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Tod eines Jägers


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JÄGER - epaper ⋅ Ausgabe 20/2022 vom 14.01.2022

JÄGER THEMEN Die Akte Asche

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Die bei Ötzi gefundene Axt aus Bronze gibt Rätsel auf.

Wenn ein Jubiläum gefeiert wird, muss es nicht unbedingt ein Geburtstag sein. Als vor gut dreißig Jahren, am 19. September 1991, Erika und Helmut Simon auf einer Bergtour in den Ötztaler Alpen die mumifizierte Leiche eines Menschen fanden, war das für die moderne Archäologie ein absoluter Glücksfall. Erstmals war es möglich, anhand eines komplett erhaltenen Körpers und der Reste seiner Kleidung Rückschlüsse auf die Lebenswirklichkeit in der zu Ende gehenden Steinzeit zu ziehen. Kein Wunder, dass zunächst erbittert um die nationalen Rechte an der, im Grenzgebiet zwischen Österreich und Italien, gefundenen Leiche gerungen wurde. Auch das Kopfgeld für die Finder war Gegenstand mancher juristischer Range-lei. Schließlich erhielt Erika Simon von der Republik Italien eine Pauschalsumme von 175.000 Euro. Ihr Gatte war über den knapp zwanzigjährigen Rechtsstreit bereits ...

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... gestorben. Heute ist das alles vergessen und Ötzi ruht im steinzeithistorischen Museum in Bozen. Dort erzählt uns der „Mann vom Similaun“ eine Geschichte, die zugleich atemberaubend und dennoch alltäglich war.

Eiskalt erwischt

Der zum Todeszeitpunkt ca. 1,60 Meter große Mann war ungefähr 45 Jahre alt, als ihn der, mit einer Feuersteinspitze versehene Pfeil seines Gegners in den Rücken traf. Das Geschoss durchschlug das linke Schulterblatt, führte aber nicht unmittelbar zum Tode. Der trat vielmehr aufgrund eines eingeschlagenen Schädels ein, ob durch Sturz oder durch Schläge des Feindes, vermag man heute nicht mehr zu sagen. Durch eingehende Untersuchungen konnte der Todeszeitpunkt auf das Jahr 3258 v. Chr. festgelegt werden. Dabei ist eine Unschärfe von acht bis neun Jahrzehnten hinzunehmen. Der ca. 13 kg schwere, gefriergetrocknete Körper war in einem derart guten Zustand, dass nicht nur äußerliche Untersuchungen durchgeführt werden konnten. Auch die inneren medizinischen Parameter wurden analysiert. Wer nun aber gehofft hatte, auf einen kernigen Naturburschen zu stoßen, der wurde herb enttäuscht.

Ötzi, ein Lebemensch?

Ötzi litt zu seinen Lebzeiten an einer Vielzahl von Krankheiten, die man eigentlich eher bei zivilisationsgeschädigten Sofasitzern vermuten sollte. So stellte man fest, dass der Steinzeitmann Gallensteine und erhöhte Blutfettwerte hatte. Seine Zähne waren schon recht abgenutzt und zeigten Befall von Karies.

Aus dem Zustand seines Gebisses wurde zunächst auf eine vorwiegend vegetarische Ernährung geschlossen. Schließlich strapazierten die frühen Agrarpflanzen wie das Einkorn und dessen Verarbeitungsweise die Zähne weit mehr als Fleisch. Bevor PETA jedoch über den ersten Veggie der Geschichte jubeln konnte, fand man Ötzis Magen und analysierte den Inhalt. Dabei stießen die Pathologen auf Reste von Mahlzeiten aus Rothirsch und Steinbock. Der Zustand dieser Proben deutete darauf hin, dass dieses Wildbret entweder roh oder getrocknet und nicht gebraten verzehrt wurde. Die Hälfte des Mageninhaltes bestand dabei aus Feist, offensichtlich als Kraftspender für eine anstrengende Gebirgstour. Weitere Wegzehrung konnten die Forscher jedoch nicht feststellen. Entweder rechnete der Mann damit, zu gegebener Zeit wieder an Vorräte zu gelangen oder er konnte es sich leisten, direkt aus der Natur zu leben und jederzeit ein Feuer zu machen, um das erlegte Wild zuzubereiten.

Ein Fleischfreund

In jedem Fall war Ötzis Ernährungsweise nicht gerade ideal, um beim Internisten des Vertrauens Zustimmung zu finden. Im Geiste sieht man ihn in der Sprechstunde sitzen, während der Arzt auf die Laborwerte schaut und ernsthaft warnt: „Herr Ötztaler, sie müssen ihr Leben ändern. Denken sie an ihre Familie!“ Doch derartige Kalauer sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auch der Fleischverzehr war, der unser Gehirn auf seine heutige Größe brachte. So haben die Harvard-Historiker Lieberman und Zink entdeckt, dass das Kauen von Fleisch, erst recht, wenn es vorher klein geschnitten wurde, 46% weniger Kraft kostet als das Kauen von Wurzelgemüse. Wir legten intellektuell zu und bezahlten das von Fall zu Fall mit schlechten Blutfettwerten.

Die Steinzeitapotheke

Gegen seine Magenbeschwerden setzte der Mann aus dem Eis offenbar auf Naturheilkunde. Das wird aus Baumschwämmen deutlich, die er bei sich hatte. Deren antibakterielle Wirkung scheint früh bekannt gewesen zu sein. Weitere therapeutische Kraft versprach sich der Steinzeitmann offenbar von über 60 kleinen Tätowierungen, die als Punkte und Striche an verschiedenen Stellen seines Körpers zu erkennen waren. Wie viele Waldschrate heutzutage hatte auch Ötzi bereits eine Borreliose hinter sich.

Schwer bewaffnet

Besonders faszinierend sind aber die Waffen, die Ötzi bei sich hatte. Sein Nicker war nur mit einer sehr kurzen Feuersteinklinge ausgestattet. Man stellt sich solche Gegenstände in der Steinzeit als klassisches „Do it yourself-Produkt“ vor. Ötzi braucht ein neues Messer, bückt sich und das Werkzeug ist fertig. Doch tatsächlich war die Produktion schon damals international. Ötzis Klinge stammte aus dem Trentino, 60 Kilometer von ihrem Fundort entfernt. Die berühmten Produkte aus Levallois wurden schon damals über Handelswege von 1000 Kilometern geliefert. Eingespannt in hölzerne Griffschalen waren diese Geräte scharf genug, um erlegtes Wild aufzubrechen und zu zerwirken.

Der Langbogen, den der Steinzeitmann führte, gibt hingegen manches Rätsel auf. Das beginnt mit dem Umstand, dass die Waffe noch nicht fertiggestellt war. Ötzi schnitzte noch an dem ca. 1,80 Meter langen Eibenholzstab. Die Eibe war schon in dieser Zeit der absolute Favorit unter den Bogenmaterialien. Zäh und flexibel, mit einer Sehne aus Tierfasern, war diese Waffe durchaus geeignet, um auf eine Distanz von 30 bis 50 Meter treffen und töten zu können. Richtete man den Bogen artilleristisch aus, mit einem Winkel von 35 Grad, so konnten Pfeile bis zu 180 Meter weit verschossen werden.

Ein echtes „must have“ der damaligen Zeit war das Beil des Mannes vom Similaun. Seine Klinge war nicht aus Stein, sondern aus Kupfer, einer extrem teuren Importware aus der Toscana. Allein der Handelsweg, den dieses Produkt hinter sich hatte, reizt die Phantasie. Man muss sich Ötzis Sippe am Feuer vorstellen, wenn Papa stolz sein Beil herumzeigte und damit ein wenig angab: „Drei Ziegen habe ich dem Händler dafür gegeben. Drei Ziegen! Aber das war es wert! Schaut mal, ich kann sogar Holzspäne damit schlagen. Und die Klinge zerbricht nicht gleich wie die von meinem alten Steinbeil. So fühlt sich Fortschritt an, Kinder! Wer will sie mal anfassen?“ Lauter schmutzige kleine Hände wedeln in der Luft.

Die R8 der Steinzeit

Der Status eines solchen Werkzeuges kann gar nicht hoch genug bewertet werden. Wenn wir heute zum Beispiel eine R8 mit Karbonschaft kaufen oder ein Zeissglas mit Entfernungsmesser, dann fühlen wir uns schon als Trendsetter. Doch diese Produkte sind, bei aller Qualität, mehr oder minder beliebig verfügbar, wenn man bereit ist, das nötige Kleingeld dafür auszugeben. An Ötzis Kupferaxt haftete hingegen der Reiz des Unverwechselbaren, Fremden. Man musste erst einen Menschen als Tauschpartner finden, darauf vertrauen, von ihm nicht umgebracht zu werden und dann auch noch die richtige Tauschware haben. Dann aber war das neue Werkzeug ein Gerät der Macht. Allein das rötliche Blitzen der Klinge muss die Menschen der damaligen Zeit fasziniert haben.

Ungelöstes Rätsel

Umso rätselhafter ist die Tatsache, dass dieser einmalige Gegenstand nicht vom Gegner, der Ötzi tötete, als Beute mitgenommen wurde. Manche Ur- und Frühhistoriker glauben deshalb, es habe sich bei der Axt um eine Grabbeigabe gehandelt. Doch das ist eine Hypothese, die Zweifel verdient. Die Auffindesituation der Leiche war so wenig rituell, so wenig gräberartig, dass die Beigabe eines so wertvollen Gegenstandes unplausibel erscheint. Stattdessen mag es sein, dass Ötzi mit seinem Gegner aus dem Hinterhalt noch gekämpft hat, noch einmal siegreich war, mit ihm sterbend zu Boden stürzte. Die Phantasie bekommt hier Flügel.

Wenn wir uns von diesem spektakulären Fund und seiner Geschichte verabschieden, dann blicken wir zurück auf eine Phase der Geschichte, in der der Kampf des Alltags noch ein Überleben durch die Jagd war. Nicht mehr lange und dieser Kampf durch die Jagd wandelte sich in einen Streit um die Jagd.

Der Autor, Dr. Florian Asche

Rechtsanwalt, er ist seit 1979 Jäger, mit Jagdschein seit 1984. Asche ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Die gesamte Familie jagt. Einzige Ausnahme ist ein Großvater, von dem nicht viel gesprochen wird. Bis 2000 war Asche Obmann für Recht im Landesjagdund Naturschutzverband Hamburg, eine Jugendsünde.Bis 2019 war Asche Kurator der Deutschen Wildtier Stiftung, aktuell ist er Vorstandsvorsitzender der Stiftung Wald und Wild in MV und Stiftungsrat der Jägerstiftung. Seit 1978 führt er Rauhaarteckel.