrend zu stehen. Aber die 1983 in Nigeria geborene Malerin, die heute in Los Angeles lebt, trägt ihre Auktionsrekorde mit Fassung und arbeitet weiter an ihrer malerischen Synthese der Farben und Formen afrikanischer und nordamerikanischer Alltagskultur.

Cao FEI (NEU)

40 Kaum ein Künstler hat sich so früh und so tief in virtuelle Welten ziehen lassen wie Cao Fei. Die Tüftlerin aus Peking, die in diesem Jahr Deutschland mit ihrer Ausstellung im K21 in Düsseldorf eingenommen hat, will nicht nur Technologien verstehen, sondern auch die Gesellschaft, die sie benutzt. Eine digitale Anthropologin mit Spaß am modernen Bildersturm.

Danh VO (NEU)

41 Der Westen steckt in der Krise. Kritische Blicke aus der sogenannten Peripherie werden da besonders wichtig. Danh Vo, der als Kind zu den vietnamesischen „Boat People“ zählte, die das Traumziel USA ansteuerten, betrachtet den amerikanischen Traum mit großer Skepsis. Er ließ eine Replik der Freiheitsstatue herstellen, die er aber nicht zur Symbolfigur zusammenfügte, sondern fragmentarisch in alle Welt verkaufen ließ. Seine rätselhafte, aber gerade durch Sperrigkeit im Gedächtnis haftende Readymade-Kunst war im Frühjahr in der Rotunde des New Yorker Guggenheim zu sehen. Angekommen. Beunruhigend.

Udo KITTELMANN

42 Als Kurator hat Udo Kittelmann immer schon nach den Entdeckungen am Rande des üblichen Kanons geforscht. In diesem Jahr hat der Direktor der Berliner Nationalgalerie sich und sein Haus mit ganzer Kraft in die Revision der Sammlung aus globaler Perspektive geworfen – und dann das Ganze mit kokettem Understatement „Hello World“ genannt. Hallo zurück, Udo!

Amy SHERALD (NEU)

43 Seitdem ihr offizielles Porträt der ehemaligen First Lady Michelle Obama in der Washingtoner National Portrait Gallery hängt, hat die Malerin aus Baltimore einen großen Namen, und viele kleine afroamerikanische Mädchen auf Museumsbesuch können sich über ein Vorbild mehr freuen.

TOMÁS SARACENO „AEROCENE, LAUNCHES AT WHITE SANDS (NM, United States)“, 2015


TOMÁS SARACENO glaubt fest an ein „Luftzeitalter“, in dem fossile Brennstoffe abgeschafft sind


Mit ihrer großen Einzelausstellung in Basel machte RAPHAELA VOGEL, Platz 64, auf sich aufmerksam: „UTERUSLAND“, 2018, Ausstellungsansicht „ULTRANACKT“, Kunsthalle Basel, 2018


Thaddaeus ROPAC

44 In Salzburg ist das Stammhaus, dazu betreibt der 1960 in Kärnten geborene Galerist Thaddaeus Ropac Dependancen in Paris und London. Neben seinem ausgeprägten Gespür für Qualität und Marktchancen von Künstlern ist der Österreicher auf Nachlässe spezialisiert – etwa von Beuys, Rauschenberg oder Sturtevant – und kann Werke daraus bis heute teilweise exklusiv verkaufen. Neuerdings kooperiert Ropac mit der Judd Foundation – und stellt Werke des 1994 verstorbenen Donald Judd ab kommenden April in seiner Galerie im Pariser Stadtteil Marais aus.

Alicja KWADE (NEU)

45 Wenn ein neuer Museumsanbau eröffnet, der weithin gefeiert wird, wie in diesem Jahr in Mannheim, und wenn dann eine am Seil schwingende Bahnhofsuhr das weitläufige Foyer durchmisst, als leichtes, bewegliches Gegengewicht zu einem wie immer bleischweren Gemälde von Anselm Kiefer, dann ist das ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Berliner Bildhauerin Alicja Kwade es endgültig in die Oberliga der zeitgenössischen Kunst geschafft hat.

Simon DENNY (NEU)

46 Der gebürtige Neuseeländer vermisst eine Welt, die mit Datenströmen überzogen ist, und nimmt die Technologien hinter Bitcoins und NSA-Überwachung auseinander. Es braucht dringend Künstler wie ihn, die die Beobachter im Auge haben.

François PINAULT

47 Pinault versus Arnault, das heißt auch Gucci gegen Louis Vuitton. Was den Geschäftserfolg angeht, hat François Pinaults Luxusmarke Gucci zurzeit die besseren Karten. Aber die Fertigstellung des neuen Museums des superreichen Sammlers in Paris zieht sich – nun ist die Eröffnung für 2019 angekündigt. Der Kampf der Modetitanen und führenden französischen Kunstmäzene geht wohl ewig weiter. „Débout!“ (Steht auf!) hieß die letzte Pinault-Ausstellung in Rennes gemäß der Internationale – der Privatsammler zeigte ausgerechnet sozialkritische Kunst aus seiner Kollektion.

Ed ATKINS

48 Der Brite mit der eindrücklichsten Stimme der Gegenwartskunst hat es geschafft, die glatten Oberflächen unserer digitalen Umwelt unentwirrbar mit den unordentlichen, Schleim produzierenden Körpern zu verbinden, aus denen wir immer noch nicht herauskommen. Kaum jemand findet so präzise Bilder und Worte für die Manipulation unserer Wahrnehmung durch Datenmengen. Gleichzeitig zeigt Atkins, was Kunstgenuss schon immer war: Empathie für tote Bilder.

Forensic ARCHITECTURE (NEU)

49 Ein Kunstkollektiv ohne Ego, das Gerechtigkeit fordert. Was zu schön klingt, um wahr zu sein, erfüllen die Londoner Forensic Architecture mit ihren aufsehenerregenden Projekten. Mit kriminalistischen Methoden rollten die Künstler den NSU-Mord in Kassel oder den Tod von Migranten auf dem Mittelmeer auf und liefern Beweise für staatliche Versäumnisse und Menschenrechtsverstöße. Die Turner- Prize-Nominierung 2018 gefällt nicht allen, weil sie die Forschung gefährlich nah ans Entertainment rücken könnte. Gesehen werden sollte die Faktenkunst mit Haltung in Fake-News-Zeiten allemal.

Anne IMHOF

50 Von ihrem preisgekrönten Auftritt auf der Venedig- Biennale 2017 waren auch in diesem Jahr noch Nachbeben zu spüren. 2019 sollte man sich für ihren Ausbruch aus dem Museumsraum bereit machen. In der Salzwüste des Death Valley wird die Königin der Düsternis eine neue Arbeit realisieren.

Joan JONAS (NEU)

51 Unvergesslich, wie die über 80-Jährige diesen Sommer in der Tate Modern tanzte: in der nach langer Zeit wiederaufgeführten Performance „Mirage“. Filmprojektion und Choreografie, Vulkaneruption und Körper verdichten sich da zu einem Energiepaket. In London war die gewaltige Bandbreite der New Yorkerin zu sehen: multimediale Installationen, Zeichnungen, Filme. Jonas’ im Kern performative Kunst beruht auf einem kumulativen Prozess, in dem Motive und Konzepte wieder aufgegriffen, modifiziert und verdichtet werden. Künstlerische Reife ist hier kein leeres Wort. Das Münchner Haus der Kunst wollte die Tate-Schau übernehmen – und sparte sie ein. Schwerer Fehler!

Nicole EISENMAN

52 Von Trump lässt sie sich nicht einschüchtern. Sie malt lieber Bilder über die politische Misere ihrer US-Heimat. Bis Februar sind die neuen Werke von Nicole Eisenman in der Kunsthalle Baden-Baden zu sehen. Die skurrilen Figurenerfindungen der 1965 in Frankreich geborenen Malerin sind stets vom Alltag und von aktuellen gesellschaftlichen Fragen inspiriert. In Münster setzt sich eine Bürgerinitiative dafür ein, dass Eisenmans bei den Skulptur Projekten 2017 aufgestellter Figurenbrunnen dauerhaft an der Kreuzschanze bleiben kann. Wir sind unbedingt dafür!

Massimiliano GIONI

53 Auf einer Biennale oder einem Sponsoren-Dinner, neben einem Konzeptkünstler oder einer Celebrity: Der 1973 bei Mailand geborene Leiter des New Museum in New York navigiert stets galant durch Höhen und Tiefen der Kunstwelt. Und hält dabei auch sein Haus auf Kurs: Mit Ausstellungen von Hiwa K bis Kahlil Joseph, von Sarah Lucas bis Thomas Bayrle war das New Museum auch 2018 eine Top-Adresse für zeitgenössische Kunst in den USA.

Marion ACKERMANN (NEU)

54 Ob im Streit um den Umgang mit DDR-Kunst oder mit Kunst aus der Kolonialzeit, ob sie von der AfD attackiert wird oder zu #MeToo Stellung nehmen soll: Die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden behauptet sich in populistischen Zeiten durch ihre differenzierte, sachliche Art. Im Frühjahr 2018 konnte die Leiterin der zweitgrößten Museumslandschaft Deutschlands einen Coup landen, als Erika Hoffmann die Schenkung ihrer umfangreichen Sammlung nach Dresden bekannt gab.

Yilmaz DZIEWIOR

55 Auch in seinem vierten Jahr als Direktor des Kölner Museums Ludwig schlug Yilmaz Dziewior mit starken Einzelpositionen Wellen: Die Retrospektiven von James Rosenquist und Haegue Yang setzen Standards und machen Lust auf die große Ausstellung mit Wade Guyton 2019. Auffällig die Loyalität, mit der der 1964 in Bonn geborene Museumsmann das Werk einiger Künstler auf den Stationen seiner Laufbahn immer wieder zeigt und so für den jeweiligen Ort – vom Kunstverein über das Kunsthaus zum Museum – neu definiert. Solche Treue tut gut in der hektischen Kunstwelt.

Franciska ZÓLYOM (NEU)

56 Während das große Fazit erst nach der Venedig-Biennale 2019 folgen dürfte, hat sich Franciska Zólyom, die Kuratorin des deutschen Pavillons, bereits die größten Vorschusslorbeeren verdient. In Venedig wird sie die Künstlerin Natascha Sadr Haghighian zeigen, die sich kurzerhand einen Algorithmus-perfektionierten neuen Namen gegeben hat. Eine elegante Volte um die Fangfrage der Herkunft und ein Versprechen für einen aufregenden Pavillon.

Arthur JAFA

57 Im Frühjahr erzählte der US-Künstler auf einer Podiumsdiskussion, dass er ursprünglich Architekt werden und Häuser wie einen Miles-Davis- Song bauen wollte. Daraus wurde nichts. Aber seine hochpolitischen Musikvideos und Collagen, die 2018 in der Julia Stoschek Collection Berlin gezeigt wurden, haben die Blue Notes in die Notationen der zeitgenössischen Kunst gebracht.

Kasper KÖNIG

58 Manche nennen ihn eine Kuratoren-Legende, wir nennen ihn den Libero der deutschen Kunst szene. Mit Fahrrad oder ohne entert der ehemalige Direktor des Museums Ludwig die Szene, lässt seinen unbestechlichen Blick schweifen und kommentiert völlig unbeschwert von institutionellen Banden die Absurditäten der Gegenwartskunst. Kürzlich landete unser Kolumnist sogar auf dem Cover des „ZEITmagazins“ – im Friseurumhang. Entscheidend ist die Eleganz des Geistes.

Theaster GATES (NEU)

59 Obwohl weltberühmt, hat Theaster Gates „seine“ South Side in Chicago nie im Stich gelassen. Der gelernte Stadtplaner, Archivar der schwarzen US-Kultur, Sänger der Black Monks of Mississippi und einschüchternd vielseitige Künstler lebt immer noch in der verarmten Gegend der US-Metropole. „Real Estate Art“ nennt Gates die Praxis, ein heruntergekommenes Quartier umzukrempeln, indem er etwa in einem längst verlassenen Bankgebäude ein Kulturzentrum einrichtet. Jüngst widmete er sich im Kunstmuseum Basel dem Kult der Schwarzen Madonna.

DANH VO begeisterte mit seiner Ausstellung im New Yorker Guggenheim Museum: Platz 41. Hier das Werk „TAKE MY BREATH AWAY“, 2018


DANH VO betrachtet den amerikanischen Traum mit großer Skepsis


HEDWIG FIJEN, Platz 35, erfindet als MANIFESTA-Chefin das Format der europäischen Biennale neu – hier: MARINELLA SENATORES Performance bei der MANIFESTA in Palermo


Sophie CALLE (NEU)

60 In einer Ausstellung gleichzeitig vom Tod der Hauskatze und vom Tod des eigenen Vaters erzählen – das kann wohl nur Sophie Calle gelingen. Ihre Schau im Pariser Jagdmuseum gehörte zum schönsten und zum erschreckendsten Erlebnis des Kunstjahres, weil es der Französin stets um alles geht: Neurosen und Ängste, Gewalt, Liebe, Sex, Tod.

Bernard ARNAULT

61 Seine Fondation Louis Vuitton ist ein Machtzentrum der Kunstwelt, seine Sammlung ständig auf Weltreise. Bernard Ar nault ist der reichste Mensch Europas, in seinem Superlative-Museum in Paris geben sich die großen Künstler die Klinke in die Hand. Manchmal kann man Geschmack eben doch kaufen.

Olu OGUIBE (NEU)

62 Sein Documenta-Monument für Gastfreundschaft hat über ein Jahr lang die Gemüter erhitzt – was nur deutlich macht, wie viele Nerven es getroffen hat. Nun soll der „Fremdlinge und Flüchtlinge“-Obelisk schließlich doch noch einen Platz in Kassel finden, wo er immer an einen kippeligen politischen Moment in der deutschen Geschichte erinnern wird.

Laure PROUVOST (NEU)

63 Der Surrealismus steht in unserer nervös-politischen Gegenwart nicht eben hoch im Kurs – das macht die 1978 geborene Künstlerin zu einer Ausnahmeerscheinung. In den Filminstallationen der Französin taucht man durch ein Labyrinth aus Kunstgeschichte und Alltag, Surrealem und Subversivem. Für „Wantee“, eine fiktive Teezeremonie zwischen Kurt Schwitters und ihrem eigenen Großvater, erhielt Prouvost 2013 den Turner Prize, 2018 wurde sie zur Künstlerin des französischen Pavillons für die kommende Venedig-Biennale er nannt. Die Reise geht weiter.

Raphaela VOGEL (NEU)

64 Raphaela Vogel hat 2018 eine rasante Rutschfahrt nach oben hingelegt. Die in Nürnberg und am Städel ausgebildete Bildhauerin zeigte eine fulminante Einzelschau in der Kunsthalle Basel, legte im Leopold-Hoesch-Museum in Düren ein kongeniales Duo mit Paul Sochacki hin und bespielt jetzt die Berlinische Galerie. Vogels Installationen und Filme beweisen großes Raumgefühl, ihre Gesten zwischen Hysterie und Coolness treffen den Nerv der Gegenwart – und den der Zukunft gewiss auch.

Carolyn CHRISTOVBAKARGIEV (NEU)

65 Wo sie auftaucht, geht ein Raunen durch den Saal, erstarren Künstler in Ehrfurcht. So mag die amerikanisch- italienische Kunsthistorikerin, die 2012 die Documenta leitete, offiziell als Direktorin des Turiner Museums Castello di Rivoli fungieren. Die Indizien aber sind klar: CCB bereitet die Weltkunstherrschaft vor.

Huma BHABHA (NEU)

66 Ihren Riesen lag im Sommer ganz Manhattan zu Füßen. Nicht nur auf dem Dach des Metropolitan Museum in New York beweist Huma Bhabha, dass sie die eindrucksvollsten Monster für unsere monströse Gegenwart schafft.

Julian CHARRIÈRE

67 Wenn der 31-jährige gebürtige Schweizer mal Urlaub macht – was fast nie passiert –, steht er mitten in der Nacht auf und steigt auf den Ätna. Ansonsten ist er weltweit für seine abenteuerlichen Projekte unterwegs, vom Bikini-Atoll bis nach Mexiko. In diesem Jahr war er auch mal kurz in seiner Heimat Berlin zu sehen – um den Gasag-Kunstpreis in Empfang zu nehmen.

Cady NOLAND (NEU)

68 Auf den Protestmärschen gegen Donald Trump sieht man immer wieder ältere Damen, die es selbst nicht glauben können, dass sie wieder auf die Straße gehen. Auch die Kunst von Cady Noland (die dem Betrieb eigentlich den Rücken gekehrt hat) wirkt im MMK in Frankfurt am Main zeitgemäßer denn je. Die Kehrseite des amerikanischen Traums, die alltägliche Gewalt und die gebrochenen Versprechen der Mächtigen verdichtet die Künstlerin zu beklemmenden Szenarien, die auch in Trumpland spielen könnten.

Sheikha Hoor AL-KASIMI

69 Die vielbegabte Herrschertochter hat das Emirat Schardscha an die Kulturspitze geführt. Die 1980 geborene Sheikha sitzt im Board of Directors des MoMA PS1 und im Vorstand der KW Institute for Contemporary Art in Berlin. Seit 2003 organisiert sie die Schardscha-Biennale und hat im Oktober dort das Africa Institute eröffnet, das den Austausch zwischen den Golfstaaten und afrikanischen Ländern fördern soll.

SARAH LUCAS „SADIE“, 2015


SARAH LUCAS hat der Medienblase den Mittelfinger und verlässlich gute Kunst gezeigt


Lynette YIADOM-BOAKYE (NEU)

70 Die britische Malerin Lynette Yiadom-Boakye hat nicht nur einige der eindrücklichsten Werke der Berlin Biennale 2018 geschaffen, sie gehört auch zu den besten Porträtmalerinnen der Gegenwart. Ihre Protagonisten sind aus der Zeit gefallen, seelenvoll und in sich selbst vertieft. Dass sie schwarze Körper mächtig und verletzlich zugleich zeigt, sollte selbstverständlich sein – ist es aber leider noch immer nicht.

Stephanie ROSENTHAL (NEU)

71 Seit Februar 2018 ist Stephanie Rosenthal Direktorin des Berliner Gropius Baus, und wie sie es in dieser Zeit geschafft hat, das Haus frisch zu durchlüften, ist bewundernswert. Das Licht ist wieder da im umgestalteten Gebäude, und gemeinsam mit Lee Bul ließ sie dort ein strahlendes Raumschiff landen.

Johann KÖNIG

72 Er weiß jeden zu bedienen: Über seine Merchandise-Linie vertreibt Johann König Leggings (69 Euro), er vertritt aber auch die Künstlerin des deutschen Pavillons auf der Venedig-Biennale 2019. Der 37-Jährige betreibt Räume im steuerfreundlichen London und in Berlin den fiebrigsten Ausstellungsraum der Stadt, wo Großstadthipster Coolness tanken und Sammler Großstadthipness und Wirtschaftsunternehmen auch mal Meetings abhalten. Wie die großen Player schmückt er sich mit einem eigenen Magazin, interessanter ist sein Instagram-Account. Frei von Berührungsängsten steuert Johann König hochtourig durch Täler und Berge der Kunstwelt. Wir treten beiseite und ziehen anerkennend die Cap (erhältlich bei König Souvenir, 50 Euro).

Caroline BOURGEOIS

73 Als Chefkuratorin der Pinault Collection berät sie einen der mächtigsten Kunstsammler der Welt bei seinen Ankäufen. Gern gesehen auf internationalen Kunstevents ist die 1959 geborene Schweizerin aber auch als Genussraucherin und begnadete Tänzerin. Madame Bourgeois lässt sich nicht bitten.

Kerstin BRÄTSCH

74 Kerstin Brätsch, häufig auch als Teil des Duos Kaya unterwegs, braucht keinen pseudoschicken Post-Internet-Habitus, um ihre absolute Zeitgenossenschaft zu zeigen. Wie sie Malerei mit Performance und Fashion zu einer umfassenden Praxis verschmilzt, ist so souverän wie einzigartig. 2019 freuen wir uns auf ihre Ausstellung zum neuen Edvard Munch Art Award im Munch Museum in Oslo.

Esther SCHIPPER

75 Sie sitzt im Komitee der Frieze New York und zählt zu den Mitbegründern des Berliner Gallery Weekend. Die Galeristin Esther Schipper setzt auf kühne Konzeptkunst, zu den über 40 Künstlern ihrer Galerie in der Potsdamer Straße gehören Stars wie Angela Bulloch, Liam Gillick, Philippe Parreno, Pierre Huyghe. 2018 hatte Schipper Ausstellungen von Ceal Floyer, Simon Fujiwara oder Martin Boyce im Programm, außerdem eine Gruppenschau mit Positionen aus Brasilien – eine Antwort auf die globalisierte Welt, die nicht mehr nur von einem Standort aus betrachtet werden will.

Oscar MURILLO (NEU)

76 Andere wären an solch einem kometenhaften Aufstieg auf dem Kunstmarkt zerbrochen. Doch auch als Auktionsliebling und Schützling des mächtigen David Zwirner zieht der 32-jährige, in Kolumbien geborene Oscar Murillo seine Kraft immer noch aus dem sozialen Engagement – das Ergebnis konnte man unter anderem auf der vergangenen Berlin Biennale sehen.

Daniel HUG

77 Seit zehn Jahren schon agiert der Amerikaner erfolgreich auf dem Direktorenposten der Art Cologne und hat trotz der ständigen Turbulenzen im Kunstmarkt Kurs gehalten. Die neue Tochter Art Berlin entwickelt sich gut, die neue Konkurrentin Art Düsseldorf hat nach dem angekündigten Ausstieg der Schweizer Messegesellschaft MCH einiges von ihrem Schrecken verloren: Sie können sich entspannen, Mr Hug.

Elmgreen & DRAGSET

78 Sie sind die großen Geschichtenerfinder der Gegenwartskunst. Und die Ideen scheinen dem Dänen Michael Elmgreen und dem Norweger Ingar Dragset nicht auszugehen. Jüngster Streich: ein Swimmingpool in der Londoner Whitechapel Gallery, um den sich tragikomische Storys ranken, und Seesterne auf dem Pariser Place Vendôme, wie von einem Tsunami hinterlassen.

Pierre HUYGHE

79 Umwelt ist nicht nur sein zentrales Thema. Lebendigkeit zeichnet auch die Ästhetik des 1962 in Paris geborenen Pierre Huyghe aus. Oft sind Tiere Teil seiner Werke, deren Dynamik sich nie voraussehen lässt. Bereits legendär: sein Documenta-Biotop von 2012, das von Bienen und einer Hündin bevölkert war. Huyghe ist ein Meister des Kontrollverlusts, das zeigen diverse Projekte des Künstlers in diesem Jahr. Seine noch bis Februar laufende Soloschau „UUmwelt“ in der Londoner Serpentine Gallery ist ein posthumaner Albtraum, eine Warnung. Und Huyghe eine Stimme, der wir Gehör schenken sollten.

Emeka OGBOH

80 Sein Schaffen reicht von Klangkunst über Film bis zum Bierbrauen, und stets mixt er darin diverse Zutaten, Kulturen, Geschmäcker. Emeka Ogboh, 1977 in Nigeria geboren und in Berlin, Lagos und Paris zu Hause, spürt der Alltagsrealität in unserer migrantisch geprägten Gegenwart nach. 2018 inszenierte er ein Modeshooting mit deutsch-afrikanischen Designern an Schauplätzen der deutschen Kolonialgeschichte und traf damit den Zeitgeist: kosmopolitische Lässigkeit – und dahinter die alten und neuen politischen Abgründe.

Amy SILLMAN

81 Die 1955 geborene Amy Sillman, deren Werke aktuell in einer großen Soloschau im Camden Arts Centre in London zu sehen sind, hat ein neues Stilmittel in die Malerei eingeführt: Ehrlichkeit. Ihre Abstraktionen erzählen von Scham, Unbeholfenheit und den Missgeschicken des Alltags, sie brauchen weder alte Heldengeschichten noch Mitleid. Und sie sprechen einer jungen Generation aus der Seele.

Roberta SMITH

82 Die Kritikerin der „New York Times“ erträgt klaglos die Ehe mit dem Selbstdarsteller Jerry Saltz (Platz 19). Und schreibt noch immer die fundiertesten Rezensionen der internationalen Kunstwelt. Was sie in der vielfältigen Kunstmetropole New York alles in den Blick nimmt, kann man auch auf ihrem Instagram-Account sehen, den sie als sachliche Berichterstatterin füllt, nicht als Provokateurin.

Bonaventure Soh BEJENG NDIKUNG

83 „Berlin ist die postkolonialste Stadt“, hat Berlinale-Kuratorin Gabi Ngcobo provokativ verlauten lassen. Für die besten Debatten rund um Identitätspolitiken muss man jedoch in den Wedding reisen, wo Bonaventure Soh Bejeng Ndikung in seinem Projektraum Savvy Contemporary die Köpfe rauchen und die Herzen in Flammen aufgehen lässt. Nirgendwo sonst kommen Kunst, Theorie und Funk so selbstverständlich zusammen, nirgendwo sonst klingt postkoloniales Denken so mitreißend.

Ian CHENG

84 Das Kunstwerk lächelt zurück. In diesem Sommer schuf Ian Cheng in der Londoner Serpentine Gallery eine künstliche Intelligenz, die sich Mimik einprägt und mit den Besuchern interagiert. Mit seinen Simulationen, dem Werk ohne Künstler, balanciert Cheng zwischen Faszination und Unbehagen gegenüber der schöpferischen Maschine. Und bringt damit die gemischten Gefühle auf den Punkt, mit denen wir den technischen Fortschritt beäugen.

Neïl BELOUFA

85 Wenige Künstler seiner Generation riskieren so viel wie der 1985 geborene Pariser, dessen vielfältiges Werk als Bildhauer und Filmemacher von einer heftigen intellektuellen Nervosität und Zweifeln an seiner eigenen Rolle zeugt. Seine Ausstellung vergangenen Winter im Palais de Tokyo in Paris war ein großartiger visueller Essay über die Erregungskultur unserer Zeit, in der Kunst zur Kulissenschieberei verkommt.

Anne PASTERNAK (NEU)

86 Während in Deutschland die #MeToo-Debatte in der Kunstwelt in einer unbefriedigenden Stille versackt ist, hat der Widerstand gegen sexuelle Gewalt und Machtmissbrauch in den USA durch die Ernennung von Bundesrichter Brett Kavanaugh neue Munition erhalten. Auch die Direktorin des New Yorker Brooklyn Museum, Anne Pasternak, berichtete von wiederholten sexuellen Übergriffen während ihrer Karriere und forderte ihre Kollegen auf, Haltung zu zeigen. Das vergangene Jahr hat gezeigt, dass Millionen persönlicher Geschichten nicht genug sind, um Machtstrukturen zu verändern, also muss die Diskussion in den Institutionen weitergehen. Wir brauchen Museumsleute, die sich einmischen.

Sarah LUCAS (NEU)

87 Sarah Lucas ist von allen „Young British Artists“ am besten gealtert und hat der Medienblase den Mittelfinger und verlässlich gute Kunst gezeigt. Mit ihrer ersten Soloschau im New Museum in New York hat sie nun auch die USA erobert. Ihr auf Krawall gebürsteter, anzüglicher Humor und ihre prophetischen Selbstporträts lassen ihre Arbeiten auch 30 Jahre nach ihrem Durchbruch relevant, frisch undvery British aussehen.

Natascha SÜDER HAPPELMANN (NEU)

88 Mit ihrer Pressekonferenz mit Felsen auf dem Kopf hat Natascha Süder Happelmann für eines der Kunstfotos des Jahres gesorgt. Die Künstlerin, die eine Homepage mit Zufallsgenerator für Biografien betreibt, schert sich wenig um Namen und Herkünfte und schaut trotzdem ganz genau auf kulturelle Verflechtungen. Etwas Besseres kann dem deutschen Pavillon in Venedig 2019 gar nicht passieren.

Teresa MARGOLLES (NEU)

89 Die Mordrate steigt, Teresa Margolles kämpft weiter. Die für den Hugo Boss Prize nominierte, 1963 geborene mexikanische Künstlerin schafft minimalistisch wirkende Arbeiten, die bei genauem Hinsehen von Menschen, Leid und Tod erzählen. 2018, im bisher blutigsten Jahr in der Geschichte des Drogenkriegs in Mexiko, stellte Margolles neue Werke in Mailand, Rotterdam und Berlin aus. In die dortige Daad-Galerie brachte sie ein Leichentuch, in das Berliner Migranten Fäden einnähten: Spuren der Hilflosigkeit, Solidarität, Anteilnahme. Und Nadelstiche für diejenigen, die sich in der Komfortzone wähnen.

Clare McANDREW

90 Transparenz scheut der Kunstmarkt wie der Teufel das Weihwasser. Der von Clare McAndrew jährlich verfasste „Art Market Report“ – herausgegeben von der UBS-Bank und der Messe Art Basel – sorgt dagegen mit Zahlen und Hintergründen für ein wenig Durchblick.

HAEGUE YANGS Ausstellung zum Wolfgang-Hahn-Preis im Kölner Museum Ludwig, hier: „MOUNTAINS OF ENCOUNTER“, 2008


Haegue YANG (NEU)

91 Wer immer nur an Jalousien denkt, wird der vielschichtigen Objektkunst von Haegue Yang nicht gerecht. In diesem Jahr hat die 1971 in Seoul geborene Künstlerin den renommierten Wolfgang-Hahn- Preis bekommen, verbunden mit einer Soloschau am Kölner Museum Ludwig. Die Künstlerin erzählt – mittels Jalousien, Kleiderständern oder Ventilatoren – von Industrienormen und genormtem Verhalten. In ihren Werken steckt das Drama des ferngesteuerten Alltags.

Nina ZIMMER

92 Seit 2016 leitet die 45-jährige Kunsthistorikern das Zentrum Paul Klee und das Kunstmuseum Bern im Doppelpack. In Bern fiel ihr das ambivalente Erbe der Sammlung Gurlitt in den Schoß – wie brillant sie in der Ausstellung „Bestandsaufnahme Gurlitt“ damit umging, kann man nach Bern auch in Berlin besichtigen (bis 7. Januar 2019).

Jon RAFMAN

93 Jon Rafman scheint die dunkelsten digitalen Albträume von Freud mit den Dämonen der Gegenwart zu verfilmen. Sein Lichttunnel für die Balenciaga-Show in Paris sorgte nun dafür, dass es nicht nur die Kunstwelt, sondern jetzt auch den Modezirkus wohlig gruselt. Die gelungenste Kunst-und-Fashion-Fusion des Jahres.

Kader ATTIA

94 „Our scars remind us that our past is real.“ Kader Attia ist einer der poetischsten Heiler von kolonialen Verwundungen. Seine Kunstmedizin schmeckt manchmal bitter, aber seine Methode bringt immer Erleichterung: hinschauen statt zukleistern.

Hiwa K

95 Seit seiner Beteiligung an der Documenta 14 in Athen und Kassel im vergangenen Jahr kennt ihn jeder. 2018 machte der aus dem kurdischen Irak stammende Künstler mit Einzelausstellungen im S.M.A.K. in Gent und im Kunstverein Hannover weiter. Auf der Flucht hat Hiwa K vor Jahren halb Asien und Europa zu Fuß durchmessen, jetzt durchreist er die Kontinente, ohne zum rasenden Jetset-Künstler zu werden. Seine Themen haben nicht an Aktualität verloren: Migration, Menschenwürde, Erinnerung.

Moritz WESSELER (NEU)

96 Moritz Wesseler hat in den vergangenen fünf Jahren als Direktor des Kölnischen Kunstvereins nur Einzelausstellungen gezeigt – was seine Hingabe an Künstler bezeugt und ihn als sympathisch ernsthaften Ausstellungsmacher alter Schule auszeichnet. Ironischerweise übernimmt der 38-Jährige jetzt mit dem Fridericianum in Kassel ein Haus, an dem sich die Vorgängerin Susanne Pfeffer vor allem mit ambitionierten Gruppenausstellungen weiter profiliert hat. Wir erwarten Großes!

Charles ESCHE

97 Im kommenden Frühjahr soll die Documenta-Leitung für 2022 feststehen. In der achtköpfigen Findungskommission sitzt auch Charles Esche. Was uns nicht wundert. Denn der 1963 geborene Brite steht als Direktor des Van Abbemuseum in Eindhoven, das er seit 2004 leitet, für eine Kunst des sozialen Engagements und der radikalen Ideen. Laut Esche soll ein Kunstmuseum helfen, „dass man Dinge begreift und lernt“, es gehe dabei nicht immer nur um den Spaßfaktor.

Larry GAGOSIAN

98 Noch immer ist Larry Gagosian der mächtigste Galerist der Welt, und niemand sägt ernsthaft an seinem Thron. Die anhaltende Gier nach Künstlern wie Jeff Koons oder Andy Warhol ist auch seiner cleveren Markenstrategie zu verdanken. Und so umfassende Museumsschauen wie das Warhol-Spektakel im Whitney Museum in New York (bis 31. März 2019) wären ohne Gagosian undenkbar.

Hicham BERRADA (NEU)

99 Die Materialisten sagen, dass wir etwas lieben müssen, um es schützen zu wollen. Hicham Berradas künstliche, farbexplosive Landschaften im Aquariumformat sind sinnliche Großereignisse – und das schönste Argument für einen vorsichtigeren Umgang mit der Umwelt.

Naeem MOHAIEMEN (NEU)

100 Für die Werke des 1969 in London geborenen Naeem Mohaiemen braucht man Zeit: Seine klugen politischen Filme erreichen Spielfilmlänge. Aber die Geduld lohnt sich. Völlig zu Recht ist der Teilnehmer der Documenta 14 in diesem Jahr für den Turner Prize nominiert.


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Fotos: © Kerry James Marshall. Courtesy of the artist and Jack Shainman Gallery, New York. Fotogramma/ANDBZ/ABACAPRESS/ddp images. akg-images/Niklaus Stauss. ddp/INTERTOPICS. Rick Scibelli Jr./The New York Times/laif

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Foto: Studio Tomás Saraceno, 2014, licensed under CC by Aerocene Foundation 4.0, Courtesy the Aerocene Foundation; Tomás Saraceno; Tanya Bonakdar Gallery, New York; Andersen's Contemporary, Copenhagen; Pinksummer contemporary art, Genoa; Esther Schipper, Berlin

Fotos: Andrew Phelps, Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac Paris/Salzburg. © Luise Müller-Hofstede, Courtesy the artist. © Matteo De Fina. © Calla Henkel und Max Pitegoff. Ed Atkins portrait for Monopol. Forensic Architecture. Bernd Kamerer/dpa Picture-Alliance. Philipp Hänger, Kunsthalle Basel, Courtesy BQ, Berlin und Raphaela Vogel.

Fotos: © Nadine Fraczkowski. David Pinzer, © SKD. © Robert Hamacher.© NathanPerkel. © Albrecht Fuchs. © Arne Wesenberg. Marco De Scalzi, Courtesy Fondazione Nicola Trussardi, Milan. Stefan Fischer. Julian Salinas. David Heald, © Solomon R. Guggenheim Foundation, 2018

Fotos: ©Francesco Bellina. picture alliance/abaca. imago/Hartenfelser. © Raphaela Vogel. Christophe Morin/ imago/IP3press. Bertrand Rindoff Petroff/Getty Images For Mazarine. Ilgin Erarslan Yanmaz. ©Julian Charrière, VG Bild-Kunst, Bonn 2018. David Brandon Geeting, Courtesy of Salon 94, New York and Contemporary Fine Arts, Berlin. Axel Schneider, Werk: Cady Noland „Untitled, 1997/1998”, Installationsansicht MUSEUMMMK, Leihgabe der Künstlerin. © Nato Welton

Fotos: Collection Alexander V. Petalas. Marcus Leith. Matteo De Fina, © Palazzo Grassi. GERARD JULIEN/AFP/Getty Images. © Mathias Voelzke. ©Winnie Au, Courtesy the artist and Galerie Meyer Kainer, Vienna. © Gene Glover. j.Reetz/Brauer Photos. Andreas Pein/laif. Elmar Vestner. © Ola Rindal, Courtesy the artist and Hauser Wirth

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